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300 Jahre Erziehungsratgeber

In letzter Zeit haben wir auf Social Media begonnen, über andere historische Ratgeber zu sprechen als nur den von Johanna Haarer. Unter #stattHaarer habe ich zum Beispiel über Adalbert Czerny und seine Schwarze Pädagogik getwittert. In diesem Ausschnitt eines Webinars vom Februar 2020 stelle ich ebenfalls sein Buch und noch einige weiter vor. Das Video ist 45 Minuten lang und somit die Hälfte des Webinars.

Da die nächste Runde an Webinaren leider noch etwas auf sich warten lässt, möchte ich Euch hiermit die Wartezeit verkürzen.

Viel Spaß beim Zuschauen!

https://youtu.be/gQocIRrSju0

Aus dem Inhalt des vollständigen Webinars:

Motivation und betrachteter Zeitraum

Um zu verstehen, warum sich falsche Ansichten über die Säuglingspflege bis heute halten, müssen wir verstehen, wie sie sich entwickelt haben, und welche Konsequenzen sie auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene hatten und haben.

Warum sind zeitgenössische Ratgeber eine gute Quelle zur Erforschung der Geschichte der Säuglingspflege?

Durch die Betrachtung eines möglichst breiten Fundus an Ratgebern erfassen wir nicht nur graduelle Entwicklungen und Strömungen in Pädagogik und Pflege. Sie ermöglichen auch einen Blick auf die tatsächliche Umsetzung der Ideen und Regeln, indem die Autor‘innen beschreiben, welche Praktiken üblich sind, und wir ihre Reaktionen darauf analysieren können.

Seit wann gibt es Erziehungsratgeber?

Allgemein wird Rousseaus Émile oder Über die Erziehung als erster Ratgeber betrachtet. Das Buch erschien 1762.

Es gibt also Erziehungsratgeber nicht einmal seit 300 Jahren. Über die Zeit davor lernen wir nur indirekt durch Beschreibungen.

Weitere wertvolle Quellen sind Hebammenlehrbücher, allgemeine Ratgeber zur Lebensführung, Bücher über Bräuche und Lokalgeschichte, Biographien, Kirchenbücher und sogar Kochbücher.

Auswahl der Bücher

Zeitgenössische Bücher finden sich beim Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher (zvab.com), dem Gutenbergprojekt (gutenberg.org), der digitalisierten Sammlung der Staatsbibliothek Berlin (digital.staatsbibliothek-berlin.de), der Library of Congress (loc.gov) und weiteren Webseiten.

Möglichst breit und repräsentativ alle Zeiträume abdecken.

Zahl der Veröffentlichungen stieg zunächst sehr langsam, bekam Mitte des 19. Jhdt großen Aufschwung, der anhielt bis ca 1940, danach sank die Zahl der Neuerscheinungen wieder.

Zielgruppen, Vetriebswege

Die ersten Ratgeber richteten sich an Damen der gehobenen Gesellschaft.

Ende des 19. Jhdt kam das Bürgertum dazu.

Im frühen 20. Jhdt alle Mütter. Man begann zu dieser Zeit auch, Schülerinnen in Säuglingspflege auszubilden, um die Säuglingssterblichkeit zu senken. Dies hatte durchaus Erfolg, brachte den Schülerinnen neben Pflege aber auch Erziehung bei.

Im dritten Reich wurden Schriften zur Säuglingspflege und Erziehung kostenlos in Mütterzentren, auf Standesämtern und von Ärzten verteilt.

