Auszug aus: Der Neid - eine Theorie der Gesellschaft von Helmut Schoeck, 1966 erschienen im Verlag Karl Alber Freiburg/München, S. 377 ff. 

22. Kapitel

Eine Theorie des Neidens in der menschlichen Existenz

Man kennt rund 3000 unterscheidbare Kulturen, wobei es sich um kleine Stämme wie um komplexe Zivilisationen handelt. Die sozialen Auswirkungen des Neidgefühls und der Furcht vor ihm sind nicht annähernd in gleichem Maße bei den einzelnen Kulturen anzutreffen; aber ebenso wenig lässt sich eine geradlinige Entwicklung feststellen, die notwendig von neidischeren zu weniger neidischen Kulturen führte. Um eine Gesellschaft in Gang zu halten, um die wesentlichen gesellschaftlichen Vorgänge geleistet zu bekommen, braucht es zwar ein Minimum von Neid bei ihren Mitgliedern, aber keineswegs sehr viel. Was immer über das Minimum hinaus an Neid sich bemerkbar macht, ist Überschuss, den man zwar irgendwie im sozialen System in der Regel „verdauen“ kann, der aber sicher für die Entwickelbarkeit, den Lebensstandard der Gesellschaft mehr Schaden als Nutzen bringt.

An der wirtschaftlichen hemmenden Wirkung des Neidmotivs besteht wohl kein Zweifel: die zurückgebliebenen Kulturen in heutigen sogenannten Entwicklungsländern weisen eine Neidschranke auf; aber besondere Rücksichtnahmen auf den Neid der Mitmenschen finden sich in ärmlichen wie reichen Kulturen. Die Häufigkeit, Richtung und Intensität des Sich-Beneidens in einer Gesellschaft oder die Rücksicht, die auf den Neidischen im Kulturethos genommen wird, hat, wie sich eindeutig nachweisen lässt, mit den tatsächlich bestehenden Ungleichheiten, dem Reichtum oder der Armut der einzelnen sehr wenig zu tun. Für die Differenzierung der Leistungen und das Niveau, auf dem eine Kultur sozial relevante Handlungen zulässt (oder belohnt), die sich in einem höheren Lebensstandard für die Mehrzahl auswirken, kommt es auf die organisatorisch, wirtschaftlich, politisch und technisch bedeutsamen Lücken an, die im Netz des Neides, oft vielleicht zufällig, entstehen.

Der Neid, wenn er sich zu etablieren weiß (u. U. auch in sadistischen sozialen Kontrollen oder subversiven Geheimgesellschaften), und der neidische Mensch gefährden jede Gruppe, jede Gemeinschaft. Er droht grundsätzlich jedem einzelnen Menschen, der nie wissen kann, ob nicht irgendwo ein Neider auf seine Chance lauert, sich dafür zu rächen, dass es dem anderen besser geht (1).

Aber aus dieser begreiflichen und notwendigen Sorge über den Neid haben fast alle seine Betrachter und Kritiker übersehen, welch unersetzliche Funktion, welch universale Rolle im sozialen Leben ihm zu eigen ist. Und selbst Autoren, die den Neid, um 1930, untersucht haben und eine gewisse positive Funktion anerkennen - Eugène Raiga und Svend Ranulf -, haben keine Beobachtungsreihen für die primitiven Gesellschaften der Naturvölker herangezogen. Sie hielten den Neid lediglich für ein manchmal wünschenswertes Korrektiv gegenüber extremem Luxus, aufreizend unsozialen Haltungen usw. Sie haben kaum gesehen, wie wenig das Gefühl des Neidens von der absoluten Größe der Ungleichheit zwischen den Menschen, dem Maß des „Luxus“ usw. abhängt, ja unabhängig ist. Die Rolle des Neidens ist geringfügig, wenn es darum geht, einen Fürsten oder Staatschef, einen Großunternehmer von absurden Verschwendungen abzuhalten, aber sehr groß, wenn unter fast einander Gleichen einer sich ein wenig zu weit vorgewagt hat.

Dem neidischen Menschen kommt eine erhebliche Rolle bei zwei sozialen Vorgängen zu, die einander entgegengesetzt sind: die Hemmungsvorgänge im Dienste der Tradition, die Neuerungen vereiteln, und die destruktiven Prozesse der Revolution. Der scheinbare Widerspruch verschwindet, sobald man sieht, wie in beiden Fällen der Neid als Motiv für dieselbe Handlung auftritt: der Hohn, die Sabotage, die drohende Schadenfreude für den, der etwas Neues einführen will, und der schadenfrohe, hasserfüllte Neid, mit dem die Revolutionäre etwas Neues an die Stelle der bestehenden Ordnung setzen wollen.

Wer im Namen der Tradition gegen die Neuerung eifert, weil er den individuellen Erfolg des Neuerers nicht ertragen kann, oder wer im Namen des Umsturzes aller Tradition gegen ihre Träger und Repräsentanten stürmt, ist oft von demselben Grundmotiv erfüllt. Beide ärgert, dass andere etwas haben, können, wissen, glauben, wertschätzen, besitzen, das sie selber nicht haben, sich nicht vorstellen konnten.

Der Neider bedroht in der Kulturgeschichte die Werke der Menschen zweimal: zuerst sucht eine eifersüchtige Tradition sich gegen jede neue Schöpfung zu wehren. Setzt diese sich aber durch und wird zur machtvollen Institution, so erregen ihre Nutznießer leicht den Neid einer jüngeren oder unterlegenen Schicht. So musste sich die Privatwirtschaft erst einmal des Neids der Fürsten erwehren und entfliehen, um dann, erfolgreich geworden, zur Zielscheibe sehr unfürstlicher Kritiker zu werden, wobei allerdings der Neid der Aristokraten auf die moderne Privatwirtschaft und ihre Inhaber im 19. Jahrhundert nicht selten sich mit den Interessen der frühen Sozialisten verband (2).

