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Erkenntnisgewinn

Jochen Wolff sucht mit dem "Stuhl der Erkenntnis" nach dem Sinn des Lebens

 

Das Ziel ist nicht, viele zu erreichen, sondern etwas zu erreichen: In den Mikrokosmos des unmittelbaren Gegenübers strebt Jochen Wolff mit seinem Projekt „Der Stuhl der Erkenntnis“. Es geht dem KFZ-Meister aus Ketzin an der Havel um die ganz großen Fragen im Leben, die er im Vier-Augen-Gespräch beantworten will: Was ist der Sinn des Lebens? Und wieso sehen wir das Ende des Lebens so negativ?

Fotos: privat

Auf seinem roten Ohrensessel lässt Jochen Wolff Menschen Platz nehmen, die bereit sind sich mit ihm über den Sinn und das Ende des Lebens zu unterhalten. Palliativpatientin Mandy aus Berlin zum Beispiel, die Tausende Follower auf Instagram auf ihrem Weg des Sterbens mitnimmt. Das Gespräch mit Mandy hat Jochen aufgezeichnet und auf seiner Internetseite stuhl-der-erkenntnis.de veröffentlicht. So will er es auch mit künftigen Gesprächen halten – wenn seine eigene Kraft es zulässt. Jochen Wolff lebt seit mehr als 40 Jahren mit Depressionen.

Depressionen zählen zu den großen Krankheiten unserer Zeit, mehr als fünf Millionen Bundesbürger gelten als depressiv. Es wird darüber gesprochen. Prominente und weniger prominente Persönlichkeiten reden offen über ihren schweren Weg durch die Depression – hinterher. Jochen Wolff lebt mit seiner Depression, seit Jahrzehnten schon. Es gibt schlechte und bessere Tage. An den besseren kümmert er sich um sein Projekt.

Wie geht es Dir jetzt gerade?

Mit Depressionen geht es mal mehr, mal weniger gut, schlecht. Es hält sich gerade die Waage.

Sie begleiten Dich, seit Du zehn Jahre alt bist?

Ja, wahrscheinlich schon früher. Ich erinnere mich aber bewusst, dass ich als Zehnjähriger viel im Bett lag, oft traurig war, wenig Freunde hatte, kaum rausgegangen bin.

So richtig, richtig bewusst geworden ist es mir erst im Jahr 2013. Man hat ja in den 1980er und 1990er Jahren keinen Focus auf psychische Erkrankungen gehabt. Damals, also 2013, war ich 43 Jahre alt und bin mit meinem Leben nicht mehr klargekommen. Ich fand mein Leben furchtbar und habe am Tag, bevor ich selbst ins Krankenhaus gegangen bin, überlegt, ob ich nicht einfach mit dem Auto, jetzt in der Kurve, gerade aus weiterfahren soll. Da war klar, dass ich ohne Hilfe da nicht mehr wegkommen kann. So bin ich in die Klinik gegangen und die haben mich notfallmäßig in die Psychiatrie aufgenommen.

Wie hat Dein Umfeld auf Deine Traurigkeit reagiert?

Naja! Meine große Schwester hat immer versucht, mich zu unterstützen. Ansonsten ist das keinem groß aufgefallen, denke ich.

Wie hast Du es geschafft trotz der Depressionen Deine Berufe zu lernen?

Das ist eigentlich eine gute Frage! Einfach gemacht, funktioniert. Ich glaube, als depressiver Mensch funktioniert man viel zu lange viel zu gut. Ich denke, dass mir mein Job trotz der Depressionen meinen Halt gegeben hat.

Du wolltest schon als Kind KFZ-Meister werden. Warum das?

Ich wollte das, weil mein Vater KFZ-Meister war. Das ist eines der wenigen Dinge, in denen er ein Vorbild für mich war. Es gibt einige Dinge, da war er keines, darüber möchte ich aber nicht sprechen. Aber in dieser Hinsicht war er eines.

ZU DDR-Zeiten – ich bin ja in Potsdam geboren – habe ich erst keinen Ausbildungsplatz bekommen. Mein Vater schlug dann vor, dass ich Instandhaltungsmechaniker werde und KFZ-Mechaniker später immer noch lernen könnte. Und so ist es dann gekommen. Das ging relativ einfach. Ich habe also in drei Jahren zwei Berufe erlernt. Dann habe ich erst einmal bis 1992 gearbeitet, Zivildienst geleistet und bin schließlich bei der Feuerwehr in Stuttgart gelandet. Dort habe ich 21 Jahre lang als KFZ-Mechaniker gearbeitet. Seit 2008 bin ich KFZ-Meister.

Arbeitest Du gerade?

Im Moment nicht, ich bin erwerbsunfähig wegen meiner Depressionen.

Und Dein Projekt „Stuhl der Erkenntnis“ ist ein Kind der Depression?

