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Kevätkuu

Nun habe ich mich selbst, liebe Leserinnen und Leser, vor die undankbare Aufgabe gestellt, einen Bogen durch den März zu spannen und am besten am Ende des hier zu schreibenden Textes zu einem gemeinsamen Nenner zu finden, aus dem wir bestenfalls auch noch alle etwas lernen könnten.

Vor etwa zwei Wochen war ich beruflich bedingt (Si apre in una nuova finestra) zum ersten Mal im Grenzmuseum Schifflersgrund (Si apre in una nuova finestra), das kürzlich grundlegend überarbeitet und neueröffnet wurde. Das Museum steht mitten auf der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze auf Thüringer Seite und wurde bereits 1991 aus einer Bürgerinitiative heraus eröffnet und jahrelang auch so betrieben: ehrenamtlich, mit großem Enthusiasmus für die Vermittlung und auch die Sammlung. Rund um einen erhaltenen Grenzwachturm sammelten sich so auch Panzer, Hubschrauber und alles, was irgendwie Grenzbezug herstellen konnte. Seit Jahren wird das Museum nun behutsam, aber robust umstrukturiert, seit vergangenem November gibt es eine neue Dauerausstellung. Das für mich einprägsamste Ausstellungsstück ist aber letztlich die große Fensterfront des Gebäudes: Von dort guckt man direkt in ein kleines Tal, in dem ein Stück Grenzstreifen steht, das sich so durchs Gelände schlängelt, dass man Anfang und Ende des Zaunes nicht sieht – eine gewisse Illusion der sich durchs ganze Land ziehenden Barriere ergibt sich also zwangsläufig. Schaut man dann über den frisch aufgepflügten Spurensicherungsstreifen und den Zaun hinweg, blickt man den durchaus steilen Hang hoch, an dessen Ende die Bundesrepublik anfing – und auf halbem Weg steht ein schlichtes Kreuz aus Birkenholz, denn dort wurde im März 1982 der 34-jährige Heinz-Josef Große erschossen, als er versuchte, in den Westen zu gelangen (Si apre in una nuova finestra).

Erhaltene Grenzanlagen in einem schmalen Tal zwischen zwei Hügeln

Es ist kein besonders origineller Gedanke, aber gerade die Banalität des Übrigbleibenden gehört für mich zu den am tiefsten wirkenden Elementen von Geschichtsvermittlung. Wir sind in einer völlig medialisierten Welt gewohnt, auch die schlimmsten, größten, tiefgreifendsten Ereignisse ständig vermittelt zu bekommen (es ist Teil meines Berufes, ich meine das gar nicht abwertend), aber vor einem Hügel zu stehen an dem jemand zwei Äste aneinandergenagelt hat ist das, was im englischsprachigen Raum oft „hits different“ genannt wird: Hier ist jemand gestorben, umgebracht worden, weil er nicht mehr auf der einen Seite des Zaunes sein wollte, sondern auf der anderen. Heinz-Josef Große wäre jetzt 77 Jahre alt, wenn er die paarmeterfünfzig bis hoch auf den Hügel geschafft hätte, oder wenn die zwei Grenzer einfach nicht acht Mal geschossen hätten, sondern pro forma drei Mal in die Luft.

Und damit zu Gregor Gysi, der in dieser Woche die lange erwartete Rede als Alterspräsident des Bundestages hielt, die entgegen seiner üblichen öffentlichen Art langatmig und konfus geriet und insgesamt enttäuschte. Der sagte (Si apre in una nuova finestra) nämlich einleitend zu seinen Einlassungen über die noch nicht abgeschlossene Einheit Deutschlands:

„Die Demonstrierenden in der DDR bewiesen Mut. Sie haben auf friedliche Art und Weise ihren Beitrag im Interesse einer Demokratisierung der Gesellschaft geleistet. Sie verdienen hohen Respekt. Auf der anderen Seite muss man aber auch zur Kenntnis nehmen, dass damals von den bewaffneten Kräften der DDR kein einziger Schuss abgegeben wurde.“

