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Das Licht (Tom Tykwer)

Nach Babylon Berlin freute sich Tom Tykwer darauf, sich "endlich wieder unserer Gegenwart zuwenden [zu können]." Über zweieinhalb Stunden begleiten wir die Familie Engels, die verzweifelt versucht, diverse interne und externe Krisen ihres Berliner Alltags zu bewältigen. Die neu eingestellte Haushälterin Farrah (Tala Al-Deen) hilft dabei nicht nur, die Unordnung der Wohnung zu beseitigen, sondern auch die im Chaos versinkende Familie neu zu ordnen.

Der trostlose Alltag der Engels wird durch Tanzeinlagen, Reisen nach Afrika und Ausflüge ins Unterbewusstsein aufgelockert. Globale Verwerfungen, Woke-ismus, soziale Vereinsamung und White Guilt prasseln auf uns nieder wie Regentropfen auf den wortwörtlich betröppelten Lars Eidinger und den Rest seiner Familie. Dabei sollen die Engels so allgemeingültig wie möglich sein, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich mit ihren Sorgen und Wünschen zu identifizieren.

Unsere Gegenwart

Doch was genau meint Tom Tykwer, wenn er sagt, er wende sich unserer Gegenwart zu? Die Probleme der Engels sollen den Zeitgeist widerspiegeln: Tim (Lars Eidinger) und Milena (Nicolette Krebitz) sind gefangen in den unauflöslichen Widersprüchen zwischen Weltverbesserung und Umweltsünde. Tim arbeitet für eine PR-Agentur, die Nachhaltigkeit predigt, laut Tochter Frieda (Elke Biesendorfer) aber nichts weiter als ein neoliberaler Thinktank ist. Er würde am liebsten Flüge gesetzlich verbieten, während seine Frau fast im Wochentakt nach Namibia jettet, um ein Entwicklungsprojekt voranzutreiben. Milena will Afrika retten, doch ihre Sicht auf die scheinbar Hilfsbedürftigen bleibt letztlich paternalistisch. Frieda und ihr Zwillingsbruder Jon (Julius Gause) suchen Ersatz für die fehlende familiäre Liebe – die eine in der Partyszene, der andere in der virtuellen Welt des Online-Gamings.

Kurzum, es ist fast, als hätte ChatGPT auf den Prompt „Erstelle eine dysfunktionale Berliner Familie mit typischen ideellen und reellen Sorgen unserer Zeit“ geantwortet. Die Engels sind so abgekoppelt von der Realität, dass die Haushälterin sogar einen ganzen Tag lang tot in der Küche liegt, bevor es jemand bemerkt. Tykwers Analyse der Gegenwart bleibt dabei oft auf dem Niveau einer hitzigen Twitter-Debatte. Ist es noch links-rebellisch, für ein neoliberales Start-up zu arbeiten? Ist das Fliegen nach Namibia moralisch vertretbar, wenn es doch einem Hilfsprojekt dient? Sollten Eltern nicht erst ihre eigenen Kinder lieben, bevor sie die Welt retten?

Diese Fragen sind zweifellos relevant. Ist der ökologische Fußabdruck ein moralischer Kompass oder nur ein cleveres Narrativ der Unternehmen, um Verantwortung auf das Individuum abzuwälzen? Ist es toxisch-männlich, seiner Frau plumpe Sexanspielungen zu machen, oder kann man gleichzeitig Prolet, Feminist und begehrender Ehemann sein? Trifft Eltern eine Mitschuld, wenn ihre Kinder sich aus der Gesellschaft zurückziehen? Doch anstatt in die Tiefe zu gehen, Antworten oder zumindest individuelle Strategien zum Umgang mit diesen Widersprüchen zu suchen, springt Tykwer lieber direkt ins nächste Thema.

Wissenschaftliche Esoterik

Die scheinbare Lösung kommt in Form des namensgebenden Lichts. Mit Hilfe einer Handy-App kann eine Lichtquelle so gesteuert werden, dass im Gehirn des Betrachtenden ein Stoff ausgeschieden wird, der eine Nahtoderfahrung simuliert. Durch diese Erfahrung ist es möglich, zur Erkenntnis und Eingebung zu gelangen. Wir haben es also mit einer Symbiose zwischen Wissenschaft und Esoterik zu tun.

