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Als wir noch die Welt bereisten

Und noch von einem Leben weit weg träumten,

damals,

bevor die Welt kollabierte, immer mehr Länder sich Autokraten zurechtwählten, die in rasender Geschwindigkeit die Demokratie abschafften,

 bevor die Erde bebte, die Flüsse über die Ufer traten, ehe man Massen von Menschen im Meer ertrinken ließ, Krankenhäuser schloss und in Bomben umwandelte- Damals war Israel ein Land, das nie wirklich eine Normalität gekannt hatte. Der Traum, der gescheitert war, aber alle waren noch nicht erwacht. Seit Ewigkeiten regierte die rechte, wegen der Sicherheit,

seit hundert Jahren Herr Netanjahu, der schon immer an nicht viel ausser sich selber interessiert war, und das Handbuch der Autokraten korrekt befolgte: sähe Hass, verbreite Lügen und Hetze, kürze den Sozialstaat zurecht, bereichere. eine Zwei Staatenlösung schien wegen der Extremisten auf beiden Seiten immer unerreichbarer

und die Mehrheit hoffte, dass es irgendwann besser werden würde. Den Rest kennen wir. Heute wird das Land nicht mehr regiert. Ein Mann der den Krieg nicht beenden will, weil er sonst vor Gericht müsste, eine Faschistenpartei und eine Ultra-orthodoxe, also auch latent faschistische Parte führen das Land in den Untergang, sie interessieren sich weder für das Leben der Geisseln, der Massen aus dem Norden und Süden die ihre Häuser seit Wochen nicht mehr betreten dürfen ( im Norden wegen der Raketen und der Hisbollah, im Süden weil die Häuser verbrannt sind)  sie kümmern sich nicht um tote Zivilisten im Gaza, und auch nicht um all die jungen Soldaten und Soldatinnen die nach der Schule in sinnlose Kriege geschickt werden, sie kümmern sich weder um die traumatisierte Bevölkerung noch um den steigenden Judenhass in aller Welt, der idiotisch ist, aber mit jedem toten Zivilisten  aus dem Gaza befeuert wird, als wäre eine beschissen Regierung die Schuld jedes Juden.  

Früher also, war Israel fast ein Land wie so viele, mit guten Einwohnern, mit blöden Einwohnern, mit einer Scheiss Regierung gegen, die der Einzelne selten etwas machen kann, es war die Lebensversicherung für Juden in aller Welt, die heute wieder Angst haben müssen, die angegriffen werden, und Kinder der Diaspora Juden haben Angst vor einem neuen Holocaust. Damals also, als es noch Hoffnung gab auf ein Wunder, einen neuen Rabin, auf irgendwas, war ich in Israel,

und das war so:

Die Zwillinge aus Shining sind von nicht näher bekannten Drogen begleitet, unerfreulich erwachsen geworden. Im Gleichschritt laufen die blonden, rotgesichtigen Frauen unklaren Alters von fast zwergenhaftem Wuchs mit einer Mission durch den Garten des Cafés 77. Dessen Besitzerin ist eine Australierin, die auch in einem indischen Aschram / besetzten Haus / Rückführungskurs in Katmandu hervorragend mit der Umgebung verschmelzen würde. Sie betreut neben ihrer organischen Bäckerei noch rehabilitationswillige Menschen mit diversen Problemen. Neben den Zwillingen hockt ein junger Mann im Garten, dessen hektische Bewegungen die Sprache der Neurotransmitterstörung sprechen.

Orangen hängen tief, Vögel singen entfesselt.

Willkommen in Amirim.

Die rein vegetarische Siedlung wirkt wie etwas, das einem in der Nacht erscheint, wenn man an den perfekten Ort zum Leben denkt, ein Paradies, weit weg von allem, was der Kapitalismus an Unannehmlichkeiten mit sich gebracht hat.

