Ein Zug voller Dynamit

Hans Rott: 1. Sinfonie (1878)

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Die Wahrscheinlichkeit, dass du die Musik, die jetzt gleich folgt, noch nie gehört hast, ist extrem hoch. Das ist eigentlich nichts Besonderes für einen Newsletter, der meist unbekannte Musik vorstellt. Aber im Fall von Hans Rotts erster Sinfonie ist diese Tatsache nichts weniger als ein Skandal. Denn wenn Rott, geboren 1858, nicht gewesen wäre, die europäische Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts hätte anders ausgesehen. Trotzdem ist er fast vollständig in Vergessenheit geraten und wird gerade erst langsam wiederentdeckt.

Rotts Kommilitonen am Wiener Konservatorium waren der Komponist Hugo Wolf und ein gewisser Gustav Mahler – sie nahmen gemeinsam Unterricht bei Anton Bruckner (das alleine schon eine unfassbare Kombo). Mit Mahler lebte Rott sogar zeitweise in einer WG, die beiden waren wohl befreundet.

Vor allem aber ist Mahlers Musik beeinflusst von Rott, man kann es ganz klar hören, vor allem im dritten und vierten Satz der ersten Sinfonie, die zehn Jahre vor Mahlers Erster entstand. Aber sie klingt wie die nullte Mahler, als wäre sie ein unveröffentlichtes Jugendwerk (was sie nicht ist). Das Pastose, Überspannte, das schamlos Ergreifende ist bei Rott schon schon da, auch leicht ironische Anklänge gibt es schon. Mahler trieb diese Ästhetik dann auf die Spitze – und beendete damit die Geschichte der Symphonie wie wir sie kennen.

Der britische Dirigent Christopher Ward sagt, Rott hat Mahler in die Stratosphäre geschossen, von wo aus dieser dann abgesprungen ist. (Eine abenteuerliche Red-Bull-Metapher, die man nicht so oft hört.) Dabei war Rotts eigenes Leben ein einziger Absturz, eine verzweifelte Suche nach Anerkennung und Erfolg, die in der Katastrophe endete. Der erste Satz der ersten Sinfonie, die ihr gleich hören könnt, war seine Abschlussarbeit. Er fiel durch. Johannes Brahms verweigert ihm ein statliches Stipendium, sein Lehrer und Förderer Bruckner versucht ihm eine Anstellung als Organist zu verschaffen, erfolglos. Alle Versuche des früh Verwaisten, sich in Wien irgendwie über Wasser zu halten, scheitern.

Mit 22 Jahren erhält er dann eine Anstellung im elsässischen Mulhouse (was für ein Abstieg, aus Wien kommend, mit solchen Lehrern!). Er muss den Job annehmen. Aber auf dem Weg dorthin zerfällt alles. Im Zug bedroht Rott mit gezückter Pistole einen Mitreisenden, weil der sich eine Zigarre anzünden will. Rott will das unbedingt verhindern, weil er glaubt, Brahms habe den Waggon mit Dynamit füllen lassen. Rott wird in die niederösterreichische Landesirrenanstalt eingewiesen (”in vollständig verworrenem Zustande”, wie es heißt), in der er 1884, mit gerade mal 25 Jahren, an Tuberkulose stirbt. Keine zwanzig Jahre später wird in der gleichen Einrichtung sein Freund Hugo Wolf, der ebenfalls dem Wahnsinn verfallen sollte, ebenfalls sterben. Genie und Wahnsinn, wortwörtlich.

Mahler springt aus der Stratosphäre ab, liefert unter Schmerzen fast zehn Sinfonien ab und verändert die Musikgeschichte. Rott verschwindet als wäre er nie dagewesen. Ein Fehler in der Matrix.

Erst über hundert Jahre später wird dieser Fehler korrigiert. Seine erste Sinfonie wird uraufgeführt, endlich, 1989 in Cincinnati. Seither gibt es mehr und mehr Aufnahmen der wenigen Musik, die Rott hinterlassen hat. 2021 hat das Gürzenich Orchester Köln sein gesamtes Orchesterwerk aufgenommen. Es passt auf zwei CDs.

Hans Rotts erste Sinfonie, ein Zug voller Dynamit, auf dem Weg in die Stratosphäre. Hört sie euch an:

https://youtu.be/bBz4tEIM_C4?t=37

Danke fürs Lesen und schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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