Das macht Gysi natürlich geschickt: Er sagt nicht „Anerkennen“, sondern „zur Kenntnis nehmen“, und kann sich darauf zurückziehen. Aus dem Kontext, das man der einen Seite (den Demonstrierenden) Respekt zollen müsse, wird aber klar, dass er eben auch Anerkennung dafür will, dass DDR-Grenzer nicht auf friedliche Zivilist:innen geschossen haben. Wir reden hier vom absoluten Minimum dessen, was ich von Menschen erwarte – dass sie niemanden ermorden. Wer dafür Anerkennung will, hat eine grundlegend andere Vorstellung davon, wie sich ein Gemeinwesen organisiert und wie es mit seiner eigenen Vergangenheit umzugehen hat. Gysi hat mit dieser Rede seiner im Aufschwung befindlichen Linken einen Bärendienst erwiesen – die hatte sich nämlich von diesem Muff, und nichts als muffig ist die DDR mittlerweile, erfolgreich abstrahiert.

Und dazu brauchte es nicht einmal den CSU-Abgeordneten Sepp Müller, der ebenso stolz wie demonstrativ das Buch „Die Täter sind unter uns“ von Hubertus Knabe las, während Gysi vorne sein Manuskript abarbeitete. Vielleicht las er es auch nicht, auf

einigen Fotos sieht es stark danach aus, als liege da ein anderes, kleines Büchlein im großen Hardcover, so wie Leute früher in der Bahn ihre Arztromanzen in den Buddenbrooks versteckten, bevor die eBook-Reader alles einfacher machten. Nun stellt sich die Frage, warum es ausgerechnet dieses Buch war – es gibt neuere Forschungen zur DDR, und auch zu Gysi, die man hätte verwenden können.

Hubertus Knabe kennt man aber natürlich in der CSU, nachdem er in der Gedenkstätte Hohenschönhausen recht robust verabschiedet wurde, arbeitet er schließlich jetzt am einschlägig bekannten (Si apre in una nuova finestra) Lehrstuhl für Neueste Geschichte in Würzburg. Die Meldung, dass sich die Vertretung der Studierenden der Uni über die Rechtslastigkeit des Hoeres-Clusters beschwere, ging in der vergangenen Woche durchaus rum, so sehr, dass sein Hofblatt Cicero ihm Gelegenheit zur Ehrenrettung mit dem freundlichstmöglichen Interview (Si apre in una nuova finestra) bot – kritische Fragen gehören offenbar nicht zum journalistischen Markenkern, wenn nur der Befragte weit genug oben im Outlook-Adressbuch steht. Tatsächlich bietet der Protest und der oben verlinkte Artikel wenig neues, außer, dass sich Benjamin Hasselhorn nach nun erfolgter Habilitation auch dazu bekennt, vor mittlerweile elf Jahren unter Pseudonym in der rechtsextremen Zeitschrift „Sezession“ publiziert zu haben. Seine Verteidigungsstrategie (und die seines Chefs) dazu:

„Als mir 2014 klar wurde, dass sich die Zeitschrift in eine Richtung entwickelte, in deren Umfeld ich nicht publizieren möchte, und zudem manche meiner Texte sogar noch ohne Rücksprache mit mir verschärfend redigiert wurden, habe ich jeden Kontakt zur 'Sezession' abgebrochen und dort nie wieder publiziert.“

Menschlich ist das nachvollziehbar, nach einer Habilitation strebt man üblicherweise nach einer Professur, und die Goldtöpfe der Verbeamtung auf Lebenszeit sind schwerlich erreichbar, wenn es begründete Zweifel an der Verfassungstreue gibt. Gleichwohl ist die „Sezession“ nicht erst seit ein paar Jahren einschlägig bekannt, auch wissenschaftlich wurde schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichungen durchaus herausgearbeitet, mit was man es da zu tun habe. Dass sich Hasselhorn davon nun erst distanziert, als der Bayrische Rundfunk berichtet, spricht dann entweder für Kalkül oder für die Abwesenheit einer kritischen Kompetenz, die wir von habilitierten Historikern (und Historiker:innen, Herr Hoeres, falls Sie mitlesen) üblicherweise erwarten sollten. Choose wisely!

