Skip to main content

Liebe Leser*innen,

herzlich willkommen zu meinem dritten Newsletter. Kann es zu viel Literaturbegeisterung geben? Ich probiere ja gern mal Verschiedenes aus und lerne Neues dazu, so wie wir alle vermutlich. Nachdem ich jetzt ein paar mal gehört habe, dass man sich meinen monatlichen Newsletter auf Halde für später legen muss, weil er eben doch zwei Mal ganz schön lang geworden ist, versuche ich ihn diesmal etwas alltagstauglicher und weniger textlastig zu schreiben. Das passt auch gut zu meinen vergangenen vier Wochen, die waren nämlich ganz schön wild. Aber während ich hier sitze, die Bücher und euch als ihre zukünftigen Liebhaber*innen in Gedanken, da fühle ich mich so dankbar und frohgemut, ja so ganz und gar wohl, und muss mich ganz schön zusammenreißen, damit es wirklich knapper klappt. So gut geht's mir in diesem Moment also. Ich hoffe, euch geht es ebenso. 

Liebling des Monats

Alba de Céspedes „Das verbotene Notizbuch“, aus dem Italienischen von Verena von Koskull im Insel Verlag.

Valeria lebt mit ihrem Mann und ihren fast erwachsenen Kindern im Rom der 50er Jahre. Sie führt ein bescheidenes Leben als Büroangestellte um das Familieneinkommen aufzubessern und geht ansonsten darin auf, sich aufopferungsvoll um die Bedürfnisse ihrer Familie zu kümmern. Wenn ihr Mann Michele von der Arbeit kommt, glänzt die geputzte Wohnung und das Essen dampft auf dem Tisch. Die beiden fast erwachsenen Kinder Riccardo und Mirella halten sich naturgemäß für den Nabel der Welt und trauen der Mutter nicht einmal eigene Wünsche zu. Valeria hat mit 43 Jahren ihre Identität im Wohlbefinden ihrer Familie aufgelöst und wird selbst von ihrem Ehemann nur noch Mama genannt. Allen Feminist*innen schälen sich nun besorgt die Fußnägel himmelwärts, so sehr man die Rollenbilder dieser Zeit auch mitdenken mag. Aber Rettung naht und natürlich liegt sie im Schreiben. Eines Tages kauft Valeria, die sich selbst nie etwas gönnt, die keine Geheimnisse hat, eher zufällig ein Notizheft und erschreibt sich damit ihre Identität zurück. Nicht einmal eine Schublade für sich hat sie anfangs, wo sie ihre Notizen verbergen kann, nichts gehört nur ihr in dieser Wohnung, in der alle selbstverständlich Raum und Aufmerksamkeit beanspruchen für sich selbst und ihre Träume. Doch im Verlauf ihres Schreibens vergewissert sich Valeria immer weiter ihrer selbst, erobert sich Raum und nimmt wieder eigenes Verlangen und eigene Bedürfnisse wahr. Doch wie weit kann das gehen in diesen Zeiten?

Alba de Céspedes (1911 - 1997), hat Widerstand gegen den italienischen Faschismus geleistet, im Partisanenradio gesprochen und wurde zwei Mal inhaftiert. Ihre Werke gehörten zu den Klassikern der italienischen Literatur des 20. Jahrhunderts, hatten aber auch – gerade im eigenen Land – mit dem unsäglichen Stempel der Frauenliteratur zu kämpfen, bevor sie dann in Vergessenheit gerieten. Diese Neuübersetzung eines Romans in Tagebuchform, eines Romans über Klasse, Mutterschaft, Frausein und Selbstermächtigung ist ein wunderbarer erster Schritt, diese großartige Autorin wieder in unsere Regale, Gedanken und Gespräche zu tragen. Lediglich ein Vor- oder Nachwort hätte ich mir innig gewünscht. Ist es doch ein wichtiges Buch einer Autorin, über die es sicher noch sehr viel zu erzählen gibt.

Und wo wir schon bei bemerkenswerten Frauen sind:

Was sonst noch los war im Oktober

Die Bücherfrauen haben einen neuen Literaturpreis ins Leben gerufen. Mit der Christine werden Autorinnen ausgezeichnet, die mit ihrem Schreiben zur Gleichstellung der Geschlechter und zur Stärkung von Frauen und Mädchen beitragen. Der Preis ist mit 10.000€ dotiert und wird alle zwei Jahre vergeben. 

Zum ersten Mal erhielt ihn nun Mely Kiyak für „Frausein“ im Hanser Verlag.