Erfindung der Schnellpresse 1811. Buchmarkt erst ab Mitte 19. Jhdt Massenmarkt. Taschenbücher erst seit 1935 (England)

Entwicklung der Erziehungsratgeber: Ziele, Aufbau, Inhalte, Titel

Ziele

  • körperliche Gesundheit
  • Abschaffung von Ammenhaltung
  • guter Start ins Leben
  • Ratschläge und später Vorschriften für die Mutter
  • Verbreitung moderner Säuglingspflege

Aufbau und Inhalte

  • Schwangerschaft
  • Geburt
  • Stillen, Amme, Muttermilchersatz
  • Krankheiten
  • Schreien
  • Schlafen
  • Ge- und Verwöhnen (verwöhnen = gewöhnen an etwas falsches, schädliches)
  • Pflege
  • Vorsorge

Titel

  • die Titel verraten den Schwerpunkt, die Sichtweise
  • der Wandel in den Titeln spiegelt das Verhältnis zum Kind wider
  • der Fokus lag zunächst auf der Mutter und ihren Aufgaben, ging dann zum Kind über. Es folgte das Kind und seine Gesundheit, dann das Kind als Ursache von Sorgen und Problemen, erst ab Mitte des 20. Jhdt wieder das Kind als Person und auch seine seelische Gesundheit

Beispiele erfolgreicher Ratgeber

Was macht Erfolg aus?

  • Auflagenstärke
  • Anzahl der Referenzierungen in anderen Werken
  • Ansehen und Ruf von Autor*in

Wir betrachten

  • Guter Rath an Mütter, Christoph Wilhelm Hufeland
  • Mutterpflichten, Friedrich August von Ammon
  • Säuglingspflege in Reim und Bild, Elisabeth Behrend
  • Der Arzt als Erzieher des Kindes, Prof. Adalbert Czerny
  • Die Mutter als Erzieherin, Dr. med. Hermann Klencke
  • Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, Dr. Johanna Haarer
  • Der deutschen Mutter, Hanns Sylvester Stürgkh
  • Erziehungslehre, Ludwig Gurlitt

Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836)

  • königlich Preußischer Staatsrat und Leibarzt
  • Begründer der Makrobiotik
  • Kurztitel seines Erziehungsratgebers: Guter Rath an Mütter
  • Langtitel: Guter Rath an Mütter über die wichtigsten Punkte der physischen Erziehung der Kinder in den ersten Jahren nebst einem Unterrichte für junge Eheleute die Vorsorge für Ungeborene betreffend
  • 1. Auflage 1799
  • 10. Auflage 1865
  • ca 1980 erschien ein Reprint der 3. Auflage. Ein Doppelband mit „Taschenbuch für Mütter“ von Adolph Henke, 2.Auflage 1832.

Hufeland legte besonders Wert auf: laue Bäder und kalte Waschungen, viel frische Luft (er nennt es „Luftbäder“) und Reinlichkeit. Eine Gewöhnung an Regelmäßigkeit hält er für sinnvoll, fordert aber nur eine langsame Vorgehensweise.

Friedrich August von Ammon (1799-1861)

  • Augenarzt
  • Eigenbeschreibung: Leibarzt Seiner Majestät des Königs von Sachsen, Ritter des Königl. sächs. Civilverdienst-Ordens, Mitglied vieler medicinischer Gesellschaften des In- und Auslands
  • Kurztitel seines Ratgebers: Mutterpflichten
  • Langtitel: Die ersten Mutterpflichten und die erste Kindespflege
  • 1. Auflage 1827
  • 42. Auflage 1921

Nach seinem Tod wurde das Werk ab der 10. Auflage 1862 fortgeführt vom Frauenarzt Dr. Waldemar Ludwig Grenser (1812-1872). Nach dessen Tod aktualisierte ab der 17. Ausgabe 1873 Dr Friedrich Winckel das Werk. Spätere Ausgaben mögen noch andere Kuratoren gehabt haben.

