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Die Quelle von Kapstadt

Riyaz Rawoot führt uns in den lichtdurchfluteten Behandlungsraum seiner Physiotherapiepraxis, fragt uns, ob wir einen Kaffee wollen, und guckt uns erwartungsvoll an, dabei haben wir die großen Erwartungen an diesen Tag: Riyaz baute während der Dürrezeit eine Quelle, die Zehntausenden nicht nur Zugang zu Wasser gab, sondern auch neue Hoffnung schenkte – bis die Stadtregierung einschritt und die selbstgebaute Quelle zubetonieren ließ. Wenn jemand in Kapstadt weiß, wie wir Krisen gemeinsam begegnen können und ob es Grund für Zuversicht in diesen Krisenzeiten gibt, dann ist es Riyaz. Er schlägt vor, dass wir zum Ort der alten Quelle fahren: »Wie viel Zeit habt ihr? Ich habe heute keine Termine mehr und würde euch gerne auf dem Weg noch ein paar Sachen zeigen«, sagt er und trinkt seinen Kaffee aus. Wir fahren auf die geschäftige Hauptstraße vor seiner Praxis, passieren eine methodistische Kirche, die Windsor Preparatory School und die Al-Furqan- Moschee, rechts Danilos Pasta, auf der anderen Straßenseite der Sajid Barbershop. Die Nachbarschaft zeigt die Vielfalt der Stadt. Nur fünfzehn Prozent der Stadtbevölkerung sind weiß, in Wirtschaft und Politik sind sie aber stärker vertreten als der Großteil der knapp vier Millionen Bewohnerinnen, von denen sich zwei Fünftel als Schwarz bezeichnen und zwei Fünftel als »Coloreds« gelten, so werden in Südafrika Kinder Schwarzer und Weißer genannt. Auch über 40.000 indischstämmige Men- schen leben in Kapstadt. Wegen der Vielfalt trägt Südafrika den Spitznamen »Rainbow Nation«. Riyaz macht uns auf ein Straßenschild aufmerksam, Imam Haron-Road, benannt nach dem gleichnamigen Anti-Apartheid-Aktivisten. Haron, erzählt Riyaz, war wegen seiner politischen Arbeit 1969 verhaftet worden und nach einhundertdreiundzwanzig Tagen in Isolationshaft gestorben, laut Polizeibericht mit zwei gebrochenen Rippen und inneren Verletzungen, weil er von einer Treppe ge- stürzt sei. »Niemand bekommt solche inneren Verletzungen, weil er von einer Treppe fällt«, sagt Riyaz. »Er wurde gefol- tert und ermordet.« Damit beginnt Riyaz einen Crashkurs in Apartheidsgeschichte. Die Rassentrennung begann eigentlich in dem Moment, als niederländische Kolonialisten 1652 mit ihren Schiffen anlegten. Traditionell habe es hier kein Konzept wie Landbesitz gegeben, sagt Riyaz, alle haben das Land ge- meinsam genutzt. »Aber das europäische Verständnis war: Ich habe es für ein paar Perlen abgekauft, also ist es jetzt meines.«

Riyaz’ Vorfahren stammen aus Irland und Indien, einige Ahnen sind im englischen Landadel zu finden. Als das Apart- heidsregime im 20. Jahrhundert Gesetze erließ, nach denen die innerstädtischen, lebenswerteren Wohngebiete den Buren und Engländern vorbehalten werden sollten, marschierten Solda- ten in viele Viertel ein, um alle nicht-weißen Familien aus ihren Häusern zu vertreiben. »Meine Eltern wurden mit vorgehal- tener Waffe rausgeworfen«, erzählt er. Es blieb kaum Zeit, die Koffer zu packen, ihr neues Haus lag außerhalb der Stadt in der staubigen Ebene. Bis zu den 1980er-Jahren wurden durch diese »Homeland Politik« etwa dreieinhalb Millionen Menschen vertrieben. Um die Townships von den nun rein weißen Vierteln zu trennen, nutzten Apartheid-Stadtplaner Hügel, Müllhalden oder Straßen. »Links von dieser Straße hätten zum Beispiel nur Weiße gewohnt, rechts nur Schwarze«, sagt Riyaz und zeigt aus dem Fenster. »Du wurdest quasi in ein Gefängnis aus Zugstre- cken, Autobahnen und Sicherheitszäunen gesperrt.« Wir er- zählen ihm, dass viele Südafrika-Reisende uns davor gewarnt haben, überhaupt in die Townships zu fahren, die Gefahren seien für Weiße unkalkulierbar. Riyaz lacht. »Natürlich sagen die so was, weil die meisten nur ihre Vorurteile haben und selbst noch nie das Leben in unseren Vierteln gesehen haben.« Klar leben die Bewohnerinnen auch ganz normale Leben, denke ich, gehen einkaufen, gehen zum Arzt, warten auf die Pizza, warten auf den Bus, nur können sie eben nicht auf dieselbe Infrastruk- tur zählen wie Leute in den weißen Vierteln. Dieser Teil der Stadt war nie dafür ausgelegt, den Menschen Zugang zu Wasser, Strom, Gesundheitsversorgung zu garantieren.

