Wie kann man sich eigentlich in die Perspektive einer anderen Person begeben?

Ich hatte das Glück schon sehr früh auf meinen Lehrmeister des gelebten Perspektivwechels zu treffen. Mein Vater war dieser Lehrmeister!

Hallo an Alle!

In dem Buch „Selbstdenken!“ wird der Vorteil des Perspektivwechsels wie folgt erläutert:

Philosophie lebt von der Diskussion, vom Austausch der Meinungen. Dabei kommt es nicht nur darauf an, eine Reihe von Praktiken zu beherrschen. Es empfiehlt sich auch eine bestimmte Haltung. Denn im philosophischen Gespräch geht es nicht darum, den anderen mit allen Mitteln von einer feststehenden Meinung zu überzeugen. Wichtig ist vielmehr, gemeinsam in einer Sache weiterzukommen.

Daher empfiehlt es sich, von vorn herein in Betracht zu ziehen, dass auch der andere Recht haben kann. Um den harten Siegeswillen, der viele sachliche Diskussionen zerstört, in Schranken zu halten, empfahlen die Meister der Antike sogar, sich zu jeder Frage nicht nur eine, sondern zwei entgegengesetzte Meinungen zu bilden. Eine schwierige Gymnastik! Sie ist aber nützlich. Denn wer nur eine einzige Meinung kennt, neigt dazu, diese zum Maß aller Dinge zu machen und das, was die anderen sagen, vorschnell für Unsinn zu erklären.

Die spannenden wie bereichernden Diskussionen mit meinem Vater vermisse ich mittlerweile seit Jahrzehnten. Leider ist er viel zu früh gestorben und offensichtlich hat er die Diskussionskultur mitgenommen. So vermisse ich nicht nur die Gespräche mit ihm, sondern auch das umsichtige miteinander in den öffentlichen Debatten, sei es, wenn es ums Klima oder Corona geht. In der Meinungsbildung sind wir Fallstricken ausgesetzt, die wir im Hinterkopf haben sollten. Ein paar davon habe ich hier aufgeführt: https://www.linkedin.com/pulse/widerstand2020-ist-ignoranz-die-arroganz-der-sehenden-bettina-knierim/. Vielleicht schafften wir es dann von derzeitigen Diskussionskriegen wieder zu einer Diskussionskultur zu kommen.

Wenn es allerdings nicht gelingen sollte wie von den Meistern der Antike empfohlen sich entgegengesetzte Meinungen zu bilden und es auch schwer ist die Fallstricke im Hinterkopf zu behalten, weil man ggf. gerade in einem dieser Fallstricke verstrickt ist, gibt es noch die Möglichkeit über die Andockung von Gefühlen besser in die Perspektive des anderen zu kommen.

So hatte mein kettenrauchender Vater es geschafft, dass ich bis heute keine Zigarette angerührt habe ohne dass er mir ein Verbot dazu ausgesprochen hätte.

Als ich in dem Alter war als die Raucherei in der Schule los ging, hatte er Sorge, dass ich auch anfangen könnte, zumal jedes Familienmitglied (außer mir!) rauchte. Er sagte mir damals, dass er mir nicht etwas verbieten will, was er selber nicht unterlassen könne, aber er wolle mir etwas erzählen.

Kriegsbedingt hatte mein Vater seinen Vater verloren, da war er 5 Jahre alt. Die männlichen Verwandten der Familie waren zwar auch für ihn da, aber sein Vater fehlte ihm einfach. Als er dann mit 14 Jahren die Lehre antrat, wollte er nur eins: So sein wie die erwachsenen Männer. Er arbeitete hart um genauso gut zu werden wie sie UND er begann zu rauchen wie sie. Er wollte dazu gehören!

Und deshalb sagte er mir, dass er mich gut verstehen kann, wenn ich anfangen würde zu rauchen, weil man sich dann den anderen zugehöriger fühlt. Dann überlegten wir gemeinsam, dass man Zugehörigkeit ja auch durch andere Handlungen zum Ausdruck bringen kann. Und letztlich meinte er, dass er mir nur gerne den Rat geben wolle, erst gar nicht mit dem Rauchen zu beginnen, weil dies erheblich einfacher ist als später zu versuchen damit wieder aufzuhören und er froh gewesen wäre, wenn ihm das damals bewusst gewesen wäre. Ich stellte dann noch ein paar Fragen, z. B. ob es denn schmecken würde. Nicht so gut wie Schokolade, antwortete er. Wir waren beide Schokoholiker! ; ) Er hätte mich ziehen lassen, damit ich selbst hätte entscheiden können, ob es mir schmecken könnte oder nicht. Aber wenn es nicht so gut wie Schokolade schmeckte, wozu? ; ) Als er mir dann noch sagte, was es kostet, war ich komplett überzeugt. Ich sparte gerade auf Thriller (Michael Jackson) und The works (Queen). Nicht auszudenken ich hätte das mühsam zusammen gesparte Geld in etwas investiert, dass sich in Rauch auflöst. Die beiden Scheiben habe ich heute noch!

Über die Gefühle anzudocken ist auch nicht immer ein leichtes Unterfangen, aber vielleicht doch leichter wie die Empfehlung der alten Meister und sich die Fallstricke zu merken.

Aktuell in der Corona-Krise könnten Angst und Befürchtung die Gefühle sein, über die wir andocken könnten, um wieder in Diskussionen zu kommen, durch die wir uns bereichert fühlen!

Herzliche Grüße

Bettina

P.S.: Noch 81 Tage bis zum Weltfrieden! ; )

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