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Während Du diese E-Mail öffnest, läuft wahrscheinlich noch die Climate Week in New York, mit tollen Sponsoren wie Nestlé, BMW und Audi. Apropos Greenwashing.

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#56 #CO-Kompensation #Greenwashing

Aus Grün wird Gold

Freiwillige CO-Kompensation ist bei vielen Unternehmen beliebt. Das System dahinter ist jedoch unreguliert und intransparent. Eine aktuelle Studie legt nahe, dass ein großer Teil der Zertifikate frei erfunden ist. ~ Lesezeit: 1 klimaneutraler Eistee

Stell Dir vor, Du bist Head of Product bei einem Hersteller für leckere Getränke. Schon bald wollt ihr einen neuen, superfreshen Eistee auf den Markt bringen. Da Klima bei den jungen Leuten gerade so ein Ding ist (und Dir das Ganze auch selbst ein bisschen am Herzen liegt) willst Du, dass der Eistee möglichst umweltfreundlich hergestellt wird.

Du gibst also „Produkt klimaneutral herstellen“ in die Suchmaschine ein. Enter. Erster Suchtreffer ist ClimatePartner – klingt erstmal gut. Klick. 

„Wir begleiten Sie von der Berechnung Ihrer CO₂-Bilanz bis hin zur Einführung klimaneutraler Produkte in den Markt.“ Super, genau das wolltest Du doch. Du rufst an und berechnest zusammen mit Deinem neuen Klima-Partner den CO₂-Footprint Eures neuen Eistees. 

Damit dieser auch wirklich klimaneutral ist, wird Dir gesagt, dass Du die Emissionen ausgleichen musst, die bei der Herstellung entstehen – ganz einfach über CO₂-Zertifikate. Besonders beliebt sind wohl gerade Waldschutzprojekte. Durch die erworbenen Zertifikate sorgt Ihr dafür, dass Bäume nicht abgeholzt werden, irgendwo in Südamerika – klingt super. Im letzten Produktmeeting kurz vor dem Launch stellst Du begeistert das Konzept vor. Einhundert Prozent Zustimmung. Der Deal steht: Euer „klimaneutraler“ Eistee geht kurze Zeit später über die Ladentheke und Ihr klopft euch mächtig auf die Schultern. Eine win-win-win-win-Situation.

Oder?

Grüner als der Dschungel

Szenenwechsel: Stell Dir jetzt vor, Du bist Hotelbetreiber in Peru. Vor einigen Jahren hast Du ein gar nicht mal so kleines Stück Urwald mit einem gemütlichen Hotel von Deiner Familie geerbt. Normalerweise hast Du keine Lust auf Travel-Smalltalk, aber eine der Besucher*innen hat wirklich interessante News für Dich. Sie sagt Dir, dass Du mit dem Urwald neben Deinem Hotel viel mehr verdienen kannst als mit Übernachtungen – ohne irgendetwas dafür zu tun. 

Du müsstest Dich nur bei einer Organisation namens Verra melden und ihnen sagen, dass Du Deinen Wald abholzen musst, falls Du keine finanzielle Unterstützung bekommst. Sie kennt da wen und könnte euch vernetzen. Gesagt, getan.

Die spinnen, die Westler, denkst Du dir, als Du auf deinem Konto Zahlen siehst, die fast noch grüner sind als das Dickicht vor deinem Fenster. Für Dich wurden über 80.000 CO (Si apre in una nuova finestra)-Zertifikate verkauft (Si apre in una nuova finestra). Die Preise auf dem freiwilligen Markt variieren stark, aber rund eine Million US-Dollar wird wohl jemand dafür bezahlt haben.

