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TEXTE VOM VORHANDENSEIN

TEXTE VOM VORHANDENSEIN VON MARCO MICHALZIK. In der Mitte des Titelschriftzugs ist ein Porträt des Autors in schwarz-weiß zu sehen.

TEIL 31: VON RATTEN UND RUDERN (UND GOTT)

„To pray, Jesus knew, is to be a man carrying a man.“

-Anne Sexton, Jesus Walking

Ich habe mich seit Anfang des Jahres vermehrt mit dem lyrischen Werk der amerikanischen Dichterin Anne Sexton (1928 -1974) beschäftigt. In ihren Gedichten schrieb sie u.a. über Themen wie Menstruation, Abtreibung, Sex, Masturbation, Lust, Sucht, Suizidversuche, Tod und Sterben und Psychatrieaufenthalte. Diese Themen und die Art, wie Anne Sexton diese in ihren Gedichten formulierte stießen besonders bei den männlichen Lesern und Literaturkritikern ihrer Zeit, während der amerikanischen McCarthy-Ära, auf mäßige Begeisterung, um es mal sehr vorsichtig zu formulieren. Ich fürchte sogar, ein Gedicht mit dem Titel The Ballad of the lonely Masturbator würde in gewissen Kreisen auch heute noch Ablehnung oder zumindest Geringschätzung erfahren. Vor allem, wenn es von einer Frau oder queeren Person geschrieben und veröffentlicht werden würde. Sexton war außerdem eine Weggefährtin der Dichterin Sylvia Plath. Ob man das Verhältnis der beiden eine Freundschaft nennen kann, ist schwer zu beurteilen, finde ich. Aber sie haben sich gut gekannt und auch später als Sylvia Plath nach England zog, blieben sie im Austausch, schrieben Briefe, kommentierten die Werke der jeweils anderen und beeinflussten sich offenbar gegenseitig in ihrem Schreiben. 1967 gewann Anne Sexton den Pulitzer-Preis für ihren Lyrik-Band Live or Die.

Neben den bereits erwähnten Themen kommen in ihrem Schreiben auch immer wieder Gott, Jesus und die Suche nach und das Ringen mit dem Göttlichen vor. Eine ganze Reihe von Gedichten, auch der aus dem das obige Zitat stammt sind überschrieben mit unterschiedlichen Tätigkeiten von Jesus: Jesus Asleep, Jesus Awake, Jesus Cooks, Jesus Dies, Jesus Raises Up the Harlot, Jesus Suckles, Jesus Summons Forth, Jesus Unborn und Jesus Walking. Alle diese Titel stammen aus dem zweiten Teil The Jesus Papers ihres Gedichtbands The Book of Folly. Diese Jesus-Gedichte sind mit dem Satz überschrieben: „God is not mocked except by believers“ (deutsch: Gott kann nicht verspottet werden, außer von Gläubigen.“)    

Besonders eindrücklich wird diese Suchbewegung dann in ihrem (letzten) Gedichtband The Awful Rowing Toward God. Die deutsche Ausgabe übersetzt den Titel mit Das ehrfürchtige Rudern hin zu Gott. Eine verständliche Übersetzungsentscheidung und doch schwingt in dem englischen Wort „awful“ noch so viel mehr mit als bloße Ehrfurcht. Vielleicht so etwas wie Anstrengung, Ekel, Unbehagen, Mühe oder Schrecken.

Der Gedichtband erschien im März 1975, knapp 5 Monate nachdem sich Anne Sexton unmittelbar nach der Überarbeitung der Druckfahnen für The Awful Rowing Towards God das Leben nahm.

Dieses titelgebende Bild des Ruderns bildet sozusagen die Klammer in diesem Band. Das erste und das letzte Gedicht greifen dieses Bild auf. Das erste Gedicht trägt dann auch den Titel The Rowing.

Hier ein Auszug daraus, der mich besonders berührt und beschäftigt hat:

„…but I am rowing, I am rowing,

though the wind pushes me back

and I know that that island will not be perfect,

it will have the flaws of life,

the absurdities of the dinner table,

but there will be a door

and I will open it

and I will get rid of the rat insdie me,

the gnawing pestilential rat.