Es riecht nach Erkältungsbad in dem Dorf, das sich an den Hügel drückt. Kleine, helle Häuschen zwischen Eukalyptusbäumen, Zedern, Limonen, und Orangen, ein Dschungel mit Cafés, Restaurants, Massagepraxen, Glockenspielen und einem Lebensmittelladen, durch den Menschen mit dieser Art von überlegener Entspanntheit schlendern, die dem anderen immer das Gefühl gibt, auf der falschen Seite des Lebens zu stehen.

«Da sind diese Zwillinge», sagt Yehudi Kaduri wenig später in seinem Haus, sie machen einen völlig bekloppt. Der stämmige Herr rührt im offenen Feuer. «Es tauchen immer mehr seltsame Menschen auf. So wie die Touristen ihre Hunde bei uns deponieren, weil wir sie nicht essen, tun sie es unterdessen auch mit misslungenen Angehörigen.»

Yehudi ist klein mit hellen Augen, drahtig und stark. Ein Bulldoggen-Mann, mit großen Händen. Damit hat er Amirim gebaut. Und zwar nicht im übertragenen Sinn. In Israel findet man noch Menschen, die Städte, Dörfer und Landwirtschaften ohne jede Vorbildung, aber mit einer verzweifelten Energie errichtet haben. Leute wie Yehudi haben in sechzig Jahren ein Land aus dem Nichts geschaffen, das sich heute kaum von jedem eleganten Ort der westlichen Welt unterscheidet.

Yehudi verließ als Kind armer persischer Juden die Schule mit 12 und wurde Hilfsarbeiter. Mit 15 wusste er, dass er Vegetarier ist, so wie er später wusste, dass er den Lehren Rudolf Steiners folgen musste, und im vorigen Leben als Pilot Willi in Deutschland ums Leben gekommen war.

Er gründete eine Vegetarier-Gruppe in Tel Aviv, und träumte von einer Siedlung mit seinen Kameraden, in der nie ein Tier als Nahrung enden würde. Damals, vor über fünfzig Jahren, eine verwegene Idee.

Sie waren drei Familien und acht Alleinstehende, die eine Utopie bauen wollten, das erste Vegetarier-Dorf der Welt, und sich an die Behörde wandten, die damals für die Besiedlung des Landes zuständig war. Vegetarisch oder nicht war den Behörden egal, sie suchten Menschen, die in den Norden gingen, denn dort gab es nicht viel, außer den Blick auf den See Genezareth auf dem Jesus seine Runden gedreht hatte. Die frohen Vegetarier, alle Anfang zwanzig, fuhren in den Galilei, und verliebten sich sofort in den Platz, der heute Amirim ist. Yehudi erzählt von ein paar verlassenen Hütten, die Regierung hatte sie für Juden aus Marokko errichten lassen, die sich aber im Schnee der Gegend nicht heimisch fühlten. Er erzählt von Schlangen, Skorpionen, den Tücken, eine Straße zu bauen, sein Kaminfeuer brennt, ein verwahrlostes Mädchen reibt seine Hände, draußen geht ein Sturm. Der Mann, der mit weit über siebzig über mehr Energie verfügt, als ich mit Achtzehn, zeigt sein Haus und einen riesigen Steinerdom für Konzerte und Zusammenkünfte in dessen Obergeschoss. Der Meister erscheint ihm ab und an hier, auch der Erzengel Michael war bereits da, Yehudi kommt langsam in Fahrt, die Nacht ist sein Revier, von der Terrasse sieht man bis zum Meer über heiliges Gebiet, Spinnergebiet. Seit Jahrtausenden. Noch heute wohnen hier Menschen in Höhlen, die lange Bärte haben - auch die Frauen -, und die man mit erleuchtetem Blick durch die Gegend wanken sieht. Noch heute trifft man scheinbar normale Stadträte eines Ortes, denen Engel erscheinen. «Hier war alles dunkel», sagt Jehuda. Kein Licht, keine Bäume keine Straßen. Das haben wir gebaut.»

