WeinLetter #1: Liter-Flaschen

Liebe Wein-Freund:in,

Du liest den ersten WeinLetter, den zweiwöchentlichen Wein-Newsletter. +++ Heute: Alles über die Renaissance der unterschätzten Literflasche und warum das die Demokratisierung des Weinkonsums ist +++ Dazu: Acht Liter-Weine im Test, die Du ohne Bedenken zu Freund:innen mitbringen kannst  +++ Die Rubrik "Ins Glas geschaut" kommt zum Auftakt von Oliver Bach: Es geht um Clemens Busch +++ Und dann erkläre ich, warum Du unbedingt den WeinLetter weiterempfehlen solltest.

Trinkt’s euch schön! 

Dein Thilo Knott

PS: Wenn Du zuerst lesen willst, was die WeinLetter-Mission ist - gerne hier!

100 cl, 1.0 ltr., 1000 ml: Literflaschen aus Deutschland haben eine hohe Qualität - hier von links: Paul Weltner (Silvaner), Weingut Forstmeister Geltz Zilliken (Riesling), Reinhold & Cornelia Schneider (Spätburgunder)

100 cl: Der Literwein und die soziale Frage

Wein in Literflaschen? Igitt! Ist doch der Putzer-Fisch des Weinanbaus. Das Gegenteil ist der Fall: Es gibt hochwertige Schoppen von den besten Weingütern Deutschlands. Mehr noch: Der Liter ist die Antwort auf das snobistische Gehabe der Wein-Elite.

von Thilo Knott

Servieren Sie in Hamburg bloß keinen Wein aus der Literflasche. In Berlin ja, aber nicht in Hamburg. München geht auch – und Frankfurt am Main. Aber nicht in Hamburg. Matthias Gaul sagt: „Wein trinken hat viel mit persönlichen Geschmacksvorlieben zu tun. Wein trinken aus Literflaschen auch noch mit Psychologie.“ Auf die geografischen Differenzen kommt der Winzer aus der Pfalz, weil er nach München oder Berlin den Grauburgunder und den Riesling in der Literflasche an die Gastronomie liefert. In Hamburg hat das nie funktioniert.

"Der Liter ist Tradition. Er ist ein Essenswein"

Den Gaul-Riesling gibt es auch ab Hof für 6,50 Euro die Literflasche. Den Grauburgunder hingegen nur für Weinhändler und Gastronomie. Fünf Prozent des Umsatzes macht der Pfälzer Winzer mit den großen Flaschen. Ist der Liter nicht etwas verpönt als Schoppenwein für die alten Viertele-Trinker? Sieht Matthias Gaul nicht so. „Ich mag es nicht, wenn Weintrinken so elitär wird“, sagt der Pfälzer. Der Liter sei gerade in der Pfalz eine Tradition – und an der halte er fest. „Er ist ein Essenswein.“

Hier geht's zum WeinLetter #2: Alles über die seltene Rebsorte Tauberschwarz - und Spätburgunder von DFB-Präsident Fritz Keller!

Fünf Prozent des Umsatzes mit Literflaschen: Das dürfte der Standard-Anteil sein für deutsche Weingüter mit Selbstvermarktung. Er ist dabei auch in hochbewerteten und hochpreisigen Weingütern zu finden. In VDP-Weingütern wie Geltz-Zilliken von der Saar (Riesling), wie Friedrich Becker in der Süd-Pfalz (Riesling), wie Hans-Peter Wöhrwag in Baden-Württemberg (Trollinger), die alle mit mindestens vier Trauben im Weinführer Gault & Millau bewertet sind. „Fast jedes VDP-Weingut hat einen Literwein im Repertoire“, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz.

30 Prozent des Weins im Einzelhandel wird im Liter verkauft

Doch die Literflasche steht für mehr. „Die Weinkultur hat das Snobistische verloren“, sagt Büscher. Es gebe zwei Trends im Weinkonsum, der auch 2020 wieder um 0,6 Liter in Deutschland auf mittlerweile 20,7 Liter pro Kopf gestiegen ist. Erstens: „Das Publikum wird jünger. Wein ist ein Trendgetränk geworden. Die Jungen stehen auf junge Winzer, die experimentieren, nachhaltig arbeiten und ein modernes Etikett auf die 0,75-Flasche kleben“, sagt Büscher.

