Die kaufen davon Alkohol

Der Parkplatz vor dem Einkaufszentrum, ein Mann nähert sich. Gesenkter Blick, schneller Gang. Die Hand wird kurz gehoben und der Kopf geschüttelt. Die Bitte nach Kleingeld wird ohne eine Sekunde der Beachtung abgelehnt.

Jeder hat diese oder eine ähnliche Situation schon erlebt. Vermutlich jeder ist schon von einem wohnungs- oder obdachlosen Menschen nach Geld gefragt worden. Ihre Existenz auf Parkplätzen oder Innenstädten wird schulterzuckend hingenommen. Das ist kein Thema, über das die Bevölkerung grübelt, im Gegenteil. Aus Großstädten werden sie oft sogar in dunkle Ecken vertrieben, um das Ansehen von touristischen Sammelplätzen nicht zu beschmutzen. Sie sind nicht so greifbar und mitleiderregend wie Kinder oder Menschen mit Behinderung. In der Bevölkerung treibt sich die Ansicht um, dass Obdachlosigkeit eine Entscheidung sei. Dass niemand in Deutschland ohne Wohnung sein muss, schließlich gibt es ja Unterstützung vom Staat.

Woher diese Ansicht kommt? Die Menschen spekulieren gerne. Sie mutmaßen über das Schicksal ihnen völlig unbekannter Menschen, um sich selber besser zu fühlen. Sie nehmen haltlose Behauptungen dankend an, um sich ihrer eigenen Verantwortung zu entziehen. Ich rede mir einfach ein, dass sich jeder Obdachlose von meinem Kleingeld Alkohol kaufen würde. Dann muss ich mich nicht fragen, ob ich ein egoistisches Arschloch bin, wenn ich den Euro stattdessen spontan für eine Tüte Chips ausgebe. Wenn ich den streng riechenden Mann einfach ignoriere, muss ich ihm auch nicht in die Augen sehen. Dann muss ich nicht feststellen, dass es ihm zwar elend geht, er mir aber trotzdem scheißegal ist.  Wenn jemand bei 6 Grad und Regen die Nacht in einem löchrigen Zelt im Wald verbringt, ist das mit Sicherheit keine bewusste Lebensentscheidung. Das ist ein Teufelskreis, aus dem es oft kein Entkommen gibt. Die eintönige Perspektivlosigkeit frisst sich schnell einen Weg ins Hirn. Irgendwann gibt es kein anderes Leben mehr. Irgendwann hindert mich auch kein Schamgefühl mehr daran, im öffentlichen Müll nach Pfand zu suchen. Irgendwann ist die Option, für eine Nacht im Gefängnis zu landen, um eine Mahlzeit und einen trockenen Schlafplatz zu haben, gar nicht unattraktiv. Wenn ich in meinem Leben an diesem Punkt angekommen bin, dann hilft mir ein Brot zwar gegen den Hunger, aber es hilft mir nicht über den Tag.

Wenn ich einem solchen Menschen begegne, dass habe ich nicht ansatzweise das Recht, zu entscheiden, was er sich davon kauft. Ich habe nicht das Recht, dieses Geld an Bedingungen zu knüpfen. Wenn ich das tue, dann bevormunde ich einen Menschen, den ich überhaupt nicht kenne. Ich stelle mich automatisch eine Stufe über ihn. Wenn dieses Geld meine Hand verlässt, dann ist es nicht mehr mein Geld. Was für mich richtig und falsch ist, muss lange nicht für alle gelten.

Blickt man auf die Welt von oben herab…

... sieht man nur eine Illusion.

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