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“Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst du mir das mal eben angeben?”

Auf diese Frage aus Thomas Manns Zauberberg gibt es, fürchte ich, keine befriedigende Antwort. Hans Castorp, der Protagonist des Romans, bekommt jedenfalls keine. Menschen haben, anders als andere Lebewesen, eine Vorstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie denken und handeln in Sekunden, Minuten, Tagen, Wochen, Monaten, Jahren. Wir nehmen Zeit wahr, versuchen sie festzuhalten, wenn wir ausnahmsweise etwas Zeit haben, ehe sie auch schon wieder zwischen den Fingern zerrinnt, weil uns klar wird, dass wir sie eben doch nicht besitzen können.

Aber wie wollen wir denn etwas messen, wovon wir genaugenommen rein gar nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen, die Zeit läuft ab. Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können … warte! Um meßbar zu sein, müßte sie doch gleichmäßig ablaufen, und wo steht denn das geschrieben, daß sie das tut? Für unser Bewußtsein tut sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung halber an, daß sie es tut.”

Wir haben kein Sinnesorgan für die Zeit, und trotzdem spüren wir häufig die Leere und die Ungeduld, wenn etwas zu langsam geschieht, den Flow, wenn wir ganz im Augenblick versunken sind, und häufig auch den Stress und die Unruhe, wenn uns die Zeit davonläuft, obwohl sie natürlich ruhig und gleichmäßig verstreicht.

Was wir dann wahrnehmen ist weniger die Zeit, als unsere Reaktion auf soziale Zeitstrukturen. Ich habe in der letzten Newsletterausgabe “Was sind deine Glimmer?” (Opens in a new window) berichtet, wie schwer es mir häufig gefallen ist, mich sicher in der Gegenwart zu verankern. Einfach nur da zu sein und zu bleiben, und nicht gedanklich schon (oder noch) woanders. Das gelang mir oft nur mit bestimmten Menschen, an bestimmten Orten und mit bestimmten Tätigkeiten.

Häufig fehlte mir die Fähigkeit zur Ruhe zu kommen, und zwar innerlich zur Ruhe zu kommen. Ich war oft schnell, rastlos und konnte Emotionen, die in bestimmten Situationen aufkamen, nicht loslassen, selbst nachdem diese Situationen lange vorbei waren. Erst heute begreife ich, dass ich mich oft nicht regulieren konnte, weil ich mich nicht sicher fühlte. Und wer nicht in Sicherheit ist, kann auch in seiner Zeit nicht sicher sein.

Titelbild: Susan Wilkinson

Je länger ich mich mit Zeitwahrnehmung, psychischer und körperlicher Gesundheit und dem autonomen Nervensystem beschäftige, desto mehr gelange ich zu der Überzeugung, dass ein ausgewogenes und gut reguliertes Nervensystem der Schlüssel zu einem Gefühl der Aufgehobenheit und Sicherheit in unserer Zeit ist. Und dass ein dysreguliertes Nervensystem Zeitgefühle wie Stress, Unruhe, Anspannung und Getriebensein aufrechterhält.

Das autonome Nervensystem wird durch die Fähigkeit, unsere innere Balance zu regulieren, gewissermaßen zu einem Sinnesorgan für die Zeit. Wenn unser Nervensystem im Gleichgewicht ist, können wir uns der Gegenwart wirklich zuwenden, sie mit Klarheit erleben und bewusst gestalten. Die von uns erlebte Zeit, scheibt die Philosophin Natalie Knapp, könne nicht mit der Uhr gemessen werden, sondern nur mit dem Körper. “Er koordiniert die Sensibilität der Sinne, die Intensität der Gefühle und die Beziehung zur Außenwelt.”

Wenn wir uns ausgeglichen, ruhig und sicher fühlen, vertiefen wir unsere Wahrnehmungen, können vertrauensvolle Kontakte und Beziehungen aufbauen, intensive Gefühle spüren und Entspannung, Freude und Verbundenheit empfinden.

Wenn wir hingegen die inneren Rhythmen unseres Körpers langfristig nicht mit den äußeren Anforderungen in Einklang bringen können, schreibt Natalie Knapp in ihrem von mir schon mehrfach empfohlenen Buch “Der unendliche Augenblick” (Opens in a new window), dann verschließen wir unsere Sinne. Wenn wir nicht zur Ruhe kommen, sind wir um die Möglichkeit beraubt, den Moment zu spüren und in ihm zu leben. Dann sind wir verloren in einer Welt, die uns keine Atempause lässt.