Eine entscheidende Frage stellt sich nun: Ist die Fähigkeit des Menschen zu neiden allein als ein negatives Moment aufzufassen, das Neuerungen, wirtschaftliche und technische Höherentwicklungen lediglich zu hemmen oder unterbinden vermag? Sind die Gegenspieler zum Neid, die ihn im Rahmen einer Kultur zu zähmen wissen, die einzigen kulturfördernden Einrichtungen und Kräfte? Oder kommt dem Neider selber, indirekt, auch eine positive Rolle im Kulturwandel, in der zivilisatorischen Aufwärtsentwicklung zu?

Der Neid zähmt Macht

Der Neid ist eine so unumgänglich und tief in der biologischen und existentiellen Situation des Menschen verankerte Verhaltensweise und Einstellung, dass es von vornherein für eine wissenschaftliche Betrachtung nicht sehr wahrscheinlich ist, er könne ausschließlich negative Folgen für den sozialen Wandel, für die Differenzierung gesellschaftlicher Formen haben. Ließe sich nicht eher denken, dass bestimmte soziale Kontrollen, die eben auch auf dem Neidvermögen ruhen, in einer Gesellschaft nicht nur für den status quo notwendig, sondern auch für Entwicklungsvorgänge manchmal förderlich sind? Der Neid ist nicht allein eine stete Bedrohung des Eigentums, sondern motiviert auch die zahllosen inoffiziellen Wächter des Eigentums, die lediglich dem Hochstapler, Dieb und Räuber seine Beute nicht gönnen und deshalb unaufgefordert Polizeifunktionen übernehmen. Es war die Leistung Svend Ranulfs, diese „desinteressierte Tendenz zur Bestrafung“ im Athen der Antike nachgewiesen zu haben (3).

Fast möchte man sagen: glücklicherweise erstreckt sich der Neid auch auf Werte im Besitz asozialer, krimineller und halbkrimineller Elemente. Gelegentlich ist es den Fahndungsbehörden, so zum Beispiel bei den berüchtigten Banden der dreißiger Jahre in den USA, nur deshalb gelungen, einen Gangsterführer zur Strecke zu bringen, weil einer seiner Komplizen eifersüchtig auf die Schlagzeilen seines Kollegen in der Presse wurde. Mit anderen Worten: die Vor- oder Alleinherrschaft jeder Gruppe in einer Gesellschaft ist potentiell durch den Neid der Gruppenmitglieder aufeinander oder einen ihrer Führer begrenzt. Das gilt auch für den absoluten Tyrannen.

Insoweit die Allgegenwart des Neides der unbehinderten Machtkonzentration entgegenwirkt, also recht oft zur Zerstreuung der Macht führt, es aber andererseits eine Zähmung der Macht braucht, um die meisten schöpferischen Neuerungen zuzulassen, um überhaupt Humanität zu gestatten, können wir den Neid nicht nur als negative Erscheinung auffassen. 

Neid spielt aber auch noch eine direktere Rolle bei der Innovation. Wie Max Scheler und H. G. Barnett gezeigt haben, ist der von Ressentiment erfüllte Mensch besonders bereit, Neuerungen zu übernehmen. Die Trotzhaltung: „denen werde ich es zeigen“, hat nicht nur destruktive, sondern auch aufbauende Ergebnisse gezeitigt. Allerdings muss eine Unterscheidung gemacht werden. Der reine Neid wird von allen, die sich über ihn geäußert haben, als eine ausschließlich negative, destruktive, wertverneinende, wertmindernde Haltung beschrieben. Erst wenn ein Mensch einsieht, dass bloßes Brüten in neidvollen Vergleichen mit dem Los anderer zu nichts führt, wenn jemand einsieht, wie unentrinnbar die Pein des Neides ist, weil es ihr nie an Anlässen fehlen wird, und wenn jemand aus dieser Einsicht heraus das Neidgefühl zu einem agonalen Trieb werden lässt, also die anderen durch die eigene Leistungen „ausstechen“ möchte, ist die neue, zwar vom Neid verursachte, aber von ihm intentional grundsätzlich verschiedene Ebene des wertvermehrenden Konkurrenzverhaltens erreicht.

Entgegen einer oberflächlichen Ansicht, führt der Weg aus dem Neid nicht in die Askese, die ostentative Enthaltsamkeit, ins Kloster, in die Einsamkeit. All diese Handlungen und Gesinnungen bleiben – falls sie aus dem Neid stammen – der neidischen Intention verhaftet: man will durch die betonte Armut den Begüterten den Bissen im Munde vergällen. Man möchte andere mit Schuldgefühlen über ihre günstige Lage quälen. Ob man bei dieser Tätigkeit selber glücklich wird, ist ungewiss. Die einzige vom Neid befreiende Handlung ist eine, die uns mit denselben, neuen, anderen, auf jeden Fall aber mit wertbejahenden, dynamischen und zukunftsbezogenen Gefühlen, Gesinnungen und Gedanken erfüllt. Viele Menschen werden solche Zustände erreichen, ohne je sich viel mit Neid abgegeben zu haben. Aber für manche mag der Wunsch, ihren Neid zu überwinden, die eigentliche Triebfeder zur positiven Leistung und damit zum Genuss eines Leistungsgefühls gewesen sein.

