Nieder mit dem Konjunktiv! 

Ich müsste eigentlich dringend diesen Text tippen, damit er pünktlich online geht. Weil morgen, morgen hab ich dafür keine Zeit. Morgen müsste ich noch nach der Arbeit einkaufen. Und kochen natürlich. 

Eigentlich müsste ich jetzt aber auch dringend los, die Kinder holen. Ich könnte aber vorher nochmal schnell die Wäsche anstellen. Wäre ich nicht so lange in den sozialen Netzwerken gewesen, hätte ich das alles schon erledigen können. 

Hach, was wäre alles schön easy, würde ich einfach mal tun, was ich müsste und könnte. Hätte ich dann nicht soviel Zeit um, dass zu tun, was ich wirklich tun wollen würde? 

Liefe doch einfach mal alles glatt, dann würde ich auch alles im Griff haben. 

Dann könnte ich tun, was ich hätte tun wollen. 

Wisst ihr, gestern hätte ich fast weitergeschrieben an meinem nächsten Buch. Hätte ich das getan, wäre es sicher bald fertig. Dann könnte ich es herausbringen und vielleicht würde es jemanden begeistern. 

Ich hätte aber vorher noch aufräumen müssen. Wäre da blos nicht immer dieser vermeiledeite Haushalt! Was hätte ich für Zeit! Zeit für das, was ich wollen würde. 

Sowieso...die Zeit! Würde die nur nicht immer so rasen! Und manchmal wäre es schön, würde sie mal schneller vergehen. 

Und... Wäre ich mit dem ersten Weckerklingeln aufgestanden, hätte ich noch einige Minuten gehabt um zu kuscheln. Ich hätte gesummt und gestreichelt, bis die Kids sanft ganz wach geworden wären. Dann wäre es bestimmt auch weniger stressig gewesen am Morgen. 

Vielleicht hätte ich dann sogar noch den spektakulären Sonnenaufgang einige Minuten beobachten können. Wie die goldenen und orangenen Strahlen dort so ungaublich schön durch den Frühnebel glitzerten. Dann hätte ich nicht weiterfahren müssen, ohne diesem Schauspiel nur diesen flüchtigen Blick gönnen zu können. 

Wobei: Eigentlich wäre ich ja auch nur zwei Minuten später bei der Arbeit gewesen. Und das wäre auch sicher nicht so schlimm...hätte ich gestern schon diese Mail geschrieben, die letzte Woche schon hätte abschicken können. Ich könnte mich wirklich mal an Deadlines halten. 

Ach und wo wir gerade bei können sind: Ich könnte auch echt mal mehr Sport machen. Hätte ich mal weniger gegessen, dann müsste ich auch keinen machen. Oder noch besser: Hätte ich mal welchen gemacht, dann könnte ich nun den Süsskram dort in der Schublade plündern. 

Wieso ist das Leben manchmal so ungerecht? Ich würd das alles so gern wollen, hätte ich nur den Mut, würde ich es tun. Ich wünschte ich würde es können. 

Hätte es gepasst, wäre es leichter gewesen. Hätte ich es getan, ich könnte am Ziel sein. 

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Heute Morgen bekamen unsere Töchter eine kleine Packung mit glitzernden Klebesteinchen geschenkt. Sie erhielten sie verbunden mit dem Hinweis, nicht alle auf einmal zu verstickern. Das erntete unverständliche Blicke und verwirrtes Nicken. 

Zu Hause angekommen entstanden die schönsten Bilder. Glitzernde Einhörner und Schlösser voller funkelnder Strasssteine. Verzauberte Welten voll Phantasie. Ohne einen Gedanken an vermeindliche Makel oder an Zeit. Ohne Bereuen. Nur voll Freude. 

"Mama, worauf hätten wir denn auch warten sollen?" 

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One day baby, we'll be old Oh baby, we'll be old And think of all the stories that we could have told.*

(Eines Tages werden wir alt sein. Oh Baby, wir werden alt sein Und wir werden an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können)

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Eines Tages werde ich auch die Geschichten schauen, die ich erzählt habe. Ich werde auf die Momente schauen, die ich erlebt habe. Und ich werde wiederholen, was ich beschlossen habe: Nieder mit dem Konjunktiv! 

Der Moment ist Jetzt. 

*Asaf Avidan - One Day/ Reckoning

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