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Mehr Licht im Dunkeln

Stromausfälle im Libanon

Der Traum von durchgängigem Strom im Libanon ist mit der Wirtschaftskrise in weite Ferne gerückt. Könnte Solarenergie nicht nur die Lichter wieder anmachen, sondern das politische System im Libanon transformieren?

Von Julia Neumann, Beirut

Im Sommer drehen sich in Beirut die Ventilatoren der Klimaanlagen, die an den Häuserwänden befestigt sind. Die Kompressoren arbeiten auf Hochtouren, das Rödeln der Kästen mischt sich zu den Straßengeräuschen. Auch diesen Sommer ist lautes Summen der ständige Unterton der Stadt – doch das stammt nicht von den Klimaanlagen, sondern von Stromgeneratoren. Es sind Notstromaggregate, die in Kellern oder auf der Straße vor Frisierläden und Bäckereien stehen. Ohne sie hätte die Stadt keine Elektrizität.

Denn der Staat schickt nur zwei Stunden am Tag Strom – und das meist nachts. Der Rest der Zeit wird mit privaten Generatoren überbrückt. Die sind eigentlich für Baustellen oder Campingplätze gedacht. Diesel liefert die Bewegungsenergie, die einen Motor antreibt, der wiederum Strom erzeugt. Dabei schleudern die Geräte schwarze Partikel und stinkende Abgase in die Nachbarschaften.

Die Notstromversorgung hat vor der Krise im zentralen Beirut drei Stunden von der Politik gewollter Stromausfälle, im Umland sechs und in manchen Dörfern sogar zwölf Stunden überbrückt. Jetzt ist sie zur Hauptversorgung geworden. Seit 2019 ist der Libanon in einer Wirtschaftskrise, die lokale Währung hat mehr als 90 Prozent an Wert verloren. Davon ist natürlich auch der Energiesektor betroffen.

Das günstigste Modell reicht gerade mal für ein paar Leuchten, den Kühlschrank und Ladegeräte für Handys und Co., an Waschmaschine oder Klimaanlage ist damit nicht zu denken. Der Monatspreis für zehn Ampere-Stunden Strom beträgt über fünf Millionen Lira – umgerechnet rund 170 Euro. Das Geld geht an die Generatorenbetreiber*innen, die die Leihgeräte warten und den Diesel bezahlen. Dieser muss zu marktüblichen Preisen in US-Dollar bezahlt werden – und ist daher für viele unerschwinglich. Zum Vergleich: Ein Soldat im Militärdienst bekommt monatlich einen Lohn von umgerechnet etwa 30 Euro.

Kollaps der Strombehörde

Fakt ist: Der Libanon ist bankrott. In den vergangenen Jahrzehnten rutschten die Staatshaushalte immer tiefer in die roten Zahlen, während die Regierungen grundlegende Reformen versäumten. Eine tragende Rolle spielt der Energiesektor, genauer: die staatliche Strombehörde EDL. Sie betreibt die Kraftwerke und kontrolliert 90 Prozent der Stromerzeugung des Landes. Seit 1992 ist es der EDL nicht gelungen, zuverlässig und durchgängig Strom für alle Menschen im Land zu liefern und ihr Budget auszugleichen.

Der Energiesektor alleine ist für 40 Prozent des Haushaltsdefizits verantwortlich. In den vergangenen zehn Jahren machte die Strombehörde durchschnittlich 1,5 Milliarden US-Dollar Verlust jährlich. Unter anderem muss das marode Netz modernisiert werden. Die fehlende Transparenz hat aber zu einem Vertrauensverlust der Öffentlichkeit geführt. Um Kredite zu geben, haben Entwicklungsbanken eine lange Liste an Reformanforderungen: Die EDL soll ihre Betriebsführung verbessern, ihre Finanzen neu ausrichten, das Netz reparieren und die Grundlast sichern.