Irgendwann wandelte sich die vegetarische organische Bauerngemeinschaft in einen Touristenort. Die kleinen Häuschen, die Gäste aus den Städten mieten können, heißen «Zimmer». Damals, in den sechziger Jahren kamen sie, um sich kurz vom Aufbau des Landes zu erholen, heute macht man hier Wellness, Holistic, Spa und Dinge, für die es früher noch nicht einmal einen Namen gab. Die vegetarischen Restaurants sind berühmt im ganzen Land, und das Erlebnis in einem Zeitmaschinenrückführungsraum der achtzigjährigen Superköchin Dalia, der Nachbarin Jehudas, zu sitzen, den Tisch voller Salate und Quiches, ist einmalig. «Ich war zweimal die beste Köchin Israels», sagt die auberginehaarfarbige Dame, deren Eltern aus Polen geflüchtet waren. Dalia war auch von Anfang an dabei, in Amirim.

Von diversen Raketenangriffen abgesehen, liegt das nordisraelische Amirim in einer Gegend, die am ehesten Ligurien gleicht, vermischt mit dem Tessin und Kalifornien. Zwanzig Grad im Dezember, und der gelinde Geschmack religiösen Irrsinnes in der Atmosphäre. Alles ist hier irgendwie dicker aufgetragen, alberner, grösser, lustiger, tragischer als an jedem anderen Ort der Welt. Sind in Israel neben holocaustüberlebenden Juden, und deren Nachkommen aus Europa, Afrika, Südamerika, den arabischen Ländern, Araber, Drusen, Christen zu einem eigensinnigen Volk zusammengewachsen, wohnen hier im Norden gefühlte tausende Sektenmitglieder, Esoteriker, Einsiedler, Weltuntergangsgläubiger. Bis auf die ultrareligiösen unangenehmen Spinner, die den Staat Israel ablehnen, hassen sich alle, wie an jedem anderen Ort, und halten doch auf anrührende Weise zusammen in einem Gefühl der Verstoßenheit von der Welt.

Die Luft flirrt. Der Weg nach Rosh Pina, einer Kleinstadt, von der Größe Solothurns, einst ein Aussteigernest, in dem glücklichen Kiffer und Reiki-Spezialisten neben Aura-Lesern und Wünschelrutengängern wohnten, ist mit teils tausendjährigen Rabbi Gräbern bestanden. Zu denen kommen Religiöse und normal Verrückte, um an den heiligen Orten einen direkten Draht zu Gott legen. Es gibt Gräber, die sich besonders für Liebeswünsche eignen, andere sind für Gesundheit oder Lebenssinnfragen zuständig.

Zum Grab von Rabbi Shimon Ben Jochai, der im zweiten Jahrhundert, als die Römer das Land besetzt hatten und die Thora verboten, Widerworte gebend in eine Höhle fliehen musste, kommen Hundertausende an hohen Feiertagen. Unter der Woche sind es nur ein paar Hundert, die nach Geschlecht getrennt zu Jochais Gebeinen pilgern. Inmitten entrückt betender Frauen wünsche ich einen Mann für meinen schwulen, mitreisenden Freund. Der Rabbi wird es weiterleiten. Rauch steigt auf. Andauernd steigt irgendwo Rauch auf, es scheint zum Norden des Landes zu gehören, wie der Geruch der Pinien.

Die beiden Zwillinge aus Amirim gehen im Gleichschritt durch die Zwischenwelt, dunkle Schatten religiöser Menschen huschen über Steinhaufen. Religiöser Ernst, der nach zehn Minuten Fahrt wieder vergessen ist, wenn man Rosh Pina erreicht, dass Santa Fee des Nordens.

Da stromern Touristen durch ambitioniert renovierte Andenkenläden in putzigen Häusern, schlittern über blankgetretenes Pflaster, sitzen in edlen Cafés und Restaurants, sie bestaunen die Aussicht auf die Ebene und trinken Golan Wein. «Stösschen!»Der Ort ist schön aber für mich nicht seltsam genug. Ich fahre weiter in Richtung Meer. Nach Maalot. Eine kleine Pause im Hacienda Forstview, einem architektonischen Meisterstück aus den sechziger Jahren. Sozialistisches Erholungsheim, von jeder Renovierung verschont, Kibbutzküchen, irgendetwas, das es heute so nirgendwo mehr gibt. Auf Wiesen lungern Gruppen glücklicher Familien, ein wenig Unbeschwertheit, bevor ich wenige Meter weiter etwas besorgt, wegen meiner Obsession umgehend zu weinen, wenn ich nette alte Menschen treffe, vor einem Gebäude stehe und auf eine Rollstuhlparade schaue.