God will take it with his two hands

and embrace it.“

 

(deutsche Übersetzung:

„…aber ich rudere, ich rudere,

obwohl der Wind mich zurückdrängt

und ich weiß, dass diese Insel nicht perfekt sein wird,

sie wird die Fehler des Lebens haben,

die Absurditäten des Esstischs,

aber es wird eine Tür geben

und ich werde sie öffnen

und ich werde die Ratte in mir loswerden,

die nagende, krankmachende Ratte.

Gott wird sie mit seinen beiden Händen nehmen

und sie umarmen.“)

Bevor du meine weiteren Gedanken zu diesem Gedicht liest, empfehle ich, dir zuerst Zeit zu nehmen, um das ganze Gedicht zu lesen (Abre numa nova janela) oder anzuhören (Abre numa nova janela). Beides ist verlinkt. Ich finde, ein Gedicht spricht zunächst einmal für sich selbst und ich möchte mit meinen Reflektionen nicht Deinem persönlichen Texterlebnis zu sehr vorgreifen oder es zu sehr konkretisieren oder gar engführen. Vermutlich wirst du etwas darin finden, das mir bisher gar nicht aufgefallen ist.

Auf dem Bild sieht man das Buch "The Complete Poems of Anne Sexton" aufgeschlagen auf einem Holztisch liegen. Auf dem Cover ist ein Portrait der Dichterin zu sehen.
DAS RUDERN

Am Anfang des Gedichts scheint Anne Sexton, oder das lyrische Ich, in kurzen prägnanten Sätzen Szenen eines Lebens, eines Heranwachsens und Konfrontiertwerdens mit dem Leben zu zeichnen. Und in all dem war oder ist Gott vorhanden, wie eine Insel, die irgendwo am Horizont zu erahnen ist, aber zu der erst noch hingerudert werden muss. Ich kann mit diesem Bild viel anfangen. Einerseits diese gefühlte Schwere und Anstrengung der Gottsuche und das Empfindenl, dass Gott irgendwo weit weg ist. Eine Ahnung. An klaren Tagen vielleicht ein verschwommenes Ufer am Horizont. Und andererseits aber auch der Gedanke, dass alles Leben und Erleben, mein ganzes Vorhandensein als menschliches Wesen, mit allem Schmerz und aller Freude und allen Verpflichtungen und alltäglichen Banalitäten im Kern alles einzelne Ruderschläge hin zu dieser Insel sind. Auch ohne das immer zu merken oder zu beabsichtigen oder bewusst zu denken.

Ist Gott eine Insel? Oder ist Gott, wohnt Gott, wartet Gott auf einer Insel? Die Schwierigkeit ist ja, dass es zu dieser Insel offensichtlich keine Brücke gibt und keine Fähre. Ja, nicht mal ein Segelboot und schon gar keine Yacht. Nur ein Ruderboot. Immerhin besser als schwimmen, aber eben auch trotzdem sehr anstrengend. Kräfte zehrend. Gegen Wellen und Strömung und Wind. Gegen Erschöpfung und Aufgeben-wollen. Gegen die Fragen, ob es das wert ist und ob der Kurs überhaupt der richtige ist? Irgendwann werden die Arme müde, aber jede Ruhepause birgt die Gefahr in unbekannte Gewässer oder zumindest vom eingeschlagegenen Kurs abgetrieben zu werden. Im schlimmsten Fall geht dann alles wieder von vorne los. Einen Schlag vor und zwei zurück. Und woher weiß ich überhaupt, dass ich gerade zu dieser Insel rudern soll? Waren da nicht mehrere in Sichtweite? Oder ist das Seemansgarn?

