„Du musst den Leuten immer wieder neu erklären, was der Sinn und Zweck von Gewerkschaft ist”
Die verdi-Bezirksgeschäftsführerin Jutta Schultz blickt über den Tellerrand
„Du musst den Leuten immer wieder erklären, was der Sinn und Zweck von Gewerkschaften ist“
Die verdi-Bezirksgeschäftsführerin Jutta Schultz blickt über den Tellerrand
Gewerkschaften haben es nicht schwer, in den Nachrichten zu erscheinen. Wenn es um Streikmaßnahmen im öffentlichen Dienst geht oder Unternehmen Personal abbauen, demonstrieren Gewerkschaften mit den Beschäftigten vor den Werkstoren. Diese Aktionen haben immer Nachrichtenwert. Trotz Mitgliederverlusten spürt der Endverbraucher die Macht der Gewerkschaften, wenn die Mülleimer nicht geleert werden, die Post nicht kommt oder im ÖPNV und in Kitas noch weniger läuft als sonst.
Dass Gewerkschaften über das wiederkehrende Tarifgeschäft hinaus viele grundlegende Aktivitäten entfalten, ist weniger bekannt. „Oft wissen gerade junge Beschäftigte nicht, wem sie ihren Tarifvertrag verdanken, der ihre Entlohnung und Urlaubstage regelt“, erklärt Jutta Schultz, seit 34 Jahren für die Gewerkschaft tätig und Geschäftsführerin im Verdi-Bezirk Münsterland, dem flächenmäßig zweitgrößten Bezirk in NRW. Um dem entgegenzuwirken, versuchen sie und ihre Kolleg*innen, in Berufsschulen zu informieren, was Gewerkschaften tun. Viele wissen nicht, dass die Zahl der Beschäftigten ohne Tarifvertrag besorgniserregend steigt. Ein wichtiges Korrektiv können Betriebsräte sein. Gewerkschaftssekretäre suchen daher Leute, die bereit sind, für den Betriebsrat zu kandidieren und motivieren sie, durchzuhalten. Leider behindern Arbeitgeber immer öfter die Arbeit von Betriebsräten oder verhindern deren Gründung. Arbeitsgerichte müssen dann oft Entscheidungen korrigieren.
Über das Tagesgeschäft hinaus bearbeiten Gewerkschaften grundsätzliche Themen und bringen sie in die Politik ein, indem sie Kandidat*innen konfrontieren. Aktuell geschieht das beim Thema Daseinsvorsorge, wo die Gewerkschaft Wahlprogramme zu bestimmten Themen abgeklopft hat. Zudem haben sie Politiker*innen auf den Zahn gefühlt, wie sie zu Themen wie Mindestlohn, Tarifbindung, gesetzliche Rente/Krankenversicherung und Demokratie im Betrieb stehen. Die Ergebnisse kann man nach Wahlkreisen ind Themen sortiert online nachlesen, jedenfalls soweit die befragten geantwortet haben: https://www.verdi.de/kandidatinnencheck (Abre numa nova janela)
Gewerkschaften müssen nicht nur neue Mitglieder gewinnen, sondern auch die halten, die schon Mitglied sind. Aus diesem Grund finden immer häufiger Mitgliedervorteilsregelungen Eingang in Tarifverträge, wo verdi-Mitglieder zum Beispiel einen Urlaubstag mehr bekommen als Nicht-Organisierte oder höhere Einmalzahlungen, also 300 statt 150 Euro. „Bis jetzt wehren sich unsere Verhandlungspartner im öffentlichen Dienst auf kommunaler Ebene, der Verband kommunaler Arbeitgeber (VKA), noch entschieden dagegen. Das muss nicht in Stein gemeißelt sein“, so Schultz. Man solle die Zähigkeit der Gewerkschafter in Arbeitskämpfen nicht unterschätzen. 2022 streikte das Pflegepersonal an der Uniklinik unter schwierigen Bedingungen 11 Wochen, um Forderungen durchzusetzen.
Nächste Woche Mittwoch wollen sich die verdianer auf dem Wochenmarkt unters Volk mischen. Sie werden Glückskekse mit verdi-Forderungen verteilen. (fb)
Foto: Bezirksgeschäftsführerin Jutta Schultz. Foto: Matthias Klump
Transparenzhinweis: Der Autor dieser Geschichte, Frank Biermann ist verdi-Mitglied und ehrenamtlicher Gewerkschaftsfunktionär