Wissenschaft vs. Zertifikate – 1:0

Du ahnst es bestimmt schon, auch wenn sich beide Geschichten so nie abgespielt haben, sind sie nicht komplett aus der Luft gegriffen. Sie stehen an den beiden Enden eines milliardenschweren Marktes für CO₂-Kompensation. Ein Markt, der sich (zumindest laut Prognose von Shell und der Boston Consulting Group) bis 2030 mindestens verfünffachen soll (Si apre in una nuova finestra)

Und der Hauptschauplatz eines „globalen Skandals“ ist. So schreibt es zumindest die ZEIT, die Anfang diesen Jahres gemeinsam mit dem Guardian (Si apre in una nuova finestra) und Source Material in einer aufwändigen Recherche einige unschöne Details des Kompensationsmarkts aufgedeckt hat.

Ihnen lagen vorab Zahlen aus einer Studie vor, die vor wenigen Wochen im Journal Science erschien (Si apre in una nuova finestra) – hier eine Zusammenfassung (Si apre in una nuova finestra) vom Science Media Center. Umweltwissenschaftler Thales West wollte gemeinsam mit einer Gruppe Forscher*innen aus Cambridge und Amsterdam herausfinden, ob CO₂-Zertifikate wirklich das halten, was sie versprechen. Ihr Fokus lag dabei auf Waldschutzprojekten. Das sind Projekte, die versprechen, dass Wald nicht abgeholzt wird, wenn jemand in sie investiert. Dafür werden dann CO₂-Zertifikate ausgegeben, die von Unternehmen gekauft werden können, um ihre Emissionen auszugleichen. 

Und das gehört mittlerweile zum guten Ton auf dem Börsenparkett, selbst bei Firmen, die mit Umweltschutz erstmal so gar nichts am Hut haben – Netflix, Zalando, Gucci, alle klimaneutral. Das Handelsvolumen 2021 von solchen Zertifikaten aus Waldschutzprojekten: 1,3 Milliarden US-Dollar.

Wie sind die Wissenschaftler*innen vorgegangen? Sie verwendeten Kontrollflächen, die nicht geschützt sind und vergleichen diese mit Projekten, für die Zertifikate ausgegeben wurden. Das ziemlich ernüchternde Ergebnis: Bei weniger als einem Drittel der untersuchten Projekte war die Abholzungsrate geringer als bei den ungeschützten Kontrollflächen. Und selbst bei denen mit Wirkung waren die vermiedenen Emissionen niedriger als angegeben.

Die Organisation, die die Zertifikate ausgibt, hat offenbar in ihren Prognosen die Gefahr für den Wald systematisch überschätzt. Unterm Strich sind viel mehr Zertifikate (Si apre in una nuova finestra) ausgegeben worden, als gerechtfertigt gewesen wären.

Die Zertifikate zwischen schwarzer und rot gestrichelter Linie hätte es laut ZEIT-Recherche nie geben dürfen. 📊: ZEIT Online (Si apre in una nuova finestra)

Der Hype ums Bäume schützen

Die Organisation, die alle in der Studie untersuchten Projekte verifiziert hat, heißt Verra. Ihr Marktanteil auf dem freiwilligen Kompensationsmarkt: 75 Prozent. Allein von 2021 auf 2022 verdoppelten sich die unter ihrer Aufsicht verkauften Zertifikate. Die Anzahl der Zertifikate aus den fraglichen Waldschutzprojekten stieg dabei sogar um ein Vielfaches zum Vorjahr.

Waldschutz-Zertifikate bei Verra boomen. 📊: ZEIT Online (Si apre in una nuova finestra)

Laut ZEIT-Recherche hat Verra Zertifikate für mindestens 89 Millionen Tonnen CO₂-Kompensation verifiziert, für die aber tatsächlich gar keine Kompensation stattfand. Geister-Zertifikate, mithilfe derer Unternehmen ihre Emissionen greenwashen konnten. Die 89 Millionen Tonnen CO₂ beziehen sich dabei nur auf die untersuchten Projekte in der Science-Studie. Wenn die Modelle der Wissenschaftler*innen zutreffen, dürfte die Dunkelziffer der Geister-Zertifikate noch deutlich höher liegen.

