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Ficken als Bildungsprogramm

Der Boom des autofiktionalen Schreibens von Annie Ernaux bis Edouard Louis. „Ich will mit vielen Leuten schlafen“, notierte sich Susan Sontag, so wie wenn man sich vornimmt, der eigenen Persönlichkeitsverfeinerung wegen viele Bücher lesen zu wollen. 

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Die Künste sind, heute vielleicht mehr denn je, auf der Suche nach der „Relevanz“. Überall wird über die „Relevanz“ gegrübelt. Relevanz für das Leben, Relevanz in Hinblick auf gesellschaftliche Themen, und dabei schwingt „politische Relevanz“ zumindest mit. Auch die Entwicklung neuer Formensprachen und Sprachformen ist „politisch“, insofern sie Empfindungsweisen revolutioniert, neue Seh-, Sprech- und Wahrnehmungsformen einführt, vielleicht sogar zu Neudefinitionen beiträgt, was Kunst ist (und was nicht), und damit die Zeit aufnimmt und auf sie zugleich einwirkt. Künstlerische Produktionen können bekanntlich politisch sein im Sinne einer prononcierten Aussage oder der Behandlung von Thematiken, die im Kern politisch sind, aber auch jede persönliche, private Geschichte kann eine gesellschaftliche Relevanz haben, sofern sie exemplarisch für Problematiken des Ich ist, die nicht aus dem Inneren, sondern aus der Gesellschaft wachsen. Der gegenwärtige Boom der „autofiktionalen Literatur“ ist in diese Sehnsucht nach Relevanz eingebettet. Übersehen werden darf auch nicht, dass die Artikulation des „Problems der Relevanz“ mindestens unterschwellig getragen ist von dem Verdacht, dass es um die Relevanz möglicherweise nicht so gut bestellt ist. Ohne dieses Verdachtes wäre die Relevanz kein Thema.

Autofiktion - eine literarische Mode?

Der Boom des Autofiktionalen ist heute beglaubigt durch den Nobelpreis für Annie Ernaux, deren Schreiben die Entwicklung ihrer Person über „die Jahre“ (so einer ihrer gefeierten Titel) verwebt mit den Geschehnissen der Zeit und dem Wandel an Konventionen und aufkommenden Leitideen, Kultur- und Mentalitätsgeschichte, durch die die autofiktionale Erzählerin über weite Strecke nur am Rande gleitet. Didier Eribon, der mit „Rückkehr nach Reims“ einen Sensationserfolg landete, gehört auch in dieses Bild, obwohl oder besser: weil dieses Buch Teils politisches Sachbuch ist, Teils Soziologie, Teils die Geschichte des (schwulen) Jungen erzählt, der in der industriellen Arbeiterklasse aufwächst, sich aus den Konformismen seines Milieus herausarbeitet, sich aber damit auch seiner Herkunft entfremdet, sich ihrer schämt – und sich, und das ist Wesentlich, auch dieser Scham schämt. Zur Eigenart des Genres gehört unmittelbar die Frage, was daran überhaupt Fiktion ist, da sie von der Authentizität lebt, also von der Empfindung des Lesers und der Leserin, dass daran eben gar nichts Fiktion ist, womit auch ein Angebot zur Identifikation einher geht. Zugleich wissen wir immerzu, dass das Reale mit dem Fiktiven auf irgendeine Weise immer verwoben ist, und sei es bloß das Fiktive der Geradlinigkeit einer Biografie. 