Zwar ist in allen Kulturen die Neidvermeidungshaltung die übliche, aber es finden sich in den verschiedensten Kulturen doch auch Fälle, wo Individuen bewusst ein Ziel anstreben, eine Leistung vollbringen, um bei ihren Kritikern, Gegnern, Verwandten die ohnmächtige Wut des Neidens hervorzurufen. Hier wird die Provokation des Neidgefühls in anderen zu einem Mittel der Rache oder Strafe. Im Gegensatz zu den meisten anderen Handlungen und Mitteln, die für Rache- oder Strafakte verwendet werden können, ist die Hervorrufung eines quälenden Neidgefühls im Gegner für den Handelnden keine negative oder destruktive Tat, weil er ja in der Regel den Neid im anderen nur bewirken kann, wenn er etwas Besonderes leistet, wenn er besser reiten, jagen, fischen, kämpfen, freien und schreiben kann als der andere. (Wir sehen hier ab von fadenscheinigen Versuchen dieser Art, deren Unechtheit dem Neider klar wird und die deshalb ihren Zweck verfehlen: etwa vom sprichwörtlichen Amerikaner, der sich verschuldet, um seinen Nachbarn auf dem Gebiet der sichtbaren Verbrauchsgüter auszustechen.)

Die Grenzen des Neids

Angesichts der Allgegenwart des Neiders, der nicht mit dem Räuber verwechselt werden darf, stellt sich die Frage: Wie ist Eigentum, wie ist Ungleichheit der Lebensumstände überhaupt in dem Ausmaß möglich, in dem wir sie beobachten? Wieso ist es den Neidern so selten und immer nur vorübergehend – etwa in einer Revolution, einer kurzlebigen Sekte usw. – gelungen, die Welt nach dem Maßstab des Neiders einzurichten? Man könnte auf den Geschlechtstrieb hinweisen: seine Allgegenwart und Intensität hat auch nicht Promiskuität zur Norm erhoben. Völlig ungehemmte Promiskuität ist in keiner Gesellschaft erlaubt. Gewisse Eigentumsrechte in der sexuellen Sphäre gibt es in allen Kulturen: ohne vorhersehbare und vorhersagbare, begrenzende Spielregeln auf dem Gebiet der geschlechtlichen Partnerwahl ist eine Gesellschaft nicht funktionsfähig.

In ähnlicher Weise kann man die kulturell verankerten Hemmungen des Neidens zu verstehen suchen. Das Beneiden ist eine so ausschließlich zwischenmenschliche orientierte Leidenschaft und eine so negative, dass keine Gruppe oder Gesellschaft funktionieren könnte, wenn es nicht gelungen ist, den Neid weitgehend zu ächten und – soweit er bleibt – auf Werte zu lenken, die für den Bestand der Gesellschaft nicht entscheidend sind.

Der Herrschaft des Neides als Institution und der Tyrannis der Neider als unorganisierte einzelne sind in jeder Gesellschaft auch dadurch Grenzen gesetzt, dass nur sehr wenige es auf die Dauer gemütsmäßig aushalten, mit einem Weltbild zu leben, wie es der Neid vorschreibt. Das Wort Hoffnung weist darauf hin. Der Neider ist überzeugt, dass immer die anderen „Glück haben“, „they get all the breaks“, nur er Pech hat. Es ist aber schon physiologisch kaum möglich, sehr lange mit dieser ausschließlichen Zukunftserwartung zu leben. Vereinfacht: der extreme Neider lebt nicht lange. Im Laufe der Stammesgeschichte dürften solche Menschen geringere Chancen gehabt haben, zu überleben und Verhaltensmuster mitzugestalten, die besonders intensive Neider gewesen sind.

Wer seinen Neid auf die Stammesgenossen nur schlecht verbergen kann, wird fast immer des Schadenszaubers verdächtigt und oft beseitigt. Im Gegensatz zu einigen Sozialphilosophien seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, haben menschliche Gesellschaften den Neid nie als positiven Wert anerkannt, sondern lediglich, gerade weil der Neider als bösartig galt, bestimmte oder allgemeine Neidvermeidungshaltungen entwickelt. Der extreme Neider war immer in der Minderheit. Im Grunde ist es erst im Marxismus der abstrakte und glorifizierte Begriff des Proletariats, der Enterbten und Ausgebeuteten, in dem eine unerbittliche Neidposition voll legitimiert wird. Aber auch hier gelingt das nur über das implizierte Versprechen, der aufgewiegelte Neid der Massen sei zur Revolution nötig, aus der dann ein klassenloses Paradies der neidlosen Gleichheit entstehen würde. Es wäre absurd, den Neid zur Dauerinstitution erklären zu wollen über das Maß hinaus, das er ohne offizielle Legitimierung schon in jeder Gesellschaft einzunehmen pflegt. 

Die für den Alltag verbindlichen diesseitigen und übernatürlichen Vorstellungen in den verschiedenen Kulturen, das Kulturethos, stützen auch meistens Auffassungen, die dem Überhandnehmen der Neidischen entgegenwirken. Schon allein aus dem, was der Mensch in den letzten Jahrtausenden aus sich und seiner Umwelt zu machen wusste, lässt sich ersehen, wie sehr Menschen ein Bedürfnis haben, sich eine Welt der persönlich verstandenen Möglichkeiten auszumalen. Ein Dasein, in dem ich verschiedene Möglichkeiten für mich erblicke, bietet dem prinzipiellen Neid geringen Raum.

Auch an der in der völkerkundlichen Literatur überreich belegten Tatsache des fortwährenden Konflikts zwischen den Schadenszauberern und ihren Opfern zeigt sich, dass es fast überall und immer Menschen geben muss, die selbst einer Welt voller gefährlicher Neider gegenüber auf ihrer persönlichen Zukunftsgestaltung, auf einer Umwelterleichterung bestehen. Der erste und einzige Besitzer einer Nähmaschine oder eines Fahrrads in einem afrikanischen Eingeborenendorf weiß, was ihm bevorsteht, aber er wagt den „Fortschritt“ eben doch.

