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GZ #28 Lies mal wieder

Gofigramm

Ein Buch liegt auf einem Schreibtisch. Es handelt sich um den Roman 'Der Mann ohne Eigenschaften' von Robert Musil.

Ich weiß nicht, ob Du das weißt, aber ich habe mal Literaturwissenschaft studiert. Das ist schon ganz schön lange her. Eigentlich habe ich dafür beinahe die gesamten 90er Jahre des letzten Jahrhunderts gebraucht. Ich habe natürlich auch noch ein paar andere Dinge gemacht, als zu studieren, Musik zum Beispiel oder später christliche Jugendarbeit. Ich habe nämlich schon immer ein Talent dafür besessen, eine hoffnungsvolle Laufbahn, wenn sie sich gerade abgezeichnet hat, selbst zu zerstören und etwas Neues anzufangen. 

Deshalb fühle ich mich Ulrich nahe, denn der macht es auch so. Ulrich ist der Protagonist eines Romans, der Literaturgeschichte geschrieben hat: Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Im Studium hieß es damals, die drei größten Romane des 20. Jahrhunderts sind Ulysses von James Joyce, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust und eben Der Mann ohne Eigenschaften von Musil. Diese drei, hat man uns gesagt, sollte man schon gelesen haben, wenn man sich als Literaturwissenschaftler versteht. Den Ulysses habe ich tatsächlich gelesen und nichts verstanden (manchmal, in den Sommermonaten, nehme ich ihn mir vor und lese ein bisschen weiter, das geht jetzt schon seit Jahren so), Auf der Suche nach der verlorenen Zeit habe ich angefangen und gemerkt, dass ich vor Langeweile sterben müsste, wenn ich ihn ganz durchlesen wollte, aber vielleicht versuche ich es noch einmal, und Den Mann ohne Eigenschaften habe ich mir wieder vorgenommen, nachdem ich auch den vor Jahren abgebrochen habe, weil es neulich in der FAZ hieß, dass dieser Roman die derzeitige gesellschaftliche Stimmung ganz fantastisch wiedergeben würde. 

Das ist schon verrückt, denn das Buch erschien ab 1930 in drei Bänden. Es wurde also nur wenige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht und beschreibt die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Wien. Ulrich ist ein Mann Anfang 30, der sich mit der Frage herumschlägt, wie er sein Leben sinnvoll und erfüllend leben soll. Vielleicht musste ich erst Mitte 50 werden, um zu verstehen, wie witzig, scharfsinnig und klug dieses Buch ist. Große Literatur ist ja in der Lage, Dir etwas Wahres über das Leben und die Welt zu sagen, das auch in hundert Jahren noch seine Gültigkeit behält. Davon ist dieses Buch voll. Nimm diese Stelle zum Beispiel:

Man braucht wirklich nicht viel darüber zu reden, es ist den meisten Menschen heute ohnehin klar, daß die Mathematik wie ein Dämon in alle Anwendungen unseres Lebens gefahren ist. Vielleicht glauben nicht alle diese Menschen an die Geschichte vom Teufel, dem man seine Seele verkaufen kann; aber alle Leute, die von der Seele etwas verstehen müssen, weil sie als Geistliche, Historiker und Künstler gute Einkünfte daraus beziehen, bezeugen es, daß sie von der Mathematik ruiniert worden sei und daß die Mathematik die Quelle eines bösen Verstandes bilde, der den Menschen zwar zum Herrn der Erde, aber zum Sklaven der Maschine mache. Die innere Dürre, die ungeheuerliche Mischung von Schärfe im Einzelnen und Gleichgültigkeit im Ganzen, das ungeheure Verlassensein des Menschen in einer Wüste von Einzelheiten, seine Unruhe, Bosheit, Herzensgleichgültigkeit ohnegleichen, Geldsucht, Kälte und Gewalttätigkeit, wie sie unsre Zeit kennzeichnen, sollen nach diesen Berichten einzig und allein die Folge der Verluste sein, die ein logisch scharfes Denken der Seele zufügt! Und so hat es auch schon damals, als Ulrich Mathematiker wurde, Leute gegeben, die den Zusammenbruch der europäischen Kultur voraussagten, weil kein Glaube, keine Liebe, keine Einfalt, keine Güte mehr im Menschen wohne, und bezeichnenderweise sind sie alle in ihrer Jugend- und Schulzeit schlechte Mathematiker gewesen. Damit war später für sie bewiesen, daß die Mathematik, Mutter der exakten Naturwissenschaft, Großmutter der Technik, auch Erzmutter jenes Geistes ist, aus dem schließlich Giftgase und Kampfflieger aufgestiegen sind.