Wir dürfen dieses autofiktionale Schreiben als die jüngste Volte von Schreibweisen verstehen, die irgendwann vor 150 Jahren Fahrt aufgenommen haben. Im bürgerlichen Roman hat noch eine scheinbare objektive Erzählerposition scheinbar rein fiktionale Figuren gestaltet, deren Entwicklung, deren äußere Entwicklung, und auch die Zwänge und Leiden des inneren Ich. Das vollzog sich gewiss nicht zufällig in einer Zeit, in der das Individuum als Leitfigur „erfunden“ wurde, dessen Stil der Introspektion populär wurde, die Psychoanalyse aufkam, die Beschäftigung mit dem Inneren ich, auch dessen Seltsamkeiten und Dämonen. Später setzten sich dann subjektivere Schreibweisen durch, in Form sperriger Textflächen, mäandernder Monologe oder auch der populäreren Coming-of-Age-Erzählungen, mit ihren signifikanten Unterschieden übrigens, was die Erzählweisen von Frauen und Männern betraf. Nicole Seifert formuliert in ihrem Großessay „FrauenLiteratur“, im klassischen – männlichen – Entwicklungsroman ginge es, „wie der Name schon sagt, um die Entwicklung jugendlicher Protagonisten, darum, mit Mut, aber auch mit der Hilfe anderer Menschen Schwierigkeiten zu meistern, Hindernisse zu überwinden und daran zu wachsen, erwachsen zu werden“. Der vorherrschende Stil weiblicher Literatur ist da anders: „Von Sylvia Plath über Ariana Harwicz bis zu Cho Nam-Joo – und diese Namen ließen sich durch zahllose andere ergänzen – schildern Autorinnen, wie Persönlichkeiten zerstört, wie Frauen krank werden durch die Unmöglichkeit oder die Anstrengung, der ihnen zugedachten Rolle zu genügen.“ Man könnte sagen: die Erzählungen gehen häufig unerfreulicher aus. Was aber diese Erzählweisen gemeinsam haben, ist, erstens, dass sie uns im Unklaren lassen, ob wir hier die persönliche Geschichte der Autorin, des Autors lesen, wie das Verhältnis von Authentizität und Fiktion ist, und, zweitens, dass diese Schreibweisen eine gesellschaftskritische Schlagseite haben, das Leiden der Subjekte an Normen und Konventionen oder sogar die Entfremdung in einer als feindlich erlebten Welt thematisieren, sie somit, wie Ernst Fischer vor über fünfzig Jahren schon formulierte, „Auskunft über bedeutende Probleme eines Zeitalters“ geben und zur Unterminierung einer Gesellschaft beitragen, welche Subjekte in falsche Leben knechten. 

Literatur als gesellschaftskritisches Sachbuch? 

„Das Authentische und das Fiktive – diesen Gegensatz gibt es in der reinen Form eben wohl gar nicht“, schrieb jüngst Dirk Knipphals in der taz über den Siegeszug des Autofiktionalen. Das Genre werde manchmal allzu „pauschal den Bereichen des Inhaltlichen und Thematischen“ zugeschlagen, ist zugleich aber auch nicht verstehbar ohne Kritiken und Bewegungen, etwa von „Metoo“ oder auch dessen, was man mit dem Begriff des „Klassismus“ zu fassen gelernt hat. In Zuge dessen „wuchs das Interesse an detaillierten Beschreibungen davon, wie in unseren Gesellschaften mit den Einzelnen tatsächlich umgegangen wurde und wird … in den Familien, den Betrieben, den Schulen und Universitäten, im Alltag“. 

Einer der spektakulärsten Erfolge dieses Genres war die Wiederentdeckung der Trilogie der dänischen Autorin Tove Ditlevsen, ursprünglich zwischen 1967 und 1971 erschienen. Die Autorin ist in das Kopenhagener Arbeiterklassenmilieu der 1920er Jahre hineingeboren, in die Arbeiterbewegung, schafft einen zähen Aufstieg, gerät in die literarischen Zirkel, wird schwer drogen- und tablettenabhängig, scheitert, zerbricht. Ihre schönsten Bücher schreibt sie in der Klinik. Sie hat sich davor von Ehe zu Ehe gehangelt, erst als ganz junge Frau mit der Verbindung mit dem dreißig Jahre älteren Redakteur der Kulturzeitschrift, der erst die Welt repräsentiert, sich danach auch nur als mediokrer Langweiler entpuppt, später dann, um aus den Ehen und auch aus der Realität herauszukommen. Der Stil ist schnörkelloser Realismus, eine lakonische Erzählstimme, deren Sog einem sofort gefangen nimmt. Ditlevsen starb durch eine Überdosis Schlaftabletten 1976. Diese Wiederentdeckung gibt diesen Texten eine Chance, weil autobiografisches Schreiben von Frauen eine neue Aufmerksamkeit erfährt. 

