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Von Alleinerziehenden zu Köchinnen

Mehr als nur ein Imbiss in Indien 

Nur wenige Imbisse in Mumbai werden von weiblichen Teams betrieben. Eine Ausnahme ist die Kooperative „Kutumb Sakhi“, die nicht nur köstliche hausgemachte Speisen serviert, sondern Frauen auch die Möglichkeit bietet, ihre Familien zu unterstützen. 

Von Natalie Mayroth, Mumbai

Für umgerechnet fünfzig Cent gibt es einmal indisches Frühstück inklusive süßen Milchtee. „Vierzig Rupien macht das”, sagt Ranjana Pawar mit fester Stimme. Die 47-Jährige nimmt die Scheine und legt sie in die Kasse. Der Teller mit dem herzhaften Grießbrei, verfeinert mit Curryblättern und Chili wartet bereits auf der Theke. Ihre Kollegin gießt den Tee ein.

Dem nächsten Kunden gibt sie mit einem Nicken zu verstehen, dass sie schon mit dem Kassieren wartet. Viel Zeit für Small Talk bleibt nicht. Vor dem Stand von „Kutumb Sakhi“ im Süden der westindischen Metropole Mumbai hat sich eine Schlange gebildet. Zur Mittagszeit ist es meist voll, von morgens, bis abends gibt es lokale Hausfrauenkost zu fairen Preisen – und das in bester Lage an einer belebten Straße im alten Stadtzentrum.

Doch dieser Stand unterscheidet sich von den anderen, die ein paar Hundert Meter weiter südlich liegen: Frauen, die für einen Imbiss arbeiten – so etwas sieht man in der Millionenstadt Mumbai selten. Gewöhnlicher ist dagegen, dass Frauen zu Hause Essen für traditionelle indische Mittagslieferdienste kochen oder Chapati, das indische Fladenbrot, auf der heimischen Gasflamme zubereiten und an Tante-Emma-Läden weiterverkaufen. Doch wer in Lokalen nach Frauen hinter dem Tresen oder als Kellnerinnen sucht, wird nur wenige entdecken.

Abseits von Sternehotels oder Restaurants im 48. Stock eines Hochhauses gibt es kaum weibliche Fachkräfte in Küche und Service. Kochen als besserbezahlter Beruf wird häufig von Männern ausgeübt. Manche Betreiber zögern auch, Frauen für Spätschichten einzustellen, da sie sich für deren sicheren Heimweg verantwortlich fühlen. Hinzu kommt, dass „es ein sehr herausfordernder Job ist, der lange Arbeitszeiten erfordert“, und daher nicht leicht mit einer Familie zu vereinbaren sei, sagt zum Beispiel die indische Gastronomin Karen Yepthomi (Si apre in una nuova finestra). Anderen fehle die familiäre Unterstützung, sagen Branchenkennerinnen.

Anders ist das im Viertel Fort, das sich zwischen Gerichtshof, Universität und Presseclub befindet. Hier, im Imbiss der Kooperative „Kutumb Sakhi“, (Si apre in una nuova finestra) stehen ausschließlich Frauen hinter der Theke, am Herd und führen Buch. Sieben sind es insgesamt, die in der Filiale arbeiten. Der Name „Kutumb Sakhi’“ heißt in der Lokalsprache Marathi „Frauengemeinschaft".

Ein Zuhause für Frauen

Dieser Imbiss ist einer von fünf in Mumbai, der warme Snacks verkauft, darunter das berühmte Vada Pav: frittierte Kartoffelpuffer mit Chutney-Soße im Weizenbrötchen. Ranjana Pawar hat an diesem Tag die zweite Schicht, die bis zum Abend dauert. Ihr Blick ist streng, aber herzlich. So laut und lebenslustig sie und ihre Kolleginnen wirken, würde man nicht vermuten, dass unter ihnen einige durch Tod oder Scheidung keinen leichten Stand in der Gesellschaft haben. Witwen sind in Südasien weiter sozial benachteiligt, oft noch stigmatisiert. Doch diese Praxis bricht in Städten immer weiter auf.