Von Zedakah wusste ich nur, dass hier Holocaustüberlebende von Deutschen gepflegt werden. Im Moment sind es dreiundzwanzig.

Goldgelbes Dezemberlicht, imaginäre Staubpartikel wie Silber, ein Strauss Walzer liegt schwerelos über dem Speisesaal. Frau M. sieht aus dem Fenster. Sie ist neunzig, ihr Mann hat zweiundzwanzig Lager überstanden und sie ihn, und nun ist sie hier, im Altersheim, das deutsche Christen leiten. Größtenteils in Rollstühlen sitzen die alten Damen, sie wirken so zufrieden, wie man es sein kann, wenn man ein paar Lager hinter sich hat, so glücklich, wie man eben ist, wenn man ahnt, dass das Leben bald vorbei sein wird, und es keine Möglichkeit mehr gibt, es richtungsändernd zu beeinflussen.

«Praktischer Liebesdienst» nennt Herr Bayer Senior, was er, sein Sohn und ungefähr Vierzig deutsche Volontäre hier an alleinstehenden, mittellosen Holocaustüberlebenden, leisten. Die einzige Bedingung für eine Aufnahme in dieses schöne Haus ist, dass Deutsch oder jiddisch beherrscht werden muss, damit es eine Basis der Verständigung mit dem Personal gibt.

Nach dem Krieg gründeten Herr und Frau Nothacker, Christen aus Bad Liebenzell, nachdem sie, sagen wir, einen Auftrag erhalten hatten, das erste Heim in Israel. Heute sind es zwei, ein Altenpflegeheim und eine Art kostenlose Urlaubseinrichtung am Meer. Michael Bayer, kurz Herr Bayer Junior, ein großer, blonder Mann mit einem ausnehmend freundlichem Gesicht, führt mich durch das Heim, und erklärt mit so viel Enthusiasmus die Einrichtung, die Bastelräume, die Physiotherapie, winkt den Bewohnern zu, berührt sie kurz, dass ich mir sicher bin, hier das Gute zu treffen. Einen Menschen, der nicht von Liebe redet, sondern sie empfindet. Der nicht von der Weltrettung quatscht, sondern die Welt rettet, was heißt- den Menschen, der neben einem liegt, auf die Beine zu helfen.

Herr Bayer erzählt von der Zeit, die viele brauchen, um sich erinnern zu wollen, und um von ihren ermordeten Kindern zu sprechen, von der Demütigung, der Kälte, der Angst und dem Gefühl der Uferlosigkeit. Er berichtet von der Traurigkeit, die auch im Lachen anwesend ist, und dem Urvertrauen, das fehlt, wenn man erleben musste, dass es keine Sicherheit gab, damals in Europa nicht, und heute hier, auf dieser kleinen Insel auf der Insel, umgeben von Menschen, die Israel gerne ausgelöscht sähen, nicht. Unter den beiden Stockwerken befindet sich der Bunker des Altenheims. 2006 lebten die Bewohner des Hauses hier sechs Wochen, während Raketen der Hisbollah in ihrer Nachbarschaft einschlugen. Der Bunker, hergestellt von der Beth-El Group, schützt gegen Raketen, Bomben und chemische Waffen. Das ist wichtig, denn Gasmasken wollen die Bewohner nicht mehr tragen. Wir haben einmal Gas gerochen sagen sie, das langt.