Gerade erstmals auf deutsch verlegt ist auch Sigrid Nunez‘ Roman „Eine Feder auf dem Atem Gottes“, von dem Sigrid Löffler meinte: „Pedanten mögen nörgeln: Ist das überhaupt ein Roman?“ In dem Roman geht es um ihre eigene „wirre Herkunftsgeschichte“, den chinesischstämmigen Vater, die deutschstämmige Mutter, deren Nicht-Ankommen, um den Liebhaber aus Russland, es geht um Sprache, Sprachlosigkeit und das Finden in der Sprache, um Geschlechterrollen und Körperlichkeit und um die kleinen Abwertungen und Abgrenzungen innerhalb der niederen Klassen in der New Yorker Einwanderergesellschaft. Ditlevsen und Nunez verbindet, dass die Bücher ja nicht neu sind, und die Zeiten, über die sie erzählen, sind ganz grob gesagt die dreißiger bis die siebziger Jahre, somit, wenngleich nicht gänzlich unaktuell, so doch Beiträge der Verständigung unserer Zeit über ihre Vorgeschichte und Spuren, die scheinbar versunken sind, zugleich weiter wirken.

Edouard Louis' Bericht von seiner Ummontage 

Das Genre selbst lebt davon, uns etwas über unsere Gegenwarten zu sagen, von Stars der Szene, in Deutschland etwa Christian Baron, oder in Frankeich – und darüber längst weit hinaus strahlend – Edouard Louis. Der Autor, vor gerade erst 30 Jahren als Eddy Bellegueulle in Nordfrankeich geboren –, hatte vor acht Jahren mit „Das Ende von Eddy“ triumphal debütiert, dann ein Buch über seinen Vater und seine Mutter vorgelegt und nun noch einmal eingeschlagen mit „Anleitung ein anderer zu werden“. Irgendwie ist das noch einmal die Geschichte von Eddy, nur anders. Eddy wächst in einer Arbeiterklassenfamilie im Dorf auf, der Vater arbeitet in der Fabrik, bis er krank wird und den Job verliert, seine Mutter nimmt ein paar Arbeiten auf, pflegt alte Leute. Die Welt, in der Eddy in den neunziger Jahren aufwächst, ist die gleiche, von der Didier Eribon erzählt, nur eben später. War Eribons Kindheit noch von den Strukturen geprägt, die die Kommunistische Partei etabliert hatte, einer sozialen Kultur, die dann zerfiel und heute die Wählerschaft der Rechtsextremen bildet, so sind die gegenkulturellen und egalitären Lebenswelten bereits zerfallen, als Eddy aufwächst. Es ist zwar die Welt der ganz an den Rand gedrängten „einfachen Leute“, aber sie ist nur mehr kulturell konservativ, rassistisch, machistisch, und nicht nur von Armut, sondern auch von Abstieg geknechtet. 

Rassismus, Machismo, Provinzialität, Antiintellektualismus und Rechtsextremismus sind einfach normal in Eddys Lebenswelt. Eddy wiederum ist schwul, was schon in der Kindheit merkbar ist, weshalb er gehänselt und gemobbt wird. Das führt dazu, dass er seine Umgebung ablehnt und sich mit allen anderen identifiziert, die genauso ausgegrenzt sind wie er. Er identifiziert sich mit Immigranten, mit Schwarzen, er wird linksradikal, weil alle anderen rechtsradikal sind. Er verachtet diese Welt, aus besseren Gründen als die Wichtigtuer aus den glamourösen Zonen, und schämt sich heute der Verachtung.

