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Die geheime Rolle deiner Konflikte

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Fragst du dich manchmal, was all die Ängste und Sorgen in deinem Leben eigentlich sollen? Während meiner intensiven Plotting- und Konzeptphase diesen Herbst und Winter hat mir das Utopische Storytelling etwas klargemacht, was auch die Sicht auf dein Leben ändern könnte.

Sonst gibt es hier ja ein Utopisches Erzähl-Fenster, das aber diesmal leider ausfällt, weil ich derzeit nicht schreibe, sondern mich konzeptuell mit den sogenannten Antagonisten befasse – der dunklen Seite, den “Bösen”.

Ich gestehe, ich habe meine Antagonisten bisher sträflich vernachlässigt, bisher hatte ich eher andere Formen antagonistischer Kräfte ausgearbeitet: Innere Widerstände in den Hauptfiguren oder abstrakte Ideologien. Doch sie waren von Beginn an mit angelegt, ich konnte sie nicht mehr ignorieren. Und objektiv gesehen ist klar, dass sie es sind, die die Handlung, den Konflikt am Laufen halten. Selbst jeder Groschenheft-Liebesroman lebt von der Frage: Was (welcher Gegenspieler, welche gesellschaftliche Konvention etc.) trennt die Liebenden voneinander und lässt sie zunächst nicht zusammenkommen?

Bilder von einem Plotting-Wochenende vor einigen Wochen. Ich hatte mir extra mit einem Airbnb-Besuch (mit Kaminofen und Sauna :D) Zeit genommen, mich der dramaturgischen Arbeit mal zwei Tage am Stück zu widmen – das war hilfreich. Es hätte allerdings länger dauern dürfen :D

Der dramaturgische Konflikt, für alle Genres komplett normal, hat mit der Utopie immer schon ein Problem, weil sie ja eben gerade eine Welt ohne die üblichen Widerstände und Begrenzungen, sondern mit Lösungen aufzeigen will. (Deshalb gibt’s auf dem modernen Buchmarkt zwar ein Genre „Dystopie“, aber kein Genre „Utopie“. Geht man in der Literaturgeschichte zurück, findet man angefangen bei Platon über Thomas Morus „Utopia“ bis hin zu Ernest Callenbachs „Ecotopia“ durchaus Utopien, die sich aber, wenn ich ehrlich bin, etwas zäh lesen.)

Diese Frage hat mich jahrelang beschäftigt. Wenn ich doch in meinem eigenen Leben möglichst Frieden (erfahren) will, warum brauche ich für meine Utopie dann so sehr den Konflikt, damit sie lesenswert ist? Ich drückte mich davor, mich mit den konkreten “Bösen” zu befassen, weil sie mir paradoxerweise etwas langweilig erschienen, als leere Hülse.

Bild: pexels

Warum das Schwarz-Weiß-Denken, könnte man einwenden. Reicht es nicht, normale Menschen im Alltag authentisch aneinandergeraten zu lassen? Es wird sicher mal Utopien geben, denen auch das gelingt, in diesem Utopian Fiction-Universum allerdings gibt es noch klare antagonistische Kräfte, die am Ende nicht siegen sollen. Diese erfolgreich darzustellen hieße, ernsthaft wenigstens einen Zipfel ihrer Erfahrungswelt zu verstehen, sich quasi geistig zu “infizieren”, das (wirklich) Dunkle, Verzweifelte und Hässliche in sich selbst aktiv beleben zu müssen, wenigstens für ein paar Momente. (Ich weiß nicht, wie Horror- und Thrillerautoren mit so etwas umgehen.)

Rauf und runter

Seien wir ehrlich, den meisten von uns geht es darum, dass es mit uns und unserem Leben irgendwie aufwärts geht. Im Beruf, in Beziehungen, mit der Gesundheit. (Ja, als hehres Ziel wenigstens.) Das ist die typische hollywoodeske Heldenreise: Held/in im Alltag, erhält einen Ruf, besteht Prüfungen, findet einen Schatz, ist am Ende anerkannt, aufgestiegen.

