Wie redet man mit impfkritischen Menschen?
Wir haben ein Problem: Die Masern-Fälle steigen. In der europäischen Region haben sich die Zahlen seit 2023 verdoppelt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - doch wie kann man mit Menschen reden, die Impfungen scheuen? Und: Wie unlogisch ist manch ein Argument aus der überzeugten Anti-Impf-Szene?
1.) Impfskepsis und gute Unterlagen für Aufklärung
Im Folgenden beziehe ich mich auf einzelne wissenschaftliche Publikationen, Datenbanken und Handbücher zum Thema Impfkommunikation:
>> Die Gefahr ist, dass der Ernst einiger Krankheiten in Vergessenheit gerät
Um die Akzeptanz von Impfungen zu erhöhen, ist wichtig, dass Menschen das Risiko von Krankheiten verstehen. Es geht nicht darum, Furcht auszulösen, weil das nach hinten los gehen kann (Furcht ist auch deshalb nicht notwendig, weil Impfungen vor diesen Krankheiten schützen). Das Tragische ist aber aktuell, dass ausgerechnet der große Erfolg von Impf-Programmen dazu führt, dass Menschen gar nicht mehr wissen, welche Gefahren viele sogenannte Kinderkrankheiten wie Masern bergen (denn die Impfungen haben diese Krankheiten bisher stark zurückgedrängt).
Dazu folgende interessante Grafik der WHO:

Das Bild erklärt: Wenn Menschen das Risiko einer Krankheit als hoch wahrnehmen, werden sie eher der Impfung zustimmen. Wenn sie hingegen ein hohes Risiko durch eine Impfung wahrnehmen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich oder andere impfen lassen.
In der FAZ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) berichtet der Infektiologe Leif Erik Sander über den aktuellen Masern-Ausbruch in den USA: "Viele Kinder werden schwer krank, im aktuellen Ausbruch in den USA sind es etwa 20 Prozent, die im Krankenhaus mit Atemschwierigkeiten oder einer Lungenentzündung behandelt werden müssen." Selbst überstandene Infektionen bringen ein zusätzliches Problem: Das Masernvirus löscht das Immungedächtnis (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Der Leif Erik Sander erklärt dazu in der FAZ: "Masernviren befallen die zentralen Lymphorgane, in denen unser Immungedächtnis beheimatet ist. Dort sind auch die Abwehrzellen gespeichert, die bei anderen Infektionen aktiviert werden. Masernviren können sie abtöten, und somit sind die Patienten nach der Infektion anfälliger für viele andere Infektionen mit Viren und Bakterien."
Was erhöht die Chance, dass Menschen sich impfen lassen?
>> Eine klare Impfempfehlung
Es wird geraten, dass medizinisches Personal eine klare Empfehlung zum Impfen aussprechen soll - man soll an Gespräche grundsätzlich so herangehen, dass man standardmäßig davon ausgeht, dass Leute bereit sind, sich impfen zu lassen. Diese Empfehlung findet man etwa im Kommunikations-Handbuch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zur COVID-19-Impfung (sehr interessant!).
Wie kann man dann aber reagieren, wenn Leute sich oder ihr Kind nicht impfen lassen wollen?
>> Es gibt konkrete Tipps für die Gesprächsführung
Eine wichtige Frage ist: Ist jemand nur zögerlich gegenüber Impfungen oder komplett ablehnend? Diese Differenzierung ist bedeutend. Die WHO hat zum Beispiel eine Präsentation für medizinisches Personal erstellt: Darin wird zwischen zögerlichen und ablehnenden Personen unterschieden. Gerade bei Zögerlichen wird “motivierende Gesprächsführung” empfohlen. Es geht unter anderem darum, die Gründe einer impfskeptischen Person zu verstehen, und sehr einfühlsam dann auf wissenschaftliches Wissen hinzuführen. Praktisch ist an den Folien, dass konkrete Sätze für das Gespräch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) geliefert werden, zum Beispiel kann man mit der Antwort beginnen: "Ich sehe, dass Sie sich schon sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben..." Und dann - mit Zustimmung der Person - die eigene medizinische Perspektive erklären.
>> Tipp: hilfreiche Datenbank mit falschen Behauptungen zu Impfungen und Gegen-Argumenten
Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Menschen Falschmeldungen über Impfungen glauben – zum Beispiel eine verzerrte Risikowahrnehmung oder Ängste und Phobien. Einen spannenden Einblick bietet die "Jitsu-VAX"-Datenbank (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Dort kann man Argumente von impfskeptischen Personen eingeben. Sucht man etwa stichwortartig nach "Immunsystem", findet man das Argument: "Viele Krankheiten sind harmlos oder sogar positiv für die kindliche Entwicklung und das Immunsystem." Es wird dann dort auch erklärt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), welche Einstellung oder welcher Fehlschluss wohl hinter dieser Aussage steht und welche Gegen-Argumente es dazu gibt. Auch spannend für Nicht-Mediziner:innen!
>> Für Ärzte und Ärztinnen hat die deutsche Psychologin und renommierte Expertin für Gesundheits-Kommunikation Cornelia Betsch mit Kolleg:innen einen Wegweiser für “Impfmüdigkeit in postpandemischen Zeiten” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) verfasst. Sehr lesenswert und gibt einen kompakten Überblick!
