Demokratie braucht Träume: Visionen einer Zukunft für alle
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„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ – dieses bekannte Zitat wird oft Helmut Schmidt zugeschrieben. Sein rationaler und nüchterner Stil einer pragmatischen Politik entsprach vermutlich dem Zeitgeist und war den 1970er und 80er Jahren angemessen. Doch heute funktioniert dieser Ansatz kaum noch. Viele öffentliche Debatten sind oft vermeintlich sachlich, aber tatsächlich hoch emotional. Der Umgang von Politiker:innen verschiedener Parteien miteinander und die mediale Berichterstattung darüber sind meiner Auffassung nach nur vordergründig rational, weil sie versuchen, Emotionen auszuschließen. Tatsächlich gibt es aber „im Hintergrund“ immer Gefühle. Diese Auszublenden ist schon alleine deshalb nicht rational, weil damit auch (emotionale) Visionen einer besseren Zukunft ausgeschlossen werden. Doch diese Visionen und Träume brauchen wir in einer Demokratie, wie ich im Verlauf des Textes begründen werde.
Die Krise der Imagination
In dieser Ausgabe meines Newsletters gehe ich auf ein zentrales Problem unserer demokratischen Gesellschaft ein: die Abwesenheit von gemeinsamen und positiven Zukunftsbildern. Geoff Mulgan, Professor für kollektive Intelligenz, bezeichnet das treffend als Krise der Imagination (Abre numa nova janela), in der pessimistische Aussichten den Diskurs dominieren, anstatt dass wir positive alternative Zukünftsvisionen entwickeln.
Ich bin überzeugt: Positive Zukunftsbilder sind nicht nur deshalb wichtig, weil sie Menschen verbinden und motivieren können, sondern auch, weil sie ein Gegenentwurf zur Strategie der Ultrarechten sind – dieser Strategie, die Steve Bannon „Flood the zone with shit" nennt (auf Deutsch etwa: „Überflute die Zone mit Müll/Unsinn“), in der der öffentliche Raum absichtlich mit Skandalen und Desinformationen überflutet wird.

Dieses „Überfluten“ bindet kognitive und emotionale Ressourcen, die wir sonst für konstruktive Visionsarbeit nutzen könnten. Wer sich mit der neusten skandalösen Äußerung von Trump oder wem auch immer beschäftigt, denkt in dieser Zeit nicht daran, was ihm oder ihr wirklich wichtig ist. Die „Flooding”-Strategie versetzt uns in eine Art Starre und macht uns kollektiv handlungsunfähiger. Doch wie kann es gelingen, dass wir trotz der globalen Ereignisse in einen Modus kommen, in dem wir mit Zuversicht über die Zukunft nachdenken?
Gemeinsam fühlen, um zu handeln
Ein Schlüssel liegt darin, der Negativspirale aus Angst und Empörung zu widerstehen und stattdessen Räume zu schaffen, in denen wir uns einander in unserer ganzen Menschlichkeit zuwenden können. Denn in solchen geschützten Begegnungsräumen wird es möglich:
Angst vor einem Krieg in Zentral-Europa zu fühlen,
Sorgen über die wirtschaftliche Lage und die Sicherheit des eigenen Jobs zu fühlen,
Empörung und Ekel über die manipulativen Mitteln der Autokraten zu fühlen,
Traurigkeit über die Klimakrise und die nötigen Klimaanpassungen zu fühlen,
Wut über die Gewinnmaximierung multinationaler Konzerne auf Kosten des Planeten und der prekären Arbeiterklasse zu fühlen,
Ohnmacht angesichts weltweiter Entwicklungen zu fühlen.
…
Meine Erfahrung zeigt: Wenn sich die Teilnehmenden darauf einlassen, geschieht in diesen Räumen fast immer eine Transformation der Stimmungen und Befindlichkeiten. Wenn negative Emotionen bewusst wahrgenommen, „gehalten“ und gemeinsam verarbeitet werden, kommt ein Wendepunkt. Die Menschen merken, dass sie mit den eigenen Gefühlen nicht alleine sind. Das tut gut und öffnet den Raum für neue und positivere Zustände. Letztlich habe ich in solchen Räumen, wie dem monatlichen „Sprechen & Zuhören“ (online) von Mehr Demokratie (Abre numa nova janela), oft erlebt, wie sich Einsamkeit in Verbundenheit, Angst in Mut und Pessimismus in Zuversicht verwandeln können. Menschen erleben sich darin als Teil einer Gemeinschaft, fühlen sich gestärkt, entdecken Handlungsmöglichkeiten und beginnen, konstruktive Pläne zu entwerfen.
