Passa al contenuto principale

Gespensterbrief #35

Ich bin nur mehr ein Gespenst, das blutet.

Warst du jemals zerrissen?

Hast du dir dein Kleid zerfetzt, bist den Abhang runter gerollt, hast dir Kiesel eingereten und die Knöchel mit Glas zerrieben?

Ich sitze krumm vor dem Papier, der Baum vor meinem Fenster frisst die erste Hummel des Jahres. Shirley Jackson schrieb ihre Briefe nur in kleinen Buchstaben. Autorinnen haben nicht genügend Zeit.

es ist dringend.

mein Manuskript ruft nach mir wie ein Kind.

Shirley braucht dich, schreibt mir J. und ich weiß, was sie damit meint.

L. spielt mir ein Video zu, darin bin ich zu sehen, wie ich auf einer bühne sitze und etwas über niedrigschwellige Kunst im Stadtraum erzähle. ich weiß es, denn ich war ja da. Das video brauche ich nicht abzuspielen. ich will mich gerade nicht sehen. ich spüre schon genug.

was dich nicht umbringt, lässt dich wünschen.

das Problem ist, dass manche menschen annehmen, ich hätte keine probleme. letztes Jahr sagte ein Journalist zu mir, ich würde mir diesen Lebensstil leisten können müssen, um ihn durchzuziehen wie ich es mache. ich lache. wenn ich nicht zweifle, dann lache ich. es ist so, dass ich nicht anders kann.

B. sagt, ich wäre so, weil ich eben künstlerin bin. und künstlerinnen seien anders.

I. nickt, selbst Künstler, und sagt aber das Geld. Das Geld. das geld. Weshalb ich nicht zur Leipziger Buchmesse fahre. Das geld, das geld.

Das Manuskript, denke ich und wiege es in Gedanken. Ich liebe es, den Text, habe ihn nur einmal nicht gemocht. Da blickten die falschen Leute drauf und haben ihn fast zerstört. Habe ihn zurückgenommen und neu zusammen gesetzt, bis er mein zu Hause wurde.

Ich muss zurück in den text, habe keine Zeit für Fragen. Nur Text.

Bester Flex ist immer noch, wenn jemand weiß, wann er den Mund halten und gehen soll.

Ich grüße Shirley Jackson, Tove Ditlevsen, alle Kolleginnen, die wissen, was ich meine und alle anderen auch
Bis bald
Jae 🪨🥀🗡️

Diese literarische Kolumne ist möglich, weil Menschen sie lesen, auf ihren Plattformen teilen und die Autorin mit einem monatlichen Betrag unterstützen. Damit setzt ihr ein Zeichen und tretet für den Erhalt freier unabhängiger Kunst ein. Mein Dank gehört euch. 🖤

0 commenti

Vuoi essere la prima persona a commentare?
Abbonati a Gespensterbriefe. Literarische Kolumne von Jess Tartas e avvia una conversazione.
Sostieni