Es ist ein Kind der Depressionen und davon, wie man heute mit Depressionen umgeht. Es ist ursprünglich aus Trotz entstanden und sollte nur ein Fotoprojekt werden, was sich aber innerhalb kürzester Zeit massiv in eine andere Richtung entwickelt hat. Ich habe ein Problem damit, wie man in der Öffentlichkeit mit Depressionen umgeht. Es ist immer nur groß in der Öffentlichkeit, wenn ein „Prominenter“ preisgibt, dass er Depressionen hat. Alle anderen werden nicht gesehen. Es ist natürlich wichtig, dass darüber gesprochen wird. Aber ich halte es nicht für nachhaltig. Das Konzept habe ich über Nacht entwickelt und gestartet. Die Gespräche sind mittlerweile genauso wichtig wie die Gespräche.

Führst du die Gespräche für Dich oder für die Öffentlichkeit?

Anfangs habe ich sie nur für mich geführt. Eigentlich mag ich meine Stimme nicht selbst hören. Jetzt sehe ich das anders, zumal das Interesse an den Inhalten der Gespräche doch sehr groß war. Das erste Gespräch, das ich aufgezeichnet habe, war mit Palliativpatientin Mandy aus Berlin. Man kann es auf meiner Homepage anhören. Dort wird es auch dauerhaft bleiben, selbst wenn die Mandy einmal nicht mehr ist, denn ich halte es für sehr bedeutend, was sie über ihre Vorstellungen vom Tod und dem Leben erzählt. Sie sieht ihren Sinn ja darin, anderen Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen.

Wer war die erste Person, die auf Deinem Stuhl Platz genommen hat?

Nadja von der Initiative Sternenband. Sie hat ein Erkennungszeichen für Eltern verstorbener Kinder entwickelt. Weitere Personen kamen vor allem aus dem Familien- und Bekanntenkreis.

Was hast Du bisher für Dich mitgenommen aus den Gesprächen?

Es waren viele spirituelle Gespräche dabei. Vor meiner Therapie war ich nie spirituell unterwegs, das ist mir jetzt aber deutlich wichtiger. Was den Sinn des Lebens angeht, bin ich noch nicht viel weitergekommen. Ich habe zum Beispiel eine Tochter, die ist mir auch sehr wichtig. Aber allein daraus ziehe ich nicht den entscheidenden Sinn. Eine Userin schrieb mir, allein mit meinem Projekt gebe ich anderen Menschen etwas und das könne mein Leben mit Sinn erfüllen. Aber so recht überzeugt mich das alles nicht.

Welche Erwartungshaltung hast Du mit Deinem Projekt verfolgt?

Spontan würde ich sagen: Gar keine. Aber das stimmt natürlich nicht. Ich würde es aber lieber Wünsche nennen. Ich hoffe, dass ich etwas aus den Gesprächen mitnehme – und dass ich keine Interviewsituation erschaffe, sondern auch der Mensch auf dem Stuhl etwas für sich mitnimmt. Im günstigsten Fall habe alle Beteiligten einen Erkenntnisgewinn.

Macht Dich Dein Projekt zufrieden oder glücklich?

Kann ich schlecht sagen, weil ich momentan nicht gut an meine Gefühle herankomme. Was ich sagen kann: Das Gespräch mit Mandy hat mich stolz gemacht.

Hat das Projekt Auswirkungen auf Deine Depressionen?

Nein, würde ich nicht sagen. Ich hatte anfangs Angst, dass es mich belastet, aber nein, eigentlich nicht.

Es könnte auch positive Auswirkungen haben?

Ja, das stimmt. Kann ich jetzt aber auch nicht bestätigen. Außer das Gefühl von Stolz nach dem Gespräch mit Mandy. Ich glaube, das letzte Mal war ich stolz, als ich meine Meisterprüfung bestanden habe. Normalerweise gestehe ich mir Stolz nicht zu. Es fällt mir schwer, mir positive Sachen zuzugestehen. Aber ohne das Projekt hätte ich Mandy nicht kennengelernt und Dich nicht kennengelernt. Menschen kennenzulernen fällt mir schwer, ich mache keinen Smalltalk und kann das nicht. In der Depression fällt es mir schwer auf Menschen zuzugehen.

Wenn ich mich so umschaue, geht es mir nicht nur um den Sinn des Lebens. Ist das wirklich schon in so einer Welt zu leben? Der nächste Wunsch wäre, dass ich tatsächlich ein, zwei Menschen dazu bewegen kann, anders über den Tod zu denken. Das ist ja das zweite große Ziel, das ich verfolge. Wenn ich einen Menschen erreiche, ist das für mich schon ein Erfolg.

Wer sind Deine nächsten Gesprächspartner auf dem Stuhl?

Ich treffe eine Berlinerin, die zufällig auf mein Projekt aufmerksam wurde.

Wie wird es weitergehen?

Ich muss sehen, wie ich die Gespräche veröffentliche. Aber ich muss aufpassen, dass es mich nicht überfordert, weil ich nicht so viel machen kann. Der Stuhl hatte im Winter eine Pause, weil es mir nicht gut ging.

http://stuhl-der-erkenntnis.de/ (Opens in a new window)

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