Heute sind die Feste die Höhepunkte der Heimbewohner, und die Basare, an denen sie selbsthergestelltes Kunsthandwerk verkaufen, neben dem sie dann sitzen, stolz auf Untersetzer und Seidenschals und strahlen, wenn eines verkauft wird. Und jetzt weine ich, und würde, wäre gerade so ein Basar, alles kaufen, um die Alten lächeln zu sehen. Michael Bayer, sein Vater, die Volontäre - ich möchte sie umarmen, für ihre Arbeit; dafür, dass Gott sie dazu gebracht hat, ihr Leben alten Menschen zu widmen, sie in Rollstühlen spazieren zu fahren. Wenn ihre Religion heißt, dass sie Terror verabscheuen, und ebenso Pläne von Terroristen die Altersheime und Krankenhäuser auf Webseiten als Ziele für Raketen markieren, dann ist mir das ein lieber Glaube. Mit der Hilfe Gottes bekommt der Zedakah jedes Jahr genug Geld gespendet, um weiterzumachen, sicher ist das Überleben der Heime nicht, doch Herr Bayer vertraut auf Wunder, wie fast alle hier im Norden.

Ich fahre nach Haifa. Die Zwillinge sind nicht zu sehen, aber einige Beduinen, die ich bei der Aufzählung der Völkerstämme vergaß, ein Dorf in dem Drusen wohnen, die sehr gerne in der israelischen Armee dienen, und Araber nicht leiden können, eine Stadt der Araber daneben, die vermutlich Drusen nicht mögen, aber sehr gerne Israelis sind, mit ausufernd verschnörkelten Villen, auf der Straße die beschissensten Autofahrer der Welt, herkunftsunabhängig. Der Israeli fährt nicht nur schlecht, sondern zudem laut, falsch und unsicher. Kleine Mopeds eiern auf der Autobahn, ab und an hält der Fahrer, um am Straßenrand in Ruhe jemanden am Telefon zu beschimpfen, und dann taucht Haifa auf, das irgendwann vor Errichtung der Chemiewerke schön gewesen sein soll.

Dominant hängt eine riesige, terrassenförmiger Grünfläche am Berg über der Stadt, aus deren Mitte ein weißes Gebäude, groß wie der Petersdom ragt.

Das ist der bescheidene Garten der Bahai, der die Schönheit der Welt symbolisieren soll; vermutlich nachdem an einem fernen Tage alle Menschen dieser Religion anhängig geworden sind. Immerhin haben sich für diesen ehrgeizigen Ansatz bislang fast sieben Millionen Menschen begeistern können.

Zwei kleine blitzsaubere Bahistas aus den USA und aus Berlin, die sich vermutlich anders nennen, erzählen von ihrer Religion. Der Bab (Tor zu Gott) ist in Persien geboren, hatte 1844 eine göttliche Offenbarung und gründete eine neue, schiitisch beeinflusste Religion. Wie es sich für ein ordentliches arabische Land gehörte, stieß das nicht auf Begeisterung. 1850 wurde er in Täbris öffentlich füsiliert und tausende seiner Anhänger getötet. Seinem Schüler, Baha’u’llahder gelang die Flucht. Nach einer langen Exil-Odyssee verbrachte er den Rest seines Lebens in einer Gefangenenkolonie in Akka. Auf einem der Ausflüge, die der Führer unternehmen durfte, kam ihm beim Anblick eines Zypressenhaines, ob Haifa die Eingebung, dass dort das Zentrum seiner Religion sein würde, irgendwann, in einer fernen Zeit.

Nachdem wir die energetische Aufladung durch die Reliquien ihres lang verstorbenen und nun im Haupttempel beerdigten Führers erfahren und ehrfürchtig die Gebäude, die in ihrer überbordenden Helligkeit eine Mischung aus Weißem Haus und Taj Mahal darstellen, bestaunt haben, erklären die hochintelligenten jungen Frauen mit rosigen Wangen und leuchtenden Augen ihre Religion. Sie glauben, dass nur ein Gott mit verschiedenen Namen existiert, sie sind für die absolute Gleichberechtigung der Geschlechter und glauben an Bildung als Grundlage des menschlichen Weiterlebens. Warum in dem Führungsgremium der Religion keine Frau vertreten ist, frage ich und auch darauf gibt es eine Antwort. In den Schriften steht geschrieben, dass sich diese Frage eines Tages so klar beantworten wird, wie der Tag der Nacht folgt. Dagegen ist nichts zu sagen, der Mangel an Frauen in allen Führungspositionen der Welt wird sich sicher irgendwann auch so erklären lassen. Die umfassenden Inhalte der Bahai-Religion wiederzugeben, ist unmöglich, doch ahne ich ein wenig des heutigen Esperanto Ansatzes der Bahai. Eine wunderbar elitäre Geschichte, verwirrend nur, dass auch diese Religion, die neunzig Prozent der Menschen völlig unbekannt ist, hier in Haifa einen Berg besetzt, und nicht zum Beispiel in der Schweiz. Es ist eben Israel, hier muss man sein, wenn man als Religion etwas auf sich hält.

