Zeit ist Geld ist Wollen ist Scheitern
Mit 12 schrieb ich mal ein Gedicht über die Zeit. Darüber, dass sie erfunden ist, und darüber, dass sie manchmal Sinn ergibt und manchmal nicht. Ich versteckte den Zettel unter einem losen Stück Holz meines Schreibtisches, so, als hätte ich damals etwas Bahnbrechendes herausgefunden, was ich unbedingt schützen muss. Vielleicht, so stellte ich es mir vor, finden meine Kinder oder Kindeskinder diesen Zettel mal und schließen daraus, dass ich schon immer mit den großen und komplexen Fragen des Lebens beschäftigt war, dass ich ernst und tiefsinnig bin, dass ich anders bin als die anderen in meinem Alter, dass mich dieses Thema noch lange beschäftigen wird.
Auch wenn der Zettel inzwischen verloren ist und mein 12-jähriges Ich wohl genau wie alle anderen in diesem Alter war, hatte ich mit einem Recht: Das Thema beschäftigt mich noch immer. Zu einem ermüdenden Dauerzustand ist es in meinem Erwachsenenleben geworden, zu fühlen, dass ich nie genug Zeit habe.
Tue ich gar nichts, habe ich immer das Gefühl, ich habe noch nicht genug gar nichts getan, bevor das Vieltun wieder beginnt. Schlafe ich gut, wache ich auf und denke, ich habe noch nicht genug gut geschlafen. Treffe ich Freund:innen, habe ich das Gefühl, noch nie genug Zeit mit ihnen verbracht zu haben. Ich schimpfe auf das System, auf die Lohnarbeit und auf den Kapitalismus. Komisch aber, dass mir die Zeit nur dann fehlt, wenn’s gerade mal gut läuft, und komisch, dass sie mich nur dann so wütend macht, wenn ich von ihr unterbrochen werde, wie von einem anstrengenden Gesprächspartner.
In Wahrheit möchte ich ja eigentlich gar nicht nur noch mehr Zeit haben, sondern die 100 %. Solange nichts tun, bis ich perfekt entspannt bin, wenn ich gut schlafe, möchte ich direkt anknüpfen, modifizieren, ausprobieren, wie ich den perfekten Schlaf erreiche, treffe ich mich mit Freund:innen, möchte ich, dass es der perfekte Abend wird, bevor ich wieder nach Hause gehe, und bin ich wütend, weil die Zeit mich unterbricht, dann werfe ich ihr insgeheim vor, mich beim Erreichen eines guten Tages zu stören. Ich schimpfe auf das System, auf die Lohnarbeit und auf den Kapitalismus, zu Recht, aber noch aus zu wenig Gründen. Ich schimpfe darüber, dass man kein neutrales Verhältnis mehr zur Zeit haben kann. Zeit führt einen Stellvertreter-Kampf, die Arme.
Das zeigt sich besonders dann, wenn sie plötzlich da ist. Manchmal macht sie mir nämlich auch Angst, die Zeit, und dann fehlt sie mir nicht, dann drängt sie sich mir auf. Das ist oft dann, wenn ich plötzlich viel von ihr habe. Dann drängen sich die Dinge auf, die versteckt und wegsortiert in irgendeiner Ecke in mir lauern, die ich permanent vertröste, weil mir die Zeit fehlt. Scheiße, jetzt habe ich Zeit. Und vielleicht könnte ich jetzt wirklich anfangen, dieses eine Buch zu schreiben, von dem ich die ganze Zeit träume. Scheiße, vielleicht könnte ich jetzt wirklich anfangen, mich mit mir selber zu beschäftigen. Scheiße, vielleicht könnte ich mich ja sogar verwirklichen. Nein, danke. Mische Zeit mit dem Wunsch nach 100 % und du bekommst Scheitern.
Ich führe weiter meinen Stellvertreter-Kampf gegen die Zeit, die Arme, die wirklich zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein schien, schreibe Texte über sie, statt mit ihr, während sie mir wohlwollend über die Schulter blickt und sagt, dass ich noch ganz viel von ihr habe.