Dübel Days

An Karfreitag bin ich auf eine Leiter gestiegen. Wie schon einige Male zuvor, bemühte ich mich um  drei Bohrlöcher einer Gardinenhalterung, die einfach ihren Dienst versagten. Die beiden anderen Halterungen der extralangen Stange hatten nur mäßige Probleme verursacht, aber Nummer Drei verweigerte jede Kooperation. Die Ursache war unklar. Beim Bohren schien sich mir im einem der Löcher ein Hohlraum aufzutun. Das zweite, direkt daneben, spie dunkelgrauen Staub aus, das dritte Loch aber roten. Kein Dübel hielt, die Schrauben drehten durch und die ganze Konstruktion neigte sich zu Boden wie die schmelzenden Uhren auf Salvador Dalìs „Unbeständigkeit der Erinnerung“. So ging das tagelang, ich fühlte mich wie in dem Beatles-Song „A Day in the Life“, wo es darum geht, die Löcher zu zählen, die es braucht, um die Londoner Albert Hall zu füllen. Karfreitag hatte ich aber für mich neuartige Superdübel dabei: Grauer Korpus, rote Spitze – künstliche Intelligenz in Dübelgestalt: Er weiß von alleine, wann er sich spreizen, kunstvoll drehen oder gar verknoten muss.

Schon das Studium der Kundenbewertungen des Superdübels förderte wertvolle Einsichten: Viele Nutzerinnen und Nutzer kannten das Problem deutscher Altbauten. Die paar Häuser die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs noch standen, waren nicht intakt, sondern konnten gerade so geflickt, gestützt und erhalten werden. Und später, in der Wirtschaftswunderjahren, wurde angebaut, erweitert und verschönert, kein Mensch weiß mehr, womit und wozu.  Solche alten Häuser bestehen an unbekannten Ecken aus undefinierten Materialien, Bauschutt oder Sand, was eben so da war.

Wenn man heute dort etwas befestigen möchte, artet das schnell in Mikroarchäologie aus – so wie Bauarbeiten in jeder deutschen Stadt schnell zum Fall für den Sprengmittelräumdienst werden, die Fliegerbomben aus den vierziger Jahren sind noch immer Teil unseres Alltags.

Die neuen Dübel wirkten Wunder. Es klackte beruhigend, dann klickte es munter und die glänzenden Schrauben wurden ein Teil der Wand, nur besser. Bald schon kletterten die Katzen in den Stoffbahnen herum, nichts wackelte, es war eine Freude. Dass Deutschland unbestrittener Dübelweltmeister ist, verweist dialektisch auf unsere historischen Verbrechen. Und erinnert an den daraus resultierenden, immer noch wirksamen, existentiellen Wunsch nach Stabilität, Schutz und Tragfähigkeit.

Womit wir bei Winfried Kretschmann wären. Er ist der erste grüne Ministerpräsident, aber sein Bundesland ist noch gut wieder zu erkennen. Er bedient bei nahendem Ende der Amtszeit von Angela Merkel die deutsche Sehnsucht nach dem, was der Psychologe Stefan Grünewald die „permanente Gegenwart“ nennt. Kretschmann klingt so, wie deutsche Chefs schon immer geklungen haben und wenn er etwas sagt, dann meist eine Variation des deutschen Mantras, man möge die Kirche im Dorf lassen. Der baden-württembergische Ministerpräsident ist ein gutes Symbol für die gegenwärtige Sehnsucht nach einer Veränderung, in der alles beim Alten bleibt: Würstchen ohne Fleisch, Autos ohne Benzin, Bier ohne Alkohol. Altbau mit tragfähigen Wänden. Politik nach dem Muster aktueller Sportgerätebestseller: Man müht sich ab, aber bleibt an Ort und Stelle, geborgen zuhause.

Und doch, etwas wird sich ändern müssen in Deutschland. Denn nach drei großen Koalitionen ist das Modell am Ende. Es ist völlig überflüssig, die GroKo schlecht zu reden, das tun die Beteiligten ja schon selbst. Viel ist ja auch gelungen, Deutschland ist ein lebenswertes Land. Aber auf zu vielen Gebieten – Europa, Kampf gegen Rechts, technologische Initiativen - fehlte Mut. Im Herbst stellt sich also die K-Frage, doch leider gibt es zwei davon: Bürgerinnen und Bürger, vor allem aber wir Medien personalisieren gern und möchten gern prophezeien, wer Kanzlerin oder Kanzler wird. Wie wohnt er oder sie, wen liebt er oder sie, wie ist er oder sie denn so privat?  Aber die Fraktionen des zu wählenden Bundestags müssen eine andere, nämlich die Koalitionsfrage beantworten. Und weder Christ- noch Sozialdemokraten sind besonders gut in Form.

