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Liebe Leserïnnen,

eigentlich war der 5. Oktober ein Tag, auf den ich mich gefreut hatte. Dann eröffnet in Berlin die Ausstellung „Game Over“. In einer ehemaligen Spielhalle am Nollendorfplatz, die demnächst abgerissen werden soll, zeigen die Dixons urbane und virtuelle Kunst vieler ganz unterschiedlicher Künstlerïnnen. Das gab's schonmal 2017, hieß "The House", fand in einer ehemaligen Volksbank in der Nürnberger Str. statt, und die Berlinerïnnen standen Schlange. Auf "Game over" wollte ich mich eigentlich freuen, doch der folgende TV-Beitrag drehte meine Vorfreude in Ärger um (ab Minute 23:30):

https://youtu.be/xrYnro5IBL4?t=1410 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Das hier, liebe Kinder, ist der Grund, warum man auf Koks keine Interviews gibt. Aber mir geht es natürlich nicht um den Substanzkonsum der Dixons, sondern um NFTs. Die sind zwar gerade der heiße Scheiß im Kunstmarkt, aber was NFTs eigentlich sind, haben viele noch nicht so richtig verstanden. Jedenfalls nicht die Dixons. Nein, NFTs sind keine digitalen Kunstwerke, „wo nur du den Schlüssel hast, dir dieses Kunstwerk anzuschauen“.

Aber was sind "Non Fungible Tokens" (NFTs) dann? Folgendermaßen:

Der Begriff Token stammt aus dem Gebiet der Blockchains und Kryptowährungen. Ähnlich wie ein Eintrag ins Grundbuch das Eigentum an einer Immobilie dokumentiert, verbürgt ein Token in einer Blockchain das Eigentum an einem digitalen Gut, zum Beispiel an einer gewissen Anzahl an Bitcoin. Bei NFTs handelt es sich allerdings um Güter, die nicht austauschbar (fungible) sind und einen Wert haben, der über den reinen Gebrauchs- und Materialwert hinausgeht. Eine Münze lässt sich immer durch eine andere Münze gleichen Werts ersetzen, eine Bitcoin durch eine Bitcoin – aber nicht dieser eine ganz bestimmte Glückspfennig, dieser ist non-fungible. NFTs sind also auf einer Blockchain gespeicherte Zertifikate über das Eigentum an einem einzigartigen Objekt, einem Kunstwerk beispielsweise, das digital sein kann aber nicht muss. So hat kürzlich Tim Berners Lee, der Erfinder des World Wide Web, eben dieses als NFT versteigert. Der Käufer erhielt die Kopie einer Textdatei mit dem Quellcode der ersten Version des WWW und ein digitales Zertifikat, das ihn als Eigentümer ausweist.

Doch warum sind manche Menschen bereit, Unsummen für NFTs auszugeben? Dass mittlerweile virtuellen Gütern, die nur im Computer existieren, ein realer, auch monetärer Wert beigemessen wird, ist ein Produkt der Gaming-Kultur. In vielen Computerspielwelten können sogenannte Items erspielt werden, virtuelle Gegenstände, die im Spiel nützlich sind oder auch als Statussymbol dienen, weil sie zeigen, dass ihr Inhaber sie mit Ausdauer und Geschick erspielt hat. Andere Items können mit im Spiel erworbenem Geld gekauft werden. Viele Online-Spiele gingen schließlich einen Schritt weiter und ermöglichten den Kauf von Items mit echten Dollars oder Euros, zum Beispiel indem diese in virtuelle Währungen umgetauscht werden. »Fortnite«, eines der erfolgreichsten Games unserer Zeit, finanziert sich vollständig aus dem Handel mit solchen virtuellen Gütern, das eigentliche Spiel ist gratis. Ein anderer Pionier dieses Geschäftsmodells war das Online-Rollenspiel »World of Warcraft«, um das sich ein Markt bildete, auf dem Gamerïnnen ihre erspielten Items zum Kauf anboten.

Im virtuellen Gegenstand können also gleich mehrere Formen von Wert stecken: geronnene Arbeitszeit der Gamerïn, der soziale Wert des Statussymbols, der an Exklusivität geknüpft ist – und natürlich ein monetärer Marktwert, wobei sich der Preis, wie bei vielen Gütern, mit Knappheit in die Höhe treiben lässt. Kein Wunder, dass der Handel mit virtuellen Gütern auch den Kunsthandel erreicht hat.

Den Kunsthandel stellte die digitale Kunst bisher nämlich vor Schwierigkeiten: Als hätte es Walter Benjamin und seinen berühmten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ nie gegeben, interessieren sich Kunstsammlende noch immer für das Eigentum am originalen Werk. Aber während die Mona Lisa in der Tat etwas verliert, wenn man sie als papierne oder digitale Reproduktion betrachtet statt als Ölgemälde im Louvre, ist Digitalkunst Software und als solche technisch einwandfrei kopierbar. Es gibt kein Original mehr, alle Kopien sind echt.