Die zitierten Unterlagen erscheinen mir auch für Journalistinnen und Journalisten interessant, die über Impfungen berichten, sowie für Menschen, die in ihrem Umfeld impfkritische Personen haben: Weil klar gemacht wird, dass nicht alle Menschen, die eine Impfung ablehnen, das aus den gleichen Beweggründen tun oder dabei gleich stark überzeugt sind. Und diese Differenzierung bietet auch eine Chance, mit Menschen besser ins Gespräch zu kommen. In meinem Buch “Einspruch!” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) habe ich einige Tipps zusammengetragen, wie man auf Falschmeldungen und Verschwörungsmythen antworten kann.
Dann noch etwas Aktuelles zum Thema Impfmythen:
2.) Verschwörungsmythen zum Tod der Rosenstolz-Sängerin - und etwas Einordnung
Eine aktuelle Anmerkung: Ich beschäftige mich ja mit Online-Gruppen, in denen viele Impf-Falschmeldungen und Verschwörungsmythen verbreitet werden. In manchen dieser Gruppen wird permanent über scheinbare “Impf-Opfer” geschrieben – die Userinnen und User berichten irgendwelche angeblichen Fälle aus ihrem Bekanntenkreis, bei denen eine geimpfte Person eine Krankheit bekam oder starb. Ohne tatsächlichen Beleg wird diese Person dann als potenzielles “Impf-Opfer” vermutet. Das ist leider jetzt auch bei der Rosenstolz-Sängerin AnNA R. passiert, die starb. Ohne Beleg wurden Verschwörungsmythen oder wilde Spekulationen gepostet, sie könnte an der Corona-Impfung gestorben sein. Auch schrieben manche hämisch über ihren Tod, weil die Sängerin zur Impfung aufgerufen hatte. Ich muss hierbei an den Fehlschluss der “illusory pattern perception (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” denken. Dabei glauben Menschen, dass sie Muster oder Verbindungen in Daten erkennen können, wo aber kein Muster oder keine Verbindung zu finden ist.
Es ist so, dass Menschen viel zu früh sterben können – ohne dass es eine große Erklärung oder gar böse Verschwörung gibt. Dazu eine Berechnung: Wenn man 10 Millionen Menschen zwei Monate lang beobachtet, dann wird statistisch gesehen in dieser Zeit folgendes passieren:
• 4.025 der Personen erleiden einen Herzinfarkt
• 3.975 erleiden einen Schlaganfall
• 9.500 erhalten eine neue Krebsdiagnose
• 14.000 sterben leider
Das bedeutet auch: Wenn man zehn Millionen Menschen impft und die Impfung ist effizient und sicher, dann werden trotzdem zigtausende Menschen in zeitlicher Nähe zur Impfungen solche tragischen Diagnose erleben oder sogar sterben. Diese Zahlen habe ich aus dem Kommunikationshandbuch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zu COVID-19-Impfstoffen und es erklärt: "Das Leben ist riskant und es wird tragische Ereignisse selbst dann nach einer Impfung geben, wenn der Impfstoff nichts damit zu tun hat. Es ist wichtig, nicht vorschnell den Schluss zu ziehen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Impfung und diesen Ereignissen gibt. Der einzige Weg, um festzustellen, ob Impfstoffe schwerwiegende Nebenwirkungen haben, ist mit wissenschaftlichen Mitteln, indem man sich die Daten von vielen geimpften Menschen ansieht und sie mit dem vergleicht, was man in dieser Altersgruppe allein durch Zufall erwarten würde. Wenn dies getan wird, finden Wissenschaftler eindeutige Beweise dafür, dass Impfungen die meisten schweren Krankheiten und Zustände, die ihnen in den Medien oder von Aktivisten zugeschrieben werden, gar nicht verursachen.”
Wir haben eine Medizin, die auch nach Nebenwirkungen von Impfungen Ausschau hält und die dabei wissenschaftlich fundierte Zugänge anwendet. In einschlägigen Telegram-Gruppen hingegen Vermutungen zu posten oder den Tod einer Person passend zur eigenen Sichtweise umzudeuten, ist kein wissenschaftlicher Zugang.
3.) Eine Lese-Empfehlung noch zum Schluss, und zwar etwas ganz anderes:
Manipulation bei Online-Voting zu Tesla?
T-Online stoppt ein Online-Voting, nachdem es zu ungewöhnlichen Vorgängen kam. Userinnen und User wurden gefragt, ob sie noch einen Tesla kaufen würden. Zuerst antwortete die Leute meist negativ, doch dann stiegen die abgegebenen Klicks rasant und prompt hieß es, dass 70 Prozent “Ja” sagen würden zum Tesla-Kauf. Achtung: Das Medium fand heraus, “dass 253.000 der abgegebenen Stimmen von nur zwei IP-Adressen in den USA stammen”. Es schreibt: “Dies deutet darauf hin, dass die Umfrage manipuliert worden sein könnte.” Elon Musk teilte den Artikel dann auch mit dem für ihn erfreulichen neuem Ergebnis. Auf jeden Fall sehr gut, dass T-Online selbst das ansprach (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)!
Das war es für dieses Mal – bis in 2 Wochen!
Schönen Gruß
Ingrid Brodnig
Bild in der Web-Version erstellt mit DALL:E