Ich schrieb darüber in diesem Post vor über einem Jahr im September 2020: „Ich bin eine Frau. Ich bin es gerne. Da ist kein Hadern. Kein Bedauern. Kein Mangel. Aber auch kein Überfluss. Davon möchte ich erzählen. Ich beginne dafür an irgendeiner Stelle. Denn es gibt keine Anfänge. Es gibt nur den Blick zurück.“ schreibt Mely Kiyak in „Frausein“ und wirft damit genau das Netz aus, in dem ich mich literarisch gerade am liebsten verfange. Weil es mir nicht tausend Seiten lang die Welt erklärt, sondern mich nach 130 Seiten immer wieder zum Zurück- und Nach- und Weiterdenken bringt. In Fragmenten und poetischen Bildern, glasklaren Sätzen und gerade dadurch wirkungsvollster Prosa erzählt Mely Kiyak von (ihrem!) Frausein ...

Die Jury, bestehend aus Aviva-Verlegerin Britta Jürgs, Buchhändlerin und Bücherfrau 2018 Susanne Martin und Literaturbloggerin, Übersetzerin und Autorin Nicole Seifert, hatte zuvor aus den Einreichungen der Regionalgruppen der Bücherfrauen eine Shortlist zusammengestellt:

  • Hiromi Goto, Chor der Pilze, Cass, 2020; Übers. Karen Gerwig
  • Anna Katharina Hahn, Aus und davon, Suhrkamp, 2020
  • Mely Kiyak, Frausein, Hanser, 2020
  • Beatrix Kramlovsky, Die Lichtsammlerin, hanserblau, 2019
  • Rebecca Solnit, Unziemliches Verhalten, Hoffmann & Campe, 2020; Übers. Kathrin Razum

Ich freue mich für Mely Kiyak und bin sehr gespannt, wie sich der Preis entwickeln wird. 

Im Oktober haben Ludwig Lohmann und ich für blauschwarzberlin natürlich auch eine neue Podcastfolge Letzte Lektüren #33 aufgenommen, die ihr hier nachhören könnt.

Kleinod im Kinderbuch

Endlich! Von Susann Hoffmann sind im Zuckersüß Verlag gerade zwei Pappbilderbücher erschienen, die in wunderschönen und kindgerechten Alltagsbildern vermitteln, dass Spielzeug oder Kleidung kein Gender haben, sondern für alle da sind. 

Wunderbares zum nahenden Winter

Weil man in jedem Alter einen Adventskalender brauchen kann, zeige ich euch gleich meinen Allerliebsten:

Die „Lichtungen“ von Stephanie Brall und Ann-Kathrin Blohmer begleiten beim Warten, Wandeln und Wundern zwischen den Zeiten. Für Erwachsene als täglicher Wandkalender vom 26.11. bis 6.1. oder für Kinder (ab 5 Jahren) als Spiralbuch mit vielen Mitmach-Ideen vom 1. Advent bis zum 2. Weihnachtstag.

Wer sich auch auf lange Abende und ruhige Zeiten freut, kann sich vielleicht gleich eins dieser Winterwunder hier vormerken:

Katherine May „Überwintern. Wenn das Leben innehält“, übersetzt von Marieke Heimburger im Insel Verlag. Das Buch erzählt von der (Schock)Starre, die manchmal auf schwierige Ereignisse oder einschneidende Erlebnisse folgt, aber auch vom Kräftesammeln im Verborgenen und dem bewussten Innehalten.

„Fünfzig Wörter für Schnee“ von Nancy Campbell, übersetzt von Brigitte Jakobeit bei Hoffmann & Campe. Wenn die schottische Lyrikerin Nancy Campbell den sprachlichen Eigenheiten des Schnees in Geschichten rund um die Welt folgt, dann betört das Erzählte ebenso sehr, wie die bezaubernden Bilder des ersten Schneekristallfotografen Wilson Bentley, die jedem Kaptel vorangestellt sind. 

Ein Schatz, dieses Buch! Beide Bücher!

Und magisch geht es weiter:

Von Robert Macfarlane sind, übersetzt von Daniela Seel, bei Matthes & Seitz nun „Die verlorenen Zaubersprüche“ erschienen. An wunderschönen Bildern von Jackie Morris versammelt das handliche Buch Reime, Wundersames, Verwunschenes und Beschwörendes.

Die Schwestern Hannah Krutmann und Marie Krutmann zeigen in „Everyday Magic“ bei Lübbe wie Spiritualität in einem feministischen Alltag aussehen kann. Mit Humor und ohne Dogma geht es hier um Kräuter, Kristalle und Komplizinnenschaft.