Hermann Klencke (1813-1881)

  • Militärarzt, Privatgelehrter, populärwissenschaftlicher Schriftsteller
  • Erziehungsratgeber: Die Mutter als Erzieherin
  • Langtitel: Die Mutter als Erzieherin ihrer Töchter und Söhne zur physischen und sittlichen Gesundheit vom ersten Kindesalter bis zur Reife
  • Das Buch war Teil einer Trilogie über Frauen (als Gattin, Hausfrau, Mutter; später kam noch „Das Weib als Jungfrau“ dazu)
  • 1. Auflage 1870
  • 10. Auflage 1895
  • (vermutlich) 11. Auflage 1899
  • über 200 veröffentlichte Werke
  • Plagiatsvorwürfe

Klencke hatte zu allem eine Meinung und ein frauenfeindliches Weltbild. Er hat sich selbst sehr wichtig genommen und gemacht. Wird von anderen referenziert. Sein Ratgeber liest sich sehr ähnlich wie Hufeland, Henke und von Ammon, nur strenger und eben frauenfeindlich.

Adalbert Czerny (1863-1941)

  • Kinderarzt und Hochschullehrer
  • Titel des Ratgebers: Der Arzt als Erzieher des Kindes
  • Es handelt sich um eine Sammlung an Vorlesungen
  • 1. Auflage 1908
  • 9. Auflage 1942
  • 11. Auflage 1946 unverändert

Czerny war ein Menschenfeind. Kinder sollten nicht „nutzlos“ spielen. Gehorsam war das wichtigste für ihn. Obwohl die erste Auflage schon 1908 erschien, passt sie perfekt in 1930er. Schwarze Pädagogik.

Aus dem Vorwort zur 8. Auflage 1934: „Die Vorlesungen hatten den Zweck, die Ärzte aufmerksam zu machen, daß es ihre Aufgabe ist, sich mit der Erziehung der Kinder zu befassen. Die Aufgabe ist gegenwärtig erfüllt.“

Elisabeth Behrend (1887-unbekannt)

  • Schriftstellerin, Sachbuchautorin, Illustratorin
  • Ratgeber für Mütter: Säuglingspflege in Reim und Bild
  • 2. Auflage 1916 (auch 1. Auflage?)
  • 25. Auflage 1936
  • außerdem: Bild und Wort zur Säuglingspflege - ein Unterrichts- und Nachschlagebuch
  • 1. Auflage 1921
  • 7. Auflage 1942

Zwei von der Autorin reichlich illustrierte Werke mit großem Erfolg. Das ausschließlich in Reimform geschriebene Buch liest sich trotz der geforderten Strenge und Ordnung sehr angenehm und verschleiert dadurch die Härte der eigentlichen Aussagen.

Johanna Haarer (1900-1988)

  • Lungenfachärztin
  • Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind
  • 1. Auflage 1934
  • letzte Auflage 1987 warb mit „über 1 Million verkaufte Exemplare“

Haarer war Anhängerin Hitlers, aber ihre Werke waren keine offizielle Nazi-Propaganda. Das hat sie freiwillig gemacht. Der Großteil des Buches enthält durchaus nützliches, nach damaliger Zeit korrektes Wissen über Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Gesundheit.

Sigrid Chamberlain behauptet in ihrem Werk „Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, dass Haarer einen massgeblichen Anteil an der Verbreitung sogenannter Nazi-Pädagogik hatte. Diese Behauptung lässt sich nicht aufrecht halten. Nur weil viele Eltern dieses Buch hatten, heißt es noch lange nicht, dass sie danach erzogen haben, da die Erziehung nur einen relativ kleinen Platz einnimmt und Haarer weniger streng ist als offizielle Nazi-Propaganda.

Es lässt sich vergleichen mit Eltern, die „Jedes Kind kann schlafen lernen“ nicht wegen Schlaflernprogramms sondern wegen der wissenschaftlichen Informationen darin kaufen.

Hanns Sylvester Stürgkh (?-?)