Um dem Mobbing zu entgehen, flüchtet er sich in die Welt der Schulbibliothek (obwohl er die Bücher gar nicht liest), und in die Dorfbücherei. Die Bibliothekarinnen werden zu so etwas wie Mentorinnen. Eddy ist von früh auf gefühlsmäßig klar, dass er da raus muss. Er meldet sich, obwohl er gar keine großen Interessen hat, in allen Workshops in der Schule an, und in der Theater-AG wird er unverhofft zum Star. Man sagt ihm, dass er doch unbedingt auf das Kunstgymnasium mit Theaterschwerpunkt in die nächste Kleinstadt müsse. Als einer der wenigen vom Dorf schafft er es überhaupt auf irgendein Gymnasium, während im Dorf das Scheitern auch zur lokalen Kultur dazu gehört. Diese ganzen Umstände geben Eddy ein Gepräge, es wird zu seinem Charakter, alles hinter sich lassen zu wollen. Im buchstäblichen Wortsinn wird er rück-sichtslos. In der Kleinstadt selbst nimmt ihm die Familie von Elena, einer Schulkollegin unter die Fittiche, eine Familie der lokalen, gebildeten Provinzbourgeoisie, die ihn unterstützt bei seiner Ummontage. Bei einer Lesung lernt er Didier Eribon kennen, Eddy jobbt im lokalen Theater, und allmählich entfremdet er sich auch wieder der Kleinstadt, die, wie vorher das Dorf, ebenfalls zum Synonym für Enge und Provinzialität wird, während illusionär ein ganz anderes Leben vor Auge steht, ein Leben von Glanz, Glamour, Freiheit und Möglichkeiten, verkörpert von Paris. Hier strebt er hin, auch wegen der sexuellen Möglichkeiten, denn Eddy hat gerade gelernt, seine Homosexualität zu leben. Mit unglaublichen Ehrgeiz schafft Eddy es auf die ENS, die Eliteuniversität schlechthin. 

Er schämt sich seiner Herkunft - und schämt sich dieser Scham

So konventionell und teilweise klischeehaft das alles erzählt ist, kreist die Geschichte auch um einige interessante, seltener so verdeutlichte Wahrheiten. Eddy, der sich dann irgendwann in Edouard Louis umbenennt (das ist alles die authentische Geschichte übrigens), erfindet sich nicht nur neu, er ist auch von der Obsession besessen, sich neu zu erfinden. Sich zu verändern, bedeutet aber auch, mit jenen, die einem bisher wichtig waren, nichts mehr gemeinsam zu haben. Wenn man zu jemand anderem wird, dann heißt das, dass man „dann auch nicht mehr wie die anderen ist“, aber auch, „dass man sie wegstößt, sie hinter sich lässt“. Man kehrt nicht nur seiner Herkunft, man kehrt auch allen anderen gnadenlos den Rücken, denen man auf dem Weg der Selbstveränderung zeitweise nahe ist. Eine Bindungsunfähigkeit geht damit einher. Die Ichveränderung, die Ichstärke voraussetzt, zieht zugleich auch Ichschwäche nach sich, eine prekäre, unsichere Person, ein Selbst, das seiner Selbst nie sicher ist, das nicht einmal wirklich existiert, allenfalls im Ungefähren. Auf jedem Schritt der Veränderung tut Eddy, was „ich jedes Mal getan hatte, wenn ich mich hatte verändern wollen: Ich ahmte andere nach.“ Der Aufsteiger kann noch so weit aufsteigen, er wird die anderen nie ganz einholen, auf keiner Etappe des Aufstiegs, weil er Gesten nachahmt, aber die Souveränität der anderen nie erreicht, trotz spektakulärer Erfolge niemals in einem selbstverständlichen Selbstbewusstsein ruht. „Die Geschichte meines Lebens ist eine Abfolge zerbrochener Freundschaften. Bei jeder Etappe meines Lebens, bei jeder Etappe meines Wettlaufs gegen mich selbst, ließ ich Menschen, die ich liebte, hinter mir. ... Ich setzte alles daran, mich zu verändern.“

