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Mein lieber Sven,

meine Antwort hat diesmal aus verschiedenen Gründen etwas gedauert. Einer hat mit einem Film zu tun, den ich vor zwei Wochen sah. Mehrere Reporterteams der BBC haben Menschen besucht, die schon heute von der Erhitzung der Erdatmosphäre betroffen sind wie in einem wahr gewordenen Alptraum. Männer in Nigeria müssen so tief nach Wasser graben, dass sie es mit den Schaufeln in der Hand immer nur ein paar Minuten aushalten, weil sie das Gefühl haben, sonst zu ersticken. In Kuweit erzählt eine junge Mutter, dass sie und ihr Mann einen Schlauch an die Klimaanlage ihres Autos montiert haben, um kühle Luft nach hinten zu den Kindern zu leiten – sonst sind die Fahrten nicht mehr auszuhalten. Im Irak steht ein Landwirt vor seinem vertrockneten Feld und sagt: „Die Aussaat ist wie eine Lotterie – zehnmal ist die Ernte kaputt, einmal geht es gut.“ In Mexiko retten Sanitäter einen Mann vor dem Verdursten, der ausgedorrt auf der Straße liegt und sich nicht mehr bewegen kann. Und in Sydney sitzt eine Klimaforscherin in ihrem Haus und fragt sich mit zunehmender Verzweiflung, welche Welt sie ihrer Tochter hinterlassen wird. Der Film heißt „Leben bei 50° – Wenn Hitze zur Bedrohung wird“. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Bei den Dreharbeiten mussten die Reporterinnen und Reporter mitunter die Kamera abschalten. Sonst hätte die Hitze das Material zerstört. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) 

Ich würde gern schreiben, dass ich lange gebraucht habe, um mich davon zu erholen. Doch die Wahrheit ist: Von einem solchen Film kann man sich nicht frei machen. Hat man ihn einmal gesehen, wird er zum ständigen Begleiter.

Er ist in meinem Kopf, wenn ich morgens auf mein Fahrrad steige, um ins Büro zu fahren – der Beginn eines weiteren schönen Frühsommertags konfrontiert mich dann mit der Frage, wann es bei uns eigentlich das letzte Mal so geregnet hat, dass die Bäume um mich herum mit genügend Wasser versorgt wurden. In Kalifornien gibt es inzwischen Betriebe, die vertrocknetes Gras grün ansprühen, um weiter den Schein einer heilen Welt aufrechtzuerhalten. Bis vor ein paar Jahren dachte ich, so weit würde es bei uns erst in ein paar Jahrzehnten kommen. Inzwischen glaube ich das nicht mehr. Die BBC-Reportage ist in meinem Kopf, wenn ich an einem SUV vorbei fahre, der in einer Schlange vor einer roten Ampel steht. Ich würde gern ans Fahrerfenster klopfen und sagen: „Ich verstehe, dass das alles schwer zu ertragen ist. Auch ich würde gern lieber nicht sehen, in was für einem Ausmaß der Apokalypse wir inzwischen angekommen sind. Aber auch Sie können doch nicht länger die Augen davor verschließen, dass es nicht mehr in die Zeit passt, mit drei Tonnen Stahl 80 Kilogramm Mensch zu transportieren, wenn Sie für die gleiche Strecke die U-Bahn oder das Fahrrad nehmen können.“ Und ich habe die Menschen aus dem Film bei mir, wenn ich in den Radionachrichten einen Wetteransager höre, der am Abend mit großer Begeisterung einen weiteren Sommertag angekündigt mit Temperaturen an die 30 Grad – im Mai.

So sehr ich den Sommer liebe – ich kann mich darüber kaum noch freuen. Selbst die Wetternachrichten werden zu einem Liveticker des Grauens. Ich fühle mich dann wie ein Krebspatient, der beim Arzt sitzt und hört: „Sie werden es kaum glauben, aber: Wir haben schon wieder drei Metastasen entdeckt. Ist das nicht großartig? Sie müssen sich über die Zukunft keine Sorgen mehr machen – Sie haben ja keine mehr.“

Du hast in Deinem Brief geschrieben:

Die Frage ist aber natürlich: Wie sollen Menschen anfangen, sich den Kopf über Klimaentscheidungen zu zerbrechen, wenn sie nicht dafür sensibilisiert werden, dass das nun mal ununmgänglich-fucking-wichtig ist? Ich habe dazu keine Antwort. Noch nicht. Aber ich glaube irgendwo da ist der Schlüssel versteckt.