Hier zeigt sich eine Parallele zur gegenwärtigen Lifestyle-Kultur. Virale Videos wie die des Fitness-Influencers Ashton Hall zeigen, wie wissenschaftlich klingende Methoden mit esoterischen Ritualen vermischt werden: Um 4 Uhr aufstehen, seinen Kopf in eiskaltes Wasser tauchen, Mantras rezitieren – und schon ist man erfolgreich. Dass Hall seinen gestählten Körper nicht einer Bananenschale im Gesicht verdankt, ist offensichtlich, doch junge Männer wie Jon Engels klammern sich an solche Versprechen. Denn dahinter steckt ein Narrativ, das eine einfache Antwort auf komplexe Probleme suggeriert.

Ashton Halls Morning Routine gibt uns aber noch weiteren Aufschluss über die Situation der Engels. Vielleicht unfreiwillig, gibt das Video preis, was den Lifestyle des Erfolgsmenschen tatsächlich ermöglicht. Immer wieder sehen wir die Hände oder den Rücken einer Frau, die dem Influencer das Essen bereitet oder ihm sein Outfit reicht. Der moderne Mann wäre in diesem Sinne nicht denkbar ohne die Care-Arbeit einer Frau. Dasselbe können wir auch bei den Engels beobachten. Die Familie kann nur deswegen funktionieren, weil sie eine Haushälterin hat, die sich um die basalen Bedürfnisse kümmert.

Magical Negro

Die Haushälterin Farrah ist mehr als nur eine ordnende Kraft im Chaos der Engels. Sie ist die weise, allwissende Figur, die den Hilflosen mit Rat und Tat zur Seite steht. Schnell wird sie zur emotionalen Stütze der Familie, doch damit rückt sie auch gefährlich nah an das altbekannte “Magical Negro“-Klischee heran, das Hollywood nur allzu oft bemüht hat.

Hierbei handelt es sich um eine Schwarze Nebenfigur des Hollywood Kinos, die durch tiefgründiges Wissen dem weißen Hauptcharakter stets zur Hilfe eilt. In dieser Art steht Farrah in der Tradition klassischer “Magical Negro” Figuren, wie John Coffey (Michael Clarke Duncan) in Green Mile oder Bagger Vance (Will Smith) im gleichnamigen Film. Auch Farrah scheint sich lieber selbstlos und aufopferungsvoll um die weiße Hauptstadt-Familie zu kümmern, als einen Beruf anzunehmen, der besser auf ihre Bildung und Expertise passt.

Doch am Ende bricht der Film mit diesem Klischee. Farrah verfolgt ein eigenes Ziel – eines, für das sie die Engels benutzt und notfalls opfern würde. Dadurch propagiert und evoziert der Film eine Grundskepsis anderen Menschen gegenüber: Kann man anderen Menschen wirklich trauen? Ist die freundliche Haushälterin, der nette Nachbar oder die neu zugezogene Familie womöglich nicht das, was sie vorgeben zu sein?

Das Fremde

Eine weitere zentrale Figur in Das Licht ist Godfrey (Toby Onwumere). Milena lernte ihn vermutlich während ihrer Entwicklungsarbeit in Namibia kennen. Beide haben einen gemeinsamen Sohn, Dio (Elyas Eldridge). Im Wochentakt wechseln sie sich mit dem Sorgerecht ab. Für Milena scheint das Arrangement gut zu laufen, die Wünsche Dios, dass sie mit seinem Vater zusammen als Familie leben können, kann sie gut ignorieren. Bis ihr eines Tages Godfrey offenbart, dass er zurück nach Namibia ziehen möchte, weil er in Deutschland fürchtet, seine Identität und sein Wesen zu verlieren. Dio soll, nach den Wünschen des Vaters, in Deutschland und damit bei Milena bleiben.

Als Milena dann in Namibia von Godfrey zur Rede gestellt wird, wird deutlich, wie die Beziehung der beiden tatsächlich ist. Godfrey wirft ihr eine paternalistische und herabwürdigende Sicht auf ihn vor. Milena hat Godfrey nie wirklich ernst genommen, nur seine lockere Art gemocht. In Deutschland kann sie ihn - und Dio - so lange akzeptieren, wie er ihre Welt und Status Quo nicht wirklich bedroht.

