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Der Recyclinghof am Ende der Welt

Frankreich im Frühjahr/Raue der Restaurantretter/Salman Rushdie/ Coronation Quiche

Bild eines Müllcontainers in Frankreich

In Deutschland fahre ich nie zum Recyclinghof. Ich weiß noch nicht mal, wo der bei uns ist - in meinem französischen Leben aber spielt er eine große Rolle. Auch die Nachbarn reden oft von den Gepflogenheiten der déchetterie, ihrer Organisation und von den Geschichten, die man dort erlebt.

Vorige Woche hatten wir aus dem französischen Familienferienhaus alte Stühle und Gartenabfall zu entsorgen und dafür ist nun mal die Smicotom zuständig – einen Sperrmülldienst gibt es nicht. Zu einer französischen déchetterie kann man nicht einfach so hinfahren, man braucht einen QR-Code, denn man bei der Einfahrt vorzuzeigen hat. Wer den nicht hat, kann es gleich vergessen. Wie bekommt man den heiligen Code? Es ist ganz einfach: Man registriert sich im Netz mit seiner Adresse, dann mit einer E-Mailadresse und dann – braucht man zur Bestätigung eine französische Mobilnummer. Alternativ kann man aber auch allerlei Dokumente einreichen, die den Wohnstatus belegen, als Wasserrechnung und Steuerbescheide und sowas. Nach Prüfung der Unterlagen, etwa einen Tag später, darf man sich auf den Code freuen, den man, es ergeht dann strenge Warnung, niemals weiter geben darf. Die rätselhafte Anzahl von 32 Fahrten zur déchetterie darf man fortan in einem Jahr kostenlos unternehmen. Theoretisch.

Denn vor der Einfahrt zur Anlage steht praktisch eine Schranke und die bleibt unten, QR Code hin oder her. Regiert wird das Gelände von einem einzigen Beschäftigten. Er blickt und agiert jederzeit verrätselt, als trüge er Staatsgeheimnisse. Nur eins ist klar: Dieser Moment, an dem man, mit Code und Müll zu ihm hinauffährt – es ist der falsche. Schranke bleibt unten, obwohl die Anlage fast leer ist und er bespricht sein iPhone. Nun sind es schon ein halbes Dutzend Wagen hinter der Schranke und bald ist Mittagspause.

Ich steige aus, spreche ihn an. Im Sommer, erklärt er nicht ohne Stolz, ist die Schlange länger und die Menschen warten stundenlang. Warum das ein Argument dafür sein soll, uns auch jetzt warten zu lassen, wo wenig Andrang herrscht, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht hat er einfach nur Sehnsucht nach dem Sommer? Vermutlich mochte er einfach diese Macht, die sich darin ausdrückte, Schranke aufzumachen oder unten zu lassen, wie er wollte.

Irgendwann lässt er sich dazu herab, die Schranke hochzufahren. Dann folgen weitere Belehrungen, die anderen Besucherinnen und Besucher fluchen leise. Man erledigt seine Sachen mit gesenktem Kopf und sehnt sich danach, diesen Besuch hinter sich zu haben.

Digitale Bürokratie trifft praktische Willkür: Das Frankreich des Frühjahrs 2023 hat schlechte Laune.

Ich war ein großer Fan der RTL-Dokuserie "Rach der Restauranttester" mit Christian Rach. Das hier schrieb ich vor vielen Jahren:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/4341/rach-rettet-deutschland/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Daher habe ich mir die beiden verfügbaren Folgen des Nachfolgeformats auf RTL angesehen. Nun ist es der Berliner Sternekoch Tim Raue, der in die Provinz reist, um notleidende Kneipen zu besuchen und ihnen zu helfen. Im Unterschied zu Rach kommt er nicht allein, sondern wird von seiner Frau begleitet, die sich um Design, Deko und Stimmung kümmert. Es ist sehr sehenswert, die Probleme lassen sich auch gut auf andere Bereiche übertragen. Einmal ist es ein Vereinsheim auf der Schwäbischen Alb, das in Schwierigkeiten gerät, weil zu wenige Kunden kommen. Stellt sich raus, dass der Wirt immer dann geschlossen hat, wenn der Verein spielt oder trainiert. Eine andere Kneipe liegt in der Nähe einer Hochschule, bietet aber kein Mittagessen an, weil die Inhaberinnen tagsüber in einem Supermarkt arbeiten müssen, um sich die Kneipe leisten zu können. Wie schon in so vielen von Christian Rach besuchten Restaurants fehlte es nicht so sehr an Kochkunst und Tatkraft, sondern an klaren Gedanken.

https://www.tvnow.de/serien/raue-der-restaurantretter-21519/staffel-1/episode-2-genusskueche-in-vallendar-5419303 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

In dieser Woche ist viel von einem bestimmten Roman die Rede, ich habe ein anderes gelesen. In Victory City nimmt sich Salman Rushdie der Geschichte einer südindischen Dynastie der frühen Neuzeit an, aber das ist bloß das Material für seine entfesselte narrative Power und Fantasie. Es ist ein Buch voller Wortspiele, Einfälle und jeder Menge Unsinn. Erst vermutet man, dass es mit unserer Gegenwart gar nichts zu tun hat – was ja auch ganz erholsam ist – aber mit den Seiten ändert sich das. In der Stadt des Sieges beginnt alles himmlisch und von einem guten Wind beginnenden Zaubers getragen – dann aber wird es kompliziert und alles löst sich auf. Rushdie hat eine Parabel auf den Westen seit 1989 beschrieben.

Salman Rushdie ist der berühmteste lebende Literat unserer Zeit und es lohnt sich immer, seine Bücher zu lesen. Über ihn, sein Leben nach dem Attentat und vieles mehr gibt es diesen Text von David Remnick:

https://www.newyorker.com/magazine/2023/02/13/salman-rushdie-recovery-victory-city (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Wenn ich irgendwo eine Gemüsequiche vorgesetzt bekomme, dann habe ich – hier unter uns gestehe ich es – immer den gleichen Gedanken: Hätte schlimmer kommen können. Es kommt also eine nur relative Freude auf. Ich esse es, finde es okay, aber selbst zubereiten würde ich es eher nicht. Nun hat sich das britische Königspaar solch ein Rezept als Krönungsspeise gewünscht. Die verstorbene Queen hatte seinerzeit einen indisch angehauchten Hähnchensalat gewählt, das wäre eher mein Fall.

Felicity Cloake vom Guardian hat sich die Sache einmal genauer angesehen:

https://www.theguardian.com/food/2023/apr/17/more-like-spinach-pie-felicity-cloake-tests-king-charles-and-camillas-coronation-quiche (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

In eigener Sache: Vor einigen Wochen hatte ich darum gebeten, bis zum 1.Mai auf 300 Mitglieder zu kommen und das ist rasch und leicht erreicht worden, schon jetzt. Herzlichen Dank!

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

PS: Die Lesungen aus "Montaignes Katze" gehen natürlich weiter, am 8.Juni lese ich in zB der Buchhandlung Felix Jud in Hamburg, Fragesteller und Stargast ist Uli Wickert

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