Recovery Interview Nr. 14 mit Amy
Hallo ihr lieben, in dieser Beitragsreihe stelle ich Betroffenen und Angehörigen von psychischen Erkrankungen ein paar Interview-Fragen, wie sie mit den Erkrankungen umgehen, was ihnen hilft und gebe ihnen eine Stimme. Ich bin anna, Selbstbetroffene und freiberufliche Autorin und beschäftige mich mit mentalen Themen. Besonders Recovery, der Weg zur Genesung, Entstigmatisierung und das Meistern des Alltags mit psychischen oder chronischen Erkrankungen, finde ich wichtig. Und zu erkennen: Du bist nicht allein! Diese Reihe ist for free und als Ergänzung zu meinen üblichen Content zu sehen. Ich denke wir können alle viel auch von anderen lernen und mitnehmen.
Wer möchte, kann sich die Interview-Vorlage am Ende des Interviews im SafeSpace runterladen und mir ausgefüllt mit Foto per Mail an good.days.will.come@outlook.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zuschicken. Vielleicht erscheint dein Interview dann auch bald hier.
TW: Su!z!dgedanken
Heute habe ich Amy im Interview.
Wer bist Du, wo kommst Du her und wie alt bist Du? Wenn Du magst, gebe deine Pronomen an. Und wenn ihr mehrere seid (bezieht sich auf multiple Persönlichkeiten), dann das natürlich auch.
Ich bin Amy (she/her), Anfang 20 und lebe am Bodensee. Allerdings komme ich hier nicht her, kann das herkommen aber auch nicht genauer definieren, da ich in meinem Leben bereits 14 mal umgezogen bin.
Was ist deine Behinderung/Erkrankung?
Ich habe mit 19 eine Autismus Diagnose bekommen, die für mich sehr viel verändert hat. Zum ersten Mal wusste ich, dass ich nicht falsch, sondern nur anders bin. Durch die lange Zeit ohne Diagnose und das viele Maskieren (verstecken, wer ich eigentlich bin) habe ich in meiner Vergangenheit BurnOuts gehabt, war mehrfach depressiv und hatte Suizidgedanken. Vieles davon ist unter anderem darin begründet, dass ich fast meine gesamte Schulzeit hindurch gemobbt wurde, und später auch Stalking erfahren musste. Dazu habe ich aufgrund einer Lungenerkrankung und vieler Allergien durch Corona eine schwere Angststörung entwickelt, die mittlerweile generalisiert ist. Des Weiteren befindet sich eine weitere körperliche Erkrankung in Abklärung, ebenso ADHS und eine Traumafolgestörung.
Würdest Du Deine Erkrankung gerne sichtbar oder unsichtbar machen?
Irgendwie beides. Einerseits will ich das Stigma, das mit psychischen Krankheiten verbunden ist, gerne beenden, oder zumindest dran arbeiten, aber andererseits habe ich Menschen in meinem Leben, die mich dazu zwingen, mich zu verstecken, weil ich genau weiß, dass sie mir sonst wieder weh tun würden. Ich gehe sehr offen mit meinen Erkrankungen um, und versuche, daran zu arbeiten, dass man sie mir nicht abspricht, nur weil man sie mir nicht direkt ansieht. Im Internet geht das für mich aufgrund meiner Vergangenheit nur durch Anonymität. Gleichzeitig will ich unsichtbar bleiben, weil ich nicht möchte, dass ich aufgrund meiner Krankheiten für weniger wert gesehen werde, oder Kommentare bekomme wie “Lass das mal jemand anderen machen, du kannst das nicht.” Leider wurde ich schon oft auf meine Erkrankungen reduziert. Ich möchte selber entscheiden dürfen, was ich machen kann und was nicht. Gleichzeitig aber eben auch den Freiraum haben, mich ausprobieren zu können
Was machst Du beruflich oder wie gestaltest Du deinen Alltag?
Ich habe ein Studium und eine Ausbildung angefangen, jedoch beides aus unterschiedlichen Gründen nicht zu Ende führen können oder dürfen. Seit dem Abbruch der Ausbildung bin ich leider nur noch Zuhause. Ich habe kaum noch einen Tagesrhythmus, und verbringe viel Zeit auf YouTube, schreibe an meinen unveröffentlichten Romanen, die für mich sehr viel Trauma- und Trauerarbeit sind oder beschäftige mich mit meinem Junghund. Ansonsten habe ich regelmäßig Therapietermine und darf einmal die Woche in meiner Reittherapie den Stall ausmisten.
Wie geht es Dir zur Zeit und was beschäftigt Dich?
Mir geht es gerade sehr wechselnd, immer abhängig davon, wie gut ich schlafe. Bei mir jährt sich gerade ein Erlebnis aus meiner Vergangenheit, was mich sehr mitnimmt, und leider dazu führt, dass ich gerade regelmäßig Panikattacken habe. Ansonsten beschäftigt mich mein Antrag auf Schwerbehinderung, bei dem ich jetzt Widerspruch einreichen muss und generell meine berufliche Situation. Und mich beschäftigt die Politik und wie es hier in Deutschland weitergehen soll, genauso aber auch die USA, weil ich da Familie habe.
Was machst Du gerne in deiner Freizeit, hast Du spezielle Interessen?
Ich liebe es, Bücher zu schreiben (meistens Jugendromane oder Kinderbücher), traue mich aber nicht, sie zu veröffentlichen. Ansonsten beschäftige ich mich sehr gerne mit meinem Hund und gehe klettern und bouldern. Wenn ich mich motivieren kann, gehe ich gerne raus und fotografiere, gehe spazieren oder Fahrrad fahren und im Sommer auch gerne mal Schwimmen oder Stand Up Paddeln. Ansonsten beschäftige ich mich einerseits gerne mit Medizin und dem Menschen, andererseits liebe ich es, mich mit Tieren zu beschäftigen und schaue super viele Dokus über verschiedene Tiere.