Die ungleiche Beziehung ist emblematisch für die heutige Zeit. Allzu schnell sind wir dazu bereit, lautstark gegen die AfD zu argumentieren und Rassismus zu verdammen. Doch wenn die Fremden in unsere Nachbarschaft ziehen, sind sie uns dann doch zu nahe. Bei Sensibel (K.I.Z.) klingt es wie folgt:

“Lisa zieht ins hippe Kreuzberg, sucht woanders eine Kita, denn 'ne // Gruppe mit weniger Türken wär ihr lieber, und // Es sind nicht immer Affenlaute von der Fantribüne // Manche Rassisten demonstrier'n gegen Rechts und wähl'n die Grünen.”

Im Endeffekt ist der Unterschied zwischen Milena Engels und Leni Riefenstahl nicht so groß, wenn sie sich in Afrika als die große Philanthropin gibt und sich als Bringerin des Fortschritts sieht. Im Endeffekt jedoch scheint es mehr darum zu gehen, in der eigenen Erhabenheit zu baden.

Das Finale

Im Finale kulminiert dann alles zu einem uneindeutigen Brei. Farrah war auf der Suche nach geeigneten Doppelgängern, um die Seelen ihrer verstorbenen Familie ins Jenseits zu führen. Ob die Dopplung der deutschen Familie mit der syrischen Familie jetzt so gelesen werden muss, dass wir alle im Grunde genommen gleich sind, wird nicht klar. Auch die Konsequenz des Gedankens bleibt verschwommen. Besonders, wenn wir uns an Godfreys Worte erinnern, dass sein Wesen mit Namibia verbunden ist, überzeugt diese Erklärung nicht.

Doch was will uns Tykwer damit sagen? Wieso bedarf es eines Doppelgängers, um der verirrten Seele den Weg zu weisen? Oder geht es schlicht nur darum, eine Motivation für Farrah zu kreieren, als Haushälterin zu arbeiten?

So verworren die gesellschaftliche Aussage ist auch das Ritual mit dem Licht an sich. Die deutsche Familie führt, wie geplant, die syrische ins Licht. Doch es scheint keinen Ausweg aus dem Ritual zu geben, fangen die Körper der Engels im Diesseits an zu zittern. Erst als Dio dazustößt und zu den Klängen von Queens Bohemian Rhapsody die Verbindung kappt, erwacht die Familie wieder.

Dio fungiert als verbindendes und versöhnendes Element zwischen den Engels und Farrah, aber auch zwischen Milena und Godfrey. Als Kind eines Einwanderers und einer Deutschen rettet er beiden das Leben. Bohemian Rhapsody dient hierbei als Hymne, die uns auch die anderen Themen entsprechend einordnet. Queens Mock Opera verbindet sämtliche Genres, aber lehnt auch jegliche inhaltliche Ebene ab. So müssen wir dann auch Tykwers Botschaft verstehen. Wir mögen gefangen sein in einer orientierungslosen Welt von globaler Ungerechtigkeit, familiärer Dissonanz und gesellschaftlichem Ausschluss. Doch am Ende müssen wir es halten, wie Freddie Mercury: “Nothing really matters, to me”.

Fazit

Das Licht soll als Verfilmung von Bohemian Rhapsody verstanden werden, aber gleichzeitig gibt Lars Eidinger an, dass die Rolle von Tim Engels auf Tykwers Leben und Person basiert. Es geht also um Alles und Nichts, persönlich und allgemeingültig. So richtig geglückt ist nichts davon, zu schablonenhaft sind die Probleme und Charaktere, zu dünn der Erkenntnisgewinn. Das namensgebende Licht wird zu wissenschaftlich erklärt, nur um am Ende doch im mystisch-esoterischen Nebel zu verschwinden.

Die eigentliche Herausforderung, wie man als Individuum mit all den Widersprüchen umgeht, die wir in der Gesellschaft, der Welt aber auch in uns selbst finden, wird hier gar nicht erst angegangen. Alles einfach zu Queen wegtanzen kann ja dann auch nicht die Lösung sein.


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