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Neoliberalismus erzeugt destruktives Chaos

TINO PFAFF zeigt, wie ein illusionäres Versprechen von Freiheit destruktives Chaos hervorbringt und plädiert für ein produktives Chaos: die Selbstverwaltung.

Du liest einen Auszug aus meinem Beitrag vom 29.03.25 im philosophischen Wirtschaftsmagazin agora42

Kontext der Ausgabe:

“CHAOS: Wo alte Regeln nicht mehr funktionieren, neue aber noch nicht gefunden sind, klafft eine Lücke, aus der das Chaos wuchern kann. In den USA wird das Chaos derzeit zum Regierungsstil erhoben. Die Welt ist anstrengender, kräftezehrender, chaotischer geworden. Doch was ist Chaos eigentlich genau? Wer hat mit dem Chaos zu kämpfen? Kann man das Chaotische überhaupt verstehen? Kann man sich im Chaos zurechtfinden? Und ist es immer schlecht, oder treibt im Strudel vielleicht eine Planke, die ans rettende Ufer führt?”

Neoliberalismus erzeugt destruktives Chaos: Vergesellschaftung kann dieses Chaos ins Positive umkehren

Die deutsche Demokratie versinkt im Chaos. Planetare Ökosysteme kollabieren, sozioökonomische Ungleichheiten nehmen rasant zu und ein neuer Faschismus frisst sich durch die westlichen Demokratien. Ein Grund für diese katastrophale Lage ist der Verlust der Verbindungen zwischen den Menschen. Dieser Verlust wird erzeugt durch das unaufhörliche Streben nach einer scheinbaren Freiheit.

Die vorherrschende neoliberale Version von Freiheit predigt einen Ultra-Individualismus, der sich vor allem, durch ein Aufstiegsversprechen auszeichnet, das für eine Mehrheit tatsächlich unerreichbar ist. Die Einzelnen sind darauf ausgerichtet, Güter und Anerkennung anzuhäufen. Sie streben nach ökonomischem Erfolg, geködert von der Hoffnung auf einen ökonomischen Aufstieg und damit lebenslange Sorgenlosigkeit. Doch verhindert diese Scheinfreiheit die Entwicklung sozialer Freiheit: eine solidarische Freiheit, die auf Mündigkeit, Teilhabe und Kollektivmacht fußt. Gesellschaft, verstanden als die Beziehungsweisen zwischen den Einzelnen und Kollektiven, ist jedoch auf interessengeleitete und solidarische Gemeinschaftlichkeit angewiesen.

Zwar gibt es auch im neoliberalen Kapitalismus eine Art Gemeinschaftlichkeit, gestiftet durch die Ideologie der Aufstiegsfreiheit. Das Fatale ist aber: Dieser geteilte Wert entwertet echte Gemeinschaftlichkeit und eliminiert sie sogar. Staatliche Verwaltung und kollektive Organisation gelten als Feindbild. Arbeiten und Leisten, Konsumieren und Optimieren stehen an erster Stelle. Der neoliberal-kapitalistische Lebensentwurf liegt auf der konsumistischen Selbstverwirklichung, die Solidarität in den Hintergrund drängt.

Destruktives Chaos erzeugt Misstrauen und Machtlosigkeit

Die Einzelnen fühlen sich so zwar frei, ihre tatsächlichen Entscheidungs- und Beteiligungsräume schrumpfen jedoch zunehmend. Dieser Verlust von Gemeinschaftlichkeit und die damit einhergehende Entpolitisierung sind zugleich Folge und Ursache für die Oligarchisierung - also die Beeinflussung und Lenkung politischer Prozesse durch Großkonzerne und Superreiche  - des demokratischen Systems. Orchestriert wird das durch einen wachsenden Einfluss des Profitlobbyismus auf politische Entscheidungen und Gesetzgebungen. (Super-)Reiche und Großkonzerne nehmen indirekten und direkten Einfluss auf politische Prozesse, indem sie öffentliche Diskurse und Gesetzgebungen nach ihren Interessen beeinflussen. Als Beispiele dafür lassen sich die Autolobby (direkte Einflussnahme) und der Axel-Springer-Verlag (indirekte Einflussnahme) aufführen: Abgesandte der Autolobby erhalten Jahr für Jahr unzählige Male Eintritt in den Bundestag, um dort für ihre Interessen zu lobbyieren. Das Ergebnis sind milliardenschwere staatliche Subventionen und eigens diktierte Gesetzestexte. Der Axel-Springer-Konzern und seine Anteilseigner (allem voran der US-Finanzinvestor KKR, einer der größten Investoren in fossile Energien), gehen es etwas anders an. Der Medienkonzern dient als Instrument für profit- und machtgetriebene Einflussnahmen. So orchestriert Springer Fake-News-Kampagnen gegen alles, was die fossile Hegemonie in Frage stellt. In beiden Fällen geht es um Machterhalt und Profit, wobei die ökologische Zerstörung, Ungleichheit, und letztlich die Zersetzung von freien Gesellschaften als Mittel in Kauf genommen werden.

