Nach der Generalpause

Joseph Haydn: Symphonie in g-moll Nr. 39 (1765)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich regelmäßig Musikstücke vor, die ich sehr mag. Ich schreibe ein paar Zeilen dazu, mit dem Ziel, dir den Zugang zu erleichtern. Ich hoffe, dass du nach dem Lesen und Anhören sagst: Ich bin froh, diese Musik kennengelernt zu haben. Sie hat mein Leben etwas reicher gemacht. Wenn mir das gelingt, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung auf Steady.

Eine amerikanische Freundin, die kurz vor Ausbruch der Pandemie wegen eines Jobs aus Rhode Island in den Nachbarstaat Connecticut umgezogen war, saß dort plötzlich in einem Häuschen auf der grünen Wiese fest, ohne irgendwen in ihrer neuen Heimat zu kennen. Wegen der Corona-Beschränkungen würde sie auf absehbare Zeit auch niemanden kennenlernen.

Es blieben Zoom mit der Arbeit, Zoom mit der Familie, zwei Katzen und drei Hühner hinter dem Haus. Vor etwa einem Jahr erzählte sie mir (via Zoom), dass sich die Situation wie bei der ”Reise nach Jerusalem” anfühlt, wenn die Musik ausgeht. Man setzt sich hin, in der festen Erwartung, dass die Musik gleich wieder angeht. Nur dass sie diesmal nicht wieder anging.

Joseph Haydn macht im ersten Satz seiner Symphonie Nr. 39 weidlich Gebrauch von unerwarteten Pausen, in denen alle Instrumente schweigen, den sogenannten Generalpausen. Der erste dieser Aussetzer passiert nach nicht einmal fünf Sekunden. Spätestens dann kann sich Haydn der Aufmerksamkeit seines Publikums sicher sein. Denn die Wirkung der völlig überraschenden Pause hält weit über ihr Ende hinaus an: Man weiß jetzt, wozu der Komponist imstande ist. Hinter jeder musikalischen Phrase könnte ein weitere unerwartete Pause liegen. Das paradoxe Drama der Musik rührt daher, dass die nächste Pause ja nicht mehr wirklich unerwartet kommen kann. Der gespannte Duktus der Musik, die Haydn um die Pausen herumgeschrieben hat, tut sein übriges: Es ist seine erste Symphonie in einer Moll-Tonart und eine der wenigen mit vier statt der zu Haydns Zeit üblichen zwei Hörner. Dieses dramatische Setup in Verbindung mit dem hohen Tempo des ersten Satzes (und eben den verstörenden Pausen) sagt ganz klar: Luft anhalten, hier steht etwas auf dem Spiel. 

Die Pandemie dürften viele Menschen, insbesondere auf der Nordhalbkugel der Seligen, als Generalpause ihres Lebens wahrgenommen haben – wenn sie nicht gerade im Gesundheitswesen oder in der Logistik tätig waren. Jetzt, da die ersten Instrumente wieder vorsichtig einsetzen, wissen wir, dass nach dem nächsten Melodiebogen wieder eine unerwartete Pause drohen kann – nur dass sie diesmal eben nicht mehr unerwartet ist.

Wir wissen jetzt, dass die Musik jederzeit wieder enden kann. Wir sollten uns darauf vorbereiten.

Hier also nun Musik, die ausnahmsweise mal wirklich Klassik im engeren Wortsinn ist, sie wurde von rund 250 Jahren komponiert. Hört euch Joseph Haydns Symphonie Nr. 39 an, insbesondere die Stellen ohne Musik, die empörenden Pausen im ersten Satz:

https://www.youtube.com/watch?v=hvnbWIjE08g

Hier ein Link zu den gängigen Streamingdiesten.

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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