Leichter ist es für den auf dem Weg zur Ungleichheit befindlichen Menschen in einer Gemeinschaft allerdings, wenn seine Kultur Vorstellungen wie unterschiedliches Glück, zur Beschwichtigung seines eigenen Gewissens und zur Entwaffnung der Neider, entwickelt hat. Eine für die Neideindämmung sehr wirkungsvolle Doktrin ist die Lehre von der Prädestination im Calvinismus gewesen. (eigene Anmerkung: auch noch im Jahr 2021?)

Neiddruck als Zivilisationsfaktor

Die Flucht vor dem Neid der Nächsten ist nicht selten zivilisationsfördernd. Die Kulturwissenschaft betont die Bedeutung der kulturellen Diffusion bei der Entfaltung der komplexeren Fertigkeiten und Errungenschaften des Menschen. Erfindungen, Neuerungen, Begriffsschöpfungen, neue Verfahren werden am Anfang oft in einer einzigen Familie, in einer Ortschaft gemacht. Die Übertragung und Fortpflanzung neuer Ideen und Methoden in andere Bevölkerungsgruppen und Gebiete wird häufiger sein, wenn gegen den Neuerer an seinem Heimatort ein Vorurteil besteht.

Die Sprichwörterweisheit hat seit jeher gewusst, der Prophet sei im eigenen Tale nichts wert. Wenn es auch Beispiele für den Unwillen gibt, mit dem Menschen sich von Fremden belehren und helfen lassen, so dürfte im allgemeinen der größte Unwillen, Neuerungen, die man selbst nicht sah, von einem anderen zu übernehmen, sich gegenüber Nachbarn, Familienmitgliedern, d. h. gegenüber Menschen zeigen, die einem schon lange vor der Neuerung bekannt waren.

Der Grund ist leicht einzusehen: wenn mein Dorfgenosse, mein Schulkamerad, mein Arbeitskollege auf einmal mit einer Erfindung, Entdeckung oder irgendeiner handwerklichen Neuerung auftritt, deren objektiven Wert und Überlegenheit ich einsehen muss, so erregt das meinen Neid viel mehr, als wenn ein Fremder damit erscheint: bei diesem kann ich mich damit trösten, dass es in seinem Vorleben gewisse Chancen, Einflüsse, Lern- und Beobachtungsmöglichkeiten gegeben hat, die mir gefehlt haben. Seine Überlegenheit ist nicht so vorwurfsvoll und niederschmetternd wie die des erfolgreichen Neuerers aus meinem eigenen Lebenskreis, bei dem ich mich frage: „Warum habe ich nicht selber daran gedacht; ich habe doch dasselbe gesehen und gelernt, das ihm zur Verfügung stand?“

Damit eine Neuerung kultur- und zivilisationsfördernd wirken kann, muss die Möglichkeit und der Ansporn zur Wanderung, zur horizontalen Mobilität bestehen. Man hat deshalb auf die frühe Entwicklung von Wissenschaft, Technik und modernem Wirtschaftsgebaren in solchen Gegenden hingewiesen, die durch innere Wasserwege (ein reich gegliedertes Flusssystem) oder eine verästelte, lange Küste zu einer Zeit schon leicht reisen ließ, ehe man geeignete Landverkehrsmittel besaß. Selbstverständlich werden die Neuerer, die Erfinder, die Einfallsreichen aus bloßer Abenteuerlust und Gewinnstreben in die Ferne gezogen sein; aber es ist leicht einzusehen, dass der Anstoß zum Verlassen der Heimat (im engeren Sinne) oft genug durch Feindseligkeiten, Spott und Misstrauen kam, die den schöpferischen Menschen am ärgsten dort zu treffen pflegen, wo man ihn am längsten gekannt hat.

Insofern ist also die universale Vorgegebenheit neidischer Repressalien gegen den Menschen, der durch eine Neuerung (auf welchem Gebiet auch immer) sich zum Ungleichen gemacht hat, für die Gesamtentwicklung umweltbezwingender kultureller Leistungen wünschenswert.

Wir können deshalb über die Funktion des Neides allgemein sagen, dass er nicht nur die sozialen Kontrollen ermöglicht, auf denen menschliche Gesellschaften beruhen, sondern, über Emigration, auch weiträumigere zivilisationsfördernde Wirkungen erzielt. Allerdings meist auf Kosten des Ursprungsgebietes des Neuerers. Bis zu einem gewissen Grade könnten sich diese Wirkungen der neidische Genossen die Waage halten, so dass der Gesamteffekt für die Zivilisation – oder ein bestimmtes Gewerbe – in einem größeren Gebiet der gleiche bleibt: wenn beispielsweise aus der Stadt A, durch die Feindseligkeit der Eingesessenen, ein Erfinder vertrieben wird, der nach B kommt und dort Erfolg hat, während umgekehrt einem zweiten Erfinder der entsprechende Weg von B nach A beschieden ist. In solchen Fällen, selbst wenn sie sich verhundertfach haben, bliebe an sich die Zuwachsrate an Neuerungen für ein Land oder einen Kontinent theoretisch ungefähr so groß, wie wenn es den Neidfaktor überhaupt nicht gegeben hätte. Es wird jedoch bestimmte Orte, vor allem große Städte, gegeben haben, wo sich für den aus seiner Heimat hinausgeekelten Erfinder günstige Bedingungen boten: es wird öfters eine Ansammlung von ideenreichen Menschen in einigen wenigen Orten geben, die sich für die Gesamtentwicklung der Fertigkeiten günstig auswirkt.