  • Pseudonym? Keine Lebensdaten bekannt.
  • Titel des Ratgebers: Der deutschen Mutter – Ein Ratgeber für alle Fragen der werdenden Mutter, der Geburt, der Geburtshilfe und der Säuglingspflege
  • Es handelt sich um eine Sonderschrift der Zeitschrift „Gesundes Volk“ und somit um echte Nazi-Propaganda
  • 1. Auflage 1936
  • 25. Auflage 1940, bis hier 500.000 Exemplare
  • letzte Auflage 1942
  • Stürgkh hat 1936 die Drehbücher zu vier Kurzfilmen geschrieben, drei davon von und mit Theo Lingen über Baron Münchhausen
  • Stürgkh schrieb auch: Die Mutter und ihr krankes Kind, ebenfalls eine Sonderschrift der Zeitschrift „Gesundes Volk“. Aufgelegt von 1938-1942.

Hier werden der NS-Staat und Hitler gepriesen. Es ist schwarze Pädagogik pur.

Ludwig Gurlitt (1855-1931)

  • Reformpädagoge
  • Erziehungslehre 1909

Gurlitt sprach sich gegen Strafen und Hierarchien aus. Er kam gegen die große Strömung nicht an, die meinte Gehorsam gehöre zur Erziehung dazu und Gurlitt habe bei seinen eigenen Kindern einfach nur Glück gehabt, dass sie ohne Strafen gehorchten.

„In jedem anderen Falle, wenn der Erzieher nicht so berufen und geeignet ist wie ein Gurlitt, und wenn die Kinder nicht so gut veranlagt sind wie die seinen, wird die Erziehung zur Subordination, die nun einmal dem Wesen des Kindes zuwider ist, nicht ohne Härte vor sich gehen.“ aus Kinderpflege-Lehrbuch, Dr. med. Arthur Keller und Dr. med. Walter Birk, 1914

medizinische, pädagogische, politische Einflüsse

  • die ersten Ratgeber wurden von Ärzten geschrieben
  • Gewöhnen wurde zunächst nicht als Erziehung angesehen
  • Fokus zunächst auf körperliches Wohl
  • noch viel zu lernen über Natur und Körper
  • erste Erziehung ein Gewöhnen
  • komplizierter/schwieriger Naturbegriff
  • Im Kaiserreich wurde es streng
  • Im Dritten Reich wurde es unerbittlich
  • mit Erkenntnissen über Krankheiten und der Möglichkeit ihrer Vermeidung kam die Pflicht zum Gesundsein. Zuvor waren Krankheiten gottgegeben, jetzt waren sie eigene Schuld. Das gilt insbesondere für das Dritte Reich.

Annahme oder Ablehnung der Ratschläge durch die Eltern

  • Häufig lesen wir zwischen den Zeilen, was Mütter tatsächlich machen. Von Anfang an bis ins frühe 20.Jhdt beschweren sich die Autor‘innen bspw darüber, dass Mütter ihre Kinder bei jedem Mucks auf den Arm nehmen.
  • Insbesondere Czerny schimpft auf die Großmütter; ab da ein oft gelesener Vorwurf, dass Großmütter zu weichherzig für die richtige Kindererziehung seien.

Warum hat das alles Relevanz für heute?

  • man schätzt, in der Wissenschaft dauert es ca 20 Jahre bis sich neue Erkenntnisse durchsetzen und nochmal länger, bis sie bei der breiten Bevölkerung ankommen.
  • das kommt durch mangelnde Akzeptanz und Fortbildung sowie Hängen an einmal gelerntem.
  • man bildet sich einen Erziehungsstil bei den eigenen Kindern. Sind dann Enkel da, sind 25 Jahre Erneuerungen an einem vorbei gegangen. Soll alles plötzlich falsch sein? Nein, nicht plötzlich, sondern graduell, aber das wurde verpasst.
  • altes Wissen wird übernommen, ohne über die Herkunft und Begründung nachzudenken. Bsp nicht trinken nach Steinfrüchten, nicht schwimmen nach dem Essen, beides heute widerlegt bzw nicht mehr gültig.
  • soziales Wissen ist anerzogen, nicht erlernt -> wird nicht hinterfragt

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