Schleppen
Wenn ich eins kann, dann ist es schleppen.
Meine Mutter hat mir beigebracht, wie man schleppt.
Ich schleppe immer irgendwas. Von mir zur Arbeit, vom Supermarkt nach Hause, von meiner Wohnung in andere Wohnungen, von draußen nach drinnen, und umgekehrt. Aber ich schleppe nie sinnlos.
Manchmal werde ich gefragt, ob meine Tasche nicht schwer ist, und ja das ist sie manchmal, aber es ist doch nur eine Tasche und die muss nun mal geschleppt werden. Wozu sich darüber Gedanken machen, ob sie schwer ist?
Ich schleppe gerne und ungerne. Ich schleppe selbstverständlich und ich beschwere mich trotzdem. Oh man, immer muss ich irgendwas schleppen, sage ich dann und nehme danach ganz geübt mein Schleppzeug, um es behutsam von A nach B zu tragen. Und wenn ich eine Mine verziehe, mache ich es trotzdem. Denn die Dinge müssen nun mal geschleppt werden.
Neulich war ich bei meiner Mutter und schleppte einige wichtigen Taschen zu ihr, die aus irgendeinem Grund nun bei ihr Platz finden sollten. Und meine Mutter überreichte mir wiederum zwei ihrer Taschen, die sie zu sich schleppte und die ich nun zurück zu mir schleppen sollte. Wir tauschen unsere Taschen aus wie Liebensbriefe. Etwas später schleppten wir einige größere Taschen rüber zu meiner Oma, stellten sie wohlplatziert ab und schleppten einige Tage später ebenso viel wieder mit nach Hause. Die Frauen unserer Familie sind geübt darin, zu schleppen. Wir schleppen ständig irgendwas.
Ich frage mich, wieso es ständig etwas zu schleppen gibt, wieso nicht irgendwann alle Dinge mal einen festen Platz gefunden haben. Doch dann gäbe es ja nichts mehr zu teilen, dann gäbe es nichts mehr zu tauschen, dann wäre mein Haushalt allein, und nicht mehr einer von vielen und ich vielleicht auch, damit wäre ich einer Funktion beraubt, einer, die ich beherrsche und einer, die mich eint, mit so vielen anderen, die ich täglich beobachte, wie sie Einkäufe schleppen, Kinder schleppen, Möbel schleppen, Taschen schleppen, Pflanzen schleppen, so selbstverständlich, dass es nie die Aufmerksamkeit des öffentlichen Raumes erregen würde aber eben doch meine eigene und die derer, die einen Blick für dafür haben und das sind meistens die, die auch gerade etwas schleppen, die es nicht als selbstverständlich nehmen und mich damit auch nicht und die es trotzdem selbstverständlich tun, wie ich auch, weil es vielleicht genau so viel mit uns zu tun hat als mit den anderen, weil es mich zu einem wir macht.
Als ich letztens bei einem Umzug geholfen habe, da wurde lange diskutiert darüber, wie man dies und jenes am besten transportiert, und dann hab ich mich kurz mal umgesehen zu einer Freundin, die schon 4 Taschen über den Arm, 2 Kartons in der Hand und ein Kabel um den Hals gelegt hatte und mit leuchtenden Augen sagte: Der Trick ist, einfach ganz schnell zu sein. Also beschmückte ich mich wie sie und wir rannten los. Wow, sie kann richtig gut schleppen, bewunderte ich sie.
Auf der Suche nach einem Teaserbild googelte ich “Woman carrying things” und bekam viele Bilder von Frauen, die Shoppingtaschen tragen. Erst wollte ich mich darüber aufregen, aber wo ist der Diss? Eine Frau, die sich gönnt, die mit sich selbst Spaß hat und anschließend alles alleine nach Hause schleppt. Yes.
Ps.: Ein Video von Frauen im Alltag die ganz viele verschiedene Dinge tragen, danke an Shenja:
https://www.youtube.com/shorts/gZoOBgyTVyY (Opens in a new window)