SCOWL - Interview


Foto: Dani Claudin / @danielclaudin
ERBLÜHT. Die fünfköpfige Band aus dem Westen der USA hat ein neues Album in petto: „Are We All Angels“ erscheint am 4. April dieses ereignisreichen Jahres, in dem wir alle lieber den Kopf in den Sand stecken möchten. Sängerin Kat Moss und Gitarrist Michael Bifolco erzählen mir, was sie stattdessen vorhaben: Kümmert euch um euch selbst und um die Menschen um euch herum.
„Ja, ich versuche einfach die nächsten vier Jahre mich nicht selbst umzubringen“, lacht die junge Frau nervös. Es ist Kat Moss, die Frontfrau der Band. Gitarrist Malachi Greene, Schlagzeuger Cole Gilbert und sie finden sich 2019 in Santa Cruz, Kalifornien, kurz darauf stößt Bassist Bailey Lupo dazu. Obwohl keiner große Erfahrung in Bands hat, haben sie mit SCOWL anscheinend ihre Bestimmung gefunden. Nach ein paar selbst veröffentlichten Demos und Support-Touren lernen sie Gitarrist Mike Bifolco kennen, der eigentlich in Philadelphia lebt, aber häufig bei Malachi wohnt, wenn er mit seinen damaligen Bands in Kalifornien unterwegs ist. 2022 touren sie gemeinsam und werden alle dicke Freunde. „Psychic Dance Routine“, die letzte EP von SCOWL, nehmen sie in Philadelphia auf und wohnen in der Zeit bei Mike – der Rest ist Geschichte.
https://youtu.be/lEb_4NrvN9Q?si=PHwAIMC7P24wAsLJ (Öffnet in neuem Fenster)Egal wo, alle Mitglieder sind tief verwurzelt in der Hardcore-Szene ihrer jeweiligen Städte, was vermutlich erklärt, warum SCOWL nie um ihre Daseinsberechtigung kämpfen mussten. „Die Szene und die Gemeinschaft, die wir haben, war und ist uns von Anfang an wichtig gewesen. Wir versuchen immer etwas zurückzugeben, spielen Benefiz-Shows und haben auch für die Betroffenen der schlimmen Flächenbrände in Los Angeles vor kurzem Spenden gesammelt. Das ist ja nah an unserer Heimat und wir kennen so viele, die dort leben“, so Kat. „Und auch mit der aktuellen politischen Lage ist der Blick in die eigene Nachbarschaft so wichtig wie noch nie. Das Beste, was wir tun können, ist zu schauen, ob es unseren Liebsten und Nächsten gut geht. Die Hardcore-Szene ist so essenziell, vor allem in Zeiten wie diesen, in denen junge, verletzliche und irritierte Leute nach einem Ort suchen, um unbelastet von Vorurteilen zu existieren. Sie ist ein immens wichtiger Teil der Gesellschaft. Und ich muss mir generell erst mal keine Sorgen machen, hier schlechte Menschen zur treffen, haha. Das ist anders als bei meinem Job im Supermarkt vorher.“ Mike pflichtet ihr bei: „Die Hardcore-Szene hat mir beigebracht, was richtig und falsch ist. Wer richtige Einstellungen hat, und wer falsche und mit wem ich mich besser nicht abgebe. Es ist unsere Verantwortung, das so fortzuführen und die Szene zu einem sicheren Ort für Leute zu machen, die ihren Kopf benutzen können und die richtige Haltung haben. Hater gibt es zwar überall, aber die sind keinen zweiten Gedanken wert, haha.“
Das neue Album, „Are We All Angels“ handelt dennoch an vielen Stellen von Erwartungen, Druck und Angst, die vielleicht speziell die Frontfrau mit sich austragen musste. Dass eben diese Szene, die als so wichtiger Teil der Lebensrealität begriffen wird, die Band von Anfang auf ein Podest gestellt und herumgereicht hat – inklusive eigener Narrative, die gesponnen werden. „Kunst, in egal welcher Form, ist frei, sobald sie einmal draußen und veröffentlicht ist“, so Kat. „Man hat keine Kontrolle mehr darüber, was damit passiert oder wie die Leute sie wahrnehmen, und wie sie am Ende auch vergeht und ... stirbt, vielleicht. Diesen Prozess habe ich neu erfahren, ich kannte das vorher nicht. Ich war besessen von der Meinung aller Leute über mich, über diese Band, unsere Kunst, weil ich, na ja, unsicher und auch nur ein normaler Mensch bin. Ich habe versucht, auf der Platte darüber zu schreiben, wie es ist, loszulassen und zu akzeptieren, dass niemand die Kontrolle darüber hat, wer er ist, was seine Geschichte ist und was die Leute in ihm sehen wollen. Und das war der einzige Weg, das zu überleben, weil es mich umgebracht hätte, wenn ich zu lange davon besessen gewesen wäre. Es war eh lang genug.“ So lang ging es gar nicht, wenn man sich anschaut, wie jung diese Band ist. „Das stimmt, es ging echt alles brutal schnell. Wir mussten brutal schnell wachsen, das war auch schmerzhaft. Aber hey, es ist ja auch geil, haha.“

Foto: Dani Claudin / @danielclaudin
So geil, wie die Chance zu bekommen, mit einem der besten Produzenten unserer Zeit zu arbeiten: Will Yip. SCOWL klingen nicht mehr wie auf ihrem ersten Album, der Sound ist der EP „Psychic Dance Routine“ entsprechend melodischer geworden und voll von poppigen Harmonien. Kat erzählt: „Es war ein absolut befreiender Prozess, diese Songs zu schreiben. Diese Art zu singen und die Texte so zu präsentieren, waren schon immer in mir, und es hat so gutgetan, sie rauszulassen. Als die Songs fertig waren, konnte ich es gar nicht fassen, wie sie klingen.“ Mike wirft ein: „Wir dachten beim ersten Hören, jemand anderes hätte es gesungen, haha. Unfassbar, dass das Kat ist und wie gut sie ist. Wir alle haben einen richtigen Sprung bei unseren jeweiligen Instrumenten gemacht, was das Album maßgeblich beeinflusst hat. Wir haben nicht einfach ein paar Riffs gespielt, wir alle haben unser jeweiliges Instrument richtig begriffen und konnten ganz neue Sachen aus uns rausholen.“ – „Wir hatten so viel Spaß. So viel Spaß, dass ein Teil von mir nur noch im Studio sein und Songs schreiben will. Aber natürlich liebe ich es auch, auf der Bühne zu stehen, und ich kann es kaum erwarten, diese Songs live zu spielen.“ Mike erzählt von den teilweise weirden Ideen, die sie für die Songs hatten. „Fleshed out“ sollte ursprünglich mal wie ein Palindrom funktionieren; Palindrome sind Wörter, die man von vorne wie von hinten lesen kann, zum Beispiel Ehe oder Retter. Kat: „Also, der Song ist kein richtiges Palindrom geblieben, aber es war lustig, es mit dieser Struktur zu versuchen. Thematisch geht es um Angststörungen, Panikattacken und Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken. Man will nicht, dass die Leute wissen, wie schlecht es einem geht, und man schämt sich, gleichzeitig ist tief in einem drin ein brutales Bedürfnis, alles rauszuschreien, und es sucht sich seinen Weg, und dafür schämt man sich dann wieder. Es fühlt sich an wie ein ewiger Teufelskreis. Also irgendwie ist es eins geblieben.“
Christina Kiermayer