In dieser Ausgabe der inseln der zeit möchte ich das Thema weiter vertiefen und an meine letzte Ausgabe anknüpfen. Nicht weil ich glaube, damit die Antwort auf das seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten bestehende Unbehagen der modernen Gesellschaft an ihrem Umgang mit Zeit gefunden zu haben, aber eine Antwort für einige Menschen.

Dafür kann ich mir keine bessere Gesprächspartnerin vorstellen als Kathleen Kunze. Sie arbeitet als systemischer Coach, Beraterin zu Themen rund um die Regulation des autonomen Nervensystems und Organisationsentwicklerin. In den sozialen Medien (Opens in a new window) folgen ihr mehr als 40.000 Menschen. Im Herbst 2024 ist ihr Buch Sich(er) fühlen. Dein Körper ist der Schlüssel (Opens in a new window) erschienen. Darüber habe ich ausführlich mit ihr gesprochen.

Interview

Frau Kunze, wie erkenne ich, ob ich ein gesundes, reguliertes Nervensystem habe?
Dazu können wir uns eine Situation im Straßenverkehr vorstellen. Jemand nimmt uns die Vorfahrt, oder ein Fußgänger läuft uns plötzlich über den Weg. In diesem Moment passiert etwas mit uns: Wie in einem kurzen Schockzustand realisieren wir, dass etwas Bedrohliches passieren könnte und handeln dann sehr schnell. Der Puls steigt, die Muskeln spannen sich an. Wir werden körperlich aktiviert, sodass wir etwas tun können, um einen Unfall zu vermeiden. Das ist eine gesunde Reaktion des Nervensystems, weil unser Körper dafür sorgt, dass wir mit einer realen Gefahr umgehen können.

Demgegenüber ist ein dysreguliertes Nervensystem nicht in der Lage, angemessen zu reagieren und die Gefahr zu bannen?
Genau. Ein dysreguliertes Nervensystem führt dazu, dass wir aus unserem Toleranzfenster geraten. Unsere körperlichen Reaktionen sind so stark, dass wir sie nicht mehr aus eigener Kraft vollständig regulieren können.

Wie äußert sich das?
Der Puls wird schneller, unsere Atmung verändert sich, wir kommen unter Umständen sogar ins Hyperventilieren. Ein chronisch dysreguliertes Nervensystem erkennen wir an ständigen Verspannungen, gerade im Schulter- und Nackenbereich. Oder daran, dass bestimmte heftige Trigger wiederkommen. Das sind bestimmte Reize, die uns für einen Moment oder auch länger die Fähigkeit nehmen, mit einer Situation aus einem ruhigen inneren Zustand gut umzugehen. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass unser Nervensystem massiv in die Dysregulation gesprungen ist.

Das Nervensystem

Das autonome Nervensystem reguliert lebenswichtige Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag und Verdauung – meist ohne unser bewusstes Zutun. Es besteht aus zwei Hauptzweigen: Das sympathische Nervensystem versetzt den Körper in Alarmbereitschaft („Kampf oder Flucht“), während das parasympathische Nervensystem für Entspannung und Regeneration sorgt. Ein gut reguliertes Nervensystem kann flexibel zwischen Aktivierung und Entspannung wechseln. Chronischer Stress oder belastende Erfahrungen können jedoch zu einer dauerhaften Dysregulation führen, die sich beispielsweise in Anspannung, Schlafproblemen oder Ängsten äußern kann.

“Unsere moderne Lebensweise lässt dieses Gleichgewicht oft überhaupt nicht mehr zu.”

Was sind weitere Anzeichen für eine chronische Anspannung?Schlafstörungen oder schlechter werdende Ernährungsweisen, etwa wenn ich immer wieder Heißhungerattacken habe und ständig süß oder salzig esse. Oder ich bin nicht mehr gut dazu in der Lage soziale Verbindungen herzustellen und neige dazu mich zurückzuziehen, Verabredungen abzusagen und mich getrieben zu fühlen. Das kann zu starken Fluchtimpulsen führen oder ich erstarre in einem Prokrastinationsmodus.

