Der traurige Fall von John McCallum, S. 59 ff (Ergänzung Der Mediatorblick ...)

Aus „Die lautlose Eroberung – Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet“ von Clive Hamilton und Mareike Ohlberg

Im Lauf ihrer Geschichte hat die KPCh anspruchsvolle Techniken zur psychologischen Manipulation von Freunden und Feinden entwickelt. Diese Techniken sind mit großem Erfolg bei verschiedensten Personen in westlichen Ländern angewandt worden, die als wertvoll für die Partei eingestuft wurden. Das Ziel ist auch hier, diese Personen auf den politischen Kurs Beijings einzuschwören; zu diesem Zweck werden sie oft überzeugt, dass sie eine besondere Beziehung zu China haben. Wie der China-Experte James Jiann Hua To schreibt, ist diese Art von psychologischer Arbeit „ein wirksames Werkzeug für eine intensive Kontrolle und Manipulation des Verhaltens“, das zugleich „harmlos, wohlmeinend und hilfreich“ wirkt.

Im Dezember 2018 wurde die Finanzchefin von Huawei, Meng Wanzhou, auf Ersuchen der amerikanischen Justizbehörden, die ihr unter anderem Bankbetrug vorwarfen, in Kanada festgenommen. Es folgte eine erbitterte diplomatische Auseinandersetzung, bei der Beijing nicht gegen Washington, sondern gegen Ottawa düstere Drohungen ausstieß und zwei kanadische Bürger unter falschen Anschuldigungen inhaftierte. Auf einem ersten Höhepunkt der Auseinandersetzung gab der kanadische Botschafter in China, John McCallum, im Januar 2019 in Ontario eine Pressekonferenz für chinesischsprachige Medien, in der er Meng Ratschläge dazu gab, wie sie sich am besten gegen eine Auslieferung an die Vereinigten Staaten wehren könne. McCallum, der bereits als Freund Chinas bekannt war – kurz zuvor hatte er erklärt, Kanada habe mehr mit China gemein als mit den Vereinigten Staaten -, listete die schweren Mängel auf, die das Auslieferungsansuchen in seinen Augen hatte.

Einige Beobachter erklärten, der Botschafter klinge wie ein Sprecher der chinesischen Regierung, anstatt die Position Kanadas zu vertreten. In Beijing hingegen pries die Global Times McCallum dafür, dass er „die Wahrheit gesagt“ habe, und verurteilte den Mangel an „moralischer Rechtschaffenheit“ der kanadischen Regierung. Nachdem McCallum in der Heimat in die Kritik geraten war, stufte sein ehemaliger Stabschef seine Rede als „verbalen Fehltritt“ ein und verteidigte den Botschafter als „von Grund auf anständigen und optimistischen Mann“, einen langjährigen Sinophilen, der China in den vergangenen drei Jahrzehnten gut kennengelernt habe. Das hilft uns zu verstehen, wie es möglich war, dass der Botschafter den psychologischen Techniken der KPCh zum Opfer fiel.

Wenige Tage später ließ McCallum seinen Ratschlägen an Meng zur Vermeidung ihrer Auslieferung die Erklärung folgen, es wäre gut für Kanada, sie freizulassen, womit er der Beschwichtigung Beijings Vorrang vor dem Rechtshilfeabkommen mit den Vereinigten Staaten gab. Ministerpräsident Justin Trudeau sah sich gezwungen, ihn abzuberufen, und die Beobachter zerbrachen sich die Köpfe darüber, wie es möglich war, dass ein so erfahrener Politiker und Diplomat derart in die Irre gegangen war.

Andere Zielpersonen der KPCh werden nicht durch Anreize, sondern dadurch verführt, dass ihre Eitelkeit und ihr Wunsch nach Anerkennung angesprochen werden. Wie es in einer sarkastischen Schlagzeile hieß: „Ich glaube, dieser chinesische Funktionär mag mich wirklich!“

Unter denen, die verstanden, warum McCallum Unterstützung für Meng Wanzhou bekundet hatte, war der ehemalige mexikanische Botschafter in Beijing, Jorge Guajardo. Er war auf dieselbe Art bearbeitet worden. Neu in Beijing eintreffende Gesandte werden von chinesischen Gesprächspartnern isoliert. Nach einer Weile erhalten sie eine Mitteilung, aus der hervorgeht, dass sich ein hochrangiger Funktionär mit ihnen treffen möchte. Bei dieser Begegnung werden sie darüber aufgeklärt, dass sie „ein einzigartiges Verständnis der feinen Nuancen der Position der Partei“ besitzen. Sie beginnen, sich „besonders“ zu fühlen. Sie erhalten privilegierten Zugang zu hochrangigen Mitgliedern der chinesischen Führung und glauben, dass ihnen ungewöhnliche Einblicke in die inneren Abläufe der chinesischen Politik gewährt werden. Selbstverständlich wird bei anderen Gesandten dieselbe Überzeugung geweckt. Als besondere Freunde Chinas geben die Gesandten ihren Vorgesetzten in der Heimat Ratschläge, die auf ihren „einzigartigen“ Einblicken beruhen – und natürlich sind dies genau die Ratschläge, die Beijing den westlichen Regierungen geben möchte.

Der Glaube an die eigene Besonderheit in Verbindung mit dem Bedürfnis, sich wichtig zu fühlen, macht Menschen anfällig für Verführung. McCallums Vorgänger als kanadischer Botschafter in China, David Mulroney, hat diese gekonnte Manipulation der Eitelkeit beschrieben: „Du und nur du allein bist ausreichend begabt und erfahren, um die Situation zu verstehen und deiner Regierung zu erklären. Das Schicksal der bilateralen Beziehung liegt in deinen Händen.“ Sehr viel mehr als in jedem anderen Land gelangen die Diplomaten in China zur Überzeugung, dass es „das Wichtigste in der Welt ist, gute Beziehungen aufrechtzuerhalten“. Sie sind überzeugt, dass China für Ausländer schwer zu verstehen ist, und anstatt der chinesischen Regierung den Standpunkt ihres eigenen Landes zu erklären, betrachten es die Botschafter als ihre Aufgabe, ihrer Regierung die chinesische Position zu erklären. So verwandeln sie sich in Sprachrohre der KPCh. Genau diesen Fehler beging McCallum.

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