Schon in den 1960er-Jahren begann die internationale Äch- tung des Regimes, und doch erhielt die Apartheid von so mancher Seite Unterstützung. CSU-nahe Einrichtungen, der deut- sche Verfassungsschutz und die Bundesregierung halfen den südafrikanischen Rassisten mit Informationen, Freundschafts- besuchen sowie Waffenlieferungen aus. Doch im Land selbst wuchs der Widerstand. Imam Haron war nicht der Einzige, der gegen die rassistische Unterdrückung rebellierte. Zu seiner Be- erdigung 1969 kamen 40.000 Menschen, rund 250.000 waren bei den Studierendenprotesten von 1976 auf den Straßen, als Afrikaans als einzige Unterrichtssprache eingeführt werden sollte. Der Widerstand hörte nicht mehr auf, Nelson Mandela wurde zum Hoffnungsträger einer ganzen Generation und 1994 zum ersten Schwarzen Präsidenten des Landes. Seine Vision war gigantisch, doch viele der alten Strukturen haben bis heute überdauert. Wir überqueren eine Bahnlinie, dahinter erstrecken sich wieder Siedlungen aus Wellblechhütten.

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Schon lange, bevor die Stadtregierung vor dem Day Zero warnte, war er für die Menschen in diesem Teil der Stadt Re- alität, erklärt Riyaz. 150.000 Haushalte haben bis heute kei- nen Zugang zu fließendem Wasser, das sind rund eine halbe Million Menschen, die jeden Tag an öffentlichen Brunnen Schlange stehen müssen. Ihr Wasserverbrauch macht nur fünf Prozent der ganzen Stadt aus – wer einen schweren Kanister nach Hause schleppen muss, überlegt sich wahrscheinlich gut, wofür das Wasser gebraucht wird. »Die natürliche Dürre ist vielleicht weniger akut, seit es wieder geregnet hat«, sagt Riyaz. »Aber die politische Dürre nicht.« Ich verstehe, was er meint: Wasserknappheit ist nicht nur ein naturgegebenes Phänomen. In Kapstadt sieht man jeden Tag, dass Schwarze Nachbarschaften auch deshalb am schlimmsten betroffen sind, weil bis heute keine Politik gemacht wird, um die historischen Ungerechtigkeiten zu überwinden. Raphael und ich haben ge- sehen, wie viele Bewohnerinnen der reichen Viertel großzügig ihre Rasen sprengen, Autos waschen und die privaten Swim- mingpools füllen. Unter großem Wasserverbrauch wird auch der berühmte südafrikanische Wein hier am Kap produziert. »Die Menschen aus der Region wollen Wasser, nicht Wein«, sagt Riyaz. Sie bekommen ihn ja auch nicht, denke ich, er wird größtenteils exportiert. Südafrikanisches Wasser in deutschen Weinregalen.