„Flight“, also Flucht, und „Freeze“, das Erstarren – zwei typische Reaktionen des Nervensystems auf eine Bedrohung. Welchen Sinn haben diese Reaktionen in unserem meist eher gefahrenfreien Alltagsleben?
Die einzige Aufgabe unseres Nervensystems ist dafür zu sorgen, dass wir uns sicher fühlen. Es scannt den ganzen Tag über, was um uns herum passiert, was in uns passiert und ob die Menschen in unserer Nähe sicher sind. Auf Basis dieser Informationen steuert das Nervensystem unsere Körperfunktionen, also Herzschlag, Blutdruck, Atmung, Verdauung und noch ganz viele andere.

Menschen bewerten aber sehr unterschiedlich, ob eine Situation bedrohlich ist.
Ja. Wir alle haben individuelle Erfahrungen in unserem Leben gemacht. Auf Basis dieser Erfahrungen bewertet das Nervensystem: Ist meine Umgebung sicher? Ist es in mir sicher, sind die Menschen, die mich umgeben, sicher? Wenn unser Nervensystem aus irgendeinem Grund sagt: „Du bist jetzt gerade in diesem Moment nicht sicher“, dann spüren wir das. Das Nervensystem ist der Impulsgeber in unserem Körper, der entscheidet, ob wir sicher oder nicht sicher sind. Auf diese Weise beeinflusst es, wie wir uns fühlen.

Gefühle wie innere Unruhe, Stress und Anspannung sind weit verbreitet. Macht es uns unsere moderne Lebensweise schwer ausgeglichen zu sein?
Grundsätzlich brauchen Menschen ein Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung. Idealerweise schwingen wir flexibel hin und her zwischen Momenten, in denen wir Herausforderungen zu bewältigen haben und dafür Aktivierung benötigen, und Momenten, in denen wir entspannen und zur Ruhe kommen können. Unsere moderne Lebensweise lässt dieses Gleichgewicht aber oft überhaupt nicht mehr zu. Weil wir in der Leistungsgesellschaft leben, weil die Welt voller Krisen ist, weil viele Menschen sich Gedanken machen müssen, was sie sich noch leisten können. Das macht natürlich etwas mit unserem Nervensystem. Wir reagieren ja darauf, was um uns herum geschieht.

Manchen Menschen scheint es besonders schwerzufallen zur Ruhe zu kommen.
Natürlich können wir uns nicht sicher fühlen, wenn die Welt um uns herum nicht sicher ist. Aber es ist nicht nur das. Es ist zu einem großen Anteil unser innerer Zustand, der darüber entscheidet. Noch immer wirken die Erfahrungen der Kriegsgenerationen darauf ein, wie wir leben und wie wir erzogen wurden. Ganz viele von uns hatten noch nie in ihrem Leben die Chance, sich wirklich vollständig und rundum sicher zu fühlen.

“Ich erlebe so viele Menschen, vor allem Frauen, die gar keinen Zugriff auf ihren Ärger haben.”

Erleben Sie in Ihrer täglichen Arbeit als Coach und Beraterin, dass es Menschen schwerfällt, Gefühle zu thematisieren?
Ja. Es gibt viele Menschen, die keinen guten Zugang zu ihren Gefühlen und ihrem Körper haben. Sie sind nicht in der Lage, normale Emotionen wie Ärger, Wut, Traurigkeit und Schmerz zuzulassen. Da kommen unter anderem die Erfahrungen der Kriegsgenerationen zum Tragen, für die es notwendig war, das, was sie erlebt haben, abzuspalten und ins Unbewusste zu drängen.

Aus dieser Abspaltung ist ein Erziehungsstil entstanden, der diese Menschen veranlasst hat, auch den nachfolgenden Generationen beizubringen, dass es nicht in Ordnung ist, diese Emotionen zu fühlen und ärgerlich, traurig und wütend zu sein und zu weinen. Sie haben gelernt, sich selbst dafür zu verurteilen, dass sie diese Dinge fühlen. Ich erlebe so viele Menschen, vor allem Frauen, die gar keinen Zugriff auf ihren Ärger haben. Für sie sind Ärger und Wut nicht spürbar, und das macht natürlich etwas mit dem Nervensystem. Denn es ist ja trotzdem da.

Die vorhandene Aggression richtet sich nicht nach außen, sondern nach innen.
Genau. Emotionen sind Energie, die sich im Körper bewegt. Und wenn wir Gefühle zulassen können, dann kommen sie einfach und dann gehen sie auch wieder. Wenn sie aber nicht kommen dürfen und damit auch nicht wieder gehen können, bleiben sie im Körper und blockieren ganz viel in uns. Das kostet viel Energie und Kraft, diese Dinge ständig unter der Oberfläche zu halten. Das ist Lebensenergie, die uns an anderen Stellen nicht mehr zur Verfügung steht. In jüngeren Jahren lässt sich das noch kompensieren. Aber mit der Lebenszeit staut es sich auf und nimmt uns viele Möglichkeiten, ein gesundes Leben voller Freude zu führen.

