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Face to Place #3

Moin,

Du liest meinen Newsletter mit Zeichnungen aus dem März und einem Portrait. Drei wichtige Events prägen diesen Monat:

Eine Lesung mit den unkrainischen, russichen und deutschen Kolleginnen zum Thema “Verbotene Gefühle in Zeiten des Kriegs” in der Zentralbibliothek.

Mein Live-Auftritt mit dem Akkordeon in der Galerie Mega Conteporary in der Hamburger Neustadt am 8. März.

Und noch eine szenische Lesung von einem Stück, das am 27. März im MalerSaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg aufgeführt wurde. Das Stück “Um acht ist es hier schon hell” (Opens in a new window)ist eine Dramedy über das totalitäre Moskau von Julia Solovieva. Es wird nochmal am 5. April am gleichen Ort um 19:30 gelesen. Das kann ich Dir sehr empfehlen!

Das Gedicht, das eine lyrische Untermalung des Stücks bot, stammt von Maria Stepanova und wurde in drei Sprachen gelesen. Die Übersetzung dafür stammt von Henrike Schmidt aus Hamburg. Am Ende der Lesung enstand eine spannende Fragerunde:

Fank Berno Timm

Das Portrait eines Journalisten zu schreiben ist ein gewagtes Unternehmen. Der Druck ist recht hoch. Immerhin bin ich der Kritik eines erfahrenen und sehr direkten Menschen ausgesetzt.

Ich versuche gar nicht journalistisch zu schreiben. Zudem wüsste ich nicht so richtig, wie das geht. So mache ich es aus der Sicht einer Reportage-Zeichnerin.

Wir sitzen in meinem Atelierraum und trinken Tee. Auf dem Tisch zwischen uns ist eine Kanne, Schüssel mit Keksen, Tassen, Gläser, Zucker und mein Aufnahmegerät. Frank rührt laut in seiner Tasse, was eine gemütliche Stimmung erzeugt.

Ich tue mich schwer mit meinen eigens vorebereiteten Fragen und lasse das Gespräch einfach laufen, während ich Zeichnungen anfertige.

Frank Berno ist ein großer Mensch mit einer breiten Stirn und einem ernsten Gesicht. Auch die Themen, über die wir reden, sind ernst. Wir lachen kaum. Trotzdem ist das Gespräch nicht angespannt, sondern eher konzentriert ruhig.

Frank erzählt mir über seine Erfahrungen und Schreibroutinen:

– Wenn ich gerade dabei bin, ein Gedicht zu schreiben, dann bin ich auf eine ganz besondere Weise mit mir alleine. Ich würde es nicht Trance nennen, aber es ist sowas ähnliches …

– So ein Flow?

– Ja, genau! Es ist so ein schwer fassbares Gefühl, mit dem ich eine Grenze überschreite. Die Grenze zum Unsagbaren. (…)

Ich lerne immer wieder neu , dass mein Schreiben (auch fiktional) eine Wirklichkeit hat. Eine Wirklichkeit, die unabhängig von mir ist. Das ist mir wichtig.

Was mich mindestens genau so fasziniert, ist der Umstand, dass mein jahrelanges Beschäftigen mit dem Schreiben dazu geführt hat, dass ich ziemlich ausgefeilte Erinnerungen habe. An alles mögliche: an Gerüche, an Straßen, an Ereignisse, daran wie etwas ausgesehen hat …

– Ist das eine schriftliche Erinnerung, erinnerst Du Dich in Sätzen?

– Ich denke, dass es von Bildern ausgeht. Ich kann mich zum Bespiel erinnern, wie die Müllmänner in Schwerin die Aschtonnen auf eine ganz verrückte Art bewegt haben. Sie haben die schräg genommen und an dem Deckel mit einer Hand festgehalten und dann gerollert. Das hat auf dem Kopfsteinpflaster so ein Geräusch gemacht. Ich erinnere mich, dass diese Tonnen braun waren …

– Aber hast Du auch manchmal Satzformulierungen im Kopf?

– Nein. Das sind bildliche Ideen, die ich dann beschreibe. Dann werden sie vollständig.

Als kleiner Junge war ich ganz oft beim Frisör und kann mich sehr genau daran erinnern: drei aneinander gereihte Frisörstühle. Du hast einen weißen Lacken um den Hals gekriegt und dann haben sie mit Scheren gearbeitet … nicht mit mmmmmm (imitiert einen Rasierapparat), sondern mit Scheren. Und das war so ein Geräusch ( …) wenn drei Frisöre mit Scheren arbeiten, dann zwitschert das. Wie Vögel klingt das. Und sowas kommt mir dann beim Schreiben in den Sinn.

Ich habe das Glück durch den Kontakt mit meiner Englischlehrerin sowas wie eine neue Gattung erfunden zu haben … also für mich eine neue Gattung fürs Schreiben. Das sind kurze Notizen die nicht länger als drei , vier Zeilen sind. Und ich versuche in diese Zeilen viel reinzupressen.

Ich guck mal, ob ich ein Beispiel finde:

Frank hat vor Kurzem ein Gedichtband rausgebracht “#100 Tage Poesie” (Opens in a new window)

Das ist eine Buchfassung eines Instagram-Projekts:

Im Jahr 2021 habe ich 100 Tage lang täglich ein neues Gedicht geschrieben und veröffentlicht.

Es hat mir einen Stups gegeben, als ich mein Buch in der Hand hatte. Jetzt kann ich mich nicht mehr davor wegducken, Autor zu sein. Dichter. Schriftsteller. Das ist jetzt so.

Es fühlt sich auch gut an. Dafür bin ich alt genug.

Auf meinen Zeichnungen erkennt sich Frank nicht so recht. Das kenne ich bereits und es bereitet mir kein Unbehagen mehr …

Auf meine Frage, wie es sich anfühlt, gezeichnet zu werden, antwortet Frank:

Ich finde das spannend, weil es natürlich auch zeigt, wie mich ein anderer Mensch sieht. … Ich bin jetzt gar nich so weitgehend, dass ich mich frage, ob ich hübsch bin, aber natürlich fragt man sich, ob man attraktiv ist. Was andere Leute an mir finden können.

Frank Berno schreibt für das Hamburger Wochenblatt und für andere Projekte in Hamburg. Seine Seite findest Du unter diesem Link:

https://www.hamburg-reporter.de/ (Opens in a new window)

Ich finde viele Parallelen zwischen Franks Schreiben und meinem Zeichnen … Vor allem jetzt, nach einer gewissen Zeit. Ich bin noch nicht soweit zu sagen, dass ich es drauf habe, ein umfassendes Portrait mit Texten und Bildern zu erstellen. Aber es fühlt sich gut an. Wie auf einem Bergpfad. Es ist beschwerlich, aber man weiß, dass die Mühe mit einem tollen Ausblick belohnt wird.

Bin schon gespannt, wie es im April weiter geht. Du auch?

Tschüss

Julia Zeichenkind

Topic Reportage-Illustration

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