Jessica Obeid ist Politikberaterin mit Fokus auf der Energiewende in der Levante. Sie erklärt, wie der Elektrizitätssektor im Libanon funktioniert – oder eben genau nicht: „Seit 1999 wurden keine Kraftwerke mehr gebaut, es gab nur geringfügige Zubauten von 270 Megawatt“. Der Grund sei die Machtteilung und das große Interesse aller Parteien im Energiesektor. „Der Energiesektor ist geschädigt, weil sie Interesse an der gesamten Wertschöpfungskette haben: Die Händler, Dritte, die den Kraftstoff transportieren, die Vertragsnehmer.“

Korruption zieht sich durch die Behörden

Alle schöpfen Geld ab und sind deshalb nicht an Erneuerung und Ausbau interessiert. „Und dann gibt es den Klientelismus, weil Leute im Energiesektor auf der Grundlage politischer Zugehörigkeit beschäftigt sind.“ So kommt es, dass Strom hauptsächlich aus importiertem Schweröl und Diesel gewonnen wird.

Ein Beispiel für die schädliche Korruption wurde 2020 öffentlich: Die algerische Firma „Sonatrach“ lieferte 15 Jahre lang Heizöl, das in libanesischen Kraftwerken verwendet wurde. Dann kam heraus, dass der Kraftstoff eine minderwertige Qualität (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat. Gegen den Generaldirektor der EDL wurde wegen „beruflichen Fehlverhaltens“ ebenso Anklage erhoben wie gegen den Generaldirektor der Ölinstallationsabteilung und den Generaldirektor für Öl im Ministerium für Energie – wegen Bestechung und Pflichtverletzung.

Letzterer wurde beschuldigt, Berichte gefälscht zu haben, um die Deals zugunsten des libanesischen Unternehmens „ZR Energy“ zu ermöglichen. Das Strafgericht hat noch kein Urteil (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gesprochen. „Und dann gibt es die Generatoren. Sie sind über das ganze Land verteilt, also alle herrschenden Parteien haben Leute, die mit dem Betrieb von Generatoren Geld verdienen. Die gesamte Generatorwirtschaft macht im Jahr zwei Milliarden US-Dollar Gewinn. Das ist riesig“, erklärt Obeid.

Die Regierung hat nur kurzfristige Lösungen

Die Regierunglinie sei Untätigkeit, sagt Jessica Obeid. „Sie verlassen sich darauf, dass aus dem Ausland kleinere Geldbeträge fließen, die nur das System am Laufen halten. Das sehen wir auch im Energiesektor: Diesel aus dem Iran, Strom aus Jordanien und Gas aus Ägypten. Nichts davon wird die Probleme des Sektors lösen.“

Ende Juni hatten Ägypten, Syrien und Libanon einen Deal unterzeichnet: Ägyptisches Gas soll über die sogenannte „Arab Gas Pipeline“, die auch durch Jordanien und Syrien läuft, in den Libanon gelangen.

Das Gas soll den Menschen in Beirut wenigstens vier Stunden Strom pro Tag bringen. Doch das Vorhaben ist abhängig von den USA: Die haben unter dem sogenannten „Caesar Act“ wirtschaftliche Strafmaßnahmen verhängt gegen alle, die mit dem Assad-Regime Handel treiben. Ägypten muss, will es Gas bis in den Libanon liefern, nicht nur mit diesem ein Abkommen schließen, sondern auch Transfergebühren an Syrien zahlen.

Die USA müssten ihre Sanktionen gegenüber Syrien lockern, damit Geld in die Reparatur des maroden Netzwerks gesteckt werden und im Anschluss das Gas fließen kann.

Zunächst soll die Weltbank für das Gas zahlen. Laury Haytayan ist Expertin in Beirut für den Öl- und Gassektor und regionale Direktorin des gemeinnützigen Instituts zur Steuerung natürlicher Ressourcen, kurz „NRGI (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“. „Das ist ein Kredit, doch wer zahlt später dafür?“, fragt sie. „Ohne Finanzreformen ist das nur eine kurzfristige Lösung. Und in ein paar Monaten haben wir wieder das gleiche Problem.“ Haytayan schlägt vor, das Geld lieber in den Aufbau der Infrastruktur zu stecken als in kurzfristige Gas-Lieferungen.