NFTs sind der Versuch, Aura, Einmaligkeit und Echtheit für virtuelle Kunstwerke mit digitalen Mitteln herzustellen. Echt, einmalig und nachträglich nicht änderbar ist zwar nicht das Kunstwerk selbst, aber das Blockchain-Zertifikat, das eine Art Eigentümerschaft bestätigen soll. Diese Eigentümerschaft ist allerdings nur symbolisch, denn mit ihr korrespondiert keine Verfügungsgewalt über ein Objekt. Das Original der Mona Lisa kann die Eigentümerïn in den Safe sperren. Eine Kopie des Quelltexts des World Wide Web in den Safe zu sperren, ist hingegen sinnlos, denn mit einer Google-Suche lässt sich binnen Sekunden eine identische Kopie finden.

Kritikerïnnen vergleichen NFTs deshalb mit dem Versuch windiger Geschäftemacherïnnen, Grundstücke auf dem Mond zu verkaufen. Das wird den NFTs jedoch nicht gerecht. Während es für Grundeigentum auf dem Mond bislang keine anerkannte rechtliche Grundlage gibt, haben digitale Kunstwerke Eigentümerïnnen. Es gibt zwar kein Original des WWW, das Tim Berners-Lee verkaufen konnte, aber eine zum Original erklärte Kopie des Quelltexts sowie die Tatsache, dass dieser Quelltext einst von ihm verfasst worden ist. Und offenbar ist es Menschen etwas wert, sagen zu können, dass diese „Originalkopie“ ihnen gehört.

Ist das eine Absurdität oder eine neue Form werthaltiger Rechtstitel? NFTs haben einen bilanzierbaren Wert, der oft sogar in die Millionen geht. Und dass Dinge, deren Materialwert gegen null geht, dennoch kraft sozialer Konvention einen monetären Wert besitzen, ist nichts Neues.

An NFTs wird dann auch weniger diese Form virtuellen Eigentums kritisiert, als dass diese in einer Blockchain gespeichert werden. Eine solche erfüllt den Zweck einer öffentlich geführten Buchhaltung, in der Transaktion für Transaktion festgehalten und die Einträge kryptographisch so miteinander verkettet werden, dass diese nachträglich nicht verändert werden können. Echtheit und Identität von digitalen Prozessen könnten natürlich auch ohne Blockchain mit mathematischen Verfahren belegt werden, sonst hätte es vor der Erfindung der Blockchain kein Online-Banking geben können. Auch NFTs könnten bestens ohne Blockchain funktionieren, doch offenbar macht die Verwendung des Buzzword, das wegen der Spekulation mit Kryptowährungen einen Hype erlebte, einen Teil ihrer Attraktivität aus.

Die Frage, wie sinnvoll es ist, NFTs auf einer Blockchain zu speichern, wäre kaum relevant, wären Blockchains aufgrund der für ihr Funktionieren notwendigen riesigen Rechenkapazitäten nicht so außerordentlich energieintensiv. Der Künstler und Ingenieur Memo Akten hat rund 18 000 Versteigerungen auf einem NFT-Marktplatz namens »Superrare« ausgewertet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und kam zu dem Ergebnis, dass die durchschnittliche Versteigerung eines NFT auf der Ethereum-Blockchain 340 Kilowattstunden an elektrischem Strom verbrauche und damit schätzungsweise 211 Kilogramm CO2 erzeuge. Das entspricht dem Künstler zufolge ungefähr dem monatlichen Stromverbrauch einer durchschnittlichen EU-Bürgerïn. Beim täglich tausendfachen Handel mit NFTs auf den diversen Handelsplätzen kommt da einiges zusammen.

Von den Klimaschäden abgesehen stellt sich auch die Frage, ob der Verkauf von NFTs nicht doch als Schwindelei zu betrachten ist. Das hängt wohl auch davon ab, ob den Käuferïnnen klar ist, was sie da kaufen: Ein Token, das auf eine Adresse im Internet verweist. Mehr nicht. An dieser Adresse kann sich ein digitales Kunstwerk oder dessen Abbildung oder Beschreibung befinden, aber auch einfach nichts, wenn ein Server abgeschaltet wurde oder Daten verloren gegangen sind. Und das scheint längst nicht allen klar zu sein, die sich für NFTs interessieren.

Es häufen sich Klagen von Käuferïnnen, die die von ihnen erstandenen Kunstwerke im Internet nicht mehr auffinden können. Ihre NFTs sind und bleiben zwar in der Blockchain eingetragen, verweisen jedoch auf Nichts. Deshalb wird es vor allem bei teureren NFTs immer beliebter, den Käuferïnnen zusätzliches materielles Beiwerk zu übergeben, wie ausgedruckte und handsignierte Versionen des Quellcodes im Fall des WWW. Den Wunsch, eine einmalige, auratische, an Zeit, Ort oder wenigstens eine Adresse im Internet gebundene Manifestation eines Kunstwerkes zu besitzen, scheint ein reines Token wohl doch nicht zu aller Zufriedenheit zu erfüllen.

Dass die Dixons also mal wieder eine Ausstellung in einem Abrisshaus organisieren, kann eins sicherlich ganz geil finden, aber dass die Kunstwerke dort als NFTs verkauft werden sollen, ist angesichts der Klimakatastrophe sehr ungeil.

Ein schönes Restwochenende wünscht

Enno Park

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