Es kann auch eine Situation entstehen, in der das durch die letztlich auf Neid beruhenden sozialen und wirtschaftlichen Kontrollen aus einem Land hinausgeekelte Talent in eine Gegend zieht, wo weit größere Mittel für seine wirkungsvolle Beschäftigung bestehen. 

Die Bedeutung des Neides in der Stammesgeschichte des Menschen

Folgende allgemeine Theorie über die Bedeutung des Neides in der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen wäre denkbar. Ein kompliziertes Zusammenleben und vor allem Zusammenarbeiten in Gruppen erfordert ziemlich gut funktionierende soziale Kontrolle. Das heißt, Anweisungen, Befehle und Verbote müssen ausgeführt und beachtet werden, selbst wenn die sie erteilende Person nicht selber gegenwärtig ist. Die unbeaufsichtigten Gruppenmitglieder müssen sich also gegenseitig, angetrieben von oft nur leichten Neidgefühlen, misstrauisch auf Abweichungen vom Auftrag hin beäugen: keiner kann sicher sein, ob ihn der andere nicht denunziert.

Am leichtesten lässt sich diese Situation wohl am Inzesttabu veranschaulichen: keiner der Söhne des abwesenden Vaters kann sich Freiheiten gegenüber den weiblichen Familienangehörigen herausnehmen, weil er mit der eifersüchtigen Denunziation zumindest eines der Brüder rechnen muss. Ähnlich aber wird es in einer Arbeitsgruppe Gleichgestellter sein: keiner lässt den anderen zu sehr säumen, weil er sonst eventuell selber für das Arbeitsdefizit des anderen aufkommen muss. Er würde also auf die Pause oder Müheersparnis, die ein Mitarbeiter sich leistet, neidisch werden und sucht sie deshalb zu verhindern.

Der Häuptling, der einige Unterhändler zu einem anderen Stamm schickt, kann deshalb auf ihre loyale Auftragserfüllung rechnen, weil jeder einzelne, beim Versuch, etwa persönlichen Vorteils wegen Kompromisse mit der gegnerischen Gruppe zu schließen, durch den neidvollen Ärger seiner Kollegen daran gehindert würde.

Wir können also sagen: ein Lebewesen, das weitgehend von Instinkthandlungen und biologischen Verhaltensprägungen unabhängig geworden ist, kann aus dem Möglichkeiten dieser neuen Freiheit erst etwas gesellschaftlich Konstruktives machen, wenn abweichendes Verhalten und Neuerungen auf ein Minimum reduziert werden.

Der individuelle Handlungsspielraum eines dem Instinkt entwachsenen Lebewesens muss also zunächst wieder so weit eingeschränkt werden, dass größere soziale Gruppen funktionieren können. Wir haben aber kein anderes Motiv gefunden, das Konformität so sicher erzielt, wie die Furcht, bei anderen Neid und entsprechende Sanktionen zu erwecken. In dem Maße also, in dem Menschen die Fähigkeit entwickelt haben, sich gegenseitig durch den Verdacht auf des anderen Neid zu kontrollieren, sind größere Gruppen mit Aufgabenteilung für die Mitglieder sozial möglich geworden. Der ungewöhnlich lange, biologisch vorgegebene mindestens zehn Jahre währende Zeitraum der menschlichen Prägung im Rahmen einer Geschwistergemeinschaft bot die Gelegenheit, diese soziale Rücksichtnahme in die Person einzubauen.

Man kann sich vorstellen, wie jene kleineren Gruppen und Familien, deren Mitglieder keine ausreichende Empfindlichkeit für den drohenden Neid anderer entwickelt hatten, allmählich stammesgeschichtlich ins Hintertreffen gerieten, weil sie sich nicht zu größeren Gruppen auf die Dauer zusammenschließen konnten, wie sie zur Umweltmeisterung erforderlich gewesen wären.

Der Mensch wurde also als Neider, über die Neidfähigkeit zum eigentlichen Menschen. Unter einigen heute noch existierenden, sehr einfachen Naturvölkern gibt es einige äußert primitive Gruppen, die ungefähr auf dieser Stufe stehengeblieben sind. Die Siriono-Indianer bieten vielleicht das anschaulichste Beispiel für eine Gruppe, in der man sich zwar im eigenen Verhalten sehr durch Neid der anderen beeinflussen lässt, aber nicht in der Lage ist, den nächsten Schritt zu machen. Der Stamm – von A. Holmberg vor 25 Jahren in Bolivien erforscht – besteht nur aus sich gegenseitig meidenden Horden von jeweils etwa zwanzig Menschen. Hordenmitglieder essen aus Furcht vor dem Neid der anderen fast nur, wenn sie sich unbeobachtet glauben; meist jeder allein bei Nacht. Bei ihnen ist es aber über diesen wechselseitigen Neid noch nicht zu einem allgemeinen sozialen Kontrollsystem gekommen, das gemeinschaftliche Aktionen der Gruppe, oder gar einiger Gruppen, ermöglichen würde (4).

