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Der Weg des Spielleiters (Teil 1.5)

Teil 1.5 fragt ihr euch?

Ja. Teil 1.5, antworte ich. Teil 1.5, weil es hierbei um eine Schwierigkeit geht, die mich erst seit ein paar Jahren begleitet. Seitdem ich bei meiner mittlerweile beendeten “Das Schwarze Auge” Kampagne (Laufzeit 9 Jahre bei rund 170 Sessions) immer mehr Plots, Handlungsstränge und Foreshadowings miteinander verknüpfen musste und wollte. Alles, um eine mehr oder minder konsistente, glaubhafte und episch ausladende Geschichte zu erzählen. Diese Schwierigkeit heißt Schreibblockade oder auch “auf Knopfdruck kreativ sein”.

Man kann nicht immer kreativ sein. Eine Zeit lang hat es bei mir auf Knopfdruck funktioniert. Ich musste in zwei Wochen eine DSA-Session fertig haben? Kein Problem! Hier sind zwanzig Seiten. Mit den Jahren und dem Weiterentwickeln meines Anspruchs an mich selbst, meines Schreibens und der Geschichten, die ich gerne am Tisch erzählen möchte, ist mir diese Unbeschwertheit etwas verloren gegangen. Warum? Ich versuche es, in diesem Essay zu beschreiben:

Ihr müsst wissen, dass ich meine Sessions (= Abenteuer) sehr exzessiv und detailliert vorbereite. Vor allem im geschriebenen Wort, weniger mit Karten, Bildern, Rätseln oder bis ins letzte Detail ausgeklügelten Kämpfen. Ich habe mit der Zeit einen gewissen Anspruch an das, was ich mit meinen erzählen möchte, entwickelt. Dieser Anspruch zusammen genommen mit den eingangs erwähnten Verknüpfungen von Hintergrundgeschichten, Handlungssträngen und Foreshadowing, lässt so eine Session-Vorbereitung manchmal in Arbeit ausarten. Nicht, dass ich das nicht gerne tun würde, aber Abends - nach dem achtstündigen Arbeitstag, der Versorgung des eigenen Lebens durch Zufuhr von gekochten Lebensmitteln, etwas hirnloser Bespaßung durch YouTube oder eine Serie und der Deckung der Bedürfnisse meines Hundes zusätzlich zu Freundschaften und Hobbys, die gepflegt werden wollen und nichts mit Pen and Paper zu tun haben, Spielen, die man gerne zocken würde und Projekten aus dem “richtigen Leben” - jetzt habe ich selbst den Faden verloren… Noch mal:

Nicht, dass ich das nicht gerne tun würde, aber Abends fehlt für diese Hirnaktivität und Kreativität nach einigen Jahren einfach die Energie. Ich habe gemerkt, dass ich länger brauche, um eine Session vorzubereiten, sofern ich nicht bereits eine zündende Idee hatte. Das hängt mit Sicherheit mit meinem eigenen Anspruch zusammen. Es hängt sicherlich auch damit zusammen, dass ich die Handlung häufig weit vorausplane und ziemlich genau weiß, wo ich am Ende hin möchte. Der Weg entwickelt sich dann zwar organisch mit den Entscheidungen der Spieler, aber es gibt immer Zwischenstationen, die angefahren werden müssen. Es gibt Personen, Ereignisse, Orte und Handlungen, die angeteasert werden wollen und die die Welt lebendig wirken lassen. Das bedenke ich bereits beim Schreiben. Manchmal ist es der Zaunpfahl vor die Stirn, manchmal ist es nur ein Sandkorn im Getriebe, das eine Entwicklung andeutet. Dadurch wird (für mein Befinden) die Welt glaubwürdig, lebendig und ein Stück realistischer. Ein Beispiel aus den Dullis Episoden: Die Troll-Hatz von der Ritter Gaultier spricht, der Drachengeborene, den Magda erwähnt, Feys Aufspringen in der Bibliothek und der dadurch verursachte Brand.

Dazu spreche ich vielen Spielleitern eventuell auch aus der Seele, wenn ich sage, dass mit dem Spielleiten eine Art “Pflichtgefühl” einher geht. Das Gefühl, eine Session leiten zu müssen, damit das feucht-fröhliche Beisammensein weiter stattfinden kann. Damit keiner meiner Spieler vor mir steht und fragt, wann es endlich weiter geht. Damit die Geschichte, die in meinem Kopf herum schwirrt Gestalt annimt - ja, ich fühle mich gegenüber meiner eigenen “Vision” verpflichtet… Dieses Gefühl herrschte vor allem in den letzten zwei Jahren DSA. Ich wollte diese Geschichte unbedingt zu Ende erzählen. Ich wollte, dass alle zwei bis drei Wochen eine Session stattfinden kann, damit wir am Ball bleiben, nichts vergessen und vor allem, damit wir weiter zusammen spielen können. Jetzt, da DSA vorerst vorbei ist, merke ich wie sehr mir dieser Termin fehlt. Ein Termin, an dem ich meine Freunde sehe, die sich für etwas begeistern, was wir gemeinsam geschaffen haben. Das verdrängt aber nicht die Tatsache, dass es mir die letzten Jahre immer schwerer fiel, die Geschichte zu einem Ende zu bringen. Nicht nur wegen der Geschichte an sich, sondern auch wegen der gemeinsamen Zeit, auf die man in diesen Momenten nostalgisch zurückblickt. Und trotzdem fühlte ich mich verpflichtet, es zu tun.

Zusammengefasst sind es also die schiere Menge an Vorausplanung, das “echte Leben” (sic!) und das Pflichtgefühl, die allesamt mit zweierlei Maß gemessen werden müssen. Zweierlei Maß?

Ja.

Denn diese Faktoren sind auf gar keinen Fall nur negativ. Die Vorausplanung der Geschichte ist es, die die Story erst episch und belohnend für alle Beteiligten macht (“Oh mein Gott! KARL STECKTE DIE GANZE ZEIT DAHINTER! Damit hätte ich niemals gerechnet!”). Das echte Leben ist es, das inspirierend ist, uns Auftrieb, Antrieb und Ablenkung bringt und das Schreiben in vielen Situationen von der Pflicht wegreißt und zu einer Entspannungskur werden lässt. Das Pflichtgefühl ist es, das die Gruppe zusammenbringt und jeden Spielleiter nach den Sternen greifen lässt, um von Session zu Session erneut abzuliefern.

Ich gebe es auch zu: Manchmal zwinge ich mich zum Schreiben. Genauso wie ich mich zum Malen zwinge. Oder mich bei schlechtem Wetter dazu zwingen muss, mit dem Hund vor die Tür zu gehen. Häufig kommt bei mir die Motivation mit dem Tun der Sache an sich. Man darf nur keine Angst haben, die Sache noch mal anzufangen, wenn man nach zwei Mal drüber schlafen und mehr Motivation nicht mehr zufrieden damit ist (funktioniert mit dem Gassi gehen übrigens nicht!). Oft genug bin ich aber zufrieden mit den Ergebnissen und schmeiße wenig weg. Dieser Ansatz funktioniert bestimmt nicht für jeden. Für mich klappt es öfter, als dass es das nicht tut. Deswegen rate ich mir bei einer Schreibblockade häufig selbst: Fang an und sieh, wo dich der Weg hinführt, auch wenn es Überwindung kostet.

Frohes Schreiben,

- Fäbschen

Kategorie BEHIND THE SCENES

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