Pawar ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie begann aus der Notwendigkeit heraus zu arbeiten. Damals waren ihre Kinder noch klein. Heute trägt sie stolz ihre blaue Schürze mit dem Schriftzug der Kooperative. Die Frauen hier haben gelernt, sich durchzusetzen: Nicht jede*r kann mit ihnen herumalbern, das sieht man ihnen auf den ersten Blick an. „Solange mein Mann lebte, habe ich mich um den Haushalt gekümmert“, sagt sie. Nach seinem plötzlichen Tod vor über zwölf Jahren war ihre Anstellung als Köchin ein Anker. So könnte sie als alleinstehende Frau finanziell für ihre Kinder sorgen.

„Ein Verwandter vermittelte mir damals eine Beschäftigung”, erzählt sie. Ihre erste Stelle war in einem nahegelegenen Straßenverkauf, in dem Männer und Frauen arbeiteten. „Doch als alleinstehende Frau wusste ich, dass ich mich nur unter Frauen wohler fühle.“ Sie hatte die Sorge, dass ihr männliche Kollegen zu nahekommen, wenn sie erfahren, dass sie ohne Mann lebt. Als sie von „Kutumb Sakhi“ erfuhr, wechselte sie. „Die Frauen hier sind Teil meiner Familie geworden”, so Pawar. 

Die 54-jährige Sauli Salunkhe ist Führungskraft der in der zwei Kilometer entfernten Zentrale. Seit mehr als 15 Jahren ist sie dabei und hat eine erwachsene Tochter. „Ich habe mit Verkauf angefangen und mich dann zur Managerin hochgearbeitet“, sagt sie. „Frauen machen hier alle möglichen Arbeiten, je nach Interesse, Wissen und Qualifikation.“ Sie ging bis zur 10. Klasse in die Schule und spricht neben ihrer Muttersprache Marathi auch Hindi und ein wenig Englisch.

Viele ihrer Kolleginnen sprechen im Gegensatz dazu kein Englisch, weil sie nur einige Jahre zur Schule gegangen sind – oft aus finanziellen Gründen oder da sie jung geheiratet hatten. Beide Frauen haben eines gemeinsam: Wer bei „Kutumb Sakhi“ arbeitet, trägt wesentlich zum Familieneinkommen bei. Bei der Einstellung wird darauf geachtet, dass es sich um Frauen handelt, die den Job brauchen, um ihre Familie zu unterstützen.

Eine Kooperative, die der Zeit trotzt

Die Initiative geht auf die Frauenrechtlerin und Soziologieprofessorin Chandrakala Hate (Si apre in una nuova finestra) zurück, die diese vor mehr als 40 Jahren gemeinsam mit der Mumbaier Sozialarbeiterin Vandana Navalkar gegründet hat. 1977 stellten sie bei einer Umfrage fest, dass Hausfrauen aus der unteren Mittelschicht gerne arbeiten würden, ihnen aber Beschäftigungsmöglichkeiten fehlten. Also hatten die beiden einen Plan: Lokale Küche aus dem Bundesstaat Maharashtra, von Frauen gekocht und für einen erschwinglichen Preis verkauft. 

Ihre Geschäftsidee ging auf, sie fanden eine Nische, mit der sie sich selbst finanzieren. Noch heute lassen sich Familienrezepte aus der Küche der Pathare Prabhu-Community (Si apre in una nuova finestra) wiederfinden, die Vandana Navalkar beigesteuert hat. Dazu gehören süße Pfannkuchen, sogenannte „Tel Poli“. Sie sind rund und in eine durchsichtige Hülle gepackt am Stand zu finden. Eigentlich werden sie nur zu besonderen Anlässen zubereitet, doch sie sind so beliebt, dass sie täglich angeboten werden – genau wie die Süßspeise Laddu, ein kugelförmiges Konfekt.