Während Riyaz spricht, kommt mir Kapstadt auf einmal vor wie die Miniaturversion unserer Welt, schließlich hat nicht nur in dieser Stadt die Apartheid überlebt. Große Teile der Welt funktionieren nach ihrem Prinzip: Die Elite trinkt gekühlten Weißwein, während mehr und mehr Menschen Wasser fehlt. Wegen des imperialen Lebensstils einiger Privilegierter gerät das Klima aus dem Gleichgewicht. Und gleichzeitig macht in Talkshows noch zu oft die Erzählung die Runde, eine wach- sende Weltbevölkerung sei das größte Problem. Es ist ein Argu- ment, das Menschen im Globalen Süden die Schuld dafür ge- ben will, dass die Erde an ihre Belastungsgrenzen kommt. Doch nicht ›overpopulation‹ ist Treiber der globalen Umweltkrisen, sondern ›overconsumption‹. Das gilt für Wasser genauso wie für die globale Erwärmung: Der Konsum der reichsten zehn Prozent verursachte seit 1990 weltweit die Hälfte aller CO2- Emissionen. Ein Mitglied des obersten ein Prozent produziert hundertmal mehr Emissionen als jemand aus den ärmsten fünfzig Prozent der Weltbevölkerung. Doch der Globale Norden ist nicht nur verantwortlich für das Problem, er verschleppt auch notwendige Maßnahmen, prägt ein rassistisches Narrativ, zieht Mauern an seinen Außengrenzen hoch, um sich abzuschotten gegen eine Realität, die er mitverursacht. Menschen wie Ayakha, Lisa und Riyaz haben wenig zur Klimakrise beigetragen, aber leiden schon heute unter den Folgen. Sie können nicht auf Un- terstützung durch die Politik zählen, um die Folgen zu bewälti- gen. Doch sie suchen sich Wege, mit der Krise umzugehen.

*

Wir erreichen Newlands, das Viertel, aus dem Riyaz’ Familie einst vertrieben wurde. Auf der Straße sehe ich kaum Schwarze Menschen, dafür sind viele Häuser mit protzigen Säulen ver- ziert und von spitzen Zäunen und hohen Mauern umgeben, von denen manche elektrisch geladene Drähte zieren. Straff ge- spannt wie Instrumentensaiten, singen sie das stumme Lied der Angst der weißen Bewohnerinnen vor ihren Schwarzen Mitbür- gerinnen. »Das Haus da auf der Ecke«, sagt Riyaz zu Theresa und mir, als wir in eine schmale Sackgasse einbiegen, »kostet eine halbe Millionen Rand, das an der Seite, das ist ein Alten- heim, und da vorne am Ende der Straße, das war die Quelle.« Wir parken und laufen auf einen Zaun zu, die einstige Quelle der Hoffnung lag davor: nach ihrem Weg durch den Untergrund der Stadt sprudelte sie in ein rechteckiges Becken, eingelassen in den Bürgersteig, zwei Schritte lang, einen breit, eingefasst in Ziegelsteine – heute ausgefüllt mit stumpfem Beton.

Anfangs, also einige Jahre bevor die Wasserkrise 2017 eska- lierte, sei Riyaz nur mal aus Neugier vorbeigekommen. Er hatte schon von seinen Großeltern von diesem Ort gehört, wollte ihn sich selbst mal anschauen und war begeistert. Ruhig ist es, ausladende Bäume spenden Schatten, Eichhörnchen, Hasen, Enten und Perlhühner habe er schon beobachten können, sagt Riyaz. Vor allem aber hatte es ihm die Gesellschaft angetan. Leute aus ganz Kapstadt seien gekommen, um sich das klare Wasser abzufüllen, ein paar Neuigkeiten auszutauschen, ein bisschen zu scherzen. Auch Riyaz ging immer häufiger hin. »Um die Gemeinschaft und die Umgebung zu genießen«, sagt er, während wir da stehen, wo früher die Quelle sprudelte.

Um Wasser zu zapfen, musste man mit einem Fuß in das Loch steigen, auf einem wackeligen Stein balancieren und gleichzeitig die Flasche oder den Kanister vor das Rohr hal- ten, das da rauslugte. Immer wieder rutschten Menschen aus und stürzten. »Als Orthopäde habe ich mir die Ergonomie des Ganzen angeguckt und gedacht: Warum nicht etwas tun? Und mich aber auch gefragt: Warum tut da sonst keiner was?« Er legte ein paar mehr Steine in das Loch, was es sichtlich ein- facher machte, und sein Erfindergeist war geweckt. Es folgten mehr Steine, dann ein Schlauch, den man anheben konnte, um das Wasser leichter abzufüllen. Aus dem Schlauch wurde eine selbst gebastelte Standrohrleitung mit zwei Auslässen, damit jeweils zwei Leute gleichzeitig Wasser zapfen konnten. Und schließlich, während die Pegelstände in den Staudämmen rund um die Stadt sanken, das Wasser aus den Leitungen in den Häusern knapper wurde und die Zahl der Menschen an der Quelle anwuchs, wuchs Riyaz’ Konstruktion mit: vier Aus- lässe, dann fünf, dann zehn, dreizehn und schließlich eine zehn Meter lange Konstruktion aus dicken PVC-Rohren und Holz, an der sechsundzwanzig Menschen gleichzeitig Wasser holen konnten. Riyaz holt sein Handy aus der Tasche und zeigt uns Fotos. Hunderte Menschen stehen da in drei Reihen in der baumbestandenen Straße: Basecaps, Kopftücher, Haarreifen. Braune Haare, krause Locken, blonde Haare. Ein Skateboarder mit Hawaiihemd schiebt seinen Kanister an einem Jungen in Schuluniform und einer älteren Dame vorbei. Manche sehen müde aus, die Schlange ist sehr lang. Aber ansonsten strahlen die Gesichter eine Gelassenheit aus, die mich überrascht. Es scheint, als würden sie nicht an ihrem Schicksal und der Krise verzweifeln, sondern als seien sie einverstanden mit diesem Moment der Gemeinsamkeit. Aus der kleinen Sackgasse in einem Viertel, das sich Weiße vor achtzig Jahren gewaltsam ge- nommen hatten, wurde ein Treffpunkt für ganz Kapstadt. Riyaz hängte ein laminiertes Schild auf: 25 liters for you. 25 liters for me, und die Leute verstanden die Botschaft, es ist genug für alle da. Sie unterstützten sich beim Abfüllen der Kanister und beim Tragen, manche kamen sogar nur deshalb: Sie genossen es einfach, die Stimmung aufzusaugen, in der niemand das Sagen hatte und alle sich gegenseitig halfen – egal wer sie waren und woher sie kamen. Riyaz sagt: »Es war eine wundervolle Zeit.«