Matthias Gaul aus Grünstadt-Asselheim:  „Ich mag es nicht, wenn Weintrinken so elitär wird“ FOTO: JANA KAY

Der zweite Trend betrifft wiederum die Literflasche. Durch die Konzentration auch von Discountern auf ein qualitativ besseres Weinangebot sei Wein für größere Bevölkerungsgruppen zugänglich geworden. „Der Weingenuss wird demokratisiert“, sagt Büscher. Oft werde dabei zur Literflasche gegriffen. Die Gesellschaft für Konsumforschung hat für das Deutsche Weininstitut ausgerechnet, dass im gesamten Einzelhandel 30 Prozent des Angebots aus Literflaschen aus dem In- und Ausland besteht. Das ist viel. Der Einzelhandel macht immerhin 80 Prozent des gesamten Weinumsatzes in Deutschland aus. Büscher glaubt, dass sich die Steigerung des Know-hows der Winzer und der Weinqualitäten in den vergangenen 20 Jahren eben auch in diesem Basissegment bemerkbar macht.

Die Literflasche ist der Beginn der Sorten-Kollektion

Bevorzugt werden in der Literflasche Weißweine abgefüllt: Riesling, Müller-Thurgau oder Silvaner. Kriterien für die Qualität dieser Basisweine könnten dabei sein: Sortentypizität und Sortensteigerung. Wie gut trifft der Liter den Riesling-Blend? Und passt er sich ein in die Sorten-Kollektion des Winzers? Paul Weltner aus Rödelsee in Franken beispielsweise erfüllt diese Kriterien vorzüglich bei seinem Liter-Silvaner. Es ist ein klassischer, schlanker Silvaner. Er ist gleichzeitig der Auftakt zu einer Silvaner-Kollektion, die in jeder Qualitätsstufe eine klare schmeckbare Steigerung über den Gutswein, den Lagenwein bis hin zum Großen Gewächs aufweisen kann.

Und was ist mit Rotweinen im Liter? In Italien ist der rote Liter auch abseits von billigen Lambrusco-Attentaten verbreitet. Elisabeth Foradori, die große Meisterin des Teroldego im Trentino, macht auf ihrem toskanischen Ableger den „Un litro“. Das piemontesische Weingut „La Spinetta“ hat sogar einen „Ein-Liter-Club“ gegründet und füllt in den größeren Flaschen auch Barolo und Barbaresco aus der Nebbiolo-Traube ab.

Die Literflasche Wein ist das Spaghetti Alio Oglio der Winzer

Cornelia Schneider aus dem badischen Endingen macht mit ihrem Mann Reinhold einen sehr guten Spätburgunder im Liter, der auch den Preis (9 Euro ab Hof) lohnt. „Wir produzieren hochwertige Literweine, weil wir sie selbst auch gerne trinken“, sagt die Winzerin. Das Ehepaar macht handwerklich keinen Unterschied zwischen dem Liter und den Top-Lagenwein „Schönenberg“ oder „Diel“, die bei fast 30 Euro liegen. Nach der offenen Maischegärung wird die Maische zunächst in Edelstahltanks gefüllt, um zu Ende zu gären. Nachdem sich die Hefe abgesetzt hat, werden die Jungweine für circa zwei Jahre zur Reifung gelegt. So machen sie’s bei allen Spätburgundern.

Reinhold, Cornelia und Sohn Alexander Schneider (v. l.) aus Endingen: "Wir produzieren hochwertige Literweine, weil wir sie auch gerne trinken“ FOTO: SCHNEIDER

Warum der Liter? Es ist ein ganz pragmatischer Grund bei den Schneiders: „Die Trauben stammen von jungen Anlagen und entsprechen somit noch nicht ganz unseren Erwartungen für 0,75-Liter-Flaschenqualität“, sagt Cornelia Schäfer. Die Schneiders verwenden ausschließlich eigene Trauben. Und das Handwerk ist bei Spätburgundern aller Qualitätsstufen gleich. 