Mit der Bildung und Aufrechterhaltung größerer Gruppen, vielleicht von fünfzig bis fünfhundert Mitgliedern, ist es aber nicht getan. Je nach der Umwelt können sie zwar mehr leisten als autonome Banden von zehn oder zwanzig Menschen, aber als Kern oder Ausgangsbasis höherer Kulturgebilde müssen sie eine neue Fähigkeit entwickeln und institutionalisieren: der allgegenwärtigen sozialen Kontrolle durch den Neid aller auf alle muss ein Hemmschuh aufgesetzt werden. Eine differenzierte Kultur, eine gewisse Arbeitsteilung, eine politische Struktur, wirtschaftliches Wachstum, verschiedene Gewerbe können in einer Gruppe erst dann zustande kommen, wenn individuelle Neuerungen (Innovationen) und unterschiedliche Gewinne, Bereicherungen usw. wenigstens vorübergehend sozial wieder möglich geworden sind. Eine gewisse Ungleichheit auf Grund unvorhersagbarer individueller Abweichungen von der Gruppennorm muss toleriert werden. Die verbindliche Kultur der Gruppe – wir können jetzt auch von einer Gesellschaft reden – muss sich also so einpendeln, dass zwar einerseits noch genügend ungezügelter Neid – und entsprechende Rücksicht auf den Neider – vorhanden ist, um die sozialen Kontrollen zu betreiben, deren das Gemeinwesen als solches bedarf, andererseits aber muss der Neid auf bestimmte Leistungen und Errungenschaften einzelner soweit eingedämmt und geächtet werden, dass der erforderliche Spielraum für Neuerungen gegeben ist, dessen die wachsende Gruppe zur Umweltanpassung bedarf.

Der zweite Satz lautet somit:  Der Mensch, ein Neider, kann erst zum eigentlich kulturschaffenden Wesen werden, wenn bestimmte Vorstellungen, z. B. religiöser Art, Rationalisierungen der Ungleichheit der Lose (die Vorstellung vom Glück) oder politisch geschaffene Reservate für den Ungleichen, die Neider in der Gruppe wieder weitgehend entmachten.

Die meisten ethischen Systeme und Religionen, unter deren Schutz es eine kulturelle, wirtschaftliche, technische, eine allgemeine zivilisatorische Entwicklung gegeben hat, haben bezeichnenderweise diesem Erfordernis einer Neideindämmung, vielleicht nur dank richtiger Ahnungen und Vermutungen, Rechnung getragen. Es gibt kein ethisches oder religiöses System, das den Neid an sich, oder gar etwa den Neid des einzelnen auf eine andere Einzelperson, gutheißt. Gleichzeitig aber mit der Ächtung des rohen Neides kennen die meisten allmählich gewachsenen normativen Systeme (zumindest solange sie nicht für sehr partikuläre politische Ziele denaturiert werden) zahlreiche Verbote, Einschränkungen oder Ratschläge, die eindeutig der Aufreizung des Neides entgegenwirken. Und die bereitgestellten Sanktionen erfordern eine ausreichende Zahl von Neidern in der Gesellschaft, die auf die Einhaltung der neidvermeidenden Verhaltensformen dringen. Somit erklärt sich das scheinbare Paradox, dass Religionen einerseits den Neider in Schranken weisen, indem sie in Gleichnissen ausdrücklich denjenigen belohnen, der seinen offensichtlichen Neid hinunterschlucken kann, aber zugleich so etwas wie einen soziale Gerechtigkeit kennen, die allein durch das Ideal der Gleichheit mit Sinn versehen und durch die Rücksicht auf die Neidischen sozial relevant und erzielbar sein wird.

Die Kapitulation vor den Neidischen

Zum Nachteil eines allgemeinen Verständnisses der Wirtschaft haben nun einige Sozialphilosophien und auch einige innerhalb der Kirchen entwickelte Ideen seit dem späten 18. Jahrhundert, und verstärkt seit etwa hundert Jahren, ihren ganzen Nachdruck auf die Befriedung, die Stillung des Neidischen gelegt, ja praktisch ihm die Normgebung für die Gesellschaft übertragen. An dieser Akzentverschiebung haben sich teils selber höchst neidische, ressentimentvolle Publizisten und Politiker beteiligt, teils aber auch sehr edle, neidlose Personen, deren soziales Verständnis durch ein soziales Schuldgefühl einseitig ausgerichtet war. Der Zusammenhang dieses Schuldgefühls mit der Furcht vor dem Urneid mag den Trägern wohl selten klar gewesen sein.

Der große Erfolg, die oft aller Vernunft und Konvention widersprechende Anziehungskraft von Manifesten und sozialpolitischen oder philosophischen Theorien, die sich an den Neider und gegen die Beneidbaren wandten, lässt sich durch diesen stammesgeschichtlichen Überblick erklären. Man hätte keine elementarere Gemütsschicht des Menschen ansprechen können als eben diese.

Völlig übersehen hat man bei dieser Kapitulation aber zwei entscheidende Sachverhalte. Erstens: die Funktionsfähigkeit jeder größeren menschlichen Gruppen ruht zumindest nicht weniger auf die Bändigung des Neides als auf den Rücksichtnahmen auf den Neider. Zweitens: die völlige Unmöglichkeit, irgendeine menschliche Gemeinschaft auf die Dauer so einzurichten, dass es in ihr keine Neider, also auch keine Träger eines schlechten sozialen Gewissens, geben wird.

Der Angehörige eines primitiven Naturvolks findet sich mit der Bösartigkeit seiner Stammesgenossen ab, deren Neid er als festen Faktor in sein Weltbild einsetzt. Er braucht und kann nicht an einen guten Menschen glauben. Der andere ist immer ein neidischer Feind, und zwar um so wahrscheinlicher, je näher er verwandt ist. Die eigene Ungleichheit, so bescheiden sie in unseren Augen ohnehin sein mag, ist für den Primitiven kein großes Problem, weil der Neid der anderen doch unentrinnbar vorgegeben ist. Man fürchtet sich vor ihnen, aber ein sozialpolitisch aktivierbares schlechtes Gewissen, in unserem Sinn, über das eigene Ungleichsein über den Neid der anderen, gibt es wohl bei Naturvölkern nicht (5).