Wir sitzen mit den Frauen im Infozentrum, das aussieht wie eine Nato-Außenstation, und sehen einen Bahai Info-Film, in dem Menschen aller Hautfarben bei einem der fünfjährig sattfindenden Welttreffen zusammen lachen und studieren. Erstaunlich, dass Menschen, um durch den Dschungel des Lebens zu schreiten, immer eines Hirten bedürfen.

Ich wünsche den Bahais alles Gute und fahre weiter nach En Hod. Einem Künstlerdorf, dass Saint Paul du Vence im Süden Frankreichs erstaunlich gleicht. Gelbe Steinsandhäuser, drollig bunte Metallfenster, geputzte Fußwege, Ateliers, Cafés, ältere Menschen mit bunter, körperferner Kleidung. Der Ort, ebenfalls eine frühe Pioniersiedlung Israels, wurde 1953 auf Initiative des Dadaisten Marcel Janco zu einer Künstlerkolonie. Zehn Israel-Preisträger für Kunst gingen aus diesem Dorf hervor, was mich kurz frösteln lässt. Diese universelle Sprache schlechter Kunst. In allen Ländern der Welt sind aufrechte Menschen damit beschäftigt ihre, von zu netter Umgebung flach gewordenen Gedanken, in Bronze zu gießen. Aus dem Edelmetall werden lustige Liebespaare, alte, ausgetretene Schuhe und überoriginelle Don Quichottes, warum nur immer diese Don Quichottes? Durch die Gassen, die matt in der Mittagshitze liegen, klingt Musik aus den Anden. Ich muss schnell weg, ehe die Zwillinge auftauchen, oder die riesige Don Quichotte Plastik lebendig wird - apropos Christen.

Ich hörte von einer Gruppe Deutscher, sich nach dem zweiten Weltkrieg in Israel angesiedelten, um die Juden mit Gasmasken zu versorgen. Die Geschichte klingt so seltsam, dass eine Besichtigung der Beth-El Industrys (der Bunker im Altersheim!) in Zichron–Yaacov, einem reizend wohlhabenden Ort mit hundertvierzigjähriger Geschichte, lohnt; um zu überprüfen, was an der Legende stimmt.

Zichron-Yaacov (die komplizierten Namen habe ich mir nur ausgedacht, um mich noch mehr zu verwirren) liegt auf einem Hügel, blickt zum Meer und gleicht einem Ferienort. Schattige Alleen, Villen, Gärten, Singvögel und wohlgestalte Menschen. Die Stadt wurde 1881 von jüdischen Einwanderern mit Unterstützung des Barons Edmond de Rothschild als Moschaw gegründet, eine Art Light-Kibbuz, der bis heute führend in der Weinherstellung ist.

Auf der Straße frage ich eine jener alten Damen, die es nur in Israel zu geben scheint, vermutlich hundertjährig, mit feinen Gesichtszügen, schlampiger Kleidung und erlesenem Make-up, nach den Beth-El Fabriken: «Ah, die Deutschen», antwortet die Dame auf Deutsch und weist den Weg.