Aber wenn wir schon in diesen politischen Gefilden sind, gehen wir doch noch einen Schritt weiter: Die Vereinigten Staaten von Amerika taumeln gerade in die Autokratie, vorgewarnt von vielen klugen Stimmen, weil sich niemand vorstellen kann, dass es wirklich so schlimm wird, wie es jetzt eigentlich schon ist: Menschen werden ohne jeden Prozess von nicht uniformierten Beamten auf der Straße festgenommen und in Abschiebehaft gebracht (Si apre in una nuova finestra), während Regierungsmitglieder vor Massenzellen Videos aufnehmen (Si apre in una nuova finestra). Bisher waren viele Leute davon ausgegangen, dass Trump und die trumpistische Bewegung hauptsächlich auf ihren wirtschaftlichen Vorteil aus seien, und natürlich gehört diese Korruptionsform zum Wesenskern der Ideologie. Ein anderer darf aber auch nicht vergessen werden: Die Grausamkeit, die Möglichkeit sich über andere Menschen zu erheben und unregulierte Macht auszuüben, macht einen beträchtlichen Teil der Attraktivität des Trumpismus aus. Und gerade diese unregulierte Macht führt letztlich dazu, dass Menschen sterben. Wie viele, das hängt davon ab, wer bereit ist, sich dem entgegenzustellen. In den USA scheinen das derzeit sehr wenige zu sein, egal ob gewählt oder an der Graswurzel.

Und gerade wo ich denke, dass ich zum Ende unseres kleinen Monatsüberblicks komme, schneit die nächste Executive Order aus Washington herein: Die historischen Museen der Vereinigten Staaten sollen, auch das sollte man so klar sagen, gleichgeschaltet (Si apre in una nuova finestra) werden. Es gehe darum,

Bundesstätten (Si apre in una nuova finestra), die der Geschichte gewidmet sind, einschließlich Parks und Museen, in feierliche und erbauliche öffentliche Denkmäler umzuwandeln, die die Amerikaner an unser außergewöhnliches Erbe, den beständigen Fortschritt auf dem Weg zu einer vollkommeneren Union und die unübertroffene Bilanz bei der Förderung von Freiheit, Wohlstand und menschlichem Wohlergehen erinnern.“

Wir kennen des Prinzip aus der Urfassung von „Angewandter Geschichte“, von der sich die moderne Public History gerade abgrenzen will: Die war nämlich mal skizziert als der Versuch, über Geschichte Nationalstolz und Konformität herzustellen, stolze Nationalist:innen herzustellen, die lernen ihr Vaterland zu lieben und auf die Nachbarländer herabzublicken. Es ist kein Zufall, dass hierbei Museen explizit erwähnt werden, die die Geschichte von Frauen und Schwarzen Amerikaner:innen behandeln – wobei Frauen natürlich solange noch eine geschützte Menschengruppe bezeichnen, wie man sie als Ausrede nehmen kann, trans Personen zu verfolgen.

In Anbetracht dieser ziemlich deprimierenden Entwicklungen las ich zuletzt viel Bestürzung über die Nachricht (Si apre in una nuova finestra), dass die Studierendenzahlen in den Geisteswissenschaften eingebrochen sind. Ich kann mich dieser Bestürzung nicht anschließen, denn ganz offenbar hat uns die vergleichsweise hohe Zahl von 17 % geisteswissenschaftlicher Erstsemester im Jahr 2003 auch nicht davor bewahrt, zivilisatorische Rückschritte zu machen, eher im Gegenteil. Ich habe ja schon mehrfach hier erwähnt, dass ich die historisch-politische Bildung größtenteils als gescheitert erachte, weil sie eben meist zum Chor predigt und andererseits zu einem solchen Detailwissen geführt hat, dass wir sich eben doch reimende Geschichte gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Wir brauchen also nicht mehr Geisteswissenschaftler:innen und Bildung, sondern bessere. Darüber reden wir dann vielleicht im April, wie wär’s?

Was sonst noch war:

 

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