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#57 #Wetter #Klima-Kommunikation #Interview

„Ich kann nicht einfach die Hälfte der Wahrheit erzählen“

ZDF-Wetter-Moderator Özden Terli nutzt seine Sendezeit regelmäßig, um über die Klimakrise aufzuklären. Im Treibhauspost-Interview erklärt er, warum wir zurück zur 1-Grad-Grenze müssen. Lesezeit: 7 Minuten

Hallo Özden, Mitte Oktober war es nachts in Berlin noch 20 Grad warm. Wann fängt der Herbst endlich an?

Der hat ja zumindest vorübergehend angefangen. Es ist erst einmal kühler, aber die Frage ist, wie lange es so bleibt. In ein paar Tagen geht es schon wieder aufwärts mit den Temperaturen. 

Die weltweiten Durchschnittstemperaturen in diesem Jahr waren viel zu hoch. Der September war 0,9 Grad heißer als der Durchschnitt der letzten 28 Jahre – was extrem viel ist. Was macht das mit dir?

Ich bin tatsächlich sehr besorgt. Dass die Temperaturen jetzt so durch die Decke gehen, ist wirklich beunruhigend, auch weil man sich einige Sachen nicht so ganz erklären kann. Die Ozeane weltweit sind seit März viel zu warm, gleichzeitig bildet sich viel zu wenig Meereis in der Antarktis. Dabei fängt dort jetzt schon der Frühling an, die Schmelzphase beginnt wieder und die eisfreie Fläche wird noch größer. Diese Fläche nimmt mehr Sonnenlicht auf – Eis hingegen würde es reflektieren. Das trägt dann auch wieder zur Erwärmung der Atmosphäre bei.

Özden Terli, Meteorologe und Moderator in der Wetterredaktion des ZDF. 📸: ZDF/Torsten Silz

Dazu kommt, dass das Schelfeis in den vergangenen 25 Jahren ziemlich stark geschmolzen ist. Das Schelfeis ist das Eis, das auf dem Meer schwimmt und wie eine Barriere gegen die Gletscher drückt. Wenn es schmilzt, steigt die Gefahr, dass das Gletscher-Eis ins Meer hineinrutscht. 

Wie ist die aktuelle Klima-Vorhersage?

Laut Voraussagen könnten wir in diesem Jahr vorübergehend schon die 1,5-Grad-Marke überschreiten. 2023 wird damit das wärmste Jahr seit Aufzeichnungsbeginn. Mir begegnen dann immer wieder findige Twitter-User, die meinen: „Seit Aufzeichnungsbeginn, seit wann ist das denn überhaupt? Das sind ja nur 150 Jahre!“.

Das ist natürlich ein Ablenkungsmanöver. Die Wissenschaft hat anerkannte Methoden, wie zum Beispiel Daten aus Eisbohrkernen zu gewinnen. Außerdem lässt es sich nicht leugnen, dass es noch nie so viel Kohlendioxid in der Atmosphäre gab, seitdem es Menschen gibt. Und darum geht es schließlich. Es interessiert doch nicht, was vor zwei Millionen Jahren war. Es geht darum, wie wir heute acht Milliarden Menschen sicher und innerhalb der planetaren Grenzen versorgen können.

Vor dem Hintergrund der unerwarteten Anomalien in diesem Jahr: Sind Klimawissenschaften zu optimistisch?

Manchmal sind sie vielleicht zu optimistisch. Für eine sinnvolle Risikoabschätzung müsste man eigentlich sagen: Was ist das Krasseste, was passieren kann? An diesen Worst-Case-Szenarien müsste man sich orientieren und dementsprechend handeln.  

Was nützt es, eine untere Grenze anzustreben und sie dann auch noch komplett zu verhauen? Die 1,5-Grad-Grenze werden wir bis Mitte der dreißiger Jahre dauerhaft überschreiten, vielleicht sogar noch früher. Es gibt Analysen, die zeigen, dass die Erwärmung noch schneller ansteigen könnte, das nennt man Accelerated Warming. Ich bin gespannt, wie sich das weiter fortsetzt, vor allem aber auch sehr beunruhigt.

Du nutzt deine Sendezeit beim ZDF Wetter oft, um über die Zusammenhänge der Klimakrise aufzuklären. Machst du das, weil es sonst keiner macht?

Ich mache das, weil das als Meteorologe in der Klimakrise meine Aufgabe ist. Ich kann nicht einfach die Hälfte der Wahrheit erzählen. Wir Menschen haben das Klima verändert, die Atmosphäre ist heute eine andere. Also muss man davon ausgehen, dass diese Atmosphäre auch andere Wettermuster erzeugt. Wenn man sich einmal klargemacht hat, dass wir in einer anderen Welt leben als früher, bleibt einem überhaupt nichts anderes übrig, als das mit in die Berichterstattung hineinzunehmen.