Auch das Fünf-Trauben-Gault-Millau-Weingut Zilliken aus der Mosel macht das so. Die Riesling-Trauben sind jung, die Lagen eher flach - aber das Handwerk? Auch die Trauben für den Liter sind handverlesen. "Der Wein ist dadurch nicht so schwer und intensiv - aber optimal für einen Liter-Wein", sagt Mona Steffen vom Weingut Zilliken in Saarburg.

Der Liter ist also so etwas wie Spaghetti Aglio Olio beim Italiener. Wer hier bei diesem Starter-Gericht billiges Olivenöl benutzt, wird auch kein Ossobuco alla milanese als Hauptgericht hinbekommen. Matthias Gaul, der Pfälzer, sagt: „Der Liter muss so gut sein, dass ich ihn zu einer Party von Freunden mitnehme.“ Vielleicht nicht auf eine Party in Hamburg.

Du hast Anmerkungen zur Liter-Story oder sonst Fragen: Schreibe mir an weinletter@posteo.de

"Un Litro" von Elisabetta Foradori. Cuvée aus ihrem Zweitweingut in der Toskana FOTO: #WEINLETTER

Acht Liter-Weine, die Du auf jede Party (sic!) mitnehmen kannst

Für die Recherche zum Ein-Liter-Wein in Deutschland habe ich sieben Weine aus Deutschland verkostet – plus einen aus Italien. Alle besitzen sie hohe Qualität. Mit der Verkostung habe ich gleichzeitig ein altes Trauma bewältigt. Ich muss gestehen: Zu Großflaschen hatte ich immer ein schlechtes Verhältnis. In den 70er und 80ern gab es meinen Stuttgarter Onkel Matthias, der bei uns in der Großfamilie als der Weinexperte galt (ich komme aus Hohenlohe, einer Bier-Gegend).

Zu großen Familienfesten über zwei Tage brachte er meist unzählige Weißweine aus dem Burgenland mit. In Zwei-Liter-Flaschen! Sie klackerten in seinem Kofferraum, als er in die Einfahrt fuhr. Die Wein-Bomben auf dem großen Esstisch sahen Respekt einflößend aus. Für mich als kleines Kind zumindest. Das war also - Wein! Meine Mutter erzählte mir neulich, als ich sie danach fragte, dass Onkel Matthias immerzu unter Kopfweh litt. Wir mussten beide lachen.

Ich empfehle hier also acht Liter-Flaschen - in dieser Reihenfolge und mit Anti-Kopfweh-Garantie:

1. Franken: Weingut Paul Weltner, Silvaner, 2018. 1l., 7 Euro ab Hof. Sehr guter Basis-Wein einer außergewöhnlichen Silvaner-Kollektion. Jeder Qualitätsschritt ist schmeckbar. Unbedingt die Weltner-Silvaner vertikal testen.

2. Baden: Weingut Reinhold & Cornelia Schneider, Spätburgunder, 2016, 1 l., 9 Euro ab Hof. Erstaunlicher Spätburgunder, der zu meinen Best Buys unter 10 Euro im Rotwein-Bereich gehören. Auch wenn die neun Euro für den Liter viel erscheinen. Dass die Schneiders 2016er-Jahrgänge und jetzt erst 2017er-Jahrgänge in den Verkauf bringen, ist für einen Liter stark. Selbst diese Kategorie lagert also außergewöhnlich lange im Fass und in der Flasche.

3. Pfalz: Matthias Gaul, Grauburgunder, 2019, 1l. Nur in der Gastronomie und bei ausgewählten Händlern erhältlich (da bei 7,50 Euro). Ein knarziger Grauburgunder, den es leider nicht ab Hof gibt. Berlin-Service: Es gibt ihn in der Weinhandlung Bruhn in der Güntzelstraße in Schöneberg.

