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Unruhige Geister

Zum Abschluss der Lesereise las ich in einer psychiatrischen Klinik. Als ich am Morgen danach aufwachte, wusste ich, warum ich mich den Leuten dort so nahe fühlte

Dear all,

vergangene Woche ist die Lesereise zu Ende gegangen, die mich fast den ganzen März über durch viele deutschsprachige Städte geführt hat. Das war eine herausfordernde, aber auch schöne Erfahrung.

Die letzte Lesung führte mich in die psychiatrische Abteilung der Schlossparkklinik in Berlin. Es war mir ein Bedürfnis, dort zu lesen. Ich hatte schon vor knapp zehn Jahren eine Lesung aus „Nüchtern“ dort und die war mir gut in Erinnerung geblieben. Die Veranstaltungen in der Klinik sind gratis. Die Mischung im Publikum aus Patient*innen und Leuten von außerhalb hat etwas Besonderes. Und das Fehlen einer Moderation, das mich sonst stören würde, sorgt hier für einen direkten Austausch, ein unmittelbares Gespräch mit den Anwesenden, das mir beim letzten Mal sehr gefallen hatte. Im Laufe der Lesereise machte ich Freund*innen gegenüber immer mal wieder den Witz, dass ich nach meinem absurden Arbeitspensum diesen Monat eigentlich auch gleich dort bleiben könnte. Doch irgendwann fragte ich mich, ob das wirklich so witzig war. Denn auch wenn ich mich den Patient*innen der Klinik nahe fühlte, war ich ja in der Lage, mein Leben einfach so, außerhalb diesen Wänden zu führen.

Die Organisatorin warnte mich vor, dass einige Patient*innen vielleicht früher gehen würden, weil die Lesungen manchmal ihre Konzentrationsfähigkeit überforderten, und ich senkte meine Erwartungen. Doch stattdessen traf ich auf einen berstend vollen, hochkonzentrierten Raum, der zwischen den Stellen, die ich las, so kluge und häufig auch so bewegende Fragen stellte.

Ich fand die Veranstaltung schließlich eine der schönsten auf dieser Tour. Das lag sicherlich mit am Wissen, dass ich es hiernach überstanden hätte und ich mir ein Wochenende frei nehmen könnte. Aber vor allem lag es am Publikum. Die Organisatorin warnte mich vor, dass einige Patient*innen vielleicht früher gehen würden, weil die Lesungen manchmal ihre Konzentrationsfähigkeit überforderten, und ich senkte meine Erwartungen. Doch stattdessen traf ich auf einen berstend vollen, hochkonzentrierten Raum, der zwischen den Stellen, die ich aus „Die Zeit der Verluste“ las, so kluge und häufig auch so bewegende Fragen stellte. Ein Patient stellte laut drei Fragen nacheinander und gab dann anscheinend irgendwie zufrieden Ruhe. Eine Studierende wollte über intergenerationales Trauma reden. Ein Arzt fragte nach der Möglichkeit, die Sprachlosigkeit zu überwinden, die mit jeder Form von Trauer einhergeht. Und eine andere Patientin berichtete darüber, wie sie unter den dramatischsten Umständen einen großen Teil ihrer Familie verloren und gelernt hatte, irgendwie weiterzuleben. Früher ging nur ein Mann, der sich beim ganzen Raum dafür entschuldigte, aber jetzt zurück nach oben auf die Geschlossene müsse, wie er sagte, es brauche sich niemand Sorgen zu machen. Was ziemlich lustig war und für die Lacher sorgte, auf die er gehofft hatte. Es war ein durch und durch wunderbarer Abend.