Was bedeutet für Dich Recovery? Und wo würdest Du sagen, stehst Du zur Zeit?
Recovery ist für mich die Entscheidung, einer Erkrankung den Kampf ansagen. Dabei geht es vor Allem darum, wieder in einen Zustand zu kommen, den ich selber als lebenswert erachte und wo ich das Gefühl habe, stabil genug zu sein, auch mit kleineren Krisen klarzukommen. Allerdings glaube ich, dass man nicht von allen Erkrankungen recovern kann. Für mich mit dem Hauptbaustein Autismus geht es also hauptsächlich darum, einen Weg zu finden, mit meiner anderen Wahrnehmung leben zu lernen, mich selber kennenzulernen und herauszufinden, wie ich Krisen so gut es geht vermeiden kann.
Was ist für dich ein gutes Helfernetzwerk?
Für mich besteht ein gutes Helfernetzwerk aus Personen, die einen so annehmen, wie man ist, die einen unterstützen und aus Tiefs herausholen, es aber auch einfach akzeptieren, wie DInge nun mal sind und nicht auf Krampf alles schön reden wollen. Am meisten unterstützen mich mein Partner und meine beiden Pflegebrüder R. und L. Und für mich auch sehr wichtig ist der Austausch mit anderen Betroffenen, um zu sehen, wie die mit ihren Herausforderungen umgehen
Zu welchem mentalen Thema fehlt Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft?
Gefühlt zu allem. Aber vor allem fehlt mir Aufklärung zu Autismus bei erwachsenen Frauen. Noch mehr als an Aufklärung fehlt es mir aber an Akzeptanz und Toleranz gegenüber Betroffenen.
Wenn Du Skills nutzt: Was sind deine Lieblinge?
Ich habe sehr viele verschiedene Stimming toys, je nach Anspannung. Aktuell gehört zu meinen Lieblingen der infinity Cube, eine lange Gummischlange,diverse Igelbälle und Akupressurringe. Außerdem ein Fingertrainerring von Decathlon, den ich als Antistressball nutze, da mir die meisten Standardbälle viel zu leicht sind. Ansonsten begleitet mich zu allen Terminen, wo mein Hund nicht mit darf, ein Kuscheltierhund.
Notfalltasche: Was muss bei Dir immer mit?
Ich habe immer Akupressurringe, Center Shocks, Traubenzucker und einen von den kleinen Hartplastik-Igelbällen dabei. Und ansonsten diverse Fidget toys. Sehr weit oben in meiner Notfallkette habe ich auch noch einen Inhalierstift und Tigerbalsam. Das habe ich aber nur in der Handtasche und nicht in der Hosentasche, kommt also nur zu Terminen mit, wo ich die Handtasche brauche - das korreliert oft.
Dein Lebenstraum oder größere Ziele, gibt es da etwas, das Du erzählen möchtest?
Ich würde es gerne schaffen, meinen Hund zum Assistenzhund auszubilden. Außerdem möchte ich nochmal reisen, aber das geht für mich erst, wenn die politische Lage sich etwas weiter entspannt hat.
An welchen Orten fühlst Du Dich sicher?
Das ist bei mir tatsächlich weniger Orts-, als Personenabhängig. Am sichersten fühle ich mich, wenn ich bei meinem Partner bin oder bei meinem Pflegebruder L. Ansonsten fühle ich mich in meiner Wohnung sicherer als anderswo, aber bei Weitem nicht sicher.
Was würdest Du Betroffenen (von psychischen Erkrankungen) gerne sagen?
Ihr seid nicht allein. Sprecht offen mit anderen Betroffenen und holt euch Hilfe. Hilfe annehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Stärke. Und auch wenn es so aussehen mag, als hätten andere die Hilfe mehr verdient: Nein. Deine Probleme sind genauso valide. Und auch du verdienst Hilfe.
Was würdest Du Nicht-Betroffenen gerne sagen?
Akzeptiert es einfach, wenn ein mensch euch sagt, dass er:sie etwas nicht kann. Ihr seid nicht einen Schritt in unseren Leben gelaufen, also hört auf, so zu tun, als wüsstet ihr, was uns beschäftigt oder wie es uns geht. Fragt, ob wir Hilfe brauchen. Aber fühlt euch nicht zurückgewiesen, wenn wir euch mal nicht antworten oder sagen, dass wir alleine klarkommen. Es gibt Menschen, für die ist es am einfachsten, alles alleine oder alleine mit Therapeut:innen auszumachen
Was ist dein Mantra oder Spruch, der Dir Kraft gibt?
AIKO - Aufgeben ist keine Option. Und das Wissen, dass ich nicht alleine bin
Egal, wer du bist, du bist wertvoll. Und du bist nicht alleine, auch wenn es sich so anfühlt. Es kommen wieder bessere Zeiten, selbst wenn es manchmal noch weiter nach unten gehen muss, bevor es wieder bergauf gehen kann. Heilung braucht Zeit. Und das ist oka
Wo kann man Dich finden?
Ich nutze Social Media aktuell nicht aktiv, sondern nur als Konsumentin.
Vielen Dank für deine Zeit und alles Gute für deinen weiteren Weg!
Wer möchte, kann sich die Interview-Vorlage am Ende des Interviews im SafeSpace runterladen und mir ausgefüllt mit Foto per Mail an good.days.will.come@outlook.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zuschicken. Vielleicht erscheint dein Interview dann auch bald hier.