4. Saar: Zilliken, Riesling trocken, 2019, 1l. 12,50 Euro ab Hof. Fünf Trauben im Gault & Millau - aber einen Literwein machen. Das ist - wie gesagt - kein Widerspruch. Sondern hoher Qualitätsanspruch. Der Preis? Klar, er liegt über der 10-Euro-Grenze. Aber er hat es absolut verdient. Wie bei allen anderen Qualitätsstufen sind die Trauben auch für den Liter-Wein handverlesen.

5. Baden-Württemberg: Hans-Peter Wöhrwag, Trollinger, 2019, 1l. 2019 ist ausverkauft, 2020 hat der Untertürkheimer keinen Liter produziert, sondern nur den Trollinger „Rädles“ für 7,50 Euro. Also wenn man Trollinger mag: Zugreifen!

6. Pfalz: Jülg, Grauburgunder, 2019, 1l., 5,60 Euro. Ein erstaunliches Preis-Leistungs-Verhältnis. Preis klein, Leistung stark.

7. Pfalz: Matthias Gaul, Riesling, 2019, 1l. 6,50 Euro ab Hof. Auch der Riesling von Matthias Gaul besticht durch sehr präzises Handwerk.

8. Toskana: Foradori, Un litro, 2019, 12 % vol., 12,50 Euro im Weinladen. Die Südtirolerin hat in der Toskana ein Zweitweingut. Diese Cuvée solltest Du fast wie einen Rosé trinken - leicht angekühlt. Und der Sommer kann kommen!

Im der Rubrik WeinWissen #1 liest du hier: Die Geschmacksrichtungen des Weins - und was ist Umami?

Clemens Busch, Riesling "Vom roten Schiefer", 2018, 14,80 Euro FOTO: WEINLETTER

Ins Glas geschaut - heute: Riesling von Clemens Busch

In der Rubrik "Ins Glas geschaut" stellen Weinexperten, Weinliebhaber, Prominente ihren Wein der Woche vor.

von Oliver Bach

Der Wein: Clemens Busch: „Riesling vom roten Schiefer“, Mosel, VdP, 2018, 12,5 Vol. %, 14,50 € ab Hof.

Der Grund: „Ich trinke gerade einen Clemens Busch, weil sein Weingut biodynamisch arbeitet. Ich halte das nicht für Humbug, wie viele. Im Gegenteil. Biodynamie ist kurz gesagt eine agronomische Methode, deren Ziel es ist, die Böden zu revitalisieren, um so die Ertragsfähigkeit und -qualität zu erhöhen. Die Reben wachsen in und mit der Natur, im Weinberg herrscht ein vitaler Organismus, die Böden sind Humus-lastig. Auf Spritzmittel wird verzichtet. In steilsten Mosellagen wird nix maschinell bearbeitet. Es ist alles Handarbeit. Die Traubenverarbeitung ist schonend, Clemens Busch investiert viel Zeit für die Spontanvergärung und die Ausreifung der Trauben auf dem Hefelager. Er schmeckt für mich nach Mirabelle und Kräuter, hat eine gute Struktur und tolle Mineralität, die für Länge am Gaumen sorgt. Der „Riesling vom roten Schiefer“ ist perfektes Handwerk und hat ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis für die 14,50 Euro.“

Oliver Bach hat in Geisenheim Internationale Weinwirtschaft studiert, für Weingüter und Weinhändler weltweit gearbeitet und leitet jetzt die Flüchtlingsunterkunft in Hambrücken. Im WeinLetter wird er seine Expertise teilen FOTO: SARAH SZUBERT

In eigener Sache: Darum gibt's den WeinLetter

Für mich gibt es drei Kriterien für das Schreiben über Wein. Schmecken. Informieren. Respektieren. Was das heißt und Du sonst noch über den WeinLetter wissen musst - hier gibt's das Mission-Statement.

Du kannst mir auch direkt schreiben an: weinletter@posteo.de

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