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Aber wer ist eigentlich diese Organisation mit diesen düsteren Abholzungs-Prognosen? Laut ZEIT-Recherche entstand Verra als Antwort aus der Privatwirtschaft auf das Kyoto-Protokoll. Genau wegen der möglichen Gefahr einer intransparenten, willkürlichen Berechnung entschied die UN, Waldschutzprojekte nicht in das staatliche Kompensationsprogramm aufzunehmen. 

Vertreter*innen aus diversen wirtschaftlichen Interessengruppen schlossen sich also zusammen, um Zertifikate für freiwillige CO₂-Kompensation zu verifizieren. Die Liste der Unternehmen, die hinter den Gründungs-Organisationen stehen (unter anderem das Weltwirtschaftsforum und der Lobby-Verband Climate Group), liest sich wie das Who is Who der Umweltzerstörung: BP, Deutsche Bank, RWE, Starbucks, Allianz. Der ehemalige Programmdirektor von Verra managt heute bei Shell.

Wer lässt sich von einer Organisation mit solch unseriöser Entstehungsgeschichte erfundene CO₂-Zertifikate verkaufen?

Wenn Pinguine auf die Barrikaden gehen

Die Antwort: Klima-Start-Ups, beziehungsweis -Beratungsfirmen. Sie vermitteln als Plattform zwischen einer unscheinbaren Zertifizierungs-NGO wie Verra und gutgläubigen Eistee-Herstellern. Eines dieser Start-Ups hat mittlerweile eine Milliarden-Bewertung (ein waschechtes Unicorn also). Es heißt South Pole (Si apre in una nuova finestra) und ist neben ClimatePartner (Si apre in una nuova finestra) und MyClimate (Si apre in una nuova finestra) ein Big Player des Zertifikatehandels. Die Website sieht schick aus, „from Ambition to Action“. Die über 1.000 Mitarbeitenden werden Penguins genannt. Sweet. Geschätzter Umsatz im vergangenen Jahr: 250 Millionen US-Dollar. Super sweet. 

Weniger sweet: Geleakte interne Dokumente, die dem britischen Recherche-Zusammenschluss Source Material (Si apre in una nuova finestra) vorliegen. Laut ihnen hat South Pole auch Geschäfte mit verschiedenen fossilen Konzernen abgewickelt, darunter TotalEnergies, Chevron und Shell. Unter einem gegenseitigen Non-Disclosure-Agreement, damit es keine Image-Probleme gibt. Auch ein Deal mit dem russischen Erdölkonsortium Sakhalin wurde 2021 trotz anbahnender russischer Aggressionen verhandelt (aber laut Unternehmensangaben nicht abgeschlossen).

Eine Auswahl von Kund*innen der Klima-Beratungsfirma South Pole, ohne TotalEnergies, Shell und Chevron. 📸: South Pole (Si apre in una nuova finestra)

Der Geschäftsführung und den Investor*innen schien der Unicorn-Ritterschlag wohl wichtiger zu sein als moralische Standards und vor allem das Klima. Gut, dass es die Penguins gibt. In diesem Sommer wurde es über 80 von ihnen zu heiß bei South Pole: Selbst die eigenen Mitarbeitenden forderten in einem offenen Brief, der ebenfalls Source Material vorliegt, von der Geschäftsführung ein Umdenken.  

Ja, all das hört sich ziemlich shady an. Und dabei ist South Pole bestimmt nicht die schlimmste Firma am Firmament, sondern eher Teil eines unregulierten Systems, in dem die Gesetze des Kapitalismus mal wieder durchgedreht sind. Immerhin: Der irreführende Claim „klimaneutral“ wird zum Auslaufmodell bei den Kompensations-Beratungsfirmen. Stattdessen gibt es jetzt schon neue, eigene Labels à la „ClimatePartner zertifiziert“. 

