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Als Voyeur im Lieblingscafé

»Milo!« Ich trete einen weiteren Schritt auf die Mauer zu. »MILO!« Mit schriller und zitternder Stimme fasst sie mich an den Schultern. Ich drehe mich um und blicke in ihre weitaufgerissenen Augen. »Milo, wir können hier nicht weg, die Mauer ist unbüerwindbar. Du weißt, was Tom ... was Tom passiert ist!«

Aus der Ferne ist das Bellen von Hunden zu hören. Ob Tom lange leiden musste, bis die Köter ihn zerfleischten? 

Ich schlucke.

»Viola ... noch habe sie uns nicht.« Viola torkelt und wirft sich in meine Arme. Obwohl ihr Kleid schweißnass an ihrem Körper klebt, riecht sie angenehm. Ich streichele ihr über den Nacken und die Schultern. Ihr Geruch ist unverkennbar. Der dezente Geruch von Milch, Honig und Wildblumen dringt in meine Nase. Seit der ersten Nacht, die wir miteinander verbrachten, möchte ich diesen Duft nicht mehr missen. Meine Hände zittern und ich löse mich von ihr.

Das Kläffen der Hunde wird lauter.

»Wir laufen zurück in den Wald, wir müssen uns verstecken«, sage ich.

»Sie haben die Köter auf uns angesetzt. Wir können nicht ent ...«

»Viola, wir müssen es versuchen.« Ich ergreife ihre kalte Hand und laufe mit ihr los. Gleich haben wir die Lichtung überquert. Die Wolkenwand öffnet sich und die Sonne taucht uns in grelles Licht.

So, als seien wir auf einem Präsentierteller.

»Komm, schneller!« Ich ziehe das Tempo an. Viola kann kaum mit mir Schritt halten. »Los! Wir müssen es schaffen.« Außer den Hunden ist jetzt Stimmengemurmel zu hören. 

Die ersten Bäume sind nur noch meterweit entfernt. Viola kreischt und reißt sich von mir los. Ihre Nägel fahren dabei über meinen Unterarm und hinterlassen ein Brennen auf meiner Haut.

Aus dem Unterholz starren uns zwei bernsteinfarbene Augen an.

»Viola, das ist Kaitu!« Kaitu trat hinter dem Busch hervor. Sein Fell glänzt im Sonnenlicht, inmitten seiner geschmeidigen Bewegungen und mit seinem kräftigen Körper, strahlt der Fuchs Feierlichkeit und Würde aus. Wir haben ihn gut aufgepeppelt.

»Was machst du denn hier?«, frage ich. Kaitu hebt den Kopf und schwenkt ihn leicht nach rechts. »Was willst du uns sagen, Kleiner?« Kaitu dreht sich um und schaut zu uns zurück. Viola stößt mich an. »Er will uns wohinführen. Ich glaube, er will uns helfen.«

Das, liebe Träumer, ist der Anfang vom Ende, aber dennoch nicht der Anfang vom Ende. Häh, denkt ihr vielleicht. Nun ich habe euche einen Ausschnitt vom Ende gezeigt, aber dennoch wisst ihr nicht, wie es ausgeht.

Es klingt vielleicht ungewöhnlich, das Ende zuerst zu schreiben, tatsächlich folge ich aber einer Technik der sich schon der große Edgar Allan Poe bedient hat. In seinen Gedichten schrieb er immer die letzte Strophe zuerst und arbeitete dann auf sie hin.

Der Ausschnitt deutet auf eine Lovestory hin, aber "Der kühne Traum des Milo S. Harper" Ist viel mehr als das:

Im Jahr 2146 leben alle psychisch Kranken des Landes in einer sogenannten Mauerstadt und arbeiten in Werkstätten. Auch Milo S. Harper lebt in diesem System. Milo sehnt sich danach, seine Eltern kennenzulernen. Die Begegnung mit der gefangenen Viola weckt Milos Beschützerinstinkt und Widerstandsgeist - und er verliebt sich in sie, aber sein Chef zwingt ihn, sie auzuspionieren, im Austausch gegen ein Treffen mit seinen Eltern. 

Den heutigen Abschnitt habe ich in meinem Lieblingscafé geschrieben, mit Blick auf bunte Häuser, auf einer Terrasse sitzend, bei strahlendem Sonnenschein.

Zudem habe ich heute mit einem Redakteur über einen Artikel von mir gesprochen, der in einer Fachzeitschrift erscheinen wird, voraussichtlich im Oktober. Mein erster Beitrag für eine Fachzeitschrift, ich bin happy :-):-), wenn die Veröffentlichung in die Nähe rückt, werde ich hier natürlich das Geheimnis lüften.

Zum Schluss verrate ich euch noch meine Undercover-Persönlichkeit. Gestatten, ich bin nämlich Löwenzahn:

LÖWENZAHN

Manche nennen mich Unkraut,

für sie ist der Garten versaut,

wenn ich als leuchtender Klecks,

als unnützes Gewächs,

  

mein Dasein friste,

aber vor dem Gang in die Kiste,

werde ich noch grau,

und veranstalte eine Flugschau.

Der Wind pustet die Samen

als Fallschirmveteranen,

auf Gras, Felsspalten und Beton.

Was habe ich davon?

Ich sage euch was.

Ich bin mehr als eine Farce,

Ich kann meine Saat verteilen und Krankheiten heilen,

heilend auf Wunden verweilen,

Ich kann mit Farbe beglücken,

Ich sorge für eine Flauschdecke,

ich kleckse und entdecke,

verkannte Seelen,

werden wie ich zu den Siegern zählen.

die Orchidee jammert bei harter Erde,

ich sage: Geil, Beton - und werde,

pflanze kraftvolle Bewusstseinswerte,

und in uns eine leuchtende Kerze,

pflanzt mich also im April oder Märze,

Ich bin stärker als ihr denkt,

Ich bin der, der das Bewusstsein lenkt,

der sich durch eine Mauerritze drängt,

und euch vom Wahnsinn ablenkt.

Wenn dann mal mein Köfpchen hängt,

die Sonne mir wieder Auftrieb schenkt.

Manchmal bin ich ein lustiger Klecks leuchtender Farbe,

machmal ein Kämpfer voller Gnade,

Also, ob ich Unkraut sei oder eine Plage,

ist jetzt wohl nicht mehr die Frage;-)

Bis denne;-) 

Euer Sebastian