Diese Gemengelage erzeugt Gefühle von Misstrauen und Machtlosigkeit in der Gesellschaft. Das empfundene Misstrauen geht mit Wut und Unverständnis gegenüber den politischen Entscheider*innen einher, was zu Resignation und einem Rückzug aus den politischen Gestaltungsräumen führt. Die Einzelnen erleben ein chaotisches Durcheinander, in dem einzig die angesprochene Scheinfreiheit Orientierung und Halt verspricht. Dieses Versprechen wird aber beständig verraten: Hinter dem Schleier von Freiheit und Mündigkeit werden nahezu alle wichtigen Entscheidungen, die die eigene Lebenswelt betreffen, von anderen getroffen. Scheinfreiheit und Scheinmündigkeit tragen so zum Erhalt des Chaos bei, anstatt es aufzulösen. Zugleich schließt Scheinfreiheit die Einzelnen in einen Kreislauf ein, aus dem man nur schwer entkommt. Aus Angst, die Freiheit zu verlieren, können die Einzelnen nicht aufhören zu konsumieren und zu leisten. Gefestigt wird dies durch immer wieder neu angeleierte öffentliche Debatten über scheinbare Bedrohungen, wie aktuell in den künstlich herbeigeführten Migrations- und Bürgergelddebatten. So lange die Einzelnen dazu angehalten sind, nach unten zu treten, hasten sie weiter die Sprossen der vermeintlichen Leiter hinauf und merken nicht, dass es sich dabei um ein Hamsterrad handelt, das sie fortlaufend in einer Neid- und Angsthaltung festhält. Nach vorne schauen, Hoffnung schöpfen und die tatsächlichen Verantwortlichen ausfindig machen, wird zunehmend unmöglicher. Mit echter Gemeinschaftlichkeit hat dies wenig zu tun. Die Individualisierung des Neoliberalismus erzeugt ein destruktives Chaos in der Gesellschaft, da die Einzelnen mehr und mehr die Verbindung zur Gemeinschaft verlieren. Besonders in Krisenzeiten sorgt dies für Orientierungslosigkeit, da das Halt gebende Potenzial von Gemeinschaftlichkeit immer weniger verfügbar ist.

Mit Machtverschiebungen das destruktive Chaos auflösen

Wenn in einer neoliberal-kapitalistischen Gesellschaft Scheinfreiheit soziale Freiheit verdrängt, bedarf es Strukturen, die dieses Verhältnis umkehren. Vergesellschaftung kann solche Strukturen schaffen. Sie bietet Möglichkeiten für kollektive Selbstwirksamkeitserfahrungen und Erkenntnisgewinne. Selbstverwaltung bietet Auswege aus Machtlosigkeit und Misstrauen. Die Einzelnen können so erfahren, dass Gemeinschaftlichkeit befreiend wirken kann. Das Verfügen über und Verwalten von Strukturen (wie kritischer Infrastruktur, Wirtschaft und Kultur) ist dabei Voraussetzung für das Gestalten von und das Entscheiden über Belange des eigenen Lebensalltags.

Macht ist hierbei ein Schlüsselbegriff: Eine Machtbeziehung existiert immer dort, wo mindestens zwei Einzelpersonen miteinander interagieren. Jede Interaktion, auch zwischen Gruppen oder Institutionen, ist von fluiden Machtbeziehungen durchzogen. Sie entsteht unweigerlich, wenn Kompetenzen zugeschrieben, Abhängigkeiten verankert und Ansprüche auf Rechte und Ressourcen gestellt werden. Macht ist dabei nicht allein negativ zu verstehen: Es befähigt zu gemeinschaftlichem Handeln und ist Voraussetzung für sozialen Zusammenhalt.

Werden Machtbeziehungen als veränderbar verstanden, kann dies den Blick auf das produktive Potenzial der eigenen Einflussmöglichkeiten lenken. Macht kann so als Voraussetzung für soziale Freiheit verstanden werden und soziale Freiheit wiederum als Mittel, Macht zu beanspruchen und zu erhalten. Doch wie lassen sich diese Verständnisse von Machtbeziehungen und sozialer Freiheit gesellschaftlich etablieren, sodass in den Einzelnen Kräfte freigesetzt werden, sich aus dem Diktat der Scheinfreiheit herauszuwinden und das Soziale aktiv zu gestalten? … … …

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Solidarisch, Tino

Topic Gastauftritte/Interviews

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