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Langer Atem

“Wir brauchen einen langen Atem”, sagt Maschas Therapeutin und ich weiß, was sie meint.

Weil meine Eltern vor 25 Jahren keine professionelle Hilfe für mich organisiert haben, ist mir die Puste ausgegangen. Seit Jahren sitze ich wöchentlich beim Therapeuten - mein unsicherer, vermeidender Bindungsstil beschert mir ein Leben lang das Gefühl, allein und nur allein gut genug zu sein, dieses Leben zu bestehen.

Mein mittleres Kind braucht Unterstützung.
Es hat zu viel erlebt.
Es hat Eltern, die als Kinder keine sichere Bindung zu Bezugspersonen erlebt haben. Es hat keine andere Wahl - aber es bekommt eine Chance.

Wir stellen einen Antrag auf Langzeittherapie.
Ich wünsche mir, dass Mascha nicht in 20 Jahren in Therapie sitzt und spürt, dass es zu spät ist.
Sie wird rechtzeitig lernen, dass sie sich verlassen darf.
Dass es Konstanten gibt, auch wenn uns passiert ist, was eigentlich nicht passieren darf. Sie wird noch viel stärker spüren lernen, dass Beziehungen zu anderen und zu sich selbst sicher sind. Dass sie gut ist, wie sie ist und Liebe keine Bedingungen nennt.

“Sie machen das toll als Eltern, wenn Sie sich jetzt für eine Verlängerung der Therapie entscheiden”, sagt Maschas Therapeutin und mir tut mein eigenes, inneres Kind leid, dessen Eltern das nie hören konnten, weil sie niemals gemeinsam in einer Praxis saßen, in der mir hätte geholfen werden können.

Seit fast einem Jahr ist Mascha in Behandlung und aktuell läuft es wahnsinnig gut. Sie hat keine Ängste in der Schule mehr. Keine Übelkeit, kein Bauchweh, keine Panik. Wir haben gemeinsam und Schritt für Schritt geübt, uns voneinander zu trennen und fühlen uns dabei jetzt beide ganz sicher.

Mascha arbeitet konzentriert und mittlerweile ganz selbständig im Unterricht. Sie ist ein Geschenk für die Klasse, sagt die Lehrerin und zeigt mir gestern einen Schreibtest, in dem Mascha altersentsprechend abgeschnitten hat.
Nach nur einem halben Jahr hat sie geschafft, wofür sie ein Jahr lang Zeit gehabt hätte. Mascha ist klug und empathisch, gerecht und ehrlich - freundlich und voll Freude. Sie ist für andere da, findet versöhnliche Worte, macht jeden Spaß mit. Verständnisvoll und mit Respekt vor anderer Kinder Bedürfnisse, ist sie so angekommen in der Gemeinschaft und freut sich auf jeden neuen Tag.

Und sie ist gleichzeitig ein Kind, das keine große Schwester mehr sein kann. Sie vermisst und sie wütet, sie ist traurig und fassungslos über unseren Verlust. Sie klagt an und tobt vor Ärger. Sie verzweifelt und bedauert; sie stellt Fragen, auf die es keine Antworten gibt und sie ist immer in Bewegung.
Nie stillstehen - das kenne ich.

Wir haben keine Depression.
Wir fühlen viel zu viel.
Vor allem aber fühlen wir immer, dass nichts richtig sicher ist.
Wir sind zu wackelig in unserem Selbst, wir machen Dinge lieber alleine, als von anderen enttäuscht zu werden.
Ich habe nie gelernt, dass Erwachsene Verantwortung übernehmen und sich kümmern. Um Gedanken und Gefühle, Emotionen und Konflikte.
Um Fragen ohne Antworten, um das Aushalten.

Wenn Mascha den ganzen Tag um mich herum wirbelt, dann schaltet auch mein inneres Kind sein Blaulicht an und ich bin fix und fertig.
Wir merken nicht, wann genug ist - wann wir Pausen brauchen. Wir kennen tausend Leute und fühlen uns auf Parties so allein.

“Wir brauchen einen langen Atem”, sagt die Therapeutin
und ich hole noch mal Luft.
Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht an das Unmögliche glaubte.
Ich will es versuchen.

Gemeinsam mit meiner Tochter; dass ich heilen kann.

Blaulicht aus und vertrauen.
Darauf, dass wir tief in Inneren wissen, wer wir sind -
dass wir gut sind und das nie vergessen.

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Sujet Böckchenbande

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