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Geschlecht wirkt sich auf Gesundheit aus

Interview mit Herz-Expertin

Herzspezialistin Sandra Eifert spricht im Interview über die Bedeutung der Hormone, das „Broken Hearts Syndrome“ – und warum Frauen- und Männerherzen unterschiedlich funktionieren.

Von Anne Klesse, Hamburg

Prof. Dr. med. Sandra Eifert ist Oberärztin am Herzzentrum Leipzig und arbeitet seit 16 Jahren als Herzchirurgin. Mit der Ärztin Suzann Kirschner-Brouns hat sie das Buch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) „Herzsprechstunde. Warum das weibliche Herz anders ist und wie es gesund bleibt“ geschrieben.  

„Ein Frauenherz ist kein kleines Männerherz“, schreiben Sie in Ihrem Buch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Wo liegen die wesentlichen Unterschiede?

Zum einen gibt es anatomische Unterschiede: Der gesamte Frauenkörper ist durchschnittlich etwas kleiner. Auch das Herz mit all seinen Strukturen, etwa den Herzklappen oder den Gefäßen. Frauen haben aber auch generell weniger Muskulatur im Körper als Männer. Bei Männern ist die Muskelmasse im gesamten Körper testosteronbedingt höher, ihr Herzmuskel ist kräftiger und kann sich stärker kontrahieren. Das weniger muskulöse weibliche Herz kann mit jedem Schlag weniger Blut durch den Körper pumpen.

Um den Kreislauf trotzdem optimal zu versorgen, schlägt es deshalb pro Minute zehn Schläge schneller als das Herz eines Mannes. Auch reagieren wir Frauen viel schneller körperlich auf Stress. Wir verarbeiten ihn anders als Männer und verfügen über eine geringere Resilienz. Besonders unser Herz reagiert stärker auf Stress als bei Männern. Bei uns Frauen ist ein stärkerer Anstieg der Herzfrequenz und des Blutdrucks zu beobachten.

Für ein gesundes Herz sollten also gerade Frauen Stress vermeiden?

Richtig, das wäre gut – ist aber natürlich leichter gesagt als getan. Was aber wichtig ist: Weil unser Herz bei weniger Muskulatur die gleiche Leistung bringen muss wie ein Männerherz, muss es grundsätzlich mehr arbeiten.

 

Heißt das, Frauen haben generell mehr Herzleiden als Männer – oder ist es umgekehrt?

Jeder Mensch hat weibliche und männliche Anteile in sich, unabhängig vom biologischen Geschlecht. Auch unser soziales Geschlecht wirkt sich auf unsere Gesundheit aus – insbesondere, ob eine Krankheit überhaupt als Krankheit wahrgenommen wird. Es gibt konkrete Geschlechterunterschiede: bei den Risikofaktoren, der Diagnostik, in Bezug auf Therapie und den Verlauf. Wenn Frauen einen Herzinfarkt erleiden, sterben sie öfter als betroffene Männer.

Der Herzinfarkt ist in westlichen Ländern die häufigste Todesursache bei Frauen. Die Erforschung medizinischer Therapien ist bis heute vor allem auf Männer ausgerichtet, unter anderem, weil Frauen in Studien aufgrund des Risikos, schwanger zu werden, ausgeschlossen werden. Es gibt also einen „Gender Data Gap“, das mal vorweg. Alle Gefäßkomplikationen treten bei Frauen seltener auf, aber wenn, dann sind Krankheitsverlauf deutlich schlechter und Mortalität deutlich höher als bei Männern.

Müssen wir Frauen für ein gesundes Herz auf andere Dinge achten als Männer?

Das Frauenherz ist viele Jahre durch einen bestimmten Hormonstatus sehr gut geschützt vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Natur hat das für uns so eingerichtet, da wir für die Zeit der Gebärfähigkeit ein gesundes und starkes Herz brauchen, um einen zweiten Menschen mit ernähren und mit Blut und Sauerstoff versorgen zu können. Ein Mix aus Östrogen, Progesteron und Testosteron steuert alle wichtigen Vorgänge im weiblichen Körper. Vor allem die verschiedenen Östrogene schützen vor Gefäßerkrankungen, Progesteron, ganz vereinfacht gesagt, wirkt zum Beispiel auf das Gewebe, Knochen- und Fettstoffwechsel und schützt vor Entzündungen.

So ab Mitte 40 sinkt der Hormonspiegel: Mit weniger Östrogen im Körper entwickeln sich bei Frauen häufig Stoffwechselstörungen wie Diabetes, es gibt Veränderungen im Fettstoffwechsel und -haushalt. Östrogenabfall hat einen negativen Effekt auf den Blutdruck. Östrogen- und Testosteronmangel sorgen dafür, dass das Osteoporose-Risiko steigt. Der sinkende Progesteronspiegel sorgt für Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Das sind alles Risikofaktoren für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn der Blutdruck ansteigt und sich Ablagerungen in den Gefäßen bilden, ist das Herz nicht mehr vollständig geschützt. Deswegen sind Sport und eine gute Ernährung so wichtig.

Die häufigste Herzerkrankung, der Infarkt, äußert sich bei Frauen und Männern unterschiedlich...

Richtig. Männer haben meist die bekannten starken Schmerzen in der Brust bzw. hinter dem Brustbein, die in den linken Arm ausstrahlen können. Frauen haben oft unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung, Oberbauchschmerzen, Übelkeit. Diese unspezifischen Beschwerden werden oft fehlgedeutet und nicht rechtzeitig als Herzinfarkt erkannt. Doch vor allem, wenn diese Symptome wiederholt auftreten und sich bei Belastung verstärken, sollten sie unbedingt abgeklärt werden.


Theoretisch gibt es in Deutschland viele Leistungen, auch privat zu zahlende, die man machen könne – welche Untersuchungen sind sinnvoll?

Es sollten regelmäßig alle empfohlenen Präventionsuntersuchungen gemacht werden. Die Einnahme von Hormonersatzpräparaten in den Wechseljahren ist ein Thema, das sehr emotional diskutiert wird und Vor- und Nachteile hat. Östrogen etwa kann Studien zufolge Arteriosklerose verlangsamen und das Herz-Kreislaufsystem schützen. Regelmäßiger Sport, Konditions- als auch Kardiotraining sind in dieser Altersgruppe von besonderer Bedeutung. Der Kalorienbedarf reduziert sich ab diesem Zeitpunkt. Natürlich ist Rauchen sehr ungesund für das Herz, ebenso Fettleibigkeit. Jegliche Einnahme von Drogen schädigt das Herz. Eine gesunde Ernährung und viel Bewegung sind gut für die Herzgesundheit.

 

Ob Pubertät, Schwangerschaft, Fehlgeburten, Geburten, Stillzeit oder Menopause –bei Frauen spielen die Hormone in allen Lebensphasen eine starke Rolle. Wirken sich die hormonellen Schwankungen auch auf das Herz aus? 

Die Hormone spielen für unser gesamtes Leben eine entscheidende Rolle. Sie schützen die Gefäße und regulieren den Blutdruck. Und sie sorgen dafür, dass wir schwanger werden können. Es geht dabei immer um das der Lebensphase entsprechende hormonelle Gleichgewicht. Da unterliegen Frauen viel stärkeren Schwankungen. Fast immer regelt die Natur all dies ohne unser Zutun. In wenigen Fällen verhält es sich anders. Zum Beispiel bei Fruchtbarkeitsbehandlungen: Hierbei ist das Gesundheitsrisiko für das Herz und die Gefäße nicht ganz ohne. Wenn die Dosis an Hormonen zu hoch ist, kann es zu einer Überstimulation der Eierstöcke kommen.

Dann kann die Frau an ähnlichen Beschwerden leiden wie bei einer Schwangerschaftsvergiftung – das ist eine schwere Komplikation, zu der es bei Schwangeren selten kommt und die sich unter anderem auf die Herzgesundheit auswirken kann. Bei einer schweren Schwangerschaftsvergiftung sind das zum Beispiel Bluthochdruck und Gestationsdiabetes. Auf die gesamte Lebenszeit gesehen haben solche Patientinnen später ein doppelt erhöhtes Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt. Weil wir Frauen schon innerhalb des monatlichen Zyklus’ unterschiedliche Hormonspiegel haben, sind Männer insgesamt ausgeglichener – das ist besser für das Herz. Der Abfall der Hormone mit der Menopause hat vor allem negative Auswirkungen auf das Herzkreislaufsystem.

Auch bei einer Entbindung kann es zu Herzproblemen kommen.

Während der Wehen verändert sich durch die körperliche Anstrengung, die Schmerzen, Angstgefühle, Blutverlust und auch einer eventuellen Rückenmarksnarkose der gesamte Kreislauf inklusive des Blutflusses in den Gefäßen. Zudem wird mit jeder Wehe viel Blut aus dem Uterus in den Körper gepumpt. Dadurch steigt unter der Geburt das Blutvolumen, das pro Minute vom Herzen in den Kreislauf gepumpt wird, kontinuierlich an. Das ist eine große Anstrengung für das weibliche Herz. Bei Frauen mit Vorerkrankungen besteht das Risiko eines Lungenödems. In den letzten drei Monaten der Schwangerschaft bis sechs Monate nach der Entbindung kann eine spezielle, zum Teil schwere Herzschwäche auftreten.


Auch die Zahnhygiene kann bedeutend sein für die Herzgesundheit, schreiben Sie in Ihrem Buch.

Ja, in der Klinik sehe ich häufig, dass bestimmte Herzerkrankungen mit dem Mund, Nasen-, Rachenraum in Verbindung stehen. Wenn bestimmte Bakterien aus dem Mundraum über das Blut ins Herz geraten und sich dort an den Herzklappen anlagern, kann eine Herzklappenentzündung entstehen. Zahnfleischentzündungen sind für die Entwicklung weiterer Entzündungsherde im Körper maßgeblich verantwortlich und können ebenfalls eine Herzklappenentzündung auslösen. Besonders für Patientinnen, deren körpereigene Abwehr gestört ist, kann das unter Umständen gefährlich werden.

 

Eine der tragischsten Herzkrankheiten ist das sogenannte „Broken Heart Syndrome“. Wie sieht ein gebrochenes Herz aus?

Das „Broken Heart Syndrome“ lässt sich inzwischen sehr gut nachweisen. Es betrifft zu 95 Prozent Frauen, 90 Prozent sind älter als 50 Jahre. Es scheint einen hormonellen Zusammenhang zu geben, ist aber wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt. Wer schon einmal Liebeskummer hatte, weiß, dass sich dieser wie ein Herzinfarkt anfühlen kann: Manche spüren einen massiven Schmerz hinterm Brustbein oder in der linken Brustseite, unter Umständen mit Ausstrahlung in den gesamten Körper. Auch das EKG zeigt infarkttypische Veränderungen. Wenn diese Patientinnen in die Notaufnahme kommen, wird ein Herzkatheter gemacht.

Was zeigt sich dabei?

Anders als beim Herzinfarkt eben keine Veränderung in den Kranzgefäßen. Doch die linke Herzkammer ist verformt und sieht aus wie eine Art Krug. Tatsächlich kommt es zu einer vorübergehenden akuten Herzschwäche. Ursache ist wahrscheinlich eine Übererregbarkeit infolge von emotionalem Stress. Das können alle möglichen emotionalen Traumata sein, zum Beispiel auch schwere Erkrankungen von Nahestehenden oder Mobbingerfahrungen. Übrigens kann auch positiver emotionaler Stress – die Geburt eines Enkelkindes etwa – zu solchen Veränderungen der Herzkammer führen. Dann sprechen wir vom „Happy Heart Syndrome“.

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