Dieses krasse Tief über Griechenland vor einigen Wochen beispielsweise, das diese unglaublichen Regenmengen produziert hat – das ist ganz klar auf die menschengemachte Erderhitzung zurückzuführen. Das ist alles Physik, und wenn man solche Phänomene auf ihre Physik herunterbricht, ist die Argumentation ganz einfach. Da braucht man keine Angst zu haben, dass Klimaleugner um die Ecke kommen. Die physikalischen Grundgesetze anzuzweifeln ist zwecklos. 

Dazu gibt es die wunderbare Arbeit der World Weather Attribution um Fredi Otto, die in ihren Rapid Attribution Studies genauer aufgezeigt haben, dass die katastrophalen Extremwetter am Mittelmeer ohne den menschlichen Einfluss so nicht stattgefunden hätten. Die Wissenschaft entwickelt sich weiter, die Leugner nicht.

💌 Ausgabe #10: Attributionsforschung: Ist das noch Wetter oder schon Klima? (Si apre in una nuova finestra)

Was würdest du dir von der Klimaberichterstattung wünschen?

Man muss die Fakten hart und klar benennen. Wenn wir sie nicht kennen, können wir nicht reagieren. Den Menschen die Fakten nicht zumuten zu können, ist nicht nachvollziehbar und entmündigend. 

Egal wer mich fragt: Bei mir kommen die Fakten hart auf den Tisch, und was die Menschen damit machen, können sie selbst entscheiden. Aber sie müssen es auf jeden Fall hören. Das Feedback der meisten Menschen bestärkt mich darin, dass diese Annahme richtig ist.

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Für diese Offenheit wirst du auch oft angefeindet.

Ja, aber von einer bestimmten Klientel. Am schlimmsten ist das, wenn es sogenannte Kollegen machen, also Journalisten mit einer eigenen Agenda. Die nehmen sich dann irgendwelche Äußerungen, reißen sie aus dem Zusammenhang, schreiben ein Pamphlet zusammen und am Ende greifen sie mich persönlich an. 

Die Klimakrise und die Fakten kann man nicht mehr leugnen. Deshalb versuchen sie die Menschen zu diskreditieren, die dazu forschen oder darüber berichten. Das bringt ihnen aber nur kurz Aufmerksamkeit, ansonsten ist es zwecklos. Die Realität lässt sich damit nicht ändern, sie basiert auf physikalischen Grundgesetzen. Keine Chance.

Mit welchen Anfeindungen bist du zum Beispiel konfrontiert?

Das Letzte, was ich gehört habe: Ich wäre ein Anhänger einer Endzeit-Sekte. 

Özden Terli schrieb seine Diplomarbeit am Alfred-Wegener Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung. 📸: ZDF/turi 2

Und wie reagierst du auf solche Menschen, die die Fakten leugnen? Hast du einen Tipp?

Keine Diskussionen über physikalische Grundlagen. Auf Social Media zum Beispiel sieht man ganz klar eine Zunahme von Diskreditierungsversuchen. Wenn solche Querschläger kommen, blockiere ich sie. Den Leuten geht es überhaupt nicht mehr darum, eine Diskussion zu führen oder Erkenntnisse zu gewinnen. Wer nicht auf einer wissenschaftlichen Ebene diskutieren möchte, ist raus aus der Diskussion.

Im echten Leben ist das etwas anderes. Da habe ich vielleicht zwei Leute getroffen, die sich vor mich hingestellt haben und gesagt haben, sie seien Klimaleugner. Und da war die Diskussion nicht so unterirdisch wie in den „sozialen Medien“.

Du hast kürzlich nochmal gesagt, dass wir es eigentlich gar nicht mit einer Klimakrise zu tun haben, sondern mit einem epochalen Umbruch. Was meinst du damit?

Damit meine ich die „Hockey-Stick-Kurve“: Nach der letzten Eiszeit begann vor rund 12.000 Jahren das Holozän. Das ist das Erdzeitalter, in dem wir uns bis vor kurzem noch befanden. Jetzt allerdings steigt die Temperatur radikal an – sowas hat es in der Erdgeschichte noch nie gegeben.

Das, was wir heute machen, beeinflusst die Menschheit noch in tausenden von Jahren. Das meine ich mit epochalem Umbruch. Wir, die wir jetzt auf diesem Planeten leben, sind die letzte Generation, die das Pariser Klimaabkommen noch erfüllen und die CO2-Kurve abschwächen kann. 

Die Erderhitzung hat die Macht, alles zu zerstören, was uns lieb ist. Wenn man das einmal begriffen hat, geht es einem nicht mehr aus dem Kopf raus.

Wie ist es für dich, mit dieser Erkenntnis zu leben? Fühlt sich der normale Alltag manchmal falsch an?

Das Ganze fühlt sich manchmal an wie eine Normalitäts-Simulation – den Begriff habe ich auf Twitter aufgeschnappt. Fast alles, was wir tun, zerstört den Planeten und unsere Lebensgrundlagen. Und wir glauben, das wäre normal?