Einmal habe er neben der einzigen noch freien Zapfstelle gestanden, als eine Frau aus dem Altenheim rüberkam.

»Kann ich da mal ran?«, fragte sie.
»Nein«, antwortete er schelmisch.
»Wirklich?«
Mit gespieltem Ernst sagte er: »Ja.«
Die Frau habe sich abgewandt, doch Riyaz löste es auf, ent-

schuldigte sich und schob hinterher: »Wenn Sie zum Meer gehen, und da stehen andere Leute am Strand, fragen Sie sie um Erlaubnis, ins Wasser zu gehen?« Die Frau lachte, und die beiden freundeten sich an.

Während wir da stehen, wo all das stattgefunden hat, folgt Riyaz auf einmal einer Eingebung, kniet sich mit seiner beigen Hose auf dem dreckigen Asphalt und kratzt altes Laub weg, steckt seine Hand in ein Loch, das seitlich im Bordstein klafft, und zieht seinen Arm wieder raus, in der hohlen Hand schimmert etwas Wasser. Er hebt sie zum Mund, trinkt, und sein Gesicht strahlt. »Das ist das erste Mal, dass ich es seit damals trinke.«

Theresa kniet sich als Nächste hin, nimmt einen Schluck und blickt ihn fragend an: »Schmeckt nach nichts.«

»Genau, nichts«, sagt Riyaz und grinst.

»Ha!«, sagt Theresa lächelnd. »Stimmt, es ist nicht gechlort wie das Leitungswasser in der Stadt.«

Ich beuge mich vor und komme mit meinem Ohr dem Loch so nahe, dass ich hören kann, wie das Wasser plätschert. Das Geräusch macht mich augenblicklich ruhiger, meine Brust wei- ter, der ganze Stress der Stadt fällt von mir ab.

Riyaz läuft los, quer über eine kleine Wiese zu dem weißen Gebäude des Altenheims, und bedeutet uns, mitzukommen. Er klopft an ein Fenster und grinst uns erwartungsvoll an. »Hier wohnt Yasmin, die Frau, mit der ich mich an der Quelle ange- freundet habe.« Sie öffnet das Fenster, Lachfalten umrahmen ihre Augen.

»Yasmin, kann ich ein Glas ausleihen?«, fragt Riyaz.
»Klar, kommt doch rein«, sagt sie.
Wir stehen in ihrer Küche und unterhalten uns, ihre Woh-

nung ist klein und gemütlich, von dem Fenster aus kann man die ganze Straße überblicken. In den Monaten vor dem ange- kündigten Day Zero kamen täglich bis zu 7.000 Menschen daran vorbei und gingen zur Quelle, um sich mit Trinkwasser zu versorgen.

»Wie war das damals für dich so nah dran?«, frage ich. »Ich habe das genossen«, sagt sie. »Es war viel Bewegung.«

Aus: Theresa Leisgang, Raphael Thelen - Zwei am Puls der Erde – Eine Reise zu den Schauplätzen der Klimakrise und warum es trotz allem Hoffnung gibt

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