Ich ging sehr beschwingt nach Hause, doch als ich am nächsten Morgen aufwachte, merkte ich, dass es mir die nächsten Tage nicht gut werden würde. Ich öffnete die Augen mit der vollen Breitseite einer jener Depressionen, die mich nach Lesereisen und auch sonst im Leben immer wieder einholen. Es fühlte sich fast wie eine biochemische Reaktion auf das Wegfallen einer langanhaltenden Anspannung an, eine Reaktion auf eine langanhaltende, reizüberflutete Phase der Überforderung, die mein Körper als eine Art Kriegszustand zu registrieren scheint. Ich kannte das schon und war nicht überrascht von der Wolke, die über mir schwebte und auch für die nächsten Tage nicht von mir weichen sollte.

Ich habe in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten schon oft therapeutische und psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen. Ich hatte nur ein etwas mehr Glück gehabt als viele der Patient*innen in der Klinik. Und falls mich dieses Glück mal verlassen sollte, hätte ich auch gerne jemanden, der dorthin kommt und liest.  

Ich begann gleich nach dem Aufwachen all die Dinge zu tun, die mir in solchen Situationen ein wenig helfen: Ich ging zu La Maison, um mir ein wirklich gutes Mandelcroissant zu kaufen. Ich legte mich aufs Sofa und las, räumte nach und nach meinen Koffer aus und arbeitete ein wenig auf der Terrasse, düngte, schnitt, jätete, säte in Erwartung auf den Frühling. All das nützte etwas und zugleich nützte es nichts, aber das kannte ich ja auch schon. Und irgendwann fiel mir ein, warum ich eigentlich in der Klinik hatte lesen wollen: Ich fühlte mich den Patient*innen dort nicht nur nahe, sondern war mir bewusst, dass ich an mehreren Punkten meines Lebens auch nah dran gewesen war, selbst einer von ihnen zu werden. Ich habe in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten schon oft therapeutische und psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen. Ich hatte nur ein etwas mehr Glück gehabt als viele der Patient*innen in der Klinik. Und falls mich dieses Glück mal verlassen sollte, hätte ich auch gerne jemanden, der dorthin kommt und liest.             

Inzwischen ist die Wäsche aus dem Lesereisenkoffer gewaschen und im Schrank verstaut. Die Terrasse ist für den Frühling gerüstet, ich sitze wieder brav jeden Tag am Schreibtisch und es geht mir ein wenig besser. Ich bin so froh, die Lesereise gemacht zu haben. Ich konnte mit vielen Menschen sprechen und hatte so häufig den Eindruck, dass zumindest bei den Veranstaltungen mein Anliegen irgendwie aufgeht, mit den Büchern anhaltende Gespräche darüber anzustoßen, worüber wir sonst nicht sprechen. Etwa über psychische Probleme. Denn dass ihr Stigma immer noch anhält, liegt auch daran, dass wir nach wie vor viel zu wenig über sie reden. Daran, dass uns eine gemeinsame, alltägliche und trotzdem präzise Sprache fehlt, das zu tun. Doch daran lässt sich arbeiten. Lesung um Lesung.

Habt’s gut und passt auf euch auf!

Alles Liebe, Daniel

P.S. Der heutige Newsletter wird vom Suhrkamp-Verlag mit einem Hinweis auf ein sehr empfehlenswertes Buch über psychische Krankheiten und unseren Umgang mit ihnen unterstützt. Auf den Inhalt des Newsletters hatte das Sponsoring trotz der thematischen Überschneidung keinen Einfluss. Lesen solltet ihr Lea De Gregorios „Unter Verrückten sagt man Du“ dennoch!       

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Warum gilt die Psychiatrie eigentlich immer noch vielen als Tabuthema? Wer entscheidet in unserer Gesellschaft überhaupt darüber, wer als normal, wer als ›verrückt‹ gilt? Diesen und weiteren Fragen widmet sich Lea De Gregorio in ihrem neuen Buch »Unter Verrückten sagt man Du«. Eine dringende Psychiatrie- und Gesellschaftskritik. Mehr Infos zum Buch gibt es hier: http://shrk.vg/UnterVerrueckten-S (Si apre in una nuova finestra)

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