“Vielen Menschen fällt es schwer sich in Momenten anzunehmen, in denen sie sich nicht gut fühlen.”

Sie beschreiben viele Symptome, die auch mit psychischen Erkrankungen in Verbindung stehen, etwa Burn-out, Erschöpfung und Ängste. Welche Rolle kann das Nervensystem bei diesen mentalen Belastungen spielen?
Dazu können wir uns einmal die unterschiedlichen Überlebensreaktionen des Nervensystems ansehen. Wenn ich ständig gereizt bin, aggressive Gefühle spüre oder wütend bin, aber auch, wenn ich mich ständig getrieben fühle, sind das Anzeichen, dass ich zu sehr im Überlebensmodus „Fight“ bin. Also ständig kämpfe. Das ist eine Überreaktion des Nervensystems.

Der Fluchtmodus („Flight“) führt zu ständigen Fluchtimpulsen. Das betrifft Menschen, die viele Ängste haben, bis hin zu Angst- und Panikstörungen, und die häufig zu Vermeidungsverhalten neigen. Auch diese Menschen sind ständig getrieben, noch und noch mehr zu erreichen, um sich dadurch von ihrer inneren Unsicherheit abzulenken, davor zu flüchten.

Dann gibt es diejenigen, die zu lange in diesen Zuständen waren oder die sich innerlich so bedroht fühlen, dass sie in den Freeze-Modus gehen. Sie werden handlungsunfähig und hoffnungslos und beginnen zu glauben, dass sie keinen Einfluss mehr auf irgendetwas haben. Das führt dazu, dass sie immer weniger Körperenergie haben, nicht mehr funktionieren, prokrastinieren und sich als Menschen erleben, die irgendwie nichts mehr auf die Reihe kriegen und nicht mehr den Antrieb haben, etwas zu erreichen. Das wird in unserer Gesellschaft häufig kritisiert, ist in vielen Fällen aber die Überreaktion eines Nervensystems, das viel zu lange gekämpft hat oder geflüchtet ist, und trotzdem nicht erreicht hat, was es sucht: Sicherheit.

Und dann gibt es viertens noch den Fawn-Modus, das betrifft die Überangepassten, die gelernt haben, dass die Bedürfnisse anderer Menschen wichtiger sind als die eigenen und die ständig am Scannen sind: Was braucht mein Gegenüber gerade? Sie neigen zu Übererfüllung und Überanpassung. All das sind Anzeichen, dass ich ganz dringend mal auf mein Nervensystem schauen darf und schauen kann, wie ich das wieder in die Regulation zurückbringen kann, um die Überlebensreaktionen abzumildern und möglichst zu verändern.

“Es kostet viel Kraft, ständig zu kämpfen und zu flüchten.”

Übertragen auf eine der häufigsten psychischen Erkrankungen, Depressionen, könnte man sagen, dass Betroffene so lange im Überlebensmodus sind, bis ihr Nervensystem sie in den Freeze-Modus zwingt. Tatsächlich beschreibt die Forschung Depressionen häufig als Reaktion auf einen dauerhaften und krankhaften Alarmzustand. Am Ende steht der völlige Zusammenbruch, die Erstarrung der Depression.
Depressionen sind eine psychische Störung, die behandelt werden muss. Aber aus der Perspektive des Nervensystems können depressive Symptome auch eine Reaktion auf eine zu langanhaltende Bedrohung oder eine zu starke Bedrohung sein. All diejenigen, die zu lange im Kampf- oder Fluchtmodus waren, haben irgendwann keine Ressourcen mehr. Es kostet ja jede Menge Kraft, ständig zu kämpfen und zu flüchten.