Für mich passiert in solchen emotionsverarbeitenden Räumen das, was Leonard Cohen in Anthem besingt: „There is a crack in everything. That's how the light gets in.“ (Deutsch: In allem gibt es einen Riss, so dringt das Licht herein). In einem Auftritt 2008 sagte er Worte, die heute aktueller denn je klingen: „We are so privileged to gather in moments like this, when so much of the world is plunged in darkness and chaos. So, ring the bells that still can ring, forget your perfect offering, there is a crack in everything, that's how the light gets in.“ (Deutsch: „Es ist ein Privileg, in Zeiten wie diesen zusammenzukommen, während große Teile der Welt in Finsternis und Chaos versinken. Läutet also die Glocken, die noch läuten können, gebt die Suche nach dem Perfekten auf – in allem ist ein Riss, so dringt das Licht herein.“
https://www.youtube.com/watch?v=c8-BT6y_wYg (Abre numa nova janela)Von „where the light gets in“ zu lebendigen Zukunftsvisionen
Aus psychologischer Sicht entsteht der „Lichteinfall“, wenn Menschen in Gemeinschaft ihre authentischen Gefühle erfahren können. Das Fühlen selbst schafft Ordnung und Freiheit im Inneren – ein Phänomen, das ich sowohl in meiner Coaching-Praxis, wie auch in Dialogen immer wieder erlebe. Gefühle ebben natürlicherweise ab, sobald sie vollständig gefühlt wurden, und machen Platz für neue Zustände – diese sind meist positiv: Entspannung, Zuversicht, Verbundenheit, Hoffnung und Mut, gefolgt von Leichtigkeit, Freude und neuem Humor.
Hier liegt auch ein wesentlicher Hebel für das Entwickeln von Zukunftsvisionen und das Träumen von einer besseren Welt. In einem von negativen Nachrichten „überfluteten Zustand“ – der neurophysiologisch einer Traumareaktion ähnelt – blockiert unser Nervensystem die Fähigkeit, kreative Zukunftsentwürfe zu gestalten. Werden Gefühle verdrängt oder sind wir in einer Stressreaktion „eingefroren“, verkommen Zukunftsvisionen zu leeren Worthülsen ohne emotionale Tiefe. Sie bleiben dann abstrakte Gedankenkonstrukte, die weder uns selbst noch andere Menschen wirklich berühren oder mobilisieren können. Eine Vision entfaltet ihre transformative Kraft erst dann, wenn sie emotional verkörpert ist und unser ganzes Sein anspricht. Ich habe eine Inner Work entwickelt, um einen solchen Zustand auch ohne Gruppe zu erreichen.
Bad News Inner Work
Ziel dieser Inner Work ist zu es, einen durch Weltereignisse ausgelösten negativen Zustand emotional zu verarbeiten und an einen Punkt zu gelangen, an dem es sich wieder über eine bessere Zukunft träumen lässt. Dauer ca. 5 Minuten.
Ausgangspunkt: Denke an eine schlechte Nachricht, eine Meldung, die dich irritiert hat, dich gestört hat, dir Angst gemacht, dich empört oder wütend gemacht hat.
Exploration und Amplifikation: Wie äußert sich das Störgefühl, die Wut oder Angst? Wovor hast du Angst, aber wichtiger, wie spürst du die Angst oder das Störgefühl? Probier aus, eine Mimik mit deinem Gesicht zu machen, die das Stör-, Angst- oder Wutgefühl zum Ausdruck bringt. Mach eine Geste, frei assoziiert, zu diesem Gefühl. Vielleicht gibt es auch einen passenden Laut dazu, ein Geräusch, das du machen kannst. Falls dir intuitiv etwas einfällt, mache das, experimentiere mit dem Zustand und amplifiziere ihn, d. h. vergrößere ihn und übertreibe ihn. Mach das so lange, bis du gut verstanden hat, was die Essenz dieses Zustands ist.
Verkörperung: Wenn du diesen Zustand so ausagierst, wie fühlt sich dein Körper dabei an? Gibt es eine Spannung? Falls ja, in welchen Körperteil? Oder eine Erschlaffung? Falls ja, wo?
Personifizierung: Wenn du diesen Zustand weiter verkörperst: Welche Person, welches Wesen, welches Tier, Comic-Figur oder Filmfigur verhält sich so oder so ähnlich? Fällt dir irgendwer oder irgendwas intuitiv ein, das du mit diesem Zustand verbindest? Falls ja, stell dir diese Figur vor. Wie sieht sie aus? Was macht diese Figur? Folge deiner Fantasie, lass eine Filmsequenz in deiner Vorstellung entstehen. Wenn du magst, kannst du auch eine gekritzelte Skizze dieser Szene machen.
