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Gespensterbrief #20 - Lest sie, solange sie leben

Zwei Frauen stehen an einen Baum gelehnt im Wald. die Frauen halten sich an den HÀnden. Eine von ihnen ist in hellen Tönen, die andere in dunklen gekleidet. Eine sieht geradewegs in die Ferne, die andere nach unten.

Kennt ihr das PhÀnomen, dass manche Autorinnen erst gelesen und angemessen gefeiert werden, wenn sie schon lange tot sind? Warum warten, bis Ina Steg und ich sterben? Wir veröffentlichen schon jetzt unsere TagebucheintrÀge. Zwei Autorinnen, ein Jahr, ein Buch.

☆ Von Februar bis Februar ☆

Februar, Woche 3

Wenn wir einander sehen, erfĂŒllen wir jedes gute Klischee einer Freundschaft zwischen zwei schreibenden Frauen. Wir schauen kurz im Museum vorbei, saugen auf, was wir sehen. Auf dem Weg nach Hause decken wir uns mit Essen ein und dann verlassen wir die Wohnung nur noch fĂŒr SpaziergĂ€nge durch den Wald und kurze Zigarettenpausen. Wir fĂŒllen die Zeit mit Lachen und Energie, teilen großzĂŒgig unser neues Wissen miteinander und lernen uns noch besser kennen. Einander und uns selbst.
- Jess

Februar/MĂ€rz, Woche 5

“Ich bin hundert Menschen und ein Herz.”
Ina Steg

Dieser Tage will ich nicht hier sein, denn ich war bei dir. Wenn ich nicht hier sein will, trĂ€ume ich. Ich trĂ€ume mit geschlossenen und geöffneten Augen. Ich lege einen Schleier ĂŒber mich. Ich schaue niemandem in die Augen, vermeide GesprĂ€che, entfliehe GerĂ€uschen. Der Schleier wird zerrissen, von außen dringt etwas hinein. Umso bewusster wird mir der Schleier. Ich entziehe mich. Weiche aus. Wie hĂ€lt man ein GefĂŒhl fest?
- Ina

Februar, Woche 4

Der Strudel hat mich, ich werde nach unten gesogen, Haie umzingeln mich und lachen mich aus. Jeder Zahn in ihren endlosen Zahnreihen steht fĂŒr eine E-Mail in Outlook. Die Vorstellungen von Zeit und wie wir sie gestalten sollen, wurden dieser Tage in anderen Köpfen gemacht, nur nicht in meinem. Ich will eine Piratin sein, die sich Raum stiehlt. Ich habe in dieser Woche gelernt, wie schwer es mir fĂ€llt, anderen abzusagen, weil ich keine Zeit habe. Die Furcht, sie wĂŒrden dann nie wieder fragen, sitzt tief in mir. Ich muss ran an diesen Schmerz, ich brauche eine Wurzelresektion.
- Jess

MĂ€rz, Wochen 2 & 3

Ich bestehe aus Gedanken, nur aus Gedanken, etlichen Worten in meinem Kopf und spĂŒre den Boden unter meinen FĂŒĂŸen nicht mehr. Das Gras streckt sich wohl empor, die Wiesen werden dichter, weicher. BlĂŒten erwachen, im Augenwinkel ziehen diese Ereignisse in Farbstreifen an mir vorbei. Ich kann nicht schauen, kann nicht greifen, denn jeder Gedanke zieht mich fort aus dem gegenwĂ€rtigen Moment. Sie wollen sich nicht stoppen lassen. Noch ein Versuch, irgendwann am Ende von Woche zwei, doch dann, ergebe ich mich. Besonders gut leiden kann ich mich gerade nicht.
- Ina

Nahaufnahme von den Gesichtern zweier Frauen. Die Beschaffenheit des Fotos ist etwas gröber, wie durch einen alten Film-Filter.

“Die dĂ€nische Armee schießt scharf am Strand von RĂžmĂž, so dass wir den Zugang an unserem Sommerhaus nicht nutzen können und auch nicht sollten, wenn uns unser Leben lieb ist.”
Jess Tartas

MĂ€rz, Woche 6

Am spĂ€ten Abend nach dem Wortkollektiv - das ist unsere Autor*innengruppe in LĂŒneburg – sieht Morton auf dem Weg nach Hause eine enorm fette Kröte im Schein seiner Fahrradlampe liegen. Starr vor Angst macht sich das verwarzte Tier platt wie ein breitgetretener Pancake und tut, als wĂ€re es nicht da. Feiner Regen fisselt herab und setzt sich auf unseren Jacken ab, wĂ€hrend wir ĂŒberlegen, wie wir die Kröte vor weniger rĂŒcksichtsvollen Menschen schĂŒtzen können. Unter keinen UmstĂ€nden soll sie jemand plattfahren. WĂ€hrend ich mit meiner kleinen Lampe den Weg beleuchte, redet Morton auf das Tier ein und wackelt mit seinem Fuß vor dessen Nase herum. Es wirkt. Die Kröte macht sich langsam und behĂ€big auf den Weg und verkriecht sich endlich im GrĂŒn am Wegesrand.
- Jess

ĂŒber das projekt

Das kollektive Schreiben sehen Ina und ich als Chance, den Literaturbetrieb sozialer zu gestalten und um Wissen untereinander weiterzugeben. Indem wir einen gemeinsamen digitalen Ort haben, an dem wir unsere Aufzeichnungen miteinander teilen, kommen wir ins GesprĂ€ch ĂŒber unsere Texte und wie sie entstehen. Ich merke nach den ersten Wochen Schreibzeit mit ihr, wie gut es mir tut, regelmĂ€ĂŸig ĂŒber das praktische Schreiben zu sprechen.

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Zwei Frauen stehen an einen Baum gelehnt im Wald. Eine trÀgt helle, die andere dunkle Kleidung. Sie blicken einander freundlich an und lÀcheln.

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Fotos: Morton Tartas

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