💌 Ausgabe #41:„Wir stecken längst in einem fossilen Energiekrieg“ (Si apre in una nuova finestra)

Es ist natürlich schwer, diese Zusammenhänge im Alltag immer wieder zu realisieren. Vieles kann man auch schlicht nicht beeinflussen. Ich brauche meine technischen Geräte zum Arbeiten, ich bin auf die Verkehrsmittel angewiesen, die zur Verfügung stehen. Verdrängung spielt natürlich auch eine Rolle, sonst kommt man einfach nicht durch seinen Alltag.

Was können wir gegen diese Normalitäts-Simulation deiner Meinung nach tun?

Ich versuche permanent darüber nachzudenken, was ich selbst verändern kann – vor allem als Kommunikator, bei Vorträgen und in meinem Job. Dass wir als einzelne Personen selbst alles in der Hand haben, ist allerdings ein Trugschluss. Natürlich kann ich bis zu einem gewissen Punkt einiges verändern, zum Beispiel indem ich weniger heize und Energie spare.

Wo ich aber wirklich etwas erreichen kann, ist im Gespräch mit anderen Menschen – das ist übrigens für uns alle gültig. Dabei zähle ich immer wieder die Vorteile einer sauberen Welt auf. Ich kann es zum Beispiel einfach nicht mehr ertragen, wenn ich auf die Straße gehe und ein Dieselauto an mir vorbeifährt. Gerade jetzt, wo die Temperaturen niedriger werden, funktioniert die Filterfunktion in den Autos nicht so gut. Es stinkt nicht nur, es ist auch noch gesundheitsschädlich. Ich will das einfach nicht mehr. Da muss endlich etwas passieren – man hat den Eindruck, Don’t look up wäre eine Dokumentation über die Gegenwart.

Du hast selbst einen wissenschaftlichen Hintergrund. Findest du, Forschungsergebnisse sollten noch wertender kommuniziert werden?

Die Wissenschaft warnt seit Jahrzehnten. Es ist an der Politik, die Maßnahmen zu ergreifen und positiv zu kommunizieren. Und genau das macht sie nicht. Stattdessen werden Ängste aufgebaut.

Klimaschutz wird auf Entscheidungsebene nicht ernst genommen und das ist ein Riesenproblem. Wir brauchen strukturelle Maßnahmen, anstatt es den einzelnen Menschen zu überlassen, die Welt zu retten. Das schaffen wir nur gemeinsam.

💌 Ausgabe #19: Die Krisen-Rede, die Olaf Scholz jetzt halten müsste (Si apre in una nuova finestra)

Wir stecken schließlich schon mittendrin in der Katastrophe. Die extremen Wetterereignisse, die wir gerade erleben, sind eine Welle, die aus der Vergangenheit über uns schwappt, aufgrund unserer historischen Emissionen. Genauso der Meeresspiegelanstieg durch das Schmelzen der Eismassen und Gletscher, in der Westantarktis und in Grönland. Das ist alles gerade erst der Anfang. Und es geht einher mit sehr beunruhigenden Entwicklungen weltweit. Wir schmeißen die Demokratien in die Mülltonne und die wissenschaftlichen Fakten gleich mit. Das macht mir große Sorgen. 

Zusammen mit anderen Wissenschaftler*innen hast du im Juni ein Paper veröffentlicht. Ihr fordert darin, statt 1,5 Grad, sich das Ziel von einem Grad zu setzen. Aber ein Grad haben wir doch schon längst überschritten.

Es ist so: In dem Moment, in dem wir die fossilen Emissionen auf Null herunterfahren, stabilisiert sich die Temperatur innerhalb weniger Jahrzehnte, steigt also nicht mehr weiter an. Eine sichere Welt heißt aber: höchstens ein Grad Erhitzung. Am besten natürlich noch weniger, aber ein Grad ist noch relativ realistisch.

Dafür müssen wir die Emissionen auf Null herunterfahren, damit die Temperatur nicht weiter ansteigt. Wir müssen aber auch das CO2, das wir der Atmosphäre hinzugefügt haben, wieder herausziehen. Sonst würde es über sehr lange Zeit, teils über tausende Jahre, in der Atmosphäre bleiben und dadurch die Temperatur hoch halten und weiterhin für Zerstörungen sorgen.

Indem wir der Atmosphäre CO2 entnehmen, können wir perspektivisch das Klima wieder in eine sichere Richtung bewegen. Das darf natürlich keine Ausrede sein, weiterhin CO2 zu emittieren. 

Was schlagt ihr in eurem Paper konkret vor?

Wir schlagen vor, in den nächsten Jahrzehnten die regenerativen Energieträger massiv hoch zu skalieren, damit wir mehr Energie haben, als wir momentan verbrauchen. Diese Energiereserven brauchen wir, um Anlagen zu betreiben, die CO2 aus der Atmosphäre filtern. Das alles ist natürlich nicht einfach: Wir brauchen große Energiemengen, und die benötigte Technologie gibt es noch gar nicht. 

Aber wenn wir uns jetzt nicht hinsetzen und uns Gedanken darüber machen, wie das funktionieren könnte, dann wird es irgendwann zu spät sein.

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Argomento Gesellschaft

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