Rollenwechsel: Nun stell dir vor, dass du diese Figur bist. Wie fühlt sich das an? Verändert sich etwas in deinem Körperempfinden? Welche Qualität hat dein Empfinden jetzt? Ist das Störgefühl vom Anfang der Inner Work bereits transformiert? Falls nicht, folge dem Bild weiter, bis zu zu einem neuen Zustand oder Empfinden kommst.
Titelfindung: Benenne die Qualität dieses Zustands und denke dir eine Überschrift für die Szene oder den Zustand aus, in dem du jetzt bist.
Zukunftsvision: Nun stell dir dein Leben vor, in dem du viel mehr von dieser Qualität hast. Was ist dann anders? Wie fühlst du dich? Wie sieht dein Alltag aus? Bemerke dabei, ob und wenn ja, wie sich dein Körpergefühl verändert, wenn du dich in deine Zukunftsvision imaginierst.
Transfer: Zum Abschluss, denke an die Gesellschaft, die Menschen um dich herum. Benenne eine (oder mehrere) Verhaltensweisen, die dann anders sind, wenn es insgesamt mehr von dieser Qualität gibt? Wie gehen die dann Menschen miteinander um?
Ich lade dich ein, deine Erfahrungen mit dieser Übung in den Kommentaren zu teilen:
Hat die Inner Work für dich funktioniert?
Bei welcher Qualität und Zukunftsvision bist du herausgekommen?
Welche zentrale Eigenschaft prägt deine persönliche Zukunftsvision?
Ich selbst habe diese Inner Work zwei Mal im Prozess des Schreibens gemacht. Beim ersten mal war die Qualität: Selbstsorge. Beim zweiten Mal war es: Mut, Dinge direkt anzusprechen – beides wesentliche Elemente einer lebendigen demokratischen Kultur.
Was hat diese Inner Work mit Demokratie zu tun?
Tatsächlich berühren wir hier den Wesenskern demokratischer Gesellschaften. Demokratie ist jene Staatsform, die fundamental darauf angewiesen ist, dass Bürger:innen sich immer wieder mit ihren Wünschen und Visionen für ihre Zukünfte verbinden können. Das Träumen einer besseren Zukunft ist nicht bloß ein emotionaler Luxus, sondern demokratische Notwendigkeit – ohne diese Fähigkeit erodiert das Vertrauen in demokratische Institutionen. Denn die Demokratie lebt von dem Versprechen einer besseren Zukunft. So war das von Beginn an bei der ältesten noch bestehenden Demokratie und so war es auch im Nachkriegsdeutschland. Artikel 2 des Grundgesetzes spiegelt das mit dem Recht auf die freien Entfaltung der Persönlichkeit wider. Demokratie gedeiht dort, wo Menschen ihre individuellen und kollektiven Träume artikulieren und verfolgen können. Doch genau diese Träume müssen wir erst ergründen und verkörpert wahrnehmen, bevor sie ihre transformative Kraft entfalten.
Vision einer Politik der Selbstsorge
Wenn ich eine Qualität aus meiner Inner Work, die Selbstsorge, auf die Gesellschaft übertrage, entsteht in mir das Bild einer politischen Kultur, in der Politiker:innen systematisch Zeit und Raum erhalten, ihre Emotionen zu verarbeiten und persönlich zu wachsen. In den Parlamenten und Behörden existieren sogar institutionalisierte Räume für angeleitete Inner Work. Und es gibt wöchentliche Termine für vertiefte Dialoge über Parteigrenzen hinweg, die bewusst nicht primär der Sacharbeit dienen, sondern dem Verabreiten von Konflikten und der Kultivierung von Vertrauen.
In einer solchen politischen Kultur werden politische Gegner nicht abgewertet, sondern anerkannt, in dem Wissen, dass alle eine legitime Position vertreten. Gerade weil die Fähigkeit zur Beziehungsarbeit gepflegt wird, können inhaltliche Konflikte direkter, in der Sache härter, aber insgesamt konstruktiver ausgetragen werden – die gefestigte zwischenmenschliche Basis macht tiefgreifende sachliche Auseinandersetzungen wesentlich besser.