Hier hilft ein Blick auf die Milieus, die die Parteien historisch tragen. Die katholische Kirche kommt nicht weiter bei der Frage, wie der Anteil der Frauen, die das Gemeindeleben fast überall maßgeblich prägen, auch in der Hierarchie Berücksichtigung findet. Die Kirchen sind nicht allein wegen der Pandemiemaßnahmen leer, das hat schon auch Gründe, die im Personal und in der Lehre selbst liegen. Dabei ist der Wunsch nach einer geistigen Dimension der Existenz unverändert stark, bloß kümmern sich jetzt viele um Zen, Yoga und andere Formen des Buddhismus. Der politische Katholizismus nimmt eine Rolle ein, die seine faktische soziale Bedeutung weit übertrifft. Der große französische Historiker Paul Veyne fand dafür ein gutes Bild: Wir bewohnen ein Haus, das früher Christen bewohnt haben. Da hängt noch die Kunst, wir können uns an der Musik erfreuen und bestaunen die Symbole. Aber richtige Christen, die sich auf den Himmel freuen und die Hölle fürchten, die sind selten geworden.

Und die Sozialdemokratie tut sich schwer, ihre historische Nähe zu fossilen Energieträgern – Braunkohle, Gas aus Russland –  an die Erfordernisse der Klimawandels anzupassen. So lange hat sich die verunsicherte Partei einreden lassen, sie hätte einen Markenkern namens „soziale Gerechtigkeit“, dass alle andere Dimensionen der fortschrittsoptimistischen, umfassenden Bewegung verkümmerten.  Und ein anderer Aspekt kommt hinzu: Im Gegensatz zum Kapital haben die Parteien der Arbeit es überall versäumt, effektive und mächtige Formen internationaler Kooperation zu entwickeln.

Parteien sind große Familien. Ihre Mitglieder altern gemeinsam, fechten Konflikte aus, halten gegen die anderen zusammen. Aufstieg und Fall besonderer Familien sind seit jeher der Stoff großer Romane, seien es die „Buddenbrooks“, die „Korrekturen“ von Jonathan Franzen oder Paul Theroux „Mutterland“. Wenn man derzeit Nachrichten schaut, liest man den Roman von der Erschöpfung der Christ- und Sozialdemokratie. Ist es ein Abschied für immer, wie in den Schwesterparteien in Italien und Frankreich, wo diese einst mächtigen Lager nur noch als Parodie ihrer selbst übers Land ziehen? An Ostern möchte man eine Wiedergeburt nicht ausschließen. Aber es spricht doch einiges dafür, dass die Grünen im Herbst erstmals so stark werden, dass sie die Geschicke des Landes bestimmen können.

Ich persönlich stelle mir eine grün-schwarze oder schwarz-grüne, eine Schäuble und Kretschmann – Koalition vor wie ein schwäbisches Fachwerkhaus, in dessen Erdgeschoß so ein Headshop, ein Laden mit Hanfprodukten auf Kunden wartet. Okay, aber in meinen Augen auch stets etwas spießig.

Eine etwas wagemutigere Koalition wäre mir lieber, die den Leuten etwas zumutet und Tempo macht im Kampf gegen den Klimawandel, der Förderung der europäischen Zusammenarbeit und ganz generell bei der Erfindung einer neuen Rolle des Staates als Schrittmacher der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Doch solch eine transformative Koalition gibt es nicht ohne die Stimmen der Linken und diese Partei ist dazu auch nur in Teilen bereit. So bleiben die Sarah Wagenknechts und Jean-Luc Mélenchons dieser Welt die besten Garanten unserer herrschenden Verhältnisse.

Joe Biden hängt derweil die europäischen Progressiven locker ab: Seine gigantischen Investitionen beenden faktisch die jahrzehntealte Theorie vom Staat als Problem der modernen Gesellschaft. Er beweist wieder den alten Satz: “Beware of old men, they have nothing to lose.“

Was tun?

Bei allem Verdruss unserer Zeiten ist die Frühjahrsproduktion der Verlage doch eine echte Freude. Ich erfreue mich an dem sehr witzigen, klugen Buch von Dmitrij Kapitelman „Eine Formalie in Kiew“ (Hanser Berlin). Der Protagonist braucht eine Geburtsurkunde, aber in dieser bürokratischen Reise geht es um Europa, das Wesen der Familie und um ziemlich viele Katzen. Man muss lachen und freut sich an einer simplen, eleganten Sprache, die uns durch das Labyrinth der europäischen Gegenwart lotst.

Morgen Abend ist für alle SaarländerInnen ein besonderer, spannungsgeladener Moment, denn da wird der vom Saarländischen Rundfunk verantwortete Tatort ausgestrahlt. Jahrelang habe ich das unter lustvollem Gruseln mit meinem Freund Alexander Krahe zusammen verfolgt, weil die Filme so schlecht waren. Wir kannten uns aus dem Studium in Saabrücken, waren dann weggezogen, blieben aber befreundet. An Tagen mit Saar-Tatort tauschten uns live per sms aus,  er wohnte in Berlin, ich schon in Wiesbaden. Im vergangenen Jahr ist er gestorben. Morgen werde ich an ihn denken.

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