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Gut gebrüllt: Der Löwe von Münster auf der Bühne

Beeindruckende Vorstellung am Theater in Münster

Wer den Weg ins Theater gefunden hat (am heissen Samstag abend waren das leider nicht so viele) und und auf seinem Platz sitzt, der wird mit dem Beginn des Stückes sich vielleicht kurz gefragt haben, ob er nicht in einem Kinosessel sitzt. Denn die durchweg einfallsreiche Inszenierung, für die Holger Polotzki verantwortlich zeichnet, beginnt mit einem filmischen Einspieler, bekannte und unbekannte Münsteraner werden gefragt, was Ihnen denn beim Namen Galen einfällt, dem Stadtführer Klaus Woestmann, der gerade eine Führung durch den Dom hinter sich, natürlich einiges, dem ein oder anderen wenig bis gar nichts und Sharon Fehr, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, darf schon die richtige Fährte auslegen, dass ist doch der, über den es mindestens zwei Meinungen gibt. Ja, genau der, und die beiden Meinungen wird es auch am Ende der dreihalbstündigen Aufführung noch geben. Eine junge Dame, die eher wenig mit dem Galen anfangen kann, findet dann als junge Muslima Jasmin (Kathrin Filip) den Weg auf die Theaterbühne und das opulent ausgestattete Werk mit viel düsterem eye candy für die Augen kann beginnen. Galen (Gregor Dalai) wird ausgerechnet in dem Jahr Bischof von Münster, in dem Adolf Hitler deutsche Reichskanzler wird: 1933. Zwölf Jahre muss er sich mit „den Braunen" auseinandersetzen. Zu seinem Selbstverständnis gehört es, der Obrigkeit zu dienen. Verschließen kann er sein Augen natürlich auch nicht vor dem was „die neuen Heiden", so nennt er die Nazis, anrichten, vernichten und verbrennen. Immerhin gelingt es ihm dem Papst zu überreden, aus dem fernen Rom Kritik zu üben. Der Clau, wie in sein Bruder nennt, reagiert allerdings nicht als ihn Vertreter der kleinen jüdischen Gemeinde um Schutz bitten. Von den 775 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Münster kommen 275 in einem KZ um. Erst als die Kloster 1941 gestürmt werden, um dort Menschen unterzubringen, deren Wohnungen zerbombt sind, rührt er sich. Er wird in dem Stück nicht als der große geborene Held dargestellt, eher ein Haderer, innerlich hin und her gerissen, der zaudert, und der sehr an seiner starken Mutter hängt, die ihm Mut zuspricht.

Irgendwann wagt er die Flucht in die Öffentlichkeit und hält 1941 die drei berühmten Reden zuerst in Lamberti, die ihm den Ehrentitel der „Löwe von Münster" einträgt. Als er sprach, sei es ihm so vorgekommen, als ob die heilige Mutter Gottes den heiligen Geist gebeten hätte, ihm die richtigen Worte auf die Zunge gelegt hätte. Sowas soll es ja geben. Seine fraglos mutigen Worte treffen den Nerv der Gemeinde, die Nazis, die von den Paffen sowieso nicht so viel halten, vor allem wenn sie ihren Zielen nicht mehr nützlich sind, reagieren mehr als gereizt. Passieren tut ihm nichts. So sollte es auch bleiben. Sein Bruder Franz kommt ins KZ. Als nach 1945 die Briten bei ihm vorstellig werden, und ihn als Repräsentanten des besseren Deutschlands begrüßen, winkt er mürrisch ab, kann und will diese nicht nicht als Befreier zu sehen, nur als Besatzungsmacht, die während des Krieges eine Unmenge von Bomben über Münster abwarf und seinen Dom zerstörten. Schon 1946 sollte der noch zum Kardinal ernannte Galen schon sterben. 2005 wurde er selig gesprochen.