Anders der empfindsame Abendländer etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Er hat allmählich vor dem Neid der anderen die Nerven verloren. Es wäre auch zu fragen, ob die sozialen Umschichtungen seit der Französischen Revolution durch die zunehmende Angst vor dem Neid der jeweils weniger hoch Situierten gefördert worden sind oder ob diese sozialen Verschiebungen, der Abbau einst fraglos legitimierter Hierarchien, ihrerseits die Angst vor dem Beneidetwerden genährt haben. Auf jeden Fall wird es während der letzten zweihundert Jahre immer dringlicher, an einen guten Menschen, unabhängig von der ihn verderbenden Gesellschaft, zu glauben. Man erträgt nicht mehr den Neiddruck des Mitmenschen, mit dem der Primitive täglich leben muss. Um aber an die Möglichkeit des absolut guten, uns wohlwollenden, neidlosen Menschen glauben zu können, muss die Utopie des Egalitarismus, die progressiv als geschichtlicher Auftrag verstandene Idee der Gleichheit, hochgespielt werden: man möchte sich vor dem bösen Blick des Zeitgenossen, unseres Nächsten wenigstens dadurch ein tröstendes Alibi schaffen, dass man sich ideologisch, politisch oder auch nur spielerisch sentimental und naiv für ein Zukunftsprogramm engagiert, das eine Gesellschaft der buchstäblich Gleichen verspricht, also eine Gemeinschaft, worin der Neid durch Gleichheit aller ausgeräumt werden konnte. Dies ist unmöglich, weil, wie wir gesehen haben, das Neidenkönnen und Neidenmüssen zum Menschsein gehört. Die Gesellschaft, in der sich keiner vor dem Neid irgendeines anderen fürchten müsste, besäße nicht die sozialen Kontrollmöglichkeiten, um überhaupt als Gesellschaft zu bestehen. Wie wenig das einander fast gleich sein den Neid aller gegen alle beseitigt, sollten die einfacheren Kulturen gezeigt haben. Aber auch aus der Sicht der Entwicklungspsychologie erweist sich die Hoffnung als unbegründet, man könne je eine Gesellschaft erreichen, in der niemand mehr am Neid leidet.

Der reine Neid ist als tragende Idee, als oberste Norm für eine Gesellschaft genauso unerträglich und zerstörend wie etwa die Absolutsetzung der reinen geschlechtlichen Eifersucht, die einen Zustand der dauernden Promiskuität verlangen würde. Es ist ein gesellschaftliches Funktionsgesetz, nach dem es grundsätzlich, von prekären Experimenten abgesehen, sozial unmöglich ist, eine Gesinnung und eine Emotion zum Zentralwert zu legitimieren, die Privatsphäre und Privateigentum als ungültig erklären.

Der Mensch als Neider und der Neid als reiner Begriff, von den Naturvölkern bis zum modernen Städter, ist pure Irrationalität. Es lässt sich nicht mit dem Begriff Rationalität, des rationellen Handelns, einer zweckmäßigen Weltgestaltung vereinbaren, wenn jemand – außerhalb einer begreiflichen Konflikt- oder Konkurrenzsituation – es darauf anlegt, ein anderer möge etwas nicht haben oder sein, wenn sich damit dieser Wert für den Wünschenden nicht erlangen lässt, ja oft nicht einmal erlangenswert ist. Es ist erstaunlich, dass der Mensch diesen Grundantrieb in einigen Gesellschaften im Laufe der Letzten Jahrtausende doch genügend zähmen konnte, um zivilisatorische Leistungen über das Ungleichwerden einzelner zu verwirklichen.

Das Neidenkönnen ist vorgegeben. Insoweit der Mensch ein Wesen ist, das über seine Existenz nachdenken kann, muss er auch einmal fragen: „Weshalb bin ich und nicht ein anderer?“ Die nächste Frage ergibt sich von selbst: „Weshalb ist die Existenz des anderen von der meinen so verschieden?“ Je nach der Selbsteinstufung des Fragenden folgt Neid oder Schuldgefühl. Beide können denselben Menschen plagen. Sie sind ineinander sublimierbar. Insofern der Mensch sich als Individuum, wie undeutlich auch immer in manchen Gesellschaften, erlebt, kann er nie sicher sein, dass ein anderer es nicht vorzöge, er zu sein. Es wird immer einen anderen geben, dem er deshalb nicht trauen kann, dem gegenüber er ein Schuldgefühl empfindet. Dieses ist unentrinnbar. Es kann sozial nicht wegmanipuliert werden. Von diesem nutzlosen und destruktiven Schuldgefühl befreit allein die Erkenntnis, dass die Anlässe zum Beneidetsein unaufhebbar sind. Die kulturhemmende Irrationalität des Neides in einer Gesellschaft wird nicht durch schöne Gesinnungen, durch Altruismus überwunden, sondern fast immer durch eine höhere Stufe der Rationalität, so z. B. durch die Erkenntnis, dass mehr (oder etwas anderes) für einige nicht weniger für die anderen bedeuten muss: das erfordert gewisse rechnerische Fähigkeiten, eine Übersicht über größere Zusammenhänge, ein längeres Gedächtnis; das Vermögen, nicht nur Ding mit Ding zu vergleichen, sondern auch sehr unähnliche Werte beim einen Menschen mit solchen beim anderen. 

Es ist heute wohl eine wissenschaftlich gesicherte Aussage – jedenfalls empirisch viel besser gestützt, als es noch vor fünfzig oder hundert Jahren möglich gewesen wäre -, wenn wir erklären, dass den Neidischen nicht die Welt gehören kann, genauso wenig wie es gelingen wird, die Anlässe zum Neid aus der Gesellschaft zu entfernen. Die klassen- oder statuslose Gesellschaft und ähnliche Trostinseln für festgefahrenes Denken und unbequeme Gefühle sollten nicht mehr ernsthaft diskutiert werden. Die Wissenschaften vom Menschen sollten sich herablassen, den Menschen in die Gleichung einzusetzen, so wie er ist, und nicht wie sie ihn sich vorstellen, nachdem er, aus unerfindlichen Gründen, dasjenige Antriebsmoment verloren hat, das es ihm, wie wir gezeigt zu haben hoffen, überhaupt erst ermöglicht hat, die für unsere Art charakteristischen Gemeinwesen zu bilden.

