Krieg und Frieden - oder - Ein Leben ohne Frieden ist möglich, aber sinnlos!

Von einem der beides erlebt hat! Eintrag Wikipedia: Auf die Frage, ob er im Zweiten Weltkrieg ein guter Offizier gewesen sei, antwortete er in einem Interview: „Nicht gut genug, sonst hätte ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand gehört. Aber für den schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende.“ Die Rede ist von Loriot - Vicco von Bülow! In Loriot - Gesammelte Prosa erschienen im Diogenes Verlag äußert er sich zum Thema Krieg und Frieden auf seine Weise.

Ab 1936 ging ich in die Oper, büßte Blinddarm und Rachenmandeln ein, lernte Shakespeare-Monologe, las Dickens, legte mein Taschengeld in Zitroneneis an, verliebte mich das vierte Mal (nach 1930, 1934 und 1937) und beendete 1941 im Eberhard-Ludwig-Gymnasium meine erstaunlich glücklichen Schuljahre. Mein letzter Klassenlehrer hatte trotz übler Zeiten Maßstäbe gesetzt: Rudolf Griesinger.

Je älter wir werden, desto neugieriger betrachten wir unsere Vergangenheit, desto verwunderter vergleichen wir Zeiten und Räume.

Vieles haben wir verdrängt in eine Art privater Schadstoffdeponie, manches ist abrufbar und dient einem meist amüsierten Blick auf die durcheilten Jahre, und nur ganz wenige Erinnerungen sind immer griffbereit, immer in Benutzung und verlieren nichts von ihrem Glanz. Von einer solchen soll hier die Rede sein. Sie heißt: Willem Grimm.

Im Herbst 1947 waren von meiner heroischen Vergangenheit 6 Paar Socken und einige feldgraue Kleidungsstücke übriggeblieben, die der Verewigung eines vormals großdeutschen Reiches gedient, dieses jedoch überlebt hatten. Sie befanden sich nun in einem Acht-Quadratmeter-Zimmer, das ich von einem Friseurehepaar gemietet hatte. Der den Wohnräumen angeschlossene Damen- und Herrensalon besaß infolge seiner geschäftsgünstigen Lage zwischen Zuchthaus, Nervenklinik und Friedhof einen verlässlichen Kundenkreis.

Ich war 23, und mein einziger, kostbarer Besitz, neben den Lebensmittelkarten, war die Zulassung zum Studium an der Landeskunstschule Hamburg. Die Grimm-Klasse wurde mein Zuhause, mit meinen Freunden und meinem Lehrer Willem Grimm. Das ist nun 37 Jahre her, und ich habe nie aufgehört, ihn zu bewundern.

Er brauchte keinen Auftritt, wenn er in die Klasse kam, er war einfach da. Er verschaffte sich keinen Respekt, er hatte ihn. Einmal in der Woche, ich glaube am Freitag, fand die sogenannte Korrektur statt. An diesem Tag hatten wir uns vollzählig in der Klasse einzufinden und befestigten mit Reißnägeln die Ergebnisse unserer zeichnerischen und malerischen Bemühungen an Stellwänden, um sie kritischer Betrachtung auszusetzen.

Jüngere Kunstschüler haben ein besonders fein entwickeltes Gehör für Kritik. Das mag damit zusammenhängen, dass man dieses Studium ja nicht gewählt hätte, ohne sich, wenn schon nicht für genial, so doch für immens begabt zu halten. Willem Grimm hat die magische Fähigkeit, den Betroffenen fast gänzlich zu verschonen und dennoch eine schwache Stelle empfindlich aufzuspüren.

Ich hatte mich im Tierpark Hagenbeck dem Studium der Tierwelt gewidmet und unter anderem einen Papagei zu Papier gebracht. Eine nichtswürdige Federzeichnung mit leichter Hand in schwarzer Tusche. "Entzückend", hätte meine Wirtin gesagt. Da hing das Blatt nun an der Wand. Willem Grimm verhielt den Schritt nur leicht, faßte den Papagei sekundenlang ins Auge und sagte im Weitergehen: "Ja, ja, mit dem Strich ist viel Geld zu verdienen ..."

Da der Boden der Landeskunstschule sich nicht auftat, durchlitt ich den Augenblick in seiner ganzen Schande. Ich hatte meinen Lehrer verstanden und wohl mehr gelernt als sonst in einem ganzen Semester.

Wir lebten im zerstörten Hamburg, in einer vom Wiederaufbau und materiellen Gewinn faszinierten Umgebung. Aber wir blieben davon seltsam unberührt. Die linearen und malerischen Probleme eines Stillebens waren fesselnder als der Schwarze Markt.

Eines Morgens brachte Willem Grimm seinen Plattenspieler in die Klasse. Wir hörten Mozart, Bach und, wie ich glaube, Beethovensche Streichquartette. Willem Grimm genügte es nicht, uns eine gewisse Fertigkeit im Malen und Zeichnen zu vermitteln, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.

Es gelang ihm, eine ständige, neugierige Aufregung wachzuhalten, Musik und Literatur wie selbstverständlich in das Ringen gegen eine unproportionierte Aktzeichnung, gegen die Tücken eines in Verwesung übergehenden Stillebens mit Fisch einzubeziehen.

