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Am Arsch der Welt des Zauberlands

Welch eine überfrachtete Überschrift, oder? Und doch ist sie wahr. Am Arsch waren wir alle schon mal. Müde, erschöpft. Einfach durch. Ein heftiger Ausdruck – für ein heftiges Gefühl. Am Arsch der Welt zu sein, kennt jeder, der sich mal im Nirgendwo verfahren hat. Aber ein Zauberland? Gibt es nur im Märchen? Mitnichten. Es ist real, in Ostfriesland, hoch im Wattenmeer, die längste und schmalste Perle in der Kette der Ostfriesischen Inseln – Juist.

Juist wird auch Töwerland genannt – Zauberland. Und ich habe es erlebt. Drei Mal.

Vor zwanzig Jahren habe ich mit meinen Eltern einen Tagesausflug dorthin gemacht. An einem der wenigen Tage im Jahr, in denen es eine Springtide gibt und die Fähre einmal hin und wieder zurückfährt. Viel gesehen habe ich damals nicht vom Zauber: Runter von der Fähre, einmal durch die Mitte des Ortskerns, an den Strand, ins Meer, trocknen, zurück in den Ort was essen und wieder weg mit der Fähre. Eine typische touristische Stippvisite.

Beim zweiten Mal habe ich mit dem Wikinger, meinem Mann, ein Paarpraktikum gemacht. So haben wir das genannt, weil wir in einer Ausnahmesituation fix entscheiden mussten, ob wir unsere Zukunft gemeinsam verbringen möchten oder nicht. Hop oder top. Verliebt waren wir, aber würden wir es auch mehrere Tage miteinander aushalten? Es könnte an der Insel gelegen haben, aber wir waren auch danach voneinander verzaubert, seit bald acht Jahren sind wir zusammen.

Und nun die Dreieinigkeit: Das dritte Mal auf Juist für drei Wochen. Eine Mutterkur ohne Kind. Den Antrag hatte ich schon im Herbst 2022 gestellt; da war ich nach dem Ende meines Studiums (und nebenbei Haus sanieren, Verein gründen und Corona) einfach nur – genau: am Arsch. Mittlerweile ging es mir besser, aber mit einer OP im November und mehreren Fast-Diagnosen (dazu ein anderes Mal mehr), war ich wieder reif für die Insel.

Juist im Januar. Welch eine Ruhe! Ich kenne die Nachbarinsel Norderney recht gut und habe dort im Januar ab und zu rüber geschaut nach Juist. Während im Winter auch auf Ney noch mehrere Menschen unterwegs sind, sah man auf Juist am Südende nur selten einzelne menschliche Punkte. Wenn man auf Juist im Januar für sich sein will, schafft man das locker. Einfach an den Strand. Wenn man Glück hat, ist man dort komplett allein. Allein mit diesem ganz besonderen Licht.

Ich fotografiere seit meinem Teenageralter. Auch in der Bildhauerei sind Licht und Schatten wichtige Aspekte. Ich kenne Inseln im Winter. Doch nirgends hat mich das Licht so sehr berührt und meine Umgebung in surreale Szenen getaucht wie auf Juist. Ich könnte ein Bildband herausgeben, vielleicht auch mehrere, und vielleicht mache ich das sogar noch.

Das Licht jedenfalls hat mich gepackt. Wegen dieser halben Stunde am Morgen, an dem die Sonne vor dem Wattenmeer aufging und sich über die Dünen schob, bin ich freiwillig früh aufgestanden. Jeden Morgen habe ich mich gefreut wach zu werden. Weil ich selbst an grauen Tagen wusste: Da passiert heute was. Im Äußeren wie im Inneren.

Es gab Momente, in denen ich dachte, ich bin in einer Computeranimation. Solch surreales Licht, so eine Stille plötzlich nach einem Schneesturm. Nur das „Kiewitt“ der Austernfischer war zu hören und um die Füße flitzten die fleißigen Sanderlinge. Ein sanftes Streicheln von restlichen Schneeflocken auf dem Gesicht, wo es eben noch brannte vom peitschenden Sturm der Sandkörner und Eiskristalle. Hinter mir schob sich das Licht unter die Schneewolken, färbten sie golden, über dem Meer war es noch dunkel, glitzerte und knackte es leise, beruhigend: schhh. Ruhe. Pause.    

Auch das Inselleben hat Pause in dieser Zeit. Nur die Supermärkte haben geöffnet, ein bis zwei Cafés und wenn man Glück hat die Buchhandlung für einige Stunden in der Woche. Weil die Insulaner jetzt Urlaub haben nach einem Jahr Tourismus. Weil sie selbst woanders Touristen sind oder ihr Haus renovieren, was in der Saison nicht geht.

Und gerade da, wo bei den Menschen Ebbe ist, herrscht in der Natur Flut. Stürme packen die Insel, brechen meterlange Dünenkanten ab. Mit ihnen Betonbunker aus dem zweiten Weltkrieg, deren Kadaver jetzt mit gerissenen und verbogenen Eisen in die Luft gestreckt wie nach einem Krieg dunkel am Strand liegen. Ein Seezeichen von Juist gibt es nicht mehr. Bei unserem Paarpraktikum war es noch da – jetzt ist dort Meer.

Wanderwege enden auf der Insel im Wasser; die Erde kann das Regenwasser nicht mehr aufnehmen. Dünenwege enden in zwei bis drei Metern Höhe, weil es den Strandaufgang nicht mehr gibt. Alles weg. Wer bei Google schauen möchte, wo er sich befindet, sieht sich vier Meter weg vom Meer auf den Dünen, steht aber nun direkt am Wasser.