Ist Gott am Ende auf allen Inseln zu finden, auf die wir mühevoll zurudern? Wie in dem Pixarfilm „Findet Dorie“, wo ein kleiner blauer Palettendoktorfisch mit chronischem Gedächtnisverlust eines Tages den Heimweg nicht mehr findet und sich auch später nur noch bruchstückhaft an Zuhause erinnern kann, nur um Jahre später festzustellen, dass ihre Eltern nach alle Richtungen Muschelspuren für sie ausgelegt haben, um ihr den Rückweg zu markieren. Egal aus welcher Richtung, am Ende führen alle Wege nach Hause.

Und da ist diese Ahnung, dass auch diese Insel nicht perfekt sein wird. Wie auch, wenn Perfektion nicht zu den Erfahrungen gehört, die zu einem gelebten Leben dazu gehören? Und da ist die Hoffnung, dass es dort eine Tür geben wird. Eine Tür, die nicht verschloßen ist. Eine Tür, die ich öffnen kann. Eine Tür durch die ich hindurchgehen kann. Ich weiß noch nicht, was mich auf der anderen Seite erwartet, aber ich hoffe, dass es ein Ort ist, an dem ich willkommen geheißen werde und die Schwere loslassen darf.

Vielleicht sind das aber auch nur die Durchhalteparolen, die sich die rudernde Person zuspricht, um nicht aufzugeben auf ihrer anstrengenden Reise hin zur Insel, die vielleicht Gott ist oder auf der Gott anzutreffen ist und auf der es eine Tür gibt. Hoffentlich!

DIE RATTE

Das Rudern und die Insel sind aber gar nicht das Bemerkenswerteste in diesem Gedicht für mich. Am Ende des zitierten Abschnitts, der auch (fast) das Ende des Gedichts bildet, finden sich diese (auf den ersten Blick merkwürdig anmutenden) Zeilen über die Ratte. Die Ratte taucht in Anne Sextons Werk des Öfteren auf. Meist als Metapher, als Verbildlichung und Benennung von Depression oder (Psychischer)-Erkrankung. Manchmal auch als Selbtbeschreibung. Sinnbild für die anhaftetende oder innenwohnende Schattenseite. Die düsteren und morbiden Anteile.

Während die rudernde Person also diese ganzen Wunschvorstellungen von der Insel und dem Ankommen und der geöffneten Türe formuliert, bricht sich am Ende all das herunter in der trotzigen Hoffnung, dass sie dann, wenn sie durch diese Tür gegangen ist, endlich auch diese Ratte aus ihrem Inneren loswerden wird. Diese an ihr nagende und sie krankmachende Ratte. In der nächsten Zeile schreibt sie, dass Gott die Ratte mit seinen beiden Händen nehmen wird. Diese Szene hat mich bereits beim ersten Lesen regelrecht gefesselt. Da ist also wirklich eine Tür und die Tür geht auch auf und hinter der Tür ist tatsächlich Gott und Gott nimmt diese fiese Ratte aus dem Inneren und hält sie jetzt in seinen beiden Händen.

Meine Erwartung beim ersten Lesen an dieser Stelle war, dass Gott nun diese Ratte mit seinen mächtigen Händen zerquetschen wird. Dass er sie auslöscht und so die Protagonistin endgültig von ihr befreit. Er hält sie in seinen Händen und dreht ihr den Hals herum und wirft die tote Ratte triumphierend auf die Erde.

Aber die nächste Zeile in Anne Sextons Gedicht ist ganz anders. Völlig unerwartet. Gott hält die Ratte in seinen Händen und….umarmt sie. WHAT?! Die Ratte wird nicht zerquetscht oder getötet oder vernichtet. Sie wird nicht mal weit weg geworfen oder angewiedert angeschaut. Sie wird umarmt. Gottes Umarmung am Ende inkludiert alles. Selbst die Ratte. Selbst das Dunkelste und Kaputteste, das ein Mensch mit sich herum tragen kann. Das zumindest ist die Hoffnung der rudernden Person in dem Gedicht. Vielleicht könnte man sagen, dass sich die Weite meines Konzepts, meiner Vorstellung von Barmherzigkeit und Gnade daran misst, wen sie bereit ist miteinzuschließen oder wen sie sich darin alles vorstellen oder eben nicht vorstellen kann. Ich bin sehr vorsichtig mit dem Gebrauch solcher großen und ideologisch vorbelasteten Begriffe, aber hier würde ich sagen, begegnet mir ein wirklich ergreifendes Bild für so etwas wie Erlösung. Eine Erlösung, die selbst das einschließt von dem ich mir Erlösung erhoffe.