Sex, Lebensgier und Menschenappetit

Ein anderer Aspekt ist die Gier nach und auch der Zauber von sexuellen Begegnungen. „Auch über Sex muss hier gesprochen werden“, formuliert Edouard Louis, „darüber, wie glücklich mich die unverhoffte Möglichkeit machte, in Paris eine schier endlose Anzahl von Männern kennenzulernen… durch Sex in immer neue Welten vorzudringen.“ Sex ist ja nun mal allgegenwärtig in der Literatur, Sex ist auch allgegenwärtig in unseren Diskursen, neuerdings oft eher negativ, in Sinne von sexuellen Übergriffen, von Sexsucht, von peinlicher Geilheit oder Begehren, das das Gegenüber zum Instrument macht, zum Objekt der eigenen Befriedigung, oder dass Menschen andere Menschen manipulieren, um zu Sex zu kommen, und natürlich sind das recht häufig Männer, die das gegenüber Frauen tun, die dann rebellieren gegen dieses bisher durch Geschlechterrollen legitimierte Benutztwerden, weshalb diese Diskurse über Sex natürlich auch Teil feministischer Diskurse sind. Nicht nur der sexuelle Übergriff im eigentlichen Sinne wird dann angeprangert, sondern manchmal auch, dass Menschen mit vielen Menschen unachtsam schlafen. Was gerne übersehen wird, ist, dass Menschen mit Menschen auch schlafen aus Menschenappetit, vielleicht sogar nicht einmal primär wegen sexuellen Begehrens – oder zumindest nicht alleine deshalb – sondern auch, um Menschen sehr schnell und sehr intim kennen zu lernen, also gerade eben nicht aus Missachtung, sondern auch Interesse an der Intensität von Begegnungen. Susan Sontag, die ihr Leben auch irgendwie als Bildungsprogramm vollzog, notierte schon in frühen Jahren in ihr Tagebuch: „Ich will mit vielen Leuten schlafen“, so wie wenn man sich vornimmt, der eigenen Persönlichkeitsentwicklung wegen viele Bücher lesen zu wollen. Auch Edouard schläft mit vielen Menschen, um den Horizont seiner Welt zu erweitern. Von Annie Ernaux wiederum ist dieser Tage ihr jüngstes Buch erschienen – „Der junge Mann“ – eine Miniatur, in der sie erzählt, wie sie als Frau Mitte Fünfzig eine Affäre mit einem dreißig Jahre jüngeren Mann hat. Wie die intensive Begegnung sie verjüngt, nicht auf triviale Weise, aber wie eine solche Affäre natürlich immer etwas Vampirhaftes hat, in Form von Belebung durch die Jugendlichkeit des Gegenübers, wie sie auch zur Begegnung mit Lebensformen führt, die einem sonst unerschlossen blieben – die Lebensweisen der Jüngeren –, wie sie auch der eigenen Jugend noch einmal begegnet, aber gewissermaßen als Rückreise aus der Gesetteltheit. Aus den kommoden Wohlstand noch einmal einen Ausflug auf die Matratzenlager der gammeligen Studentenbude zu machen, ist eine exotische Reise in eine Bohème-Erinnerung mit Rückfahrtsticket, und daher etwas anderes, als wenn man als junge Person so wohnt. Man begegnet noch einmal der spektakulären Offenheit von Biografien, auch wenn es die der Anderen ist. Es kommt mir hier in den Sinn, wie ich gerade bei einer anderen Art von Lektüre – der Biografie über Alice Prin, genannt Kiki, in den zehner und zwanziger Jahren die „Königin von Monparnasse“ – auf ein ähnliches Motiv gestoßen bin. In ihren Memoires, dem heutigen autofiktionalen Schreiben durchaus nicht unähnlich, schreibt sie über Sex als eine Form des Lernens, durch Sex, oder das Reden über Sex, enthüllen sich die Männer ihr gegenüber. Sex zu haben ist also eine Form, die Welt und Menschen zu studieren, kollidiert sofort aber mit den Imperativen von Achtsamkeit und dem heute allgemein anerkannten Wert, andere nicht als bloße Instrumente der eigenen Egozentrik zu konsumieren, wie das der Verbraucher in der vielbeklagten Wegwerfgesellschaft tut.

Das Leben selbst

Leben ist ein biologischer Vorgang. Wir können „leben“, ohne viel dazu zu tun. Wir können durchs Leben driften, ein Leben als bloßer Spielball gesellschaftlicher Imperative führen, zugleich hat der Begriff „Leben“ auch pathetische Obertöne, ist verbunden mit der Gier nach „Lebendigkeit“, dem „echten Leben“, das vom „falschen Leben“ bedroht ist, und sei es bloß von Langeweile und leerem Verstreichen von Zeit. Insofern ist die boomende Autofiktion auch so etwas wie Lebensliteratur. 

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