Juist ist Leben und Sterben. Selten habe ich beides so nah beieinander gesehen. Auf keiner anderen Insel habe ich im Winter so viel Müll und so viele tote Tiere gesehen. Juist liegt weiter weg vom Festland; man braucht eineinhalb Stunden mit der Fähre dorthin. Die Strömungen bringen Inhalte von Frachtern oft erst hierher. Wie einmal eine Ladung Sportschuhe, die aus einem Container gefallen waren. Als ich da war, hauptsächlich Folien, Netze, Plastikmüll, Kassenbons mit asiatischen Schriftzeichen.

Zur Begrüßung am ersten Tag gab es am Strand einen halben Seehund, das untere Ende. Das obere abgetrennt, vermutlich von einer Schiffschraube. Am Bill – dem Westende der Insel, das immer kleiner wird – lag ein fast noch komplett erhaltener Schweinswal. Eine Woche später zwei weitere Seehunde und eine Kegelrobbe. Erstickte Seesterne, vertrocknete Haieier und natürlich Reste von Krebsen, Muscheln, Schnecken.

Für die Möwen und Krähen ein Vier-Gänge-Menü. Für uns zu Beginn befremdlich, traurig. Für mich ein Trigger, die ich Angst habe vor dem Verlust geliebter Menschen. Weil ich das einfach zu oft hatte in den letzten Jahren. Doch dann sehe ich, was aus den toten Tieren wird. Nahrung für andere. Forschungsobjekte für den Natur- und Küstenschutz. Und ich sehe neues Leben. Einen Seehund, der sich am Strand nach einem Sturm ausruht, bevor es wieder in Richtung Meer geht am nächsten Tag. Geschlossene Muscheln, nur halb eingegraben, die ich zurück ins Meer bringe.

In Juist wandert der Tod vom Arsch der Welt zum neuen Leben an die Südseite. Eigentlich wandern alle Inseln. Schon immer. Von Westen werden sie abgetragen und im Süden lagert sich der Sand wieder an. Die anderen Inseln haben aber oft ihren Ortskern an der Westseite und müssen diesen jedes Jahr neu schützen, ausbauen, verstärken. Juist hat den Ortskern in der Mitte. Nach vielen Wanderungen und einigen Zerstörungen alter Dörfer in der Vergangenheit. Die Westseite muss nicht zubetoniert werden, sie darf wandern.

Die Westseite wird „Bill“ genannt, nach den Billen, auf Platt: Pobacken – der Arsch der Insel sozusagen. Auch wenn hier nicht zugebaut wird, gibt es Küstenschutz. Trotzdem wissen die Insulaner: Wo wir heute am Westende noch Rosinenbrot mit Butter essen, wird wahrscheinlich irgendwann Meer sein. Denn der Klimawandel macht sich hier besonders bemerkbar. Die Stürme sind häufiger geworden und vor allem heftiger. So schnell kommt der Küstenschutz gar nicht hinterher, wie hier Land verloren geht. Auch ich verlaufe mich am Bill und erkenne nichts wieder von unserem Paarpraktikum vor fast acht Jahren.

Auf der anderen Seite geht es mir ähnlich. Am Ostende entsteht eine Art Wüste. Immer mehr Sand lagert sich dort an, kleine Dünenketten mit Gräsern buckeln sich über den immer breiter werdenden Strand. Das Kalfamer – die Kalbweide – wird genau das: eine Kinderstube für neues Land und neues Leben. Vielleicht langsamer als die dramatischen Abbrüche, aber immerhin.

Ich finde mich wieder in dieser Insel mit ihrer Dramatik, die man erst erkennt, wenn man genau hinsieht. Auch ich kenne Lebensabbrüche, für immer verloren, nicht zu reparieren. Aber ich kenne auch Neubeginne, langsam und einzeln, aber in der Summe mit Potential. Und über allem geht jeden Tag wieder die Sonne auf, mit diesem unvergleichlichen Licht, das Verheißung und Neugierde mit sich bringt auf die neuen Veränderungen namens Leben.

Juist kann wahrlich zaubern. Ich weiß noch nicht, wie lange es anhält. Aber ich nehme nicht nur Sand in den Schuhen, Totholz, Schnecken und Ideen für neue Projekte mit. Ich nehme dieses Licht mit. Diese Erinnerung, dass Leben mit Licht immer möglich ist. Dass Gott immer da ist, auch wenn es tagelang grau ist. Dass Leben möglich ist und sogar geborgen sein kann, wenn einen die Stürme des Lebens packen. Dass Abrisse weh tun und Tod dazugehört, aber dass der Sand am Ende wieder angespült wird. Vielleicht nicht immer da, wo man ihn haben will, aber es gibt ihn.

Ich nehme viel mehr Ruhe im Sturm mit, mehr Achtung für den Augenblick, mehr Gelassenheit für meine Gefühlswelt. Mehr Akzeptanz für das, was ist. Klingt banal. Nach Glückskeksthesen. Aber irgendwie muss ich ja am Ende die Ebbe im Text zur Flut am Anfang finden.

Ach ja, und ich habe einen Bernstein gefunden. Nur ein kleines Fitzelchen und nur an meinem letzten Tag auf der Insel. Aber es ist mein erster Bernstein in über zwanzig Jahren Leben an der Küste. Ein Geschenk vom Zauberland. Juist, was auf Niederländisch bedeutet: Richtig.

Über „Green“:

In der Rubrik „Green“ erzähle ich – völlig subjektiv – was ich in der Natur erlebe. Das können Reisen in unterschiedliche Naturregionen sein, genauso wie ein einzelnes Erlebnis mit der Natur. Experimente und Beobachtungen aus unserem Garten gehören auch in diese Kategorie. Auf jeden Fall gibt es hier einiges zu lernen - über das Wunder Natur, was sie mit uns macht und wir mit ihr.

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Argomento Green: Natur und Garten

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