Nicht übersehen

Im Augustverlag sind zwei enorm wichtige Bücher von Hervé Guibert in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel (erneut) erschienen: „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ ist somit endlich wieder lieferbar. Überhaupt erstmals veröffentlicht wurde nun auch der schmale Band „Zytomegalievirus“, dem der Übersetzer dankenswerterweise ein sehr hilfreiches Nachwort beigefügt hat.

Beide Bücher sind enorm wichtige Titel der HIV- und AIDS-Literatur und falls ihr es noch nicht gesehen habt, möchte ich euch wärmstens das unglaublich kluge Insta-Livegespräch zum Thema Queerer Kanon von Tobi Börner und Marlon bookstargayasfuck.de ans Herz legen, das ihr hier nachschauen könnt.

Termine im November

Am 8.11. um 19 Uhr gibt es auf meinem Kanal ein Insta-Live mit Florian Illies zu seinem neuen Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“ bei S. Fischer. Ich freue mich jetzt schon sehr darauf, denn dieses Buch stellt die Beziehungen ganz besonderer Paare in schier unvorstellbaren Zeiten in den Fokus. Leichtfüßig und kenntnisreich geht Illies durch die Jahre 1929 bis 1939 und zwar mit Blick auf die Liebe. Er ist an der Seite von Bertolt Brecht und Helene Weigel, Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre, Hannah Arendt und Heinrich Blücher, Lee Miller und Man Ray, Henry Miller und Anaïs Nin, Alma Mahler und Franz Werfel, Margarete Karplus und Theodor Adorno, Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque, Helene Mosel und Kurt Wolff – und vielen anderen. Und wir gehen mit, gemeinsam mit Florian Illies ein Stück dieses Wegs. Ich freue mich, wenn ihr beim Livestream dabei seid und mit mir staunt und lernt und gern auch nachfragt.

Am Sonntag, den 21. November um 14:30 Uhr moderiere ich in der schönen Hansabibliothek im Rahmen von Offen für Kultur eine Lesung mit dem wunderbaren Daniel Schreiber und meinem zweifellos jezt schon Jahreshighlight-Buch „Allein“ bei Hanser Berlin. 

Vorfreude auf den November

1. November Rachel Cusk „Der andere Ort“, übersetzt von Eva Bonné bei Suhrkamp.

4. November „(K)eine Mutter. Abtreibung - Zwölf Frauen erzählen ihre Geschichte“, herausgegeben von Jeanne Diesteldorf bei Kiepenheuer & Witsch.

10. November Édouard Louis, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, „Die Freiheit einer Frau“ bei S. Fischer.

Liebe Leser*innen, war das etwas leichter verträglich? Oder ist schon wieder alles mit mir durchgegangen? Im schlimmsten Fall schenkt euch die Umstellung aufs Wintern ja eine Stunde mehr Lesezeit.

Ich gebe schnell noch zu Protokoll, dass eines meiner Lieblingsbücher aus dem letzten Jahr jetzt neu im Taschenbuch (NiTa) erschienen ist: Zugvögel von Charlotte McConaghy, übersetzt von Tanja Handels. So viel intensiver als das Cover vermuten lässt und eine der schönsten Liebesgeschichten der jüngsten Zeit.

Und wenn ihr euch doch noch fragt, was meine Überraschung des Monats Oktober war, so kann ich euch verraten, dass der autofiktionale Roman „Wer bist du“ von Anna Kavan, übersetzt von Helma Schleif bei Diaphanes, obwohl er eine Ehehölle im kolonialen Burma erzählt, so viel leichter und soghafter lesbar ist, als das dystopische „Eis“, an dem ich unlängst krachend gescheitert bin. Wie toll, dass es auch in solchen Fällen Autor*innen gibt, die einen nicht loslassen und Verlage, die sie verlegen und/oder wiederentdecken.

So und jetzt danke ich euch von Herzen für die Aufmerksamkeit. Ich freu mich über Feedback und Kommentare. (Sagt auch bitte ehrlich wenn es mal wieder unlesbar lang wat. Ich übe ja.) Kommt gut und gewärmt durch den November.

Alles Liebe und ein gutes Lesen

Maria

PS: Und wer es nun doch bis hierher geschafft hat und wer beim Wort Freitagsstunde ein fröhliches Funkeln in den Augen kriegt: Am 26.11. um 20:21 Uhr ist es endlich wieder soweit. Ich freu mich so, so sehr auf euch! ♡♡♡

Only members who have access to this post can read and write comments.