Deutsche Umarmung

Anekdote aus dem Buch: Bonjour Deutschland! von Martine Lestrat

Ein paar Wochen nach Studiums­beginn traf ich mich nachmittags im Zentrum von Hannover mit einer Kommilitonin. Als wir uns einige Stunden später voneinander verabschiedeten, wollte mich Susanne freundlich umarmen.

Ich weiß bis heute nicht, wie es passierte, aber innerhalb von zwei bis drei Sekunden befand ich mich circa zehn Meter von ihr entfernt. Voller Panik. Was war denn los? Erst später wurde es mir klar. Es war mir einfach zu viel gewesen. Zu viel Nähe. Ich war nicht daran gewöhnt.

Zunächst musste ich also eine Lösung finden, um mit dieser neuen Situation umzugehen, denn wenn ich in den folgenden Wochen auf Feten war oder an Seminaren teilnahm, hatte ich immer Angst vor dem Abschied. Kurz vor Schluss begann ich mich schon unwohl zu fühlen.

Ich entwickelte deshalb unterschiedliche Strategien, um mich nicht persönlich verabschieden zu müssen:

Früher gehen, gaaanz diskret …

Von Weitem der ganzen Gruppe zuwinken …

Etwas tragen, am besten etwas Großes. Klar.

Demonstrativ die Hand ausstrecken.

Und so weiter und so fort. Ich wurde immer einfallsreicher.

Als ich es endlich wagte, mit Be­kannten darüber zu reden, reagier­ten sie etwas irritiert. Vor allem überrascht. Sie konnten nicht ver­stehen, wieso es mir unangenehm war. Die Franzosen sind doch so herzlich, so nah. Sie küssen sich sogar. Ja, stimmt. Sie küssen sich. Aber WIE küssen sie sich? Wenn wir Liebespaare und andere Ausnahmen mal außen vor lassen und die Mehr­heit meiner Landsleute beim Begrü­ßen oder Verabschieden beobachten, stellen wir Folgendes fest:

Es sieht so aus, als würden sie sich küssen. Es hört sich manchmal sogar so an, als würden sie sich küssen. Aber … nein, nein. Sie küssen sich nicht. Die Köpfe sind so raffiniert nach außen gedreht, dass höchstens die Wangen Kontakt haben. Und die Leute küssen … die Luft. Ja, wirklich!

Schauen Sie nächstes Mal genau hin.

Nach einigen Monaten in Deutschland hatte ich mich nicht nur an das Umarmen gewöhnt, sondern es richtig lieb gewonnen. Inzwischen mag ich es auch, meine Freunde und Freundinnen richtig schön in die Arme zu nehmen und zu drücken.

Was für ein wundervolles Gefühl!

Aber ich mache es nur, wenn ich es wirklich möchte. Das Gefühl muss für mich echt sein. Ich kann und möchte nicht alle Welt einfach so drücken. Es muss schon stimmig sein.

Als ich mit meinem neu erworbenen Begrüßungs- und Abschiedsritual zu Besuch nach Frankreich kam, musste ich aufmerksam sein. Denn meine Schwester, meine Mutter und meine Freundin hatten dieselben Schwierigkeiten wie ich damals bei meiner Kommilitonin. Als ich sie sofort umarmte, sprangen sie zwar nicht zur Seite, das nicht, sie wurden allerdings merklich steifer.

Wenn ich meine Mutter zur Begrüßung küsste, machte ich es also zuerst auf die französische Art: Küsschen links, Küsschen rechts. Nach ein paar Minuten war ich allerdings etwas frustriert. Ich hatte den Eindruck, meine Mutter nicht wirklich liebevoll begrüßt zu haben. Es fehlte mir was …

Ja! Mir fehlte die deutsche Herzlichkeit, an die ich mich inzwischen gewöhnt hatte.

Wir haben mittlerweile einen Weg gefunden. Ich begrüße die Damen erst mal, wie sie es erwarten und falls es mir doch nicht reicht, frage ich einfach: «Darf ich Dich drücken?»

Dann sind sie vorbereitet, wissen, was auf sie zukommt, und es ist wun-der-schön!!!

Seit einiger Zeit kann ich meine Schwester und meine Mutter manch­mal sogar ohne Vorwarnung in meine Arme schließen. Denn inzwischen haben sie sie nämlich auch kennen- und schätzen gelernt, die deutsche Umarmung.

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