In dieser demokratischen Zukunftsvision verändert sich auch die Beziehung zwischen Politik und Bürger:innen fundamental. Anstelle des reduktionistischen Modells, in dem Bürger:innen gefühlt primär als Stimmreservoir im Wahlkampf betrachtet werden, entsteht ein kontinuierlicher Dialog. Bevölkerungsgruppen, die im politischen System strukturell unterrepräsentiert sind, werden systematisch in die parlamentarischen Prozesse einbezogen.
Konkret bedeutet dies die Institutionalisierung von Bürgerräten und dialogischen Formaten, die bewusst marginalisierte Stimmen ins Zentrum rücken: Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit Behinderungen, Angehörige der Arbeiterklasse, ländliche Bevölkerung, junge wie alte Menschen, Klimaaktivist:innen, die LGBTQI+ Community, Wohnungslose und Menschen ohne Wahlrecht. Diese Diversität der Perspektiven bereichert den demokratischen Prozess und macht Entscheidungen in Wortsinne demokratischer, weil dabei das demos – das Volk – in seiner Vielfalt besser beteiligt und abgebildet wird.
Auch die Medien haben einen neuen Fokus. Sie begleiten diese Treffen und berichten konstruktiv und lösungsorientiert. Das Verhältnis von negativen zu positiven und zukunftsweisenden Meldungen kehrt sich um. Die Qualität des öffentlichen Diskurses wandelt sich grundlegend: Politiker:innen sprechen authentisch von eigenen Erfahrungen und Transformationsprozessen, statt sich in der ritualisierten Gegenüberstellung von „falschen“ und „richtigen“ Politikansätzen zu erschöpfen.
Von der Vision zur gelebten Praxis
Was ich gerade beschreibe, ist für mich keine abstrakte Utopie, sondern eine spürbare, verkörperte Vision. Ich fühle sie in diesem Moment konkret – eine direkte Wirkung der zuvor durchgeführten Inner Work. Diese Verkörperung macht den entscheidenden Unterschied: Die Vision motiviert mich, selbst wenn sie unter den gegenwärtigen Bedingungen nur schwer realisierbar erscheint. Ich sage nicht, dass diese Vision realistisch ist, aber mir zu erlauben zu imaginieren, wie eine lebenswertere Gesellschaft aussehen könnte, beflügelt mich. Und ich merke, dass ich in meinem eigenen Wirkungskreis bereits Aspekte dieser Vision lebe: In der Zusammenarbeit mit Kolleg:innen, mit meinen Klient:innen und auch in meinen Freundschaften.

Workshop „Visions for a Future for Everyone“
Genau aus diesem Grund veranstalte ich vom 9.-11. Mai einen Workshop zum Thema: Visions for a Future for Everyone (Abre numa nova janela). In diesem Workshop widmen wir uns den Visionen einer Zukunft, in der alle Menschen ihren Platz haben, in Würde leben und sich an der Gestaltung ihrer Lebenswelt beteiligen können.
Für diesen Workshop konnte ich Gary Reiss (Abre numa nova janela) gewinnen, einen der erfahrensten Gruppen-Facilitatoren weltweit, Traumatherapeut und lizenzierter Social Worker, der seit über vier Jahrzehnten mit stark polarisierten Gruppen arbeitet. Seine Expertise in der Transformation gesellschaftlicher Konflikte ist international anerkannt. Nach seinem Stop in Berlin wird er weiter bis nach Israel reisen, um dort mit israelischen und palästinensischen Gruppen zu arbeiten.
Im Zentrum unseres Workshops steht neben unseren Visionen auch die praktische Frage: Wie können wir Räume gestalten, die echte demokratische Transformation durch unsere Zukunftsvisionen ermöglichen? Gemeinsam mit und durch Gary erkunden wir mit einer diversen Gruppe von ca. 30 Menschen, Tools und Methoden, um uns mit unseren Visionen zu verbinden. Wir lernen, wie wir belastende Emotionen gemeinsam verarbeiten können, ohne in ihnen stecken zu bleiben. Und wie wir uns gegenseitig in emotionalen Transformationsprozessen unterstützen, um schließlich in einen Zustand zu gelangen, in dem wir individuell und gemeinschaftlich Träumen. Das ist jener kreative Raum, in dem neue gesellschaftliche Möglichkeiten entstehen können.
Ich würde mich sehr freuen, dich bei diesem Workshop zu begrüßen und habe echte Neugier, mehr über deine ganz eigene Zukunftsvision zu erfahren.
Herzlich grüßt
Josef
P.S. Für kürzere Updates zu meiner Arbeit folge mir gerne bei LinkedIn (Abre numa nova janela).