Selbst solche, die Utopien von einer klassenlosen Gesellschaft, vom reinen Sozialismus nie ernst genommen haben, sind im Laufe der letzten hundert Jahre zum Trugschluss verführt worden, den vermeintlich durch einmaliges Entgegenkommen stillbaren neidischen Gemütern in einer Gesellschaft käme eine kritische Rolle zu. Selbstverständlich sollen und können manche sozialen Dummheiten vermieden werden. Es ist keine Tugend, Salz in eine Wunde zu reiben. Aber geschichtliche Beobachtungen und im menschlichen Grundverhalten ablesbare Regeln lassen doch so etwas wie eine Abhärtung gegen übertriebene Neidempfindlichkeit vermuten. Schon Francis Bacon sah, dass nichts den Neider so herausfordert und unzufrieden macht, wie eine irrationale Handlung, eine Abdankung von einer ihm überlegenen Position, in der Absicht, ihn zu entneiden. Es wäre an der Zeit aufzuhören, so zu tun, als ob der Neider für die Wirtschafts- und Sozialpolitik maßgebend sei.

(1) Aufschlussreich ist hierzu auch die volkskundliche Literatur. In Bayern und Österreich mischen alte Bauern noch „Neidkraut“ im Stall ins Futter, um das Vieh vor dem „Verneiden“ zu schützen. Verneiden entspricht dem Schadenzauber (envious sorcery) bei den Primitiven. Im Bezirk Gmünd in Kärnten hat ein Tier, das nicht mehr frisst, „den Neid“. Man bespricht seine Krankheit wie folgt: Neid wend dich / Neid reib dich / Neid treib dich, usw. (Heinrich Marzell, Neidkräuter, Bayrisches Jb. f. Volkskunde, hrsg. von J. M. Ritz, Regensburg 1953, S. 78 ff.) Vgl. ferner Robert Mielke, Neidinschriften und Neidsymbole im Niederdeutschen, Niederdeutsche Zeitschriften, Bd. 10, 1932, S. 178 ff. Den „innigen Zusammenhang“ zwischen dem Aberglauben des bösen Blicks und dem Neid belegt mit einer riesigen Materialsammlung S. Seligmann, Der böse Blick und Verwandtes. Ein Beitrag zur Geschichte des Aberglaubens aller Zeiten und Völker. Berlin, 2 Bde., 1910. Siehe besonders S. 4, 13 in Bd. I und 417, 420 in Bd. II.

(2) Verschiedene Beispiele dafür z. B. in Capitalism and the Historians, mit Beiträgen von T. S. Ashton, L. M. Hacker, W. H. Hutt und B. de Jouvenel, hrsg. von F. A. Hayek. Chicago 1954.

(3) Ranulfs Theorie des Ostrazismus, des Scherbengerichts in Athen, habe ich ausführlicher dargestellt in meinem Buch Was heißt politisch unmöglich? ( Erlenbach-Zürich u. Stuttgart, 1959, S. 75 – 80). Seine Hauptwerke sind: The Jealousy of the Gods and Criminal Law at Athens, A Construbution to the Sociology of Moral Indignation, 2 Bde. London u. Kopenhagen, 1933, 1934. – Moral Indignation and Middle Class Psychology. A Sociological Study. Kopenhagen 1938.

(4) A. R. Holmberg, Nomads of the Long Bow: The Siriono of Eastern Bolivia. Smithsonian Institution. Institute of Social Anthropology Publication No. 10. Washington 1950.

(5) Vgl. auch J. Clyde Mitchell, The Meaning in Misfortune for Urban Africans, in: African Systems of Thought, International African Institute. London 1965, S. 192 ff. Dieser Band enthält verschiedene neuere Arbeiten zur Soziologie des Schadenzaubers. – Dass der Schadenzauberer primär als ein Neider gilt, wird besonders deutlich herausgearbeitet in John Middleton und E. H. Winter, Hrsg., Witchcraft and Sorcery in East Africa, London 1963, S. 29; und in John Middleton, Lugbara Religion, London 1960, S. 239 f.

Kapitelübersicht eines gesamt lesenswerten Buches:

1. Der Mensch als Neider

2. Neid und Sprache

3. Der neidische Mensch im Spiegel der Kulturen

4. Der Neid beim Schadenzauber

5. Neidfurcht als Problem der Entwicklungsländer

6. Die Psychologie des Neides

7. Der Neid in der Sicht der Sozialwissenschaften

8. Das Verbrechen aus Neid

9. Neid der Götter und Schicksalsbegriff

10. Der Neider in der Dichtung

11. Neid als Thema der Philosophie

12. Politik als Neidbeschwichtigung

13. Das Lob der Armut: Vom Luxusverbot zum Ekel an der Wohlstandsgesellschaft

14. Der Sinn für Gerechtigkeit und die Idee der Gleichheit

15. Die Schuld, ein Ungleicher zu sein

16. Die Prominenten in der Gesellschaft der Gleichen

17. Die vom Neid erlöste Gesellschaft: eine Utopie

18. Ist Eigentum Diebstahl?

19. Soziale Entrüstung

20. Der Neid als Steuereinzieher

21. Soziale Revolutionen

22. Eine Theorie des Neidens in der menschlichen Existenz

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