Dann löst unser Nervensystem irgendwann den Notstand aus und zieht tatsächlich den Stecker, in dem es den Sympathikus abschaltet und dafür den dorsalen Vagus aktiviert. Das ist der Teil unseres Nervensystems, der dafür sorgt, dass unser Körper wieder regenerieren kann. Aber eben nicht auf eine gesunde Art, sondern das ist der Teil, der irgendwann sagt: So, jetzt ist Schluss, wir haben hier keine Ressourcen mehr, um dieses ständige Kämpfen und Flüchten aufrechtzuerhalten. Und deswegen schalten wir jetzt in den Schutzmodus, in dem unsere körperliche Aktivierung komplett verschwindet, in dem wir nicht mehr so viel fühlen müssen und indem wir letztlich dafür sorgen, dass unser Körper auf gezwungene Art und Weise wieder zur Ruhe kommen kann. Und dann gehen wir genau in diesen Zustand der depressiven Verstimmung. Da fühlen wir nicht mehr viel, da haben wir keinerlei Antrieb mehr und unsere Muskelspannung ist auch verringert.

“Das Beste, was wir für unsere Kinder tun können, ist zu lernen, gut zu uns selbst zu sein.”

Der Überlebensmodus kann damit eine Depression auslösen. Klar ist damit aber noch nicht, wo die Ursachen liegen könnten, die Menschen in den Alarmzustand versetzt haben. Das Nervensystem ist also eher ein Botschafter.
Genau. Die Ursache ist letztlich eine wahrgenommene Bedrohung, die unser Körper, unser Nervensystem als lebensbedrohlich interpretiert. Einfach deswegen, weil wir uns viel zu lange überlastet haben oder weil etwas passiert ist, was so einen starken Trigger setzt, dass unser Nervensystem gar nicht mehr anders kann, als unseren Körper so zu regulieren, dass wir in diesen Schutzmodus gehen. Aber der Auslöser, der dahintersteckt, ist oft ein Trigger auf etwas, was wir irgendwann früher in unserem Leben mal als wirklich, wirklich bedrohlich erlebt haben.

Was zum Beispiel?
Nehmen wir mal das Beispiel einer Trennung. Die Trennung von einem Lebenspartner ist aus Erwachsenensicht etwas, was man verarbeiten und womit man lernen kann umzugehen. Aber wer als Kind immer wieder die Trennung von wichtigen Bezugspersonen erlebt hat, also in der Realität oder auch wahrgenommen, dann kann es sein, dass die Trennung von einem Partner im Erwachsenenleben eben genau an diese Situation erinnert.

Die Reaktionen unseres Nervensystems wurden bereits häufig in früher Kindheit erlernt. Ich habe selbst zwei Kinder und spüre manchmal, dass mich die Zeit mit ihnen auch beansprucht und erschöpft. Wenn das der Fall ist, kommen manchmal Schuldgefühle auf, weil ich gerade nicht so sein kann, wie ich es möchte. Wie kann ich als Elternteil damit umgehen, in meinem Interesse und im Interesse meiner Kinder?
Das ist ein super spannendes Thema, zumal unsere Kinder ja auch massiv Dinge triggern, die wir in unserem Leben mitbringen, aber damit auch eine gute Quelle sind, um das zu verarbeiten. Die ausgelösten Schuldgefühle kenne ich auch sehr gut. Da spielt wieder das Thema Selbstannahme und Selbstmitgefühl rein. Das Beste, was wir für unsere Kinder tun können, ist zu lernen, gut zu uns selbst zu sein. Dann können wir auch gut zu unseren Kindern sein und ihnen vermitteln, dass sie eben nicht fehlerfrei sein müssen, dass sie nicht perfekt sein müssen, dass sie mit all ihren Gefühlen sein dürfen. Und dass wir letztlich immer da sind und ihnen den sicheren Rahmen geben, den sie brauchen und gleichzeitig auch nur Menschen sind, die eben auch schwache Momente haben und noch dazulernen.

Ich glaube, das ist eine gute Basis dafür, dass Kinder auf eine gesunde Art ins Leben kommen und groß werden können. Für Kinder ist es so wichtig zu verstehen, was bei ihnen und bei anderen passiert. Wenn sie aber vor einer verschlossenen Wand stehen und wahrnehmen: Da ist etwas bei meinem Vater oder bei meiner Mutter, aber ich darf nicht fragen, oder wenn ich frage, kriege ich keine Antwort oder die Antwort, es sei alles in Ordnung, ist das eigentlich das Schlimmste, was wir ihnen antun. Sie können sich dann nicht sicher fühlen.

“Ich hatte keinen Zugang zu meinen Gefühlen und schon gar keine Worte dafür.”

Schauen wir noch einmal genauer auf die Lösungsebene: Wie können wir Einfluss auf unser Nervensystem zurückgewinnen?

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