Die hier kurz skizzierte Lebensgeschichte Galens wird in zwanzig Szenen in gesungenen Sätzen, zum Teil Original-Zitaten, wiedergegeben, dieses Libretto (Stefan Moster) und die dazu gehörige Musik (Thorsten Schmid-Kapfenburg) zu schreiben, muss eine immense Herausforderung gewesen sein. Denn solche Worte wie britische Militärregierung, neuheidnische Irrlehren oder unproduktive Volksgenossen (beim Thema Euthanasie, die Galen ebenfalls kritisierte) singbar in einen Text einfließen zu lassen, erfordert schon viel handwerkliches Geschick. Damit auch alle alles verstehen, wird der Text oben über der Bühne angezeigt: Übertiteln nennt sich dieses streitbare Verfahren. Denn es führt dazu, dass der Zuschauer in einem ständigen unauflösbaren Zwiespalt in seiner Aufmerksamtkeitsökonomie gerät, oben Text lesen oder unten nix verpassen.

Von dieser Kritik mal ganz abgesehen: Chapeau allen, die sich getraut haben dieses wichtige des öfteren durchdeklinierte, lokalgeschichtliche Thema, das allerhand Widerhaken und Fallstricke aufweisen, in diese Bühnenfassung gebracht zu haben. Man mag nur erahnen, wie viel Herzblut, Recherche, Leidenschaft und Einfallsreichtum in diese Inszenierung hineingeflossen sind. Das spürt man, das erzeugt eine Unmenge Empathie für die hochengagierten Akteure, dieses bis in die Nebenrollen hervorragend besetzten Stücks. Und wenn man zwischendurch zu viele hagiographische Züge zu erkennen glaubt, rückt die Erzählerin Jasmin gegen Ende das Galen-Bild wieder zurecht. Aus einer humanistisch-hermeneutischen Haltung heraus rät sie zu angemessener Milde, im Falle Galens und und überhaupt wenn man das Verhalten anderer Menschen bewertet. Und gibt es nicht auch heute noch zu viel Ungerechtigkeit auf dieser Welt, gegen die man auch die Stimme erheben müsste, gegen die man sich mit größter Entschiedenheit wenden müsste?

Auch wenn Thorsten Schmid-Kapfenburg sagt, er habe keine avantgardistische Musik geschrieben: Wer sich nicht Tag für Tag mit neutönender Musik auseinander setzt, sollte sich und seinen Ohren Zeit lassen, sich in die Kompositionen für das große Sinfonieorchester einzuhören. Auch Hauptdarstellerin Kathrin Filip brauchte etwas, um Sicherheit zu gewinnen, um ihr ganzes Timbre entfalten zu können, um danach um so überzeugender und strahlender agieren auftreten zu gönnen. Zu den musikalisch anregendsten und anrührendstes Musikpassagen gehörte sicherlich das Duo zwischen Galen und seiner Mutter (überragend gesungen von Susanne McLeod ), die der Bühnen- und Kostümchef Andreas Becker in einen unglaublich großen und eindrucksvoll drapierten Rock gesteckt hatte. Das hätte auch denen gefallen müssen, die in der Pause meinten, dass sei ja mehr so wie Filmmusik, die sie sich nicht zuhause auf der Stereoanlage anhören würden. Zu den musikalischen Highlights des Kritikers gehörte auch ein zum hinschmelzen taugendes Chorstück „Es werden Tage auf Dich kommen" in der Mitte des zweiten Teils bei dem der Opernchor und der Extrachor mal so richtig aufdrehen konnten, was die Stimmen so hergeben. Und das ist einiges. Bei so viel Sangesfreude durfte man sich für ein paar Minuten fühlen wie in Verona.

Szenenfotos (3): Frank Biermann 

War der aktuelle Münsteraner Bischof Felix Genn eigentlich schon da, um sich das Stück anzuschauen? Denn auch wenn Galen längst nicht mehr lebt, das System katholische Kirche, deren Teil Galen war, existiert weitgehend unverändert weiter. Und auch dieses System hat danach jahrzehntelang versagt, Verantwortliche müssen Fehler eingestehen, weil sie ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, Milde walten liessen, wo sie gänzlich unangebracht war, nicht handelten, wo sie handeln mussten, haben Schuld auf sich geladen. Aber das ist dann wieder ein andere Geschichte … Frank Biermann

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