Doch „Kutumb Sakhi“ ist mehr als eine Imbiss-Initiative. „Für die Frauen ist es nicht nur ein Job, es ist ihre Lebensgrundlage“, erzählt Reshma Navalkar. Morgens ist sie in der Zentrale anzutreffen, die sich etwas versteckt am Ende des Stadtparks S.K. Patil befindet. Sie arbeitet am Schreibtisch, überblickt die Unterlagen und hat ein offenes Ohr für die Frauen.

„Unter den Mitgliedern sind viele Alleinerziehende, Geschiedene und Witwen“, erzählt die 59-Jährige, Tochter der Mitgründerin mit klaren Zielen und deutlichen Worten. Sie weiß, dass es für Frauen in Indien nach wie vor nicht einfach ist, berufstätig zu sein. „In den meisten Haushalten müssen Frauen, die arbeiten möchten, zuerst ihre Pflichten wie den Haushalt erledigen.“ Dazu kommt die Care-Arbeit für die eigenen Kinder und oftmals für die Eltern des Mannes.

Frauen sind auf dem indischen Arbeitsmarkt statistisch gesehen so wenig vertreten wie in kaum einem anderen Land der Welt. Nach Angaben der indischen Regierung habe sich die Erwerbsquote innerhalb weniger Jahre jedoch auf 37 Prozent (Si apre in una nuova finestra) verbessert, die Weltbank (Si apre in una nuova finestra) rechnet für 2022 noch mit 26 Prozent (in Deutschland liegt sie bei 47 Prozent). Dass sie so niedrig ist, überrascht vor allem in Städten wie Mumbai, wo es sich nur wenige Frauen leisten können, nicht erwerbstätig zu sein. 

Trotz Hindernissen geht es weiter

Eine weitere Herausforderung war für Frauen das Jahr 2020. Zu Beginn der Pandemie verfolgte Indien zunächst eine harte Anti-Corona-Politik: Ein strenger Lockdown wurde ausgerufen und erst schrittweise wieder gelockert. Auch „Kutumb Sakhi“ musste die Imbisse für mehrere Monate schließen. Die Angestellten wurden weniger, einige zogen aus den Ballungszentren in ländlichere Gebiete. Doch aufgeben kam nicht in Frage.

„Es hat fast ein Jahr gedauert, bis wir wieder den Betrieb wieder voll aufnehmen konnten“, erinnert sich Navalkar. Die Jahre 2020 und 2021 waren schwierige gewesen. Die Stammkundschaft war geblieben, aber die Kundschaft allgemein war zurückgegangen. Trotz dieser Herausforderungen seien sie inzwischen wieder auf Kurs. Nun heißt es, doppelt so hart zu arbeiten. Von ein paar Filialen haben sie sich getrennt. Gleichzeitig sei das Geschäft mit den Essensbestellungen gestiegen.

Während sie sich als Schatzmeisterin um die Finanzen und die Verwaltung kümmert, macht ihre Mitarbeiterin Sauli Salunkhe am Nachmittag die Tagesabrechnung. Am Tresen am Eingang kommen unterdessen immer wieder Kund*innen vorbei, darunter viele Schüler*innen, um Snacks zu kaufen, bis zur Schließzeit um 19 Uhr. Es sind viele Hände, die helfen.

„Die zahlreichen Genehmigungen und Lizenzen, die jedes Jahr erneuert werden müssen, machen es für eine einzelne Person fast unmöglich, sich um alles zu kümmern“, so Navalkar. Zum Glück muss sie das gar nicht, denn hinter der Kooperative steht ein Team. Es sind die Geschichten der Frauen, die sie motivieren, weiterzumachen. Sie seien ihre wichtigste Antriebsfeder. Hinter ihrem Schreibtisch steht ein Bild ihrer Mutter Vandana Navalkar. Ihre Idee wird von ihrer Tochter und all den anderen Frauen weitergetragen.

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