Kurz darauf sitze ich mit Christen im Besprechungszimmer der Beth-El Gemeinschaft, Firma, oder was auch immer. Herr Adler, ein gemeißelter, großer Mann, der wirkt, als stünde er vor einer Gemeinschaft auf einem Felsen und zeigte auf eine in der Ferne liegende Zukunft, und Herr Blind, die mildere Version des Strenggläubigen, mit weniger Kanten, bitten um die Erlaubnis zum Gebet vor dem Genuss der selbstproduzierten Kekse, dem ich nicht im Weg stehen möchte. «Wer Israel segnet, der ist gesegnet», sagt Herr Adler, der vermutlich Chef des Konzerns, vielleicht auch der Glaubensgemeinschaft von rund siebenhundert Deutschen oder Deutschstämmigen ist.

Die beiden Männer beten, das Neonlicht flackert, wir essen Kekse und ich erfahre eine weitere seltsame Geschichte.

Sie beginnt in Schwaben mit Emma Berger, einer christlichen, deutschen Röntgenschwester, die von einer Überdosis Strahlen dem Ende nah schien, und zu Gott betete. Ich weiß nicht, wie man zu Gott betet, aber vielleicht sagte sie so etwas wie: Wenn ich jetzt nicht sterbe, Gott, dann widme ich dir mein Leben. Ein goldener Krug ergoss sich über sie, das Wunder geschah und Emma Berger, die immer gerne eine Jüdin gewesen wäre, weil sie die Juden für das auserwählte Volk hielt, so wie es in der Bibel stand, wurde geheilt. Schwester Emma, voller gesunder Kraft, begann danach die Bibel zu studieren, sie suchte nach einem tieferen Glauben, ohne Religion, und fand ihn in den Texten der Bibel und deren wörtlicher Auslegung. Bald hatte Emma eine Gemeinschaft um sich versammelt, die nicht aus der Kirche austraten, aber sich ihr nicht mehr zugehörig fühlten. Ihre Aufgabe lag: in Israel. Und lautete: den Segen, der von Israel in die Welt ausging, zurück ins Land tragen. Sagt Herr Adler.

Als die erste Gruppe deutscher Christen aus dem schwäbischen Raum in den sechziger Jahren nach Israel zogen und ein Haus erwarben, war die Reaktion der Israelis in dem noch jungen Land nicht überschwänglich. Kaum bauten sich die Juden etwas auf, standen die Deutschen schon wieder auf der Matte, mochten sie gedacht haben, und vielleicht lachten sie auch heimlich, bei der drolligen Idee der Gasschutzanlagen, die die Deutschen in den siebziger Jahren zu entwickeln begannen. Wie sie auf ihre Ideen gekommen waren? Herr Adler überlegt nicht lange. Gott hat sie ihnen geschenkt, und ein Berater der Regierung übermittelte ihnen Gottes Wunsch.

Ich stelle mir vor, wie der Israeli den Deutschen vorschlug, doch was mit Gas zu machen, und sich noch wochenlang danach vor Vergnügen über den guten Witz kringelte.

Vermutlich war es aber so, dass der Berater den Deutschen einfach übermittelte, woran es dem jungen Land mangelte: An vernünftigen Schutzräumen!

Heute hat Beth El-Industries ein beeindruckendes Portfolio wie wir Banker gerne sagen, vorzuweisen. Neben den weltweit führenden ABC-Schutzanlagen stellen sie Lebensmittel, hydraulische Feinmechanik, Gebäck, Marmelade, lebensmitteltechnische Anlagen und Federbetten her. Die gesamte israelische Armee wird hier mit Schutzvorrichtungen ausgestattet, fast jedes Haus verfügt über einen Beth El-Schutzraum, das Geld für ihre zahlreichen karitativen Unternehmungen verdient die Gruppe bei Geschäften mit dem Ausland, denn an Israel bereichern sie sich nicht. Neben den ABC-Schutzanlagen begeistert mich vor allem eine mobile Quarantäne- und Operationsstation, die heute zum Beispiel von der israelischen Hilfsorganisation «Eye from Zyon» weltweit eingesetzt wird.

Herr Adler verabschiedet sich, mit ihm verlässt der strenge Gott den Raum.

