Filmmusik ohne Film

John Corigliano: Violinkonzert ”The Red Violin” (2003)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich regelmäßig Musikstücke vor, die ich sehr mag. Ich schreibe ein paar Zeilen dazu, mit dem Ziel, dir den Zugang zu erleichtern. Ich hoffe, dass du nach dem Lesen und Anhören sagst: Ich bin froh, diese Musik kennengelernt zu haben. Sie hat mein Leben etwas reicher gemacht. Wenn mir das gelingt, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung auf Steady.

Filmmusikkomponist:in ist ein undankbarer Beruf. Nur eine Handvoll Leute interessiert sich für deine Arbeit, obwohl der ganze Film nicht funktionieren würde ohne sie. Und wenn deine Musik mal außerhalb von Filmen aufgeführt wird, dann interessieren sich die Leute nur für die immer gleichen Namen.

Wenn du dann noch Musik abgeliefert hast für einen Film, den kaum jemand kennt, dann lässt sich deine Frustration nur noch durch eine Sache steigern: Wenn du richtig gute Musik abgeliefert hast. Das ist John Corigliano passiert.

Heute geht es um Musik, die zwar für einen Film geschrieben wurde, aber so interessant ist, dass der Komponist sie danach zu einem Violinkonzert umgearbeitet hat, das man auch ohne Film spielen – und hören – kann. Auch der fabelhafte Erich Wolfgang Korngold hat so gearbeitet, um ihn geht es aber ein andermal. Heute geht es um John Coriglianos Musik zu dem kanadischen Spielfilm ”The Red Violin” von 1999.

Corigliano stammt aus einer musikalischen Familie. Sein Vater war Konzertmeister bei den New Yorker Philharmonikern, er selbst unterrichtete an der Juilliard School of Music und schuf ein breites Œuvre, das meiste davon keine Filmmusik. Die Handlung des Films, für die er die heutige Musik schrieb, ist von so sagenhafter Blödheit, dass auf sie nicht weiter eingegangen werden kann. Coriglianos Musik hingegen ist von so glänzender, virtuoser Pracht, dass ihr euch die 17 Minuten (!) für den ersten Satz des Violinkonzerts ”The Red Violin” nehmen solltet.

Die Violine nimmt mehrere Anläufe, unterbrochen vom einem mystisch glitzernden Orchester, das das aufsteigende Thema andeutet. Bei 2:49 erklingt dann das wehmütige Thema in der Violine zum ersten Mal komplett.

Corigliano weiß genau, was er tut – dem Wesen nach ist ”The Red Violin” ein romantisches Violinkonzert des neunzehnten Jahrhunderts, aber die effektvolle Orchestrierung ist ein Produkt des zwanzigsten. Achtet mal auf den filmreifen Zusammenbruch bei 5:40 und den folgenden, minutenlangen Nachhall, vor dem die Flöte ihr Solo erhält und währenddessen später auch die Geige zurückkehrt. Und die Crescendi (lauter werdende Stellen) der Bläser und Streicher von 8:19 bis 8:28 klingen schon fast synthetisch, hier sind wir im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen.

Corigliano holt aus dem sehr überschaubaren musikalischen Material alles raus – denn dies ist immer noch Filmmusik: Das Motiv muss ganz klar sein und darf sich ruhig häufig wiederholen. Schließlich bekam Corigliano für seine Musik zu ”The Red Violin” im Jahr 2000 einen Oscar. Ansonsten ging der Film komplett leer aus. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Der virtuosen Geigerin Elina Vähäla haben wir es zu verdanken, dass dieses auch technisch nicht anspruchslose Stück seit 2013 in einer fantastischen Aufnahme vorliegt, die ihr nun hören könnt. Filmmusik, die man am besten ohne Film genießt, viel Spaß!

https://www.youtube.com/watch?v=A3-OJ5VN-gk

Hier die Links zu den Streamingdiensten.

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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