Der Druck kommt auch aus der EU – diese Woche haben sich Vertreter des Europaparlaments und der Mitgliedsstaaten darauf geeinigt (Si apre in una nuova finestra), dass „umweltfreundlich“, „klimaneutral“ und Co. nur noch verwendet werden dürfen, wenn sie nachweisbar zutreffen. Und beispielsweise nicht mehr, wenn die bei der Produktion entstehenden Emissionen einfach nur anderswo ausgeglichen werden. Die finale Abstimmung über das Gesetzespaket findet im Januar 2024 statt.

Transformation statt Kompensation

Die noch viel bessere Nachricht: Es gibt eine Alternative zum ganzen Zertifiziere. Ein handfestes Modell stammt vom New Climate Institute (Si apre in una nuova finestra) aus Köln.

Es funktioniert so: Ein Unternehmen gibt sich einen internen CO₂-Preis für die eigenen Emissionen. Der orientiert sich bestenfalls am wahren Schaden, den das Gas anrichtet – das New Climate Institut arbeitet 2023 mit 120 Euro pro Tonne. So kommt ein Budget zusammen, das für Transformations-Projekte (sowohl für CO₂-Einsparung als auch für Klimaanpassung) zur Verfügung gestellt wird, statt die Emissionen direkt auszugleichen – was ohnehin schwierig ist. 

Denn wer garantiert überhaupt, dass der Wald, für den Du Zertifikate gekauft hast, noch genauso lange existiert, wie das CO₂, das Du in die Luft gepustet hast. Richtig: Niemand. Waldbrände werden noch viel häufiger. Und der Amazonas ist teilweise durch Abholzung und Klimakrise sogar zur Kohlenstoffquelle geworden, wie eine Nature-Studie (Si apre in una nuova finestra) 2021 darlegte.

Ein Lichtblick sind Organisationen wie die Carbon Credit Quality Initiative (Si apre in una nuova finestra), die versucht, Transparenz in den Markt zu bringen und gute von schlechten Zertifikaten zu unterscheiden. Sonst könnte der „globale Skandal“ nämlich noch viel größere Ausmaße annehmen. Bisher konnten Staaten nämlich nur Zertifikate von UN-zugelassenen Stellen kaufen, so wurde es im Pariser Klimaabkommen festgehalten. Laut ZEIT-Reportage läuft dieses Programm aber bald aus. 

Danach können die Länder frei wählen, welchen Organisationen sie staatlich anerkennen. Zum Beispiel auch Verra und ihre Geister-Zertifikate. Man kann sich nur ansatzweise ausmalen, wie viele Sektkorken dann in dieser kleinen NGO in Washington wohl knallen würden.

Falls Du selbst für eine Organisation verantwortlich bist und Dir die Lust an Waldschutz-Zertifikaten vergangen ist: Hier findest Du alle Infos zum Responsibility Approach des New Climate Institute (Si apre in una nuova finestra). Denn was auf keinen Fall die Schlussfolgerung aus dem ganzen Schlamassel sein darf: Keine Kompensation.

Auch für diese Ausgabe haben wir viel Zeit ins Recherchieren, Schreiben, Redigieren und Layouten gesteckt. Wenn Dir unsere Arbeit gefällt und Du sie unterstützen möchtest, werde Treibhauspost-Mitglied auf Steady (ab 4 Euro). Wir freuen uns riesig!

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Hier noch die Antworten der Community-Umfrage von vor zwei Wochen – Heldengeschichten und Klima-Storytelling haben es euch am meisten angetan (für uns eine kleine Überraschung – aber umso schöner, dass wir dazu noch eine ganze Ausgabe schreiben dürfen).

Die nächste Treibhauspost bekommst Du am 07. Oktober.

Bis dahin, herzliche Grüße
Julien

Treibhauspost-Partner (Si apre in una nuova finestra)

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