Am Ende, im letzten Gedicht von The Awful Rowing Toward God, erreicht die so hart rudernde Person dann tatsächlich die ersehnte Insel. Nachdem sie mit ihrem Boot angelegt hat, wird sie von Gott willkommen geheißen und beide lachen und können gar nicht mehr aufhören. Ja, alles scheint sogar mit ihnen zu lachen. Vielleicht sogar die erlöste Ratte, die aber explizit gar nicht mehr vorkommt:

“He starts to laugh,

the laughter rolling like a hoop out of His mouth

and into mine,

and such laughter that He doubles right over me

laughing a Rejoice-Chorus at our two triumphs. Then I laugh, the fishy dock laughs

the sea laughs. The Island laughs.

The Absurd laughs.”

(deutsche Übersetzung:

“Er beginnt zu lachen,

das Lachen rollt wie ein Reifen aus seinem Mund

und in meinen hinein,

und ein solches Lachen, dass er sich über mich beugt

und ein Lied der Freude über unsere beiden Triumphe lacht.

Dann lache ich, der fischige Steg lacht

das Meer lacht. Die Insel lacht.

Das Absurde lacht.”

- Anne Sexton, The Rowing Endeth

#welttagderpoesie

Anlässlich des Welttags der Poesie, der jährlich am 21. März begangen wird, habe ich das Gedicht, das ich im letzten Monat für diese Textreihe geschrieben habe eingesprochen und auf Instagram und Youtube veröffentlicht. Den ganzen Text und alle vorherigen findest Du selbstverständlich im Archiv.

Hier kannst Du das Gedicht direkt anhören:

https://www.youtube.com/watch?v=d9ipbFBUC2o (Abre numa nova janela)

NEWS- NEWS- NEWS- NEWS- NEWS

NEUE TEXTREIHE FÜR REFLAB

Für die Freunde vom Reflab (Abre numa nova janela) durfte ich eine neue Textreihe kreieren, die sich mit großen Worten beschäftigt, die im (christlichen) Sprachgebrauch oft so selbstverständlich verwendet werden, dass sie mitunter zu inhaltsleeren Phrasen zu schrumpfen scheinen. Vieren dieser Worte habe ich etwas nachzuspüren versucht. Den Beginn machen die Begriffe “heilig” und “Sanftmut”. Hör doch sehr gerne mal rein. Die Texte, die ich auch eingesprochen habe, findest du als Reel auf dem Instragram Kanal (Abre numa nova janela) vom Reflab oder auf Youtube:

https://www.youtube.com/watch?v=mWT9JqV1m5o (Abre numa nova janela)https://www.youtube.com/watch?v=E7eJ9Tsxquo (Abre numa nova janela)
HÖRBÜCHER-RELEASE

Im letzten Jahr habe ich meine beiden Lyrik-Bände als Hörbücher eingesprochen. Möglich gemacht haben das viele fantastische Menschen, die dieses Projekt durch meine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext unterstützt haben. Und endlich, endlich, endlich kann ich sie auch mit allen anderen teilen.

Ab sofort sind beide Hörbücher auf meiner Webseite zum Download verfügbar. Gesprochen und performt von mir. Über die folgenden Links kommst du direkt zum Hörbuch. Viel Freude beim Anhören <3

Wir werden alle verwandelt werden (Abre numa nova janela)

Alles wird ein bisschen anders (Abre numa nova janela)

Auf dem Bild siehst du die Cover der beiden Hörbücher "Alles wird ein bisschen anders" und "Wir werden alle verwandelt werden" von Marco Michalzik

Liebe Grüße und bleib neugierig

Marco
Tópico Texte vom Vorhandensein

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