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Oft habe ich den Eindruck, dass unsere Freund*innen nicht wirklich altern. Für einen Teil von uns scheinen sie immer in dem Alter zu bleiben, als wir uns kennenlernten. Es ist, als läge sich ein Instagram-Filter über ihre Gesichter. Wir nehmen zwar wahr, dass sie älter werden, aber nicht auf eine Weise, die der Realität entspricht. Fremde, Bekannte, Kolleg*innen und auch wir selbst bekommen irgendwann zerfurchte Gesichter. Doch bei unseren Freund*innen ist unser Blick voreingenommen. So voreingenommen, dass er den Weltläuften und der Zeit die kalte Schulter zeigt.

Für einen bestimmten Teil von mir wird etwa Beatrice, die ich ich vor 14 Jahren in New York kennengelernt habe, immer Mitte 30 bleiben und in der schwülen Augustsonne Kleider tragen, deren Ausmaße ungefähr denen einer Stoffserviette entsprechen. Wir werden auch immer in irgendeiner Bar in Williamsburg sitzen. Oder auf den Treppenstufen eines Brownstones im Greenwich Village und mit offenem Mund James Gandolfini auf uns zukommen sehen, der sich gutmütig an uns vorbeischlängelt, um seine Wohnungstür aufzuschließen. Oder auf einem Dach im East Village, um mit einigen Menschen, die uns viel bedeuten, unter dem weiten Nachthimmel von Manhattan, umgeben von den aufsteigenden Straßengeräuschen zu feiern. Seither ist so viel geschehen und wenn wir uns heute sehen, registriere ich natürlich, dass unsere jeweilige Lebenswirklichkeit diesem intuitiven Wissen nicht entspricht. Doch in der Regel ist das ein Widerspruch, mit dem ich leben kann.

Ich habe Beatrice im letzten Sommer kennengelernt, in dem ich in New York lebte. Die Beziehung zu meinem Partner war ein Jahr zuvor in die Brüche gegangen.Ich hatte mein erstes Buch geschrieben, dessen Tantiemen sich, obwohl es sich in Deutschland gut verkaufte, schneller in der teuren New Yorker Luft auflösten, als ich blinzeln konnte, und verdiente mein Geld damit, dass ich als private chef für reiche Leute in der Upper East Side kochte.

Als Beatrice und ich uns auf einer Party zur Eröffnung eines Buchladens vorgestellt wurden, reagierte ich zunächst verhalten. Um ehrlich zu sein, war mein erster Gedanke: Jesus, schon wieder so ein typisch hippes Berlin-Mitte-Girl! Ich konnte kaum an mich halten, nicht die Augen zu verdrehen. Berlin galt unter New Yorker*innen damals als die coolste Stadt der Welt und dieser Hype ging mir wahnsinnig auf die Nerven, weil ich so froh war, der Stadt und Deutschland ein paar Jahre zuvor entkommen zu sein. Doch schon nachdem wir uns eine halbe Stunde lang unterhalten hatten, konnte ich mir mein Gefühl nicht erklären, diese Person, die nur für ein paar Wochen in der Stadt war, schon immer gekannt zu haben. Unser Gespräche hatte so etwas Sprudelndes, wir mussten so viel lachen, begeisterten uns für so viele ähnliche Sachen. Und ich fand es so irre, wie sie über die Welt dachte und was sie aus ihrem Leben machte. Irgendwie wurde ich den Eindruck nicht los, wir wären fast so etwas wie Geschwister.

Mein Problem war, dass ich nicht nach Berlin zurückwollte. Ich wusste, dass meine Zeit in New York an ein Ende gekommen war, dass ich mein dortiges prekäres Leben vielleicht noch ein paar Jahre, aber nicht länger aufrechterhalten konnte - und wollte es nicht wahrhaben. George W. Bush hatte die USA unter wahrscheinlich bewusster Anführung falscher Tatsachen in einen Krieg geführt, der nicht enden wollte, und durch die Aufhebung fast aller Finanzmarktregulationen eine grotesken Spekulationsspirale in Gang gesetzt, die erst langsam und dann mit voller Wucht zu einer weltweiten Finanzkrise anwuchs. Meine wohlhabenden Klienten, die nicht zuletzt aufgrund solcher Spekulationen so wohlhabend waren, begannen zu sparen und gaben weniger Dinnerpartys. Einige baten mich, mein ohnehin nicht besonders hohes Honorar zu senken. Die Honorare, die ich für meine Artikel in deutschen Zeitungen und Zeitschriften bekam, rangen einem in New York höchstens ein müdes Lächeln ab. Viele meiner Freunde und Freundinnen waren im Begriff, der Stadt den Rücken zu kehren, weil ihre Arbeitsverträge ausliefen oder sie genug vom anstrengenden Leben dort hatten. Einige von ihnen zogen tatsächlich nach Berlin. Ich hatte begonnen, zu viel zu trinken und zu viele Drogen zu nehmen und in bestimmten Momenten der Klarheit wurde mir deutlich, dass das ein großes Problem war. Ich hatte keine Krankenversicherung. Ich konnte nur für ein Wochenende irgendwohin fahren, wenn mich ein Freund, der gut verdiente und mir ohnehin schon viel zu oft unter die Arme griff, dazu einlud.

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich die Entscheidung, mein Leben in New York abzubrechen und nach Berlin zurückzukehren, schon getroffen hatte, bevor ich Beatrice kennenlernte, oder ob ich sie traf, während ich begann die meisten meiner freien Tage jenes Sommers mit ihr zu verbringen. In jedem Fall, und wahrscheinlich weiß sie das gar nicht, machte sie es mir so viel einfacher, in die Stadt zurückzukehren, in die ich nicht zurückkehren wollte. Beatrice nahm mir den Schrecken vor Berlin. Nicht nur, weil ich wusste, dass es dort nun noch einen Menschen geben würde, der mir nahestand und mit dem ich über Vieles reden konnte, über das ich mit anderen Menschen nicht redete. Sondern auch, weil sie mir zeigte, dass man an zwei Orten zugleich leben konnte, dass man eine Stadt wie New York auch lieben, kennen und genießen konnte, wenn man woanders wohnte. Dass diese Stadt und das Leben dort, auch in Zukunft nicht aus der Welt sein mussten. Ich brauchte lange, bis ich ihrem Beispiel wirklich folgen konnte. Aber in einem gewissen Sinne tue ich das bis heute.

Hoffentlich werden Beatrice und ich noch so viel mehr erleben, als das, was wir in und seit jenem Sommer erlebt haben. Hoffentlich werden wir beide und wir alle alt und runzelig - so alt und runzelig, dass Bush und die Finanzkrise wie ein so weit zurückliegendes Stück Geschichte wirken wie Kennedy und die Kubakrise, Nixon und Watergate oder Reagan und der Kalte Krieg. Doch ich werde dieses innere Bild von Beatrice und ihren Serviettenkleidern in der Sommerhitze New Yorks, werde die Personen, die sie und ich damals waren, immer zu schätzen wissen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum unser inneres Auge mit seinem Instagram-Filter dafür sorgt, dass die Menschen, die uns so lieb sind, nur ganz langsam altern: Weil die Begegnungen mit ihnen so einschneidende Ereignisse waren und unserem Leben, ohne, dass wir es damals wussten, eine neue Richtung gegeben haben. Sie sind Zeug*innen für die Menschen, die wir damals waren - und wir schauen sie auch mit den Augen genau jener Menschen an.

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