Musil, Robert. Der Mann ohne Eigenschaften (Teil 1 bis 3) (Vollständiger Musil-Text) (kommentiert). eClassica. Kindle-Version.

Das ist noch vor dem digitalen Zeitalter, vor der Informationstechnologie, vor den Sozialen Medien und der Künstlichen Intelligenz geschrieben. Und ich finde es atemberaubend, wie zutreffend es dennoch ist. Irgendjemand sagt jetzt “prophetisch”, und okay, vielleicht können wir dieses religiöse Wort dafür benutzen, auch wenn ich denke, dass kein prophetischer Geist notwendig gewesen ist, damit Musil das schreiben konnte, sondern vor allem Klugheit und die Fähigkeit, unbeirrbar und genau hinzusehen.

Davon brauchen wir mehr. Aber davon haben wir auch schon ganz schön viel. Mein Bücherregal zumindest ist voll mit den großartigsten Büchern, die ich noch nicht gelesen habe. 

Wie wäre es, wenn wir uns nicht NUR an die Informationen halten, die uns Videoclip- und Serien-Produzenten, Filmregisseure und Podcasterinnen zukommen lassen, sondern wenn wir AUCH mal wieder lesen würden und dabei Information und Wissen über das Leben entdecken, die bisher noch nicht verfilmt, vertont und in appetitliche Häppchen verarbeitet worden sind? Das ist anstrengend, ich weiß, aber ich glaube, wir leben in Zeiten, in denen sich richtig investierte Anstrengung lohnt. Kafka, Virginia Woolf, Rose Ausländer, Die Bibel, Faulkner, Max Frisch. Und so weiter, und so fort.

Heute Abend, wenn ich ins Bett gehe, werde ich mir wieder meinen Musil vornehmen und mit Ulrich weiter nach einem sinnvollen Dasein suchen.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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Gedicht der Woche

An S.

Durch den Dampf des zerborstenen Kühlers,
vorbei an flatterndem Glas,
meine Hand an der klaffenden Tür,
erste blutende Schritte erprobend,
seh ich in dein blasses Gesicht.

Ich kann es kaum fassen.
Du lächelst noch immer.
Woher nimmst du bloß
diese Kraft?

News

Nächste Woche ist es so weit: Die Touren im Frühling gehen endlich los. In den nächsten Wochen werde ich viel in Deutschland unterwegs sein. Wenn Du wissen willst, wo ich wann genau bin, dann schau doch mal hier nach (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

POETRY TALK mit Jasmin Brückner

Es geht los mit der der Dichterin Jasmin Brückner aus Halle. Ende vergangenen Jahres haben wir bereits gemeinsam den Osten Deutschlands bereist, diesmal geht es in den Südwesten. Wir sind in

Bad Cannstatt (Donnerstag, Café LUV, 19.30h)
Villingen (Freitag, Jazz Club, 20h)
Würzburg (Samstag, Gerber Lounge, 20h)
Ludwigsburg (Sonntag, Friedenskirche, 19h)

Und das erwartet Dich: Das lyrische Programm POETRY TALK ist eine bunte Mischung aus Lesung, Performance, Publikumsinteraktion und podcastartigem Live Talk über die Themen, die uns eben interessieren: der Sinn und Unsinn des Lebens, Gott und die Welt, der Mensch und die Kunst. Jeder Abend ist dabei eine ganz einzigartige Veranstaltung, keine Lesung gleicht der anderen. Denn auch das Publikum darf und soll sich am Gespräch mit Fragen und Anmerkungen beteiligen und so den Verlauf des Abends maßgeblich beeinflussen. Je nach Zuhörerschaft, Rahmen und Laune der Poeten werden individuelle Themen, Texte und Gedanken behandelt. Interaktion ist strengstens erlaubt!

Im April geht es weiter mit dem Touren, und zwar mit Hossa Talk. Wir gehen auf die

HossaRudelTalkTour

Wenn Du schon einmal auf einem unserer Regiotreffen gewesen bist, dann kennst Du ihn: den RudelTalk. Das ist ein Hossa Talk zusammen mit allen Anwesenden, bei dem die Hossas meistens zuhören, während andere reden.

Alles darf gesagt, jede Frage gestellt werden, alle dürfen antworten.

Wir lieben die RudelTalks, weil sie immer wieder zeigen, wie viel Weisheit und Lebenserfahrung in unserer Community steckt, und weil es bewegend und lehrreich ist, sich gegenseitig zuzuhören.

Wo wir wann sind und bei wem Du Dich zur Veranstaltung anmelden kannst, erfährst Du hier: https://hossa-talk.de/demnaechst-bei-hossa-talk/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

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