Nun liegt der Verdacht nahe, im Laufe der Jahre habe sich die Gestalt meines Lehrers ganz unzulässig zu einer Art männlicher Marienerscheinung verklärt. So ist es jedoch nicht.

Zum einen steht Willem Grimm gesund und munter unter uns, in seiner ganzen, für mystische Erscheinungen untypischen Diesseitigkeit, zum andern war damals etwas, an das ich mich nur zähneknirschend erinnere, mich also von dem Verdacht der Schönfäberei befreit.

Um es kurz zu machen: Durch die genannten Eigenschaften des Professors wurde den weiblichen Schülern fast zur Gänze der Blick verstellt auf uns, ihre Mitschüler. Nur in zähem Einsatz konnten wir etwas von jener Zuwendung abzweigen, die ihm mühelos zufiel.

Nun sind 37 Jahre vergangen. Wir folgten dem Ruf der Kulturbehörde, der Freien und Hansestadt Hamburg, einer delikat gestalteten Einladung unter dem Geschäftszeichen K 43/32-080.5G, um einen Mann zu ehren, der uns, seinen Schülern, den Respekt vor der rechteckigen weißen Fläche mitgegeben hat und damit das Augenmaß für die Proportionen unseres Lebens.

Ich verneige mich vor unserem Lehrer Willem Grimm in Dankbarkeit und Liebe.

1950. Aus einem Brief an meinen Vater:

... Trotz wirklich größter Anstrengungen ist es mir nicht gelungen, auch nur einen Auftrag zu kriegen, geschweige denn, einen Pfennig zu verdienen ... Romi steuerte alles bei, was sie hatte (DM 40,-), so daß wir bei genauer Kalkulation bis zum 30.11. kamen und noch DM 1,- übrig hatten ... Ich gehe morgen zu meinem Gläubiger, von dem ich noch DM 40,- kriege, und gehe nicht aus dem Zimmer, bis er wenigstens DM 15,- rausrückt ...

Das Jahr war noch nicht vorüber, als ich anläßlich eines Spazierganges mit Romi auf dem nahen Ohlsdorfer Friedhof um ihre Hand anhielt. Seltsam leicht fiel das Ja-Wort zwischen den Gräbern und hielt bis heute (2006).

Im Jahr 1953 trat mein Berufsleben in eine kritische Phase. Ich zeichnete für den Stern in wöchentlichen Fortsetzungen die Serie Auf den Hund gekommen. Sie löste erstaunlich lebhafte Reaktionen von seiten der Leser aus.

Konstanz, den 4.6.53.

Lassen Sie doch endlich die blöden und abstoßenden Hundebilder aus Ihrer Zeitung. Diese heben das Niveau des Stern sicher nicht.

Ein Dauerabonnent.

... Und Chefredakteur Henri Nannen sah sich nach sieben Folgen veranlaßt, die Serie einzustellen.

Für die Kinderbeilage des Stern, das Sternchen, lieferte ich seit 1953 jede Woche eine weitere Folge von Reinhold das Nashorn. Zuvor hatte ich Henri Nannen versichern müssen, diese Aufgabe mindestens ein Vierteljahr durchzuhalten. Es wurden 17 (siebzehn) Jahre daraus.

Vergeblich hatte ich Auf den Hund gekommen dem Rowohlt Verlag angeboten. Da erreichte mich nach der Frankfurter Buchmesse ein Brief der Buchhändlerin Lieselotte Büchner, einer Schwester meiner Jugendliebe:

"18.10.53 ... ich hatte in Frankfurt einen längeren Speech mit dem jungen (vielleicht Mitte Zwanzig) amüsanten Diogenes-Verlags-Inhaber (Stehhaare und kariertes Hemd) ... Er erzählte, er sei so sehr auf der Suche nach einem deutschen Witzezeichner, es gäbe keine Modernen, sei alles alte Schule usw., und Du sollst ihm doch Deine Sachen schicken, vielleicht könnte er so einen kleinen 4.60-Band daraus machen, er sei sehr interessiert ... Die Visitenkarte des Jünglings lege ich Dir bei ... Der Mann ist gelernter Buchhändler und vermutlich geschäftlich zuverlässig ..."

Lilo Büchner hatte recht. Der junge Daniel Keel trug karierte Hemden und war zuverlässig. Der unbekannte Verleger druckte das Buch des unbekannten Autors. Die Auflage betrug 3000. Im August 1956 schrieb Keel: "Der Hund wirft beträchtliche Summen ab. Wenn ich Ihnen weiterhin solche Honorare zahlen muß, bedeutet das den Ruin meines Verlagshauses", und ich antwortete: "Vielen Dank für Ihren erfreulichen Brief. Ich werde in Zukunft versuchen, durch keine oder schlechte Beiträge Ihrem Verlagshaus finanziell wieder auf die Beine zu helfen."

P.S.: Noch 86 Tage bis zum Weltfrieden! ; )

Loriot hätte die Idee vielleicht mit folgenden Worten kommentiert:

Ein Leben ohne Frieden ist möglich, aber sinnlos!

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