Das Erzählmodell des Westens schneidet so einen Teil menschlicher Existenzerfahrung ab. Natürliche Entwicklungen sind kreisförmig, nicht linear aufsteigend: Jahreszeiten, Tagesabläufe, Lebensläufe. Aufstieg, Zenit, Verfall. Auch Imperien entstehen und vergehen (wie derzeit die Vereinigten Staaten und der Westen als solcher). Hollywood blendet den absteigenden Teil des Erfahrungsspektrums aus. Das Traumpaar heiratet, die folgende Scheidung wird nicht mehr gezeigt.

Bild: pexels

Absteigen, moralisch gesehen

Wenn absteigende Entwicklungen zum Leben gehören und ein Existenzrecht haben … gilt das dann auch für die moralische Dimension?

Ich fragte mich: Wenn ich die Antagonisten ernst nehme, sollten sie nicht symmetrisch betrachtet eine gegenläufige Entwicklung von Verfall und Verlust durchmachen? Es gibt durchaus Beispiele in der Literaturgeschichte: Die Buddenbrooks, Hamlet, The Great Gatsby. Von der Polarität des Positiven hin zum Negativen, zum Niedrigen oder Weniger, zur Auflösung, vom Licht zum anderen Pol, zum Dunklen, das so natürlich ist wie die Nacht gegenüber dem Tag.

Kann ich mich für einige Sekunden mit der Lebenserfahrung eines radikalisierten Terroristen identifizieren – oder ist sie für mich weniger “akzeptabel” als die Lebenserfahrung des unschuldigen Kindes, das er tötet? Oder kommen wir mit diesen Begrifflichkeiten hier nicht weiter? Rein spekulativ-philosophisch gefragt – könnte ein Bewusstsein sogar mit dem Ziel geboren werden, um die Erfahrung einer Hass-Spirale nach unten zu machen?

Hier nicht zwischen “richtig” und “falsch” urteilen zu können/dürfen, fühlt sich für das Alltagsbewusstsein schmerzhaft und unerträglich an. Aber erneut rein spekulativ gefragt, was, wenn dieses Bewusstsein in einem anderen Leben selbst als Opfer eines Anschlags wiedergeboren wird, um nun die andere Seite zu durchleben? Sind wir in Wahrheit nur ein neutrales Bewusstsein, das eine Erfahrung macht? (Dieser Gedanke ist inspiriert von der Arbeit von N.D. Walsch.)

Bild: Wikipedia, Deutsche Fotothek‎, CC BY-SA 3.0 de

Treibstoff, nicht Ziel des Lebens

Also habe ich in diesem Herbst begonnen, den Antagonisten meines Universums mehr Würde zu geben. Ich merke, wie tiefer und reicher sich die Verhältnisse anzufühlen beginnen, wenn ich versuche, ihre Motive, Emotionen und Antriebe nachzufühlen. Natürlich werde ich meinen Hauptfiguren immer verbundener sein, einfach, weil es vom Genre her in Richtung der Spirale eindeutig nach oben geht.

Die Gegenspieler hingegen sind die, die im Außen der Figur Grenzen aufzeigen, bzw. eben die Gegenrichtung, von der es wegzugehen gilt. Bei mir hat das enorm dazu beigetragen, dass ich auch meine persönlichen Konflikte weniger stiefmütterlich behandele, sondern als notwendigen Treibstoff meines Lebens. Seit einiger Zeit wird es immer normaler, manchmal unter dem Label Schattenarbeit, Angst, Scham, Trauer, Wut anzuschauen und zu transzendieren statt zu ignorieren. Zugänge dazu gibt es so viele, wie es Menschen gibt. Einer von meinen war und ist das Storytelling.

Bliebe die Frage an dich: Was bedeuten dir deine Konflikte in deinem Leben? Erkennst du ihre Rolle, oder fühlt es sich (noch) zu schmerzhaft an? Vielleicht hilft der Gedanke, dass sie wie die Seite einer Medaille sind. Auf der anderen Seite verbergen sich Eigenschaften, die dich ausmachen. Es gibt nur beides zusammen. Was wärst du ohne diese Eigenschaften?

— Das Glossar ist heute inspiriert durch einen Vortrag des Forschers und Aktivisten Matías de Stefano. —

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