Solarenergie als Lösung für die Stromkrise?

„Es ist die Untätigkeit der Politiker, die zu mehr Abhängigkeit vom Ausland führt“, urteilt auch Energie-Expertin Obeid. Alternative Energien könnten den politischen Status quo verändern. „Eine Möglichkeit sind erneuerbare Energien in kleinem Maßstab – hauptsächlich Sonnenkollektoren auf Dächern, angetrieben von der Angst vor dem totalen Stromausfall.“ Auf manchen Häusern in Beirut, aber vor allem in den höher gelegenen Dörfern sind deshalb seit Neustem Solarpanele auf den Dächern zu sehen.

Der Markt für Solar ist da. Das libanesische Energiespar-Zentrum (LCEC (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)), das für den Staat die erneuerbaren Energien im Blick hat, zählte im März 2020 insgesamt 137 private Anbieter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) für Solarpanele im Libanon. Doch die Investition ist teuer, denn die importierten Kollektoren müssen in US-Dollar bezahlt werden. Für Vermieter*innen rentiert sich die Investition nicht, weil die Mieter*innen die Kosten für die zusätzliche Warmmiete nicht tragen können. Nur wenige kommen an die US-Dollar, die für importiertes Material fällig werden.

Eine Stadt produziert ihren eigenen Strom

Eine Lösung wären Gemeinde und Städte: Sie könnten solarbetriebene Anlagen installieren und den Betrieb mit dem Geld finanzieren, das sonst an die Generatorenbetreiber ginge. Die Stadt Zahlé hat sich mit einem eigenen, allerdings fossil betriebenen Generatorenbetrieb von der EDL unabhängig (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gemacht. Sie liefert ihren Bürger*innen Strom zu günstigen Preisen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Doch die sogenannte EDZ ist die Ausnahme.

Denn das Gesetz verbietet es: Demnach darf nur die EDL im Libanon Strom generieren und verkaufen. Das heißt, dass Eigentümer*innen für sich selbst Strom produzieren dürfen, sich aber strafbar machen, wenn sie ihren Mieter*innen Solarstrom zur Verfügung stellen und dafür Geld einnehmen. Private Anbieter*innen können auch keine alternativen Energien ins öffentliche Netz einspeisen. Obeid sagt, ein Gesetzesentwurf (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), das zu ändern, liege seit Jahren in einer Schublade im Parlament.

Selbst wenn es viel alternativen Strom zum Einspeisen gäbe: Das Netz sei zu alt, um das auszuhalten. Außerdem gebe es keine Aufklärung über verschiedene Batterien-Typen, Wechselrichter oder die Effizienz der Panele. „Manche Wechselrichter passen nicht zum Netz. Es braucht Batterien, die die Energie speichern – doch manche installieren Batterien, die nur ein Jahr lang halten. Das gibt einen riesen Haufen Abfall und wir haben keine Recyclinganlagen dafür.“

Vereinzelt springen Nichtregierungsorganistationen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)ein. Der Fundraiser „Licht für Libanon (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ hat 300 Gebäude, zehn Straßen, einen Park und einen Spielplatz mit Solarleuchten ausgestattet. In Beirut hat eine Hilfsorganisation solarbetriebene Ampeln aufgestellt. Die Solarpanele im Libanon werden zahlreicher. Solarenergie hat das Potential zu Veränderung, indem dem korrupten Energiesektor mit den Generatorenbetreiber*innen das Geld entzogen würde.

Doch da den Menschen die stabile Währung fehlt, um in den Sektor zu investieren und private Anbieter*innen durch ein Gesetz daran gehindert werden, in den Markt einzusteigen, bleibt es bei kleinen Initiativen. Die aber können den Staat und ein großflächiges Energienetzwerk nicht ersetzen.

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