Ich besichtige das Werk der eifrigen Schwaben. Herr Blind ist euphorisch. Er liebt Israel und zeigt mir die Arbeit, die er und die anderen für das Land geleistet haben, mit solcher Begeisterung, dass man ihn dafür sehr lieb gewinnt. Das Hauptgebäude der heutigen Fabrikation, Wohnhäuser, ein Altenheim, ein Gästehaus befinden sich in dem schönen Ort, in dem auch Herr Rothschild und seine Gattin begraben liegen. Die Gruppe hat eine eigene Schule, in der die Kinder deutsch, hebräisch und englisch unterrichtet werden, jedes Jahr gibt es für israelische Jugendliche ungefähr sechzig Lehrstellen. Die Gemeinschaft mag keine Fernseher, keine Medien. Das Leben aller ordnet sich dem göttlichen Auftrag unter, Liebe und Wohlstand nach Israel zu tragen. Die Frauen haben lange Röcke an, sie sind bar jedes Makeups, jeden Schmucks, die Männer sind unauffällig beige, in der Kantine der Firma herrscht ein freundlicher Ton, die glücklichen Christen essen Würstchen. Herr Blind redet nicht von all den Hilfsprojekten, die die Gemeinschaft finanziert. Im Gegensatz zu vielen Stars wird hier nicht öffentlich mit afrikanischen Kindern getanzt, sondern nur Gottes Wort befolgt. Wer auch immer Gott ist, was auch immer er Menschen bedeutet, gegen Religion ist nichts einzuwenden, solange sie anderen nicht auf den Wecker geht.

Ich werde von Herrn Blind mit einer der zahlreichen Entwicklungen der Firma, Keksen, die nicht dickmachen, versorgt, wir schauen auf das Meer, und ich bin gerührt von Menschen, die sich nicht zu wichtig nehmen, und nach etwas Suchen, das grösser ist als der Kapitalismus. Ein wenig überbordend die Idealisierung und die Liebe zum Land, die vermutlich viel mit einem gesunden Schuldgefühl in Verbindung mit starker Frömmigkeit zu tun hat, doch mir allemal verständlicher als der geisteskranke Antisemitismus, der heute in Europa weit verbreitet ist und von seltsam gleichgesteuerten Medien genährt wird.

«Kommen Sie wieder vorbei.» Herr Blind winkt. Das Firmengebäude scheint ebenfalls zum Abschied zu lächeln und ich fahre zurück in meine kleine Gemüseesserfarm Amirim. Den Rudolf Steiner Kibbuz Harduf, der neunzehnhundertzweiundachtzig natürlich auch hier im Norden gegründet wurde, schaffe ich mental nicht mehr.

Ich sehe die Zwillinge in eines der Rabbi Gräber huschen, die Sonne geht unter. Die heißen Sprudelbecken erfüllen die Luft zusammen mit Pinien und Rauch und der Irrsinn, der ist kaum noch zu spüren. Das war eine Woche im Norden Israels. Gefühlte hundert Stunden auf Straßen mit Wahnsinnigen, reale dreitausend Menschen mit Viertausend unterschiedlichen Lebenskonzepten, die alle richtig sind, im Moment der Begegnung, völlig nachvollziehbar. Eine Woche unter Pinien und Gläubigen, zwischen Schönheit und Nervosität. Mein Augenlied zuckt ein wenig, ich sehne mich nach der Einfachheit des Lebens zu Hause, in der Schweiz, wo alle nur ein Konzept zu haben scheinen, dass unbedingt etwas mit Sicherheit zu tun hat. Die gibt es hier nicht.

Jeder Tag scheint ein Experiment mit unklarem Ausgang.

Mein mitgereister Freund seufzt leise, man fühlt sich weniger lebendig zu Hause, sagt er.

Ein Mann kommt uns aus der Dunkelheit entgegen. Vielleicht der Mann für den Freund, der pünktlich zu unserer Abreise von Rabbi Jochai geliefert wird.

Wenn nicht hier, wo sonst gibt es noch Wunder?

Apropos Weltrettung (Opens in a new window)

Auf wiedersehen bei der Weltrettung!

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