Ja, klar, da ist der Schlüssel versteckt. Meine erste Antwort lautet: indem sich möglichst viele Menschen damit konfrontieren, wie groß das Schlammassel ist, in dem wir stecken. Ich weiß natürlich, wie hart das ist. Es erfordert Mut und die Bereitschaft, sich selbst im Spiegel zu sehen. Mit allen Fehlbarkeiten und Gewohnheiten, die uns aus guten Gründen lieb und teuer sind. Ich bin niemandem böse, der weiter jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit fährt, weil ich weiß, wie sehr sich unser Bewusstsein nach Normalität und Stabilität sehnt. Ein Auto ist ja nicht bloß Fortbewegungsmittel. Sondern mehr noch Ausdruck von Unabhängigkeit und Freiheit, Rückzugsraum und mobiles Wohnzimmer. Der Mensch ist ein fehlbares Wesen, liebenswert und wahnsinnig. Er will für sich und seine Liebsten nur das Beste, ein Leben in Frieden und Glück. Und dann fährt eine Mutter ihre Kinder im Auto zur Schule, um ihnen den Schulweg auf dem Fahrrad zu ersparen, und trägt so dazu bei, dass in 50 Jahren Millionen Menschen mehr nach Europa fliehen werden als heute, weil deren Leben in Afrika oder dem Nahen Osten zur Hölle geworden sein wird, mit Temperaturen über 50 Grad, vertrockneten Ernten und verdursteten Tieren. Ihre eigenen Kinder werden in einer Welt leben, die sich noch bedrohlicher anfühlen wird als die von heute. Kann ich dieser Mutter böse sein? Ich müsste wohl. Aber ich will nicht.

Denn auch ich frage mich mitunter: Ist es wirklich gesund, sich in einer solchen Weise jeden Tag mit dem Schrecken zu konfrontieren, wie ich es tue? Natürlich nicht. Was bleibt an Freude übrig, wenn jeder Sonnenstrahl zu einem Boten des Untergangs mutiert?

Wer nur über Probleme nachdenkt, schafft Probleme. Wer über Lösungen spricht, Lösungen. Meine zweite Antwort auf diese Frage lautet deshalb: Wir schaffen es, Menschen zu sensibilisieren für die Unumgänglich-fucking-Wichtigkeit, indem diejenigen, die bereit und in der Lage sind, sich der Apokalypse auszusetzen, ihre eigenen Filter aktivieren und die Energien, die in ihnen dabei wach werden, in etwas Konstruktives und Inspirierendes verwandeln. Auch von diesen Menschen gibt es ja genug. Ich habe in den vergangenen Jahren so viele davon getroffen, dass sie auf mein Bewusstsein wirken wie eine Vitamintherapie mit schönen Gedanken.

Eine davon ist die Psychologin Katharina van Bronswijk, eine der Sprecherinnen der Psychologists For Future. Sie hat mir erst vor ein paar Tagen gesagt:

Die Kunst besteht darin, anzuerkennen, dass alles gleichzeitig passiert. Die Krisen genauso wie die positiven Entwicklungen.

Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann dies: Krisen sind schmerzhaft und anstrengend. Sie verlangen einem viel Kraft ab und fühlen sich manchmal an, als sei alles aussichtslos und vergeblich. Aber läuft man vor ihnen nicht davon, sondern stellt sich in ihren eisigen bzw. heißen Wind, können gerade daraus die Kräfte erwachsen, die das Leben bunter und reicher machen. Darauf vertraue ich auch jetzt. Und ist das nicht letztlich auch der tiefere Sinn in den 70, 80 Jahren, die wir auf diesem Planeten haben – Krisen aushalten, daran wachsen und immer wieder deren tiefere Wahrheiten entschlüsseln?

So betrachtet wird das Leben dann zu einem aufregenden Abenteuer. Und ein Sommertag zu dem, was es ist – ein Grund, rauszugehen und auf dem Fahrradsattel zum Takt der Musik auf und ab zu hüpfen.

Auf bald, ich muss los,
Dein Kai

https://www.youtube.com/watch?v=0